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Synthie-Pop im Kettenhemd

Anna von Hausswolff live in Köln

Ihr berüchtigtes Spielgerät mit den 9.000 Pfeifen hat Anna von Hausswolff live nicht dabei. Macht aber nichts: Die Orgel-Soundscapes der Schwedin lassen auch in synthetischer Reproduktion kein bisschen ihrer Abgründigkeit vermissen. Nennt es ruhig wieder sakral, nennt es episch, meinetwegen auch Funeral-Pop – Hauptsache, es verschlägt euch danach die Sprache.
Geschrieben am
03.12.15, Köln, Gebäude 9

Gewaltige Töne verlangen gewaltige Klangkörper. In dieser Hinsicht hatte Anna von Hausswolff sich nicht lumpen lassen und ihr Album »The Miraculous« auf der größten Orgel Skandinaviens aufgenommen. Auf vielen Tasten, durch noch mehr Pfeifen und mit Unmengen an Luft im Bauch. Unterwegs durch Deutschland muss die junge Schwedin aus ersichtlichen Gründen mit kompakteren Gerätschaften auskommen. Im Gegensatz zu And The Golden Choir alias Tobias Siebert, der sich im Vorprogramm von auf Schallplatten gepressten klanglichen Ebenbildern seiner selbst unterlegen, verdichten und umspielen ließ, hatte Anna von Hausswolff aber immerhin eine vierköpfige Band mobilisiert. Die Musiker – darunter allein zwei Gitarristen –  arbeiten ihr aus dem Halbschatten unermüdlich zu.
Im Zentrum der Formation sitzt die Frau des Abends hinter dem flachen Gerät, das dem Orgel-Ungetüm das Wasser reichen soll. Ihre Silhouette schimmert in kaltem weißen Licht, flackert kurz und verschwindet dann. Und flackert. Und verschwindet. Ein Hologramm? Sitzt die echte Anna in Piteå am heißgeliebten »Acusticum« und dröhnt uns von dort per Live-Schalte zu? Nein, das Wesen da vorne ist lebendig – und hört schon bald auf zu flackern. Dafür dauert es Minuten, bis sich erste vage Formen aus dem Drone-Schnodder herauskristallisieren. Bis Anna von Hausswolff zum ersten Mal anhebt, vergehen weitere lange Augenblicke. Dann aber schallt ein alles überstrahlender Gesang durch den Raum, der eindringlicher ist, als man ihn je auf Tonträger bannen könnte, und unter dem jedes Staubkorn im Saal schlicht zu verglühen scheint. Der Bogen ist gespannt; ein Orgel-Epos läuft vom Stapel. Ganz ohne Orgel.

Pop in schwerer Rüstung ist das Metier der 29-jährigen Brachial-Virtuosin. Ergreifende Melodien, zugeschüttet mit zäher Zeit und donnerndem Dröhnen, die aber ebenjene Strapazen wert sind, die Teile des Publikums in den ausladenden akustischen Farbverläufen zu sehen scheinen. Apropos Publikum: Dort klaffen noch unverkennbare Lücken. Für gewöhnlich sieht es im Gebäude 9 anders aus. Von Hausswolff aber ist ungemein angetan, sei doch vor zwei Jahren an gleicher Stelle lediglich ein Bruchteil des heutigen Andrangs zu verzeichnen gewesen. Dass die zierliche Künstlerin noch nicht die Geübteste im Publikumsdialog zu sein scheint und sich entsprechend bedeckt hält, ist nicht weiter schlimm, allenfalls niedlich. Immerhin scheinen auch die Konzertgäste nicht so recht zu wissen, was sie der kleinen Person dort vorne genau sagen sollen. Beziehungsweise: wie sie es sagen sollen. Und so kommt es immer mal wieder zu verschüchtert-holprigen Wortwechseln zwischen den Songs.

Als »Come Wander With Me / Deliverance«, das ausweisliche Herzstück der neuen Platte, auf sein entfesselndes Finale zurollt, halten sich schon die ersten Konzertgäste die Ohren zu. Oder machen sich unerhörter Weise ganz aus dem Staub – sei es einer Kippe wegen oder in dem Irrglauben, die Messe klänge soeben aus. Dabei geht es doch gerade erst richtig los! Rhythmisch zumindest. Anna von Hausswolff beginnt zu headbangen und wird vom eigenen blonden Haar verschluckt. Auch Karl Vento und Joel Fabiansson an ihren Gitarren werden diese viel zu schnell verstrichenen Anflüge von Metal innig herbeigesehnt haben.

Am Ende fahren von Hausswolff und Band die Wall of Sound wieder ein und zeigen sich mit »Mountains Crave« tatsächlich von ihrer Dreampop-Seite. »How do we know / that love will go on?« Gute Frage! Voreilige Zugabenflüchter haben wohl Pech gehabt. Die Antwort hätte ihnen sicherlich gefallen.