×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Lips. Tits. Hits. Power? Feminismus und Popkultur

Anette Baldauf u. Katharina Weingartner (Hg.)

Riot Grrrls, Girlism, Girl Power - zwischen Sleater-Kinney und H&M, selbstbestimmter Weiblichkeit und standardisiertem Verhaltenskodex ist unter der Schnittstelle "Girl" ein mittlerweile diffuses Jugendphänomen fester Bestandteil der Kulturlandschaft geworden. Anette Baldauf und Katharina Weingartne
Geschrieben am

Autor: intro.de

Riot Grrrls, Girlism, Girl Power - zwischen Sleater-Kinney und H&M, selbstbestimmter Weiblichkeit und standardisiertem Verhaltenskodex ist unter der Schnittstelle "Girl" ein mittlerweile diffuses Jugendphänomen fester Bestandteil der Kulturlandschaft geworden. Anette Baldauf und Katharina Weingartner wollen deshalb den Versuch einer Rückbindung an den feministischen Entstehungszusammenhang leisten. Entstanden ist ein Reader, dessen analytisches Potential sich die Leserinnen und Leser aus der zusammengetragenen Textfülle zusammensuchen müssen. Knapp 50 Beiträge verkörpern gemeinsam den schönsten Facettenreichtum.
Some one told our parents not to teach us how to hit Jede Bewegung hat ihre sozialen Räume. So gingen im Frühsommer '98 neben den beiden Herausgeberinnen und der Autorin Kerstin Grether die Hamburger Band Parole Trixi und DJ Luka Skywalker auf Clubtour. Das Einzugsgebiet reichte vom italienischen Meran bis nach Hamburg in den "Golden Pudel". Während Innenminister Kanther nahezu zeitgleich die Gewalt an Frauen und Kindern dazu benutzte, das traditionell männlich besetzte staatliche Repressionsinstrumentarium aufzurüsten, spielten die Aktivistinnen zwischen ihren Beiträgen und Publikumsdiskussionen Stücke der "Free To Fight"-Compilation. Inmitten von HipHop und Girl-Punk sucht dieser 1994 auf "Candy-Ass" veröffentlichte Tonträger die Möglichkeit, den eher utopischen Gefühlspolitiken der Subkultur Formen von Selbstverteidigung als praktisches Komplement an die Seite zu stellen.
Ähnlich, wie "Free To Fight" bis auf die Wurzeln von Riot Grrrl zurückweist, knüpft auch "Lips. Tits. Hits. Power?" in den ersten drei der insgesamt acht Buchabschnitte an diese Historie an. Girl-Manifeste, formale Anleitungen zur Herausgabe eines eigenen Fanzines und viele persönliche Berichte über Aktivismus-Erfahrungen machen den Reader zunächst zu einer umfangreichen Materialsammlung mit dokumentarischem Anliegen. Gleichzeitig bewahren die Texte im Cultural-Studies-Kontext ihren enthusiastischen Willen zur Veränderung. Selbstbewußt vertreten die Macherinnen ihre Strategien des Protests. Das bewährte Organisationsprinzip der Vernetzung dient dabei als basisnahe Waffe gegen das Verstummen.
Style ist, natürlich, politisch Unmißverständlich lassen die meisten Beiträge durchscheinen, daß sich die aus der Popkultur hervorgegangene Girl-Power-Bewegung von den Grundpfeilern der feministischen Bewegung der 70er Jahre abzugrenzen sucht. Das ist nicht zuletzt in der Ambivalenz des Mediums Pop selbst begründet: Obwohl Pop aufgrund seiner Integration in die Warenökonomie als Massenphänomen immer nach kapitalistischen Imperativen funktioniert, können nach Ansicht der Herausgeberinnen die Konsumentinnen Bestandteile von Pop kreativ für ihre Bedürfnisse nutzen.
Entsprechend formuliert E. Ann Kaplan Madonnas Attraktivität als Subjekt, das sich nicht dem männlichen Begehren unterwirft. Ein paar Seiten zuvor beschreibt Kerstin Grether die Energie, die Pop-Fans hervorbringen, aber auch die Kraft, mit der sie sich gegen Angriffe behaupten müssen: "Ein Teenage-Fan zu sein bedeutet: Dein Bruder lacht dich aus." Während viele andere Beiträge die Autonomie der selbst geschaffenen Szenen gegenüber den großen Konzernen verteidigen, analysiert die britische Theoretikerin Angela McRobbie die Breitenwirkung von Girlism gerade nach dessen Einzug in den Mainstream.
Wie sich das heute nicht nur für Pop-Feministische Arbeiten gehört, ist ein Großteil der Texte von postmodern-dekonstruktivistischen Denkansätzen inspiriert. Gemeinhin wird Geschlecht demnach als kulturelles Konstrukt aufgefaßt. Weiblichkeit kann anhand von Maskerade den subversiven Zustand irritierender Nicht-Identität herbeiführen. Angenehm an "Lips. Tits. Hits. Power?" ist dabei der unbürokratische Umgang mit akademischen Schwergewichten solcher Art, die meistens eher unbedarft zwischen den Zeilen einfließen. Im Vordergrund steht vielmehr eine unglaubliche Vielzahl an Stimmen, Sprachen und Kritiken. Dann geht es um Modekonzepte, die den Trägerinnen der Kleidung letztendlich keine Eßstörungen aufzwingen, bis hin zu Unterwanderungsstrategien von Herrschaftsstrukturen im Cyberspace. Es geht um den offensiven Umgang mit Sexualität und den Kampf gegen Unmengen an Stereotypen. Und natürlich geht es um den lustvollen Protest.
Revolution Girl Style In der '98er-August-Ausgabe von "Le Monde Diplomatique" fragte der Soziologe Pierre Bourdieu nach den Mechanismen und Institutionen, die die Reproduktion des "Ewigmännlichen" garantieren: "Ist es möglich, diese Mechanismen auszuhebeln, um die Kräfte freizusetzen, die für einen Wandel notwendig sind?" "Lips. Tits. Hits. Power?" bleibt immer konkret genug, um vor solchen zu Maßstäben geronnenen Fragen nicht kapitulieren zu müssen. Dabei kreisen die Beiträge immer auch um die Geschlechterasymmetrien im pop-kulturellen Umfeld. Oder woran könnte es liegen, daß wir Jungs in den Plattenläden so unproportional selten Mädchen treffen? Vielleicht noch unangenehmer: was ist eigentlich mit den INTRO-Schreiberinnen? Und von den Leserinnen ganz zu schweigen. Denen hat sich wahrscheinlich der Magen umgedreht, als Kollege Bünting die Vorzüge williger weiblicher Groupies (Jullander-Artikel, INREGIO NORD #57) anpreisen durfte. Für die männlichen Redakteure ging das wohl in Ordnung.