×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

The Secret Of Elena\'s Tomb

... And You Will Know Us By The Trail Of Dead

Gibt es ein poetischeres Thema als den Tod einer schönen Frau? Nö, gibt es nicht. Jedenfalls hat Edgar Allan Poe das behauptet. Und der wusste, wovon er sprach. Schließlich war Poe nicht nur dichtender Dandy, sondern auch trauernder Witwer. Seine Frau Virginia wurde 1847 von der Tuberkulose niederge
Geschrieben am

Gibt es ein poetischeres Thema als den Tod einer schönen Frau? Nö, gibt es nicht. Jedenfalls hat Edgar Allan Poe das behauptet. Und der wusste, wovon er sprach. Schließlich war Poe nicht nur dichtender Dandy, sondern auch trauernder Witwer. Seine Frau Virginia wurde 1847 von der Tuberkulose niedergestreckt. Zwei Jahre später, kurz vor dem eigenen Tod, schrieb Poe dann "Annabel Lee", eines dieser Gedichte, bei denen man heute gequält die Augen verdreht. Überall reimt sich was, elegant und ebenmäßig schreitet das Metrum dahin. Wie unmodern, wie langweilig. Aber man kommt um Poe nicht herum, wenn man der gerade erschienenen EP von ... And You Will Know Us By The Trail Of Dead auf angemessene Weise begegnen will.

Das liegt unter anderem an Conrad Keely, der sagt, er würde an der neuen Platte besonders die "schwer romantischen Obertöne" schätzen. Meint er etwa Kitsch? "Nein, nicht Kitsch. Ich meine diese Stimmung, die mich an das 19. Jahrhundert erinnert. Diese Eleganz, you know." Womit man nicht nur wieder bei Poe gelandet wäre, sondern sich auch dazu angehalten fühlt, eine kleine Expedition ins Reich der, äh, romantischen Obertöne anzutreten. Erwartungsgemäß gibt es sie, die ruhigen Passagen, die mit angedeutetem Schlagzeug und zögernd angeschlagenen Saiten bedrohliche Gewitterwolken aufziehen lassen. Typisch auch, dass sich die Spannung in infernalen Gewittern, in grellen Gitarrenblitzen, donnerndem Schlagzeuggrollen und Geschrei wie Hagelstürmen entladen muss. Es folgt die Stille im Auge des Tornados, bevor - "Make some noise!" - das Himmelszelt erneut in sich zusammenfällt. Das ist die Formstrenge des Genres, an dessen Definition Trail Of Dead in den vergangenen Jahren emsig mitgewerkelt haben. Das Rezept gibt's seit Ewigkeiten, und es ist für die Ewigkeit bestimmt.

Richtig romantisch und interessant wird's aber erst mit dem dritten von fünf Stücken auf dem Kurzspieler, den die Band, so Keely, deshalb auf den Markt geworfen habe, weil es die Lieder bereits gab, sie aber nicht auf einer LP unterzubringen waren. "Crowning Of A Heart" ist eine Daunenfeder, die schwerelos von einer lauen Brise getragen wird. Es ist ein Stück, das einem mit all seiner Sanftheit eine Faust in den Magen rammt - scheinbar mühelos hingeworfen und dennoch abgrundtief. Und es passt vielleicht am besten zum Titel der Platte, "The Secret Of Elena's Tomb", der, über Umwege freilich, wieder auf Poe verweist: Elena war die große Liebe des spinnerten Arztes Carl von Cosel. Wie Poes Frau starb auch Elena an Tuberkulose. Wie der Liebende in "Annabel Lee" konnte auch von Cosel den Tod seiner Liebsten nicht verwinden. Also buddelte er sie aus - und legte sie in das gemeinsame Bett. Das geschah wirklich in den 30er-Jahren in Florida und ist ganz schön widerlich. Aber Poe hat's vorgemacht: Auch der Lover im Gedicht legt sich zur toten Annabel. Das macht die Platte zwar nicht zu einem Meilenstein - after all, it's just an EP, auch Keely sagt, dass man sich weniger Zeit für klangliche Raffinessen genommen habe als sonst -, aber mit zwei Videos ("Relative Ways", "Another Morning Stoner") und dem technoiden "Intelligence", das bisher nur auf der B-Seite einer englischen Maxi erschien, ist "The Secret of Elena's Tomb" ein lecker-morbides Betthupferl. Auch wenn keine Leiche zwischen den Laken liegt.

Geht man vom Titel ihres neuen Albums aus, bleiben auch die schwedischen Fireside im Reich der Toten. "Get Shot" haben sie die zehn Stücke überschrieben. Das ist zwar nicht sonderlich originell, aber Hauptsache, es knallt. "Unser Bassist Frans Johansson hatte die Idee", sagt Kristofer Aström. "Er war der Einzige, von dem ein Vorschlag kam. Ich habe es dann ein paarmal laut gesagt und dachte: 'Hey, klingt ganz okay, kann man nehmen.'" In gewisser Weise ist der Titel sogar mehr als okay, denn er gibt die Richtung der Platte ganz treffend vor. Die Zeit der Experimente ist für Fireside nämlich vorbei. Nach dem postrockenden Vorgänger "Elite" schalten die Jungs einen Gang zurück und legen gleichzeitig einen Zahn zu: mehr Rock, mehr Emo, mehr Hardcore. Wieso? "Weil wir dachten, es nicht weiter in die experimentelle Richtung treiben zu können", sagt Aström. "Elite" sei damals (2000) eine Reaktion auf Emo und Hardcore gewesen, man habe halt was Neues ausprobieren wollen. Tatsächlich ist der rustikale Appeal von "Get Shot" weit weniger, hm, elitär ausgefallen als der des Vorgängers. Oder auf die alte Testosteron-Formel gebracht: weniger Kopf, mehr Unterleib.

Doch die vielen nicht oder kaum sublimierten Emotionen mussten irgendwie aufs Tonband gebracht werden. Bisher war dafür bei Fireside Gitarrist Pelle Gunnerfeldt verantwortlich. Für die Arbeit an "Get Shot" hat man sich nun einen Helfer eingeladen: Kalle Gustafsson (Soundtrack Of Our Lives). "Er war der Einzige in Schweden, der den Sound aufnehmen konnte", so Aström. Jetzt klingt die Platte roh, sie klingt direkt, sie klingt ... auf jeden Fall gelungen. "The Betrayer" etwa kesselt los wie ein brüllender Granada in der Reihenhausgarage. Das Ride-Becken öffnet seine weiten Schwingen, ein aufmüpfiges Banjo bietet sich als Führungsspieler an, die Gitarren scheppern, und der Bass macht das, was er besonders gut kann: Druck. Garagentor auf, ab dafür.

"Stage", antwortet Aström ohne Zögern auf die Frage, was er vorziehen würde - Bühne oder Studio. So hört sich "Get Shot" dann auch an. Doch um das zu erreichen, mussten Fireside erst zwei Schritte vor und dann einen zurück machen. "Als es an die eigentlichen Aufnahmen ging, waren wir häufig nervös und gehemmt." Deshalb, so Aström, seien auf der finalen Version auch Spuren gelandet, die eigentlich nur zu Demo-Zwecken aufgenommen wurden. Das Resultat ist eine emphatische Live-Platte, die zufällig im Studio eingespielt wurde. Virginia und Elena sind tot, aber der Rock'n'Roll lebt und lebt und lebt.