×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Anti-Fa-Sammelbilder mit Tieren

Frittenbude

Pandas, Amseln, Katzen und andere Katastrophen. Die Drei-Jungs-Band Frittenbude gelangten von der tiefsten Provinz in die Prime-Time des großen Audiolith-Zirkus‘ und zog zuletzt kollektiv nach Berlin. Auf Electro, Rap und Punk setzen sie politische Miniaturen, private Running-Gags oder lassen sich gleich von ihren Gefühlen leiten. Linus Volkmann fuhr ein Stück im Wagen mit, Mustafah Abdulaziz machte Fotos.
Geschrieben am

Jakob Häglsperger, der größte und zweitjüngste in der Band, sieht motiviert aus, als er sagt: »Lasst uns doch noch in die »Hexe« fahren.« Johannes Rögner hat seinen Extremistenbart immerhin wieder auf Langhaarschneider-Level gestutzt, ergänzt: »Das ist so eine Kneipe in Friedrichshain, mit alteingesessenen Berliner Alkoholikern. Wir werden da gern mal als Schwaben beschimpft.«

Aha? Klingt ja sehr einladend. Gentrifizierung und die Brüche, die jene im eigenen Alltag produziert, muss man auch erstmal so locker nehmen wie Frittenbude. Frittenbude aus, ja, woher kommen die Typen eigentlich ursprünglich? Jakob und Johnannes, das klingt nun nicht gerade nach Mauerstadt, Hauptstadt, Weltstadt, das klingt nach Dorf in Süddeutschland. Das Nummernschild des Autos, das wir ansteuern, zeigt dementsprechend »LA« an. Landshut, das Los Angeles von Niederbayern. Wobei der eigentliche Wohnort der drei Boys (der dritte trägt den Namen Martin Steer) Geisenhausen heißt.

Wir steigen in den Wagen, hinten engen ein Kindersitz und Krümel den Komfort etwas ein, Jakob fährt, »ich hatte nur drei Bier, das geht also noch.« Ich habe mindestens fünf gezählt, sage aber nichts, zu gern möchte ich die Geschichte von der Fahrtüchtigkeit laut Straßenverkehrsordnung glauben. Immerhin befinden wir uns gerade noch im eher übel beleumundeten Berliner Stadtteil Lichtenberg, in dem sich der Proberaum der Band angemietet sieht und wo wir gerade zusammen das neue Album angehört haben. Hier gäbe es auch Kneipen, allerdings seien die gern mal mit alteingesessenen Alkoholikern UND Nazis befüllt. Diesen Umstand, den kann man sich nun wirklich nicht mehr schön saufen. Also bloß weg hier. Obwohl... sich in Deutschland den Fascho-Fressen entziehen? Träum weiter. Wird man nicht los, »denn hier gehör’n ‚se hin!« (Die Goldenen Zitronen, „Flimmern“)Johannes wirft ein: »Nach Geisenhausen ist jetzt dieser eine bekannte Nazi gezogen, den selbst die NPD loswerden will.«
»Ich muss erst noch dringend tanken.« unterbricht Jakob. Die rote Tankleuchte ist an, die Nadel unter Null. Zwei Straßen weiter gibt’s Benzin. Das mahnende Licht am Armaturenbrett bleibt allerdings weiter auf Code Red.
»Für wie wenig hast du denn getankt?« will ich wissen.
»Nicht so viel. Ist halt gerade so teuer«, entschuldigt sich der Fahrer.
Obwohl Frittenbude den Indie-Clubs in den letzten Jahren und mit zwei größer rezipierten Platten (letzte sogar in den Albumcharts) entwachsen sind und mittlerweile Konzerte auf Hallenlevel bespielen können, ist das Leben der Band immer noch ganz selbstverständlich prekär. Eine alteingesessene Alkoholikerin wird das in der »Hexe« später allerdings nicht daran hindern, Martin fast eine Bierflasche über den Kopf zu ziehen. Angeblich weil er aus drei leeren Whiskey-Cola-Gläsern eine – doch sehr überschaubare - Pyramide baute, offensichtlich aber eher deshalb, weil Abgehängte und Prekariat trotz aller verbindenden Schwierigkeiten eben nicht auf einer Wellenlänge funken.

Was bleibt, ist: »Schwaben raus!« und harte Zeiten für alle. Harte Zeiten - außer für die wirklichen Umsturzgewinnler, aber die bleiben der »Hexe« sicher auf ewig fern.
Frittenbude nehmen das sich anbahnende Handgemenge, das nur die Wirtin (Frau Hexe?) zu schlichten weiß, allerdings sportlich. Wie ja schon im Vorgespräch prophezeit. Schließlich haben sie heute etwas zu feiern.

Das Master ihrer neuen, der dritten Platte. Vorhin haben wir es gehört und es ist schlichtweg beeindruckend. Die Band findet sich bei aller koketten und echten Durchgeknalltheit musikalisch auf einem unbeirrbaren Weg. Sie hat gerade ein erstes wirklich großes Ziel erreicht, das erste echte Listening-Album der Band.Landlust
Für Frittenbude hatte alles ganz regulär, ganz banal auf dem Land begonnen. Erst ein Konzert, bei dem sie vor Egotronic eröffnen konnten, setzte sie auf die Sommerrodelbahn der aufstrebenden linken Feier-Electro-Szene. Anschieber war dabei ganz konkret Torsun Burkhardt, das antideutsche Pin-Up hinter dem Act Egotronic: »Das muss zwischen Ende 2007 und Anfang 2008 gewesen sein,« erzählt der Sugar Daddy der Band, »auf meiner »Lustprinzip«-Tour. Wir spielten in einem bayrischen Kaff namens Dorfen und dort tauchten diese drei Typen auf und machten Vorgruppe. Ich stand das ganze Konzert mit offenem Mund vor der Bühne. Die Beats waren fett, die Texte geil. Ich habe das dann gleich Lars von Audiolith durchgegeben. Dass er die unbedingt checken muss. Die Mischung, die die drauf hatten, war einmalig.«

Martin erzählt, dass ihr genresprengender Ansatz sie in der Frühzeit allerdings zu Außenseitern der lokalen Bandszene stempelte. »Das hat damals keiner gemacht. Es gab nur so Rockbands.« Mit „das“ ist das Frittenbude-Trademark gemeint: Ein nervöser Hybrid aus Rap, Electro und Punk. Eine Mischung, die sich thematisch genauso an Euphorie wie Depression abarbeitet, der Persönliches preisgibt, aber auch augenzwinkernde Slogans zum Mitschreien aufbringt. Albern, antideutsch, besoffen, bekifft, putzig, schlau und stets auffallend originell. Martin fährt fort: »Erst hat das keiner kapiert von den anderen Bands, dann waren sie aber, glaub ich, einfach nur neidisch.«

Verständlich. War es doch genau diese Voll-Abkehr von dem stereotypen Dorfbandgerocke, die die drei nicht nur ins verspulte Herz von Torsun spielte sondern letztlich zu Audiolith brachte. Dort wurden sie bereits mit dem Debüt »Nachtigall« von 2008 zu einem der Acts zu werden, die mittlerweile sinnbildlich für den außerordentlichen Höhenflug des Hamburger Indie-Labels stehen.Urbaner Schminktisch
Ihrem Fame, der ohne Kompromisse im Sound auskam, zuträglich war dabei sicher auch der Coup mit Planet-Sports. Hier zeigte man sich nicht fundamentalistisch auf Punk und Absage gebürstet, sondern gab »Deutschlands größtem Online-Shop für Boardsport und Fashion« für dessen Kampagne einen Song und damit von der eigenen Coolness ab. »Mindestens in 1000 Jahren« machte Frittenbude auch über überquellende Jugendzentren hinaus bekannt.

Es folgte ziemlich schnell das zweite Album, »Katzengold«, bei dem sich die Band hörbar von dem Dauerfeuer des Debüts lossagte und sich zugunsten der eigenen Dreifaltigkeit (Punk, Electro, Rap) viel stärker auffächerte. »Katzengold« rückte die Band in Richtung eines Acts, dem man sich auch abseits eines durchdrehenden Dancefloors nähern mochte. Parole: Macht doch mal ein Listening-Album, ist ja nicht immer Freitagnacht.

Richtig vollzogen findet sich dieser Schritt allerdings erst jetzt, mit dem dritten Album »Delfinarium«. In der längsten Produktionszeit ihrer Geschichte haben sie sich »verloren und wieder gefunden«, wie sie Anfang des Jahres dazu in ihrem Blog wissen ließen. Die Band hat nicht mehr getrennt voneinander eigene Parts gebastelt und zum Schluss alles zusammengeknuspert, sondern von vorne bis hinten sich alles von Null gemeinsam erarbeitet. »Delfinarium« hätte auch schief gehen können. Der Wille, der Bock, die Zwangsneurose, was auch immer, die ganze Palette der eigenen künstlerischen Möglichkeiten in Musik zu pressen, hätte leicht ein anstrengendes Sammelsurium ergeben können. Doch »Delfinarium« deckt ein weites Panorama ab, zeigt die Band von den unterschiedlichsten Seiten und wirkt trotzdem stets wie das Kamasutra of Electro: Lauter verschiedene Stellungen, aber der gemeinsame Nenner steht niemals in Frage. Also: Ficken beziehungsweise Frittenbude.Electroschock-Rubikwürfel of Death
Unmöglich in diesem detailreich konzipierten Album alle Verweise und Assoziationen zu listen. Ein paar seien dennoch mal herausgestellt: In »Die Amsel«, ein Feelgood-Track mit charmant aufgerauter »Lass die Sonne rein«-Attitüde meint man Andreas Dorau heraushören zu können – und das nicht nur wegen dessen titelmäßig ähnlich gelagerter »Blaumeise Yvonne« aus dem Jahr 1997. Auf dem letzten Stück des Albums hört man plötzlich Air-Drums wie einst bei »In The Air Tonight« von Phil Colins. Zudem hat Johannes seine Art zu rappen erweitert. Früher zeigte sie sich mehr dem Beat untergeordnet und rhythmisch sehr repetetiv, nun hat man zum ersten Mal das Gefühl, echte HipHop-Momente zu erleben. Danach bringt der Song »Hallo Deutschland« postwendend die gesammelten Ressentiments gegen den Unort Heimat auf den Punkt. Ergänzt um einen Gastauftritt von (natürlich) Torsun wird lustvoll dem Deutschen sein Deutschsein vorgerechnet, vorgehalten, okay: lustvoll vorgekotzt. Denn in Ruhe gelassen werden ist nicht. Frittenbude erliegen nicht der Versuchung, bei ihrem bis dato zugänglichsten Album die Faust in der Tasche zu lassen. Selbst wenn Johannes versichert, dass man sich an keinem Hörer oder Besucher stören würde, der es nur auf die Musik und den Spaß abgesehen habe.
Denn dass alles nicht in den falschen Hals gelangt, dafür sorgt die Band schon selbst. 2011 sagte sie beispielsweise ihren Auftritt auf dem Chiemsee-Open-Air ab, weil sie nicht mit dem homphobe und gewaltverherrlichende Texte verbreiteten Jamaikaner Capleton ein Event teilen wollte. »Wir machen nichts gegen unsere Überzeugung. Allerdings... wenn wir schlau gewesen wären, hätten wir da erst gar nicht zugesagt.« erzählt Johannes.
Frittenbude meinen es eben Ernst. Dass alles dabei eben auch Bock machen soll, ist kein Widerspruch: Kurz vor dem letzten Eklat in dieser Friedrichshainer Kneipe (die älteren Leser werden sich erinnern) schwärmt die Band von ihrem jüngsten Coup, von Oma Lonny. Einer norddeutschen Großmutter mit Headset, die auf Plattdeutsch über Stücke von unter anderem Haftbefehl und Frittenbude, naja, rappt. Die fanden die drei sofort so geil, dass sie für einen Album-Teaser gecastet wurde. Wer sich einen dieser teuren Facebook-Accounts leistet, dem wird die Dame daher diesen Monat sicherlich mehrfach unter den nervösen Like-Finger kommen.
Der Kosmos der Band ist grenzenlos aber nicht beliebig. Nur weil konstant die Tankleuchte brennt, muss man noch lange nicht rechts ran. Das Auto wird später allerdings trotzdem stehen gelassen. Immerhin hat die Band aus drei Bier ungefähr 300 gemacht. Und mit Bier ist Whiskey-Cola gemeint. Politisch beseelter Hedonismus, bis die interessante Schurken-Kneipe schließt. Die Electro-Anti-Fa hätte es wahrlich schlechter treffen können, als mit diesen drei Schwaben aus Niederbayern.Frittenbudes Tierleben

Die Affinität der Band zum Tierreich muss man nicht lange suchen: Ihr Maskottchen ist der Panda, ihre Alben benannten sie nach Vogel, Katze und Delfin. Hier ein Überblick über den tierischen Fetisch der Band.

Otter, der – »Also Kevin von ClickClickDecker ist auf jeden Fall ein Otter.«

Emo-Schweinchen, die – »Und Bratze sind langweilige Emo-Schweinchen.«

Panda, der – »Der hat sich bei uns ganz schön verselbstständigt. War früher einfach die Beschreibung der ersten Reihen unserer Konzerte. Verpeilte Gesichter mit schwarz geränderten Augen. Mittlerweile ist der Panda echt gebreakt und taucht überall sonst auf. Außerdem haben Pandas in freier Wildbahn entgegen der herrschenden Vorstellung lange und ausgiebig Sex.«

Eisbär, der – »Berliner Mädchen rülpsen wie Eisbären«

Koalabären, die – »hängen die ganze Zeit faul am Baum.«

Amsel, die – Dorau-eskes Stück, auf »Delfinarium«, bei dem die Ziehtochter von Torsun (Egotronic) singt.

Nachtigall, die – »Nachtigall«, so der Titel des ersten Albums. Zugrunde liegt das Bild, des motivierten Vogels, der sich nicht im Lied beirren lässt.

Katze, die – »Katzengold« hieß das zweite Album der Band. Die Katze steht dabei fürs ein Stück weit besser zurechtfinden. Im Biz wie im Bandleben.

Delfin, der – »Delfinarium«, heißt die aktuelle Platte. »Wir sind Delfine, eingesperrt, um die Leute zu unterhalten, in einem von uns selbst geschaffenen Käfig. Das beschreibt, dass man trotzdem nie aus seiner Haut kann und im eigenen Becken schwimmt und seine Tricks zeigt.«

Thunfisch, der – »Wir sind keine Vegetarier. Aber man sollte wirklich keinen Thunfisch essen. Nicht wegen Delfinen, sondern weil das so fettig ist. Eine Dose Thunfisch hat ungefähr soviel Kalorien wie eine Woche McDonalds.«

Erdmännchen, das – steht im Proberaum als Kuscheltier. Augenscheinlich zur Erheiterung der Band.

Rattenkönig, der – »Das ist eine Gruppe von Ratten, die auf engstem Raum eingeschlossen war, da haben sich Schwänze verknotet, gebrochene Gliedmaßen ineinander verkeilt und die Ausscheidungen alles zusammengeklebt. Das ist also ein großer Haufen Ratte - einige bewegen sich nicht mehr, andere schon noch. So ist das Multiwesen noch mobil. Für uns steht das auch für das MDMA-Knäuel – und auf Tour sind wir manchmal definitiv der Rattenkönig.«

* alle Zitate von Frittenbude