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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

jetzt neu!

Andreas Dorau

„Überall, wohin man schreitet / jederzeit, wo man auch ist / wärst du darauf vorbereitet, wenn dich plötzlich jemand grüßt? Kennst du den Namen? Gibst du die Hand? Wirst du verlegen? Oder bleibst du entspannt? Wenn du Menschen triffst“, singt ANDREAS DORAU in einem seiner neuen Stücke. M
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Autor: intro.de

„Überall, wohin man schreitet / jederzeit, wo man auch ist / wärst du darauf vorbereitet, wenn dich plötzlich jemand grüßt? Kennst du den Namen? Gibst du die Hand? Wirst du verlegen? Oder bleibst du entspannt? Wenn du Menschen triffst“, singt ANDREAS DORAU in einem seiner neuen Stücke. Mit mir trifft er sich in Hamburg. In Hamburg ist ANDREAS DORAU aufgewachsen. In Hamburg hatte er DIE DORAUS UND DIE MARINAS. Dort entstand vor guten fünfzehn Jahren während einer Projektwoche an der Schule „Fred Vom Jupiter“. Später zog er nach München und ging auf eine Filmhochschule. Die wurde mit einer Quizshow beendet, in der Tiere Titel von ANDREAS DORAU interpretieren. Weiter ging es nach Berlin, wo ANDREAS DORAU mit seinem Freund Tommi Eckart in dessen Studio „Gelbe Kabine“ das völlig unterschätzte Album „Neu!“ aufnahm. Heute lebt ANDREAS DORAU wieder in Hamburg und kennt nur eine Sorge. „Das einzige Manko an Hamburg ist, daß es hier keine Clubs gibt. Ich war schon kurz davor, selbst einen aufzumachen. Aber als Kind kannte ich immer diesen Satz ‘Wer nichts wird, wird Wirt.’ Und das will ich ja nun nicht.“
Zu unserem Treffen trägt ANDREAS DORAU eine alte Anzughose, grau, die ihm gut steht. Sowieso wirkt er unglaublich jung. Ob das an dem Friseur liegt, den er auf „70 Minuten ...“ rühmt? Eher an den Schuhen. Vor kurzem war ANDREAS DORAU nämlich zum Videodreh für seine aktuelle Single „So Ist Das Nun Mal“ in den USA. „Und, hast du dir Jeans gekauft?“ - „Nee“, sagt er. „Ich mag doch keine Jeans.“ Aber Sneakers. Die hat er eingekauft. Old School-Sneakers.
Aber ANDREAS DORAU ist nicht nur der genialische Unterhalter, der hippe, ruhelose. Er ist auch der Künstler, der Bauchschmerzen bekommt, der Musiker, der gezwungen ist, sich nach Ausdrucksmöglichkeiten umzuschauen - und der diese Ausdrucksmöglichkeiten im Zusammenhang mit Acid House bei moderner Clubmusik gefunden hat. Warum? Das und mehr erzählt er hier.

„Als wir Mitte der achtziger Jahre mein drittes Album, ‘Demokratie’, aufnahmen, konnte ich mit aktueller Popmusik überhaupt nichts anfangen. Auch nicht damit, was im Indie-Bereich passierte. Und Clubmusik gab es zu diesem Zeitpunkt ja eigentlich gar nicht. Acid House ist erst wenig später passiert. Clubmusik war damals reiner schwarzer Funk, mit so einer riesen Mörder-Produktion. Furchtbar aufgeblasen. Das entsprach alles nicht meiner Idee von kleiner Musik. Ich hatte mich selbst in die Lage manövriert, ein Album aufnehmen zu wollen, das komplett nichts mit zu dem Zeitpunkt existierender Musik zu tun haben sollte. Das ist natürlich schwer, wenn man sich nirgendwo anlehnen kann. Weil, man kann ja Musik auch nicht komplett neu erfinden. Ich habe mir dann extrem Mühe gegeben, Kompositionen zu schreiben. Zu dem Zeitpunkt habe ich mich auch immer als Komponist bezeichnet. Ich war felsenfest davon überzeugt, jetzt Komponist zu sein. - Aber dann haben wir eine Tour gemacht, und ich fand es entsetzlich, anderen Leuten erklären zu müssen, was sie spielen sollen. Deshalb wollte ich erst mal eine ganze Weile keine ANDREAS DORAU-Platte mehr machen und habe mit Tommi Eckart angefangen, Club-Maxis zu produzieren. Als Abfallprodukt entstand dabei doch ein ANDREAS DORAU-Album, ‘Ärger Mit Der Unsterblichkeit’. Seitdem ist unsere Arbeitsweise derjenigen ähnlich, wie Clubmusik gemacht wird. Für die Texte gibt es lediglich Fragmente, die dann im Studio komplettiert werden. Genau so, wie auch die Musik im Studio aus einzelnen Versatzstücken entsteht.“
Du arbeitest ja auch viel mit Samples. “Alle meine Stücke basieren auf Samples, und um diese wird dann rumproduziert. Dabei entsteht schließlich eine Komposition. Aber es steht jetzt eben nicht mehr eine Komposition am Anfang, die dann im Studio umgesetzt wird.“

Wie hat sich denn die Arbeit an deinem aktuellen Album gestaltet? „Manchmal hatte ich bei den Aufnahmen das Gefühl, ich mache mein ‘Smile’-Album. Ich bin dabei ein bißchen verrückt geworden. Im Studio konnte ich eine Zeitlang nicht mehr kommunizieren. Aber man weiß ja, daß es viele Platten gibt, berühmte Platten, bei denen die Leute nicht mehr miteinander geredet haben. Platten, bei deren Aufnahme es im Studio heiter und locker zugeht, sind nicht unbedingt gute Platten. Weil der Spaß, den man im Studio hat, der teilt sich ja nicht automatisch dem Zuhörer mit. - Ich mußte die Aufnahmen mehrmals abbrechen, weil ich krank wurde. Die Platte lag mir schwer im Magen. Das war beinahe so schlimm wie bei ‘Demokratie’, für die ich fünf Jahre gebraucht habe. Das Ding ist, wenn man den Anspruch hat, die neue Platte noch mal viel besser machen zu wollen als diejenige davor, und ich fand ‘Neu!’ eine gute Platte, dann ist das eben nicht so einfach. Ich fand ‘Neu!’ so gut, daß ich zuerst gar nicht wußte, was man da noch besser machen sollte. Ich wußte aber auch, daß ich nicht noch mal die gleiche Platte machen wollte. Die ersten Stücke für die neue Platte gingen uns noch so flott von der Hand, und dann ist es erst geistig wach geworden: Was machen wir hier eigentlich? Uns waren die Stücke plötzlich zu formal, zu normal poppig. Das wollten wir nicht. Wir sind ja angetreten, Musik anders zu machen. Also sowohl textlich wie auch musikalisch nicht einfach nur dem Popformat gerecht zu werden. Und wenn man das dann feststellt und mitten in einer Produktion ist, die bereits läuft, und die Plattenfirma schon gesagt hat, daß sie das, was man abgeliefert hat, toll findet, dann ist es ein langer Prozeß, bis man zu einer neuen Form findet.“

Das ist ihnen gelungen. Im Gegensatz zu „Neu!“ folgt auf „70 Minuten ...“ nicht ein Knüller auf den nächsten. Ausgewogenheit wird großgeschrieben. Kein Tönchen wird überstrapaziert, die Stimme immer. Die Melodien sind eingängig, aber auch nicht zu sehr. Manche Stücke haben als Text lediglich eine einzige Phrase. Andere erzählen die scheinzahmen Geschichten, die man an ANDREAS DORAU mag. Über mißglücktes Liebeswerben im Park, über „Girls In Love“, die kleine Blaumeise Yvonne mit dem blauen Kopf („Halleluja / die Meisen sind da / Blaumeisen sind da“). Darüber, daß man manchmal nur in sich selbst verliebt sein kann. So klingt unterhaltsame kleine Musik:
lakonisch, emphatisch, augenzwinkernd und herzblutend. Wunderbar.
Natürlich lag es nahe, eine von Clubmusik inspirierte Platte remixen zu lassen. Die auf „Ladomat“ veröffentlichten Remixe von „So Ist Das Nun Mal“ haben wieder MIKE INK und SWEET REINHARD besorgt. Prima Interpretationen! „The record keeps spinning, maybe round and round, don’t you know, it’s the same old sound again“, heißt es im Refrain von „So Ist Das Nun Mal“. Dabei klingt ANDREAS DORAU nicht nur jedesmal vertraut, was ja fein ist. Auf jeder neuen Platte klingt er auch neu, und das ist noch viel feiner.