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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Kindestod und Erdbeeren

Anna von Hausswolff im Gespräch

Ihre finsteren Geschichten und morbiden Themen trägt sie mit Orgelpfeife und glasklarer Stimme vor. Nun ist die Sängerin aus Schweden mit ihrem vierten Album »Dead Magic« zurück. Osia Katsidou sprach mit der Songschreiberin und Organistin über skandalöse Shirts, verbotene Filme und Kindheitsprägungen.
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Eigentlich war es als Scherz gedacht: Vor einigen Jahren trug Anna von Hausswolff beim Interview mit der größten schwedischen Tageszeitung einen Burzum-Sweater, schließlich ging es in dem Artikel darum, welche Bedeutung die Kirche für ihre orgellastige Musik habe, die sie gelegentlich sogar in Gotteshäusern spielt. Bei Burzum allerdings handelte es sich um das Death-Metal-Projekt des norwegischen Künstlers Varg Vikernes, der die Schlagzeilen weniger mit seiner Musik füllte als mit der Tatsache, dass er einen Menschen ermordet und mehrere Kirchen in Brand gesetzt hatte.

Zuerst ging die Zeitung gar nicht auf das Burzum-Shirt ein, machte bloß Bilder und veröffentlichte sie kommentarlos neben dem Interview mit von Hausswolff. Doch dann ging der Scherz mächtig nach hinten los. Denn nach Veröffentlichung des Artikels wurde ihr vorgeworfen, sie wäre eine Rassistin und würde Mörder und Extremisten unterstützen. Wochenlang brauchte sie bei ihren Konzerten Sicherheitspersonal und musste öffentlich kundtun, dass sie selbstverständlich nicht Vikernes’ Ideologien befürworte, sondern ausschließlich Fan seiner Musik sei.

Ob man Kunst und Kunstschaffende so strikt trennen kann, ist eine große und komplexe Debatte, die im Lichte jüngster politischer Entwicklungen wie der #MeToo-Bewegung an Fahrt aufgenommen hat. Für von Hausswolff ist klar, auf welcher Seite des Diskurses sie steht: »Ich werde die Kunst und den Menschen dahinter immer trennen. Dafür ziehen mich zu viele Themen an, die extrem sind – und von extremen Menschen gemacht werden«, sagt die zierliche Blonde mit den hellblauen Augen.
Das Shirt besitzt sie immer noch, nur trägt sie es nicht mehr öffentlich. Die Lektion ist gelernt, schließlich hatte die Reaktion sie damals schockiert und überfordert, sagt sie heute. Bald möchte von Hausswolff den Sweater auf eBay versteigern und den Erlös einer Organisation spenden, die sich gegen Rassismus stark macht. So will sie Wiedergutmachung leisten, aber auch die Komik der Situation untermauern: »Dann muss jemand dieses Shirt besitzen, um etwas Gutes zu tun.« Eine Pointe rund um diesen Sweater zu landen hat sie, auch fünf Jahre nach dem Skandal, wohl immer noch nicht aufgegeben.
Auch für von Hausswolffs eigene künstlerische Arbeit hat die Trennung zwischen ihr und ihrem Werk besondere Symbolik. »Die meisten Menschen sind in Interviews überrascht, dass ich so freundlich bin«, sagt die Frau, die über Themen wie Kindestod und das Totenreich singt und die Düsterkeit der menschlichen Erfahrung oft bis an den Rand erkundet. So was habe sie schon immer fasziniert: »Ich hab schon von klein auf ganz wirre Sachen gesehen«, sagt von Hausswolff. Sie erinnert sich, dass, als sie etwa zwölf Jahre alt war und mit ihrer Schwester eine Freundin besuchte, diese den beiden eine VHS-Kassette mit dem Titel »Erdbeere« gezeigt habe. »Minutenlang sah man eine Vulva in Nahaufnahme«, sagt von Hausswolff. »Plötzlich kam eine Erdbeere aus ihr raus und plumpste auf den Boden«, erzählt sie weiter. Sie weiß noch, wie angsteinjagend das Gefühl für sie war, etwas Verbotenes zu sehen – und gleichzeitig wie atemberaubend und sinnlich. Ein ähnliches Erlebnis hatte sie, ebenfalls in jungen Jahren, bei einem Konzert ihres Vaters, dem bekannten Avantgarde-Soundkünstler Carl Michael von Hausswolff. Sie besuchte einen seiner Auftritte, bei dem er in einer mit Wasser gefüllten Wanne musizierte, die mit einer Klappe zugedeckt war. Über diese Klappe wurde Benzin gegossen und das Ganze mit einem Streichholz in Brand gesetzt. »Ich weiß noch, wie erschrocken ich darüber war, dass mein Vater in dieser brennenden Wanne saß. Alle schauten reglos in Richtung Bühne. Dieses Gefühl der unsäglichen Angst war schlimm und gleichzeitig faszinierend«, so von Hausswolff.

Es geht bei ihr oft um das Morbide, weil es, genau wie grenzgängerische Kindheitserlebnisse, ihre Instinkte wachrüttelt. Als von Hausswolff ihr aktuelles Album »Dead Magic« schrieb, befürchtete sie, genau das verloren zu haben. »Es war eine sehr passive Phase, ich konnte plötzlich nicht mehr mit meinem kreativen Ich kommunizieren«, sagt sie. Für ihr 2015 erschienenes Album »The Miraculous« hatte sie den menschlichen Geist und seine Reisen ins Fantastische thematisiert – aber nach dem Album und der passenden Tour fühlte es sich an, als habe sie ihre Vorstellungskraft verloren, mit einem besonderen Effekt auf ihre Selbstwahrnehmung. Denn ihre düstere Seite, die sonst für so viel Fantasie sorgte, arbeitete plötzlich gegen sie: »Ich dachte zu dem Zeitpunkt, ich wäre eine künstliche Person mit aufgesetzten Ideen, und hatte mit ganz großen Unsicherheiten zu kämpfen.« Doch plötzlich erkannte sie, dass dieser Prozess ebenfalls kreativ war, dass sie einfach nur keine Kontrolle darüber hatte, wohin er sie führte. Diese Orientierungslosigkeit nutzte sie für die neuen Songs, die sie heute ganz anders interpretiert und deswegen für besonders spannend hält.  Fünf überlange Lieder bilden das 47-minütige neue Album. Laut Pressetext bewegen sie sich zwischen Licht und Dunkelheit, wirken aber eigentlich immer eher dämmrig. Sie sind, wie so vieles in der heutigen Musik, nicht richtig kategorisierbar. Wenn man es trotzdem versucht, denkt man an Doom-, Gothic- und Art-Rock, aber auch an Folk und Black Metal. Bei den Arbeiten zum Album hat sie viel mehr Körperlichkeit reingebracht. »Ich habe viel physischer gearbeitet, meine Stimme viel extremer eingesetzt«, sagt sie. Dementsprechend bietet das Album einige hohe Töne. Das rotgefärbte Titelbild von »Dead Magic« ist gespenstisch und mysteriös, es sieht aus wie das Gesicht eines toten Kindes aus einer längst vergangenen Zeit. Was es genau darstellt, will von Hausswolff irgendwann mal verraten, heute allerdings sagt sie bloß, dass ihre Schwester das Foto einst geschossen habe.

Mit ihrer Schwester, der Filmemacherin Maria von Hausswolff, scheint sie eine besondere Beziehung zu pflegen und eine Vorliebe für Düsteres zu teilen. Maria führt Regie bei Annas außerordentlich gruseligen und oft trübsinnigen Musikvideos. Die Schwestern fungieren füreinander wie eine kreative Kontrollinstanz. »Fischauge« nennen sie diese Instanz – aus irgendeinem Grund, der Anna nicht mehr einfällt –, die immer überprüft, ob die Idee der anderen auch wirklich rund ist. Auch ihr Vater darf Tipps geben, vor allem dafür, wie man mit dem Business und den Menschen umgeht, die in diesem Umfeld arbeiten. Auf die Frage, ob die Kunst bei den von Hausswolffs immer eine Familienangelenheit sei, antwortet Anna bloß mit einem überraschten Lachen. Irgendwie wirkt diese enge Zusammenarbeit mit Vater und Schwester auch ein wenig wie ein Rückzug in den sicheren familiären Schoß, weg von der düsteren Welt, der sie sich vielleicht lieber mit ihrer Fantasie nähert als in der Realität.
Für sie hatte die Doom-Kategorie, der sie gerne zugeschrieben wird, jedoch nie einen sozialen Bezug. Es ginge ihr nicht darum, einer Community anzugehören oder Teil einer Subkultur zu sein. »Musik ist für mich einfach die freieste Form des Ausdrucks. Ich kann darin sein, wer auch immer ich sein will, und kann sagen, was auch immer ich sagen will«, sagt von Hausswolff. Man kauft ihr das ab. Teil einer klar zu definierenden kulturellen Gruppierung zu sein scheint heutzutage ja sowieso irgendwie überholt. Und diese Dichotomie zwischen der zarten, blonden, freundlichen Schwedin und ihren schaurigen, dunklen Fantasien hat ihren ganz besonderen Appeal. Zum Interview erscheint sie ganz in Schwarz, ihre Kleidung ist ordentlich und akkurat: eine hochgeknöpfte Strickjacke, ein Faltenrock, blickdichte Strumpfhosen und flaches Schuhwerk. Wären ihre Klamotten blau oder grün, könnte man den Aufzug fast als niedlich bezeichnen. Irgendwie wirkt Anna von Hausswolff beinahe kindlich, so klein und zierlich und mit ihrer leicht scheuen Art zu reden. Und das nicht trotz, sondern im Kontext all des Düsteren. Dass Kindlichkeit auch viel Gruselpotenzial hat, weiß man schließlich schon seit »Herr der Fliegen« oder »Dorf der Verdammten«. Und dass menschliche Gedanken dahin reisen dürfen, wo es ungemütlich und finster ist, ist im Grunde schon die ursächliche Daseinsberechtigung für jegliche Kunst. Ganz gleich, ob man die Trennung von Kunst und Kunstschaffenden sieht wie Anna von Hausswolff, oder ob man denkt, dass Kunst immer auch von den Ideologien derer beeinflusst wird, die sie kreieren – dass die Gedanken frei sind, dem dürften wohl wenige widersprechen. 

Anna von Hausswolff

Dead Magic

Release: 02.03.2018

℗ 2018 City Slang