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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Die Freiheit unter der Disco-Perücke

Angel Olsen im Gespräch

Was soll denn das? Die silbrig glitzernde Matte im Video zu »Shut Up And Kiss Me« riecht nach Verrat. Davor war Angel Olsen doch eine von uns: grungig ins Gesicht fallender Pony, stilvolle Kleider wie aus geordneteren Zeiten – und jetzt: Disco-Perücke und Satin-Collegejacke. Hat etwa der unendliche Spaß in Form der Entertainment-Industrie von der Sängerin Besitz ergriffen? Im Interview gehen wir der Sache auf den Grund.
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»Die Person in den Videos ist nicht dieselbe wie die, die die Songs geschrieben hat. Es ist eine erfundene Figur.« Olsen überlegt einen Moment, bevor sie bestimmt weiterspricht: »Diese Lieder kommen zwar aus mir heraus, verwandeln mich aber in etwas anderes.« Es ist einer ihrer ersten Promotiontage zu »My Woman«, ihrem zweiten Album beim Prestige-Indie-Label Jagjaguwar. In Berlin wird sie nur einen Tag bleiben, schon heute Abend geht es weiter nach Paris. Noch macht es ihr Spaß, über diese Platte zu reden: »Ich bin gerade noch dabei, die Fragen der Journalisten für mich selbst zu beantworten.« Bisher habe sie keine echte Chance gehabt, sich in Ruhe hinzusetzen und das fertig gemasterte Album einfach nur zu hören. »Und jetzt muss ich plötzlich Wege finden, das, was ich gemacht habe, auf eine intelligente Art und Weise zu beschreiben.« 

Oh, übrigens: Sie sitzt auf dieser Hotelzimmer-Couch so, wie man sich Angel Olsen in der Vergangenheit vorgestellt hat: ein schlichtes Outfit, das man schnell vergisst, aber eine spröde Ausstrahlung, die haften bleibt. Kein Satin, keine Disco-Perücke. Auf »Intern«, der ersten Singleauskopplung aus »My Woman«, singt Olsen mit ihrer markanten Stimme: »Something in the world will make a fool of you.« Eine Zeile, die im Kontext des Songs als allgemeingültige Wahrheit über das Leben präsentiert wird. Außerhalb des Songs kann sie aber gleichzeitig auf die Motivation bezogen werden, die Angel Olsen dazu trieb, gerade diesen weniger grungigen und dafür mehr discolastigen Song als Erstes zu veröffentlichen und sich im schlichten Video dazu silbrigen Kopfschmuck zu verpassen: »Viele denken seit der Single bestimmt: ›Oh, sie macht jetzt ein Synthie-Album, sie hat uns betrogen. Jetzt verändert sich ihr Stil drastisch.‹ Tatsächlich hat sich meine Musik zwar verändert, aber keinesfalls so radikal, wie vielleicht einige gedacht haben. Ich erlaube mir einfach mehr Spaß, indem ich offener bin und verschiedene Instrumente ausprobiere. ›My Woman‹ ist definitiv kein Disco-Album. Das Video war eher dazu da, die Leute in die Irre zu führen.«
Tatsächlich hat sich klanglich gar nicht so unfassbar viel verändert in der Angel-Olsen-Welt. Immer noch dominieren subtil angeschlagene Gitarren irgendwo zwischen Grunge, Neunziger-Indierock und Folk; Synthies kommen nur auf einer Handvoll Songs zum Einsatz. Im Vordergrund stehen weiterhin die Vocals, zum einen ihre Form, zum anderen ihr Inhalt. »It’s all over baby, but I’m still young«, singt sie auf »Shut Up Kiss Me«, der ersten »echten« Single von »My Woman«. 

Im Video dazu kommen besagte Disco-Erinnerungsstücke (Perücke und Satin-Bomberjacke) zum Einsatz. Olsen macht eine alte amerikanische Rollschuhbahn unsicher, scheint dort gefangen, bricht schließlich aber doch aus und skatet in die Nacht. Das Video hat sie selbst gemacht. »Ich habe zwar vorher nie etwas mit Film zu tun gehabt, wollte mich für dieses Album aber auch mal in diesem Bereich kreativ austoben.« So schrieb sie für die ersten beiden Videos zu »My Woman« selbst das Treatment, führte Regie und kümmerte sich um die Produktionsarbeit, also ums Mieten von Equipment, um die Drehortsuche und um die Bezahlung der Mitarbeiter. Selbst den Schnitt der Videos bestimmte sie mit. »Das war natürlich eine Herausforderung. Plötzlich war ich eben nicht mehr nur die Künstlerin, sondern auch dafür verantwortlich, mit dem vorhandenen Geld zu hantieren. Wenn ich zum Beispiel teures Equipment auslieh, bedeutete das automatisch, dass mir in einer anderen Angelegenheit jemand auf Freiwilligenbasis hilft.«
Trotz des großen Aufwands empfindet Angel Olsen die durch diese Arbeitsweise größere Freiheit als Segen. Sie ist ihr enorm wichtig. Da ihr letztes Album relativ gut lief, ist sie glücklicherweise nicht so abhängig vom Label. Nur die Promotionsphase muss natürlich trotzdem sein. »Interviews zu geben fühlt sich für mich oft merkwürdig an, so, als würde ich nackt herumlaufen und die ganze Zeit gepiekst und angetatscht. Aber ich bin mir sicher, dass es sich für dich auch merkwürdig anfühlt, bohren zu müssen, um etwas über mich herauszufinden.« Zum Glück ist das gar nicht notwendig. Schon im Pressetext zu »My Woman« wird Angel Olsen mit einem Satz zitiert, der dieses Album perfekt auf den Punkt bringt: »Diese Platte handelt von dem komplizierten Chaos, das es bedeutet, eine Frau zu sein und für sich selbst einzustehen.« Olsen setzt ihre Gefühle dabei allerdings in Songtexte um, die stets auf Allgemeingültigkeit abzielen und Geschlechtergrenzen ohnehin sprengen. Am Ende schreibt Angel Olsen eben Pop-Lieder im besten Sinne. »Das ist mir auch wichtig: Dass die Texte offen genug sind, um den Leuten eigene Interpretationen zu ermöglichen, obwohl sie natürlich von meinen persönlichen Erfahrungen beeinflusst sind.« 

Wie eingangs erwähnt, wechselt Olsen aber mit dem Prozess des Einsingens von ihrem Ich in eine irgendwie reale und irgendwie fiktive Songwriter-Figur, die gewissermaßen aus der Draufsicht auf das Leben der realen Angel schaut. Auf die Frage, wie sich diese Figur seit dem letzten Album verändert habe, antwortet Olsen: »Sie hat an Humor gewonnen.« Dafür steht auch die Perücke. Ihre Texte und Themen sind Angel Olsen noch immer sehr ernst, in der Umsetzung ist sie mittlerweile aber spielerischer geworden. Diese Freiheit steht ihr gut.

Angel Olsen

MY WOMAN

Release: 02.09.2016

℗ 2016 Jagjaguwar

— Angel Olsen »My Woman« (Jagjaguwar / Cargo / VÖ 02.09.16)