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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Augsburg Olympia

Anajo im Interview

Linus Volkmann auf der Reise in ein fernes Land. Also Bayern. Zu unserem 25. Geburtstag heben wir alte Schätze aus dem Archiv, hier ist unsere Titelgeschichte mit Anajo. 
Geschrieben am
Im ICE Bertolt Brecht der Deutschen Bahn bewege ich mich vorsichtig durch den Gang eines Großraumabteils. Vorsichtig, um nicht auf irgendwen draufzuknallen. Schließlich durchfahren wir gerade einige Turbulenzen. Ein kleiner Mann mit blöder Lederjacke steht mir im Weg. Als er sieht, dass ich vorbei will, legt er die Hand so auf die Lehne eines Sitzes, dass ich nicht durch kann. »Aha«, denke ich, »soll ich jetzt hier überfallen werden?« Ungewöhnlicher Ort. Der Mann zeigt einen Ausweis in dem Sichtfenster seines Geldbeutels: »Kriminalpolizei.« Plötzlich macht alles mehr Sinn. Da wäre ich doch eigentlich lieber ausgeraubt worden, wenn ich die Wahl gehabt hätte. Denn ich befinde mich zwischen Ulm und Augsburg, also zwischen Baden-Württemberg und Bayern, den legendären deutschen Rightwing-Staaten. Es ist später Nachmittag, ich bin brüllend verkatert, die letzte Miniaturflasche Kräuterschnaps habe ich um sieben Uhr morgens in Köln abgesetzt. Mein Körper ist viel zu alt, um das noch irgendwie wegzustecken. Zum Glück habe ich mir gerade eben mühsam ein halbes Brot mit Erdnussbutter reingewürgt. Ich stinke schrecklich nach Erdnuss, ich hoffe, es überdeckt meine Fahne. Zwar fahre ich den Zug nicht selbst, dürfte also so blau sein, wie ich wollte, aber hier ist eben Süddeutschland, und aus Erzählungen weiß ich, was die Kripo hier regelmäßig zwischen Ulm HBF und Augsburg HBF sucht: Terroristen und Drogenboys nämlich. Nun, mein Koffer ist nicht gerade voll davon, aber ich schätze, zwei, drei Jahre Haft kommen schon zusammen. »Haben Sie Gepäck dabei?« werde ich angeranzt. Oje, Officer Arschloch weiß zu allem Übel scheinbar auch schon alles. Wo andere in solchen Situationen wort- und gestenreich verhandeln, befällt mich stets eine fast groteske Obrigkeitshörigkeit. Ich will also umdrehen und den Mann endlich zu den Drogen in meinem Koffer führen. Scheine ich doch schon längst überführt. Komischerweise kommt er mir aber nicht nach, ruft mich stattdessen zurück, will wissen, wo ich hinfahre. Ich bin noch sehr sediert, ich sage krächzend: »Zu Anajo.« Der blöde Bulle glotzt mich noch misstrauischer an. Vermutlich denkt er, ich habe mir einen bayrischen Ortsnamen zusammenfantasiert, um glaubwürdiger erscheinen zu wollen. »Gibt’s nicht!« sagt er. »Augsburg«, jammere ich. Das gibt’s. Er will meinen Ausweis. Ruft auf dem Revier oder beim BND an. Das gefällt mir. Bin ich doch nicht aktenkundig. Das erfährt auch er. Unzufrieden lässt er mich endlich zum Klo gehen. Dort wird mir schwindelig. Kripo-Kontrollen im ICE, innerdeutsch wohlgemerkt – so was gibt’s nur hier. Was für einen Schaden müssen bloß Bands – außer Blaskapellen vielleicht – mit sich herumtragen, die hier leben und hier bleiben? Ich will es erfahren. Nächster Halt Augsburg.

Mir san a bayrische Band

Augsburg. Sieht gut aus, gepflegt. Neben Anajo, den drei knuffigen Pop-Meerschweinchen, stammte zuletzt so einiges Bemerkenswertes aus der Stadt. Nova International, Roman Fischer (lebt sogar mit Anajos Olli in einer WG), der FC Augsburg (tauchte diese Saison in der Zweiten Liga auf), Fertig Los (deren Stardom inklusive Sony-Plattenvertrag für 2007 tickt, kommen zwar aus München, klingen aber zu Anajo-geprägt, um sie nicht auch zu nennen). Augsburg. So nah und doch so fern. Nichts gegen das popkulturelle Entdecken exotischer Orte. Ich denke immer noch an die von Thomas Venker beschriebenen Boardwalks in Oklahoma, an die Stadt ohne Gehwege, die Stadt, die er in der Reportage über die Flaming Lips einfach mal mittransportierte. Oder auch in dieser Ausgabe: Down Under. Melbourne. Acht Millionen Flugstunden entfernt. Und dennoch habe ich Augsburgbock. All diese verwirrenden Details hier: »Grüß Gott.« Ist doch spannender als vieles vom Fernreisen-Gehubere.
Vor dem Hyatt-Hotel treffe ich auf Olli, Sänger, Songschreiber und Gitarrist der Band. Typische Jeansjacken-Indieschönheit. Irgendwo zwischen Coming of Age und Coming out of Bed. Wir haben uns schon mal getroffen, gar nicht lange her. Anajo spielten ihre neuen Songs auf einem Intro Intim. Songs von der neuen Platte »Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?«. Dass der Rockpalast damals aufzeichnete, alles damit etwas heller und verbindlicher war, hatte die Jungs bisschen nervös gemacht. Wie lieb! Danach stand ich noch mit Olli im Regen vor dem Kölner Gebäude 9. Ich musste ihm versprechen, die Ausgabe des Lecker mit nach Augsburg zu bringen, in der Tobias Thomas nackt abgelichtet wurde. Und der mit traurigen Augen und einem riesigen Penis leicht abwesend neben die Kamera sieht. Das habe ich aber vergessen. Zu meiner Entschuldigung: Man darf nicht außer Acht lassen, als ich losfuhr, war ich ja noch zum Steinerweichen zugezogen.


Augsburg Alaska

Erste Station ist das Studio. Das befindet sich im Untergeschoss eines ehemaligen Krankenhauses. Betrieben wird es vom Produzenten, Kumpel und quasi vierten Bandmitglied Alaska Winter. Von Anbeginn der Anajo-Zeitrechnung (Ende der 90er) schuf man gemeinsam – und im Zuge der Konstanz entstand auch das Studio (mit dem Charme eines autonomen Jugendzentrums). Das haben sich die Jugendlichen selbst aufgebaut.

Ihr Label, Tapete Records, weiß um die eindrucksvolle Größe und die besudelten Matratzen an den Wänden und spart sich regelmäßig für die eigenen Bands die horrenden Pensionsgebühren und schickt bei Touren das Labelroster zum Pennen hierher. Kommunikation und überschaubarer Komfort. So funktionieren Netzwerke jenseits staatlicher Kulturförderung noch immer. Und Anajo sind ein solches. Ohne sich zum Affen zu machen für den Majorvertrag, den sie längst hätten haben können, haben sie sich und ihren Indiepop-Glamour ausgebaut. Die Konzerte sind seit Jahren voll, alles brodelte nun auf die zweite Platte hin. Dass sie damit das nächste Plateau werden erreichen können, schien bereits ausgemachte Sache. Noch bevor ein Ton zu hören war. 

Zum Verhängnis

Das aber wurde ihnen fast zum Verhängnis. »Ich habe Anajo Backstage in München gesehen«, lässt sich der eine mit der Brille von Locas In Love zitieren, »die waren fertig. Unter uns, die machen es nicht mehr lange!«

In der Tat musste man 2006 Angst haben um die drei. Hörsturz, Terminschwierigkeiten, Burn-out-Befindlichkeiten. Album und Tour wurden zweimal kurz vor knapp verschoben. Die VÖ-Mühle ist eben ein Totenkarussell – selbst im Indie-Outfit. Darüber sollte man mal reden. Aber vorher noch das:

Anajo, was ist denn Disco-Schorle?
Olli: Kennt man das nicht? Es gibt hier in Augsburg einen Laden, der hat das sogar auf der Karte stehen. Das ist Wodka Red Bull.

Zurück zum Verhängnis

O: Wir hatten uns da einfach ‘n bisschen verschätzt, vor allem ich habe mich auch überschätzt. Im Studio waren die Songs eigentlich schon fertig, aber die Texte fehlten noch – und ich immer so: «Ach, die mach ich noch, kein Problem, geh ich mal schnell in die Küche, schreib da einen und nachher noch einen.«
Ingolf: Und wir waren ja auch ansonsten immer nur unterwegs. 
O: Letztlich blieben mir drei Monate für die letzten vier Texte, und ich muss gestehen, ich habe es nicht geschafft. Tja, was dann? Wir hätten ein Album mit acht Liedern machen können oder irgendeinen Scheiß zusammenkloppen. Da blieb nichts anderes mehr, als zu sagen: Geht nicht. Auch wenn die Konzerte eben schon gebucht waren. Was ja den Druck nur verstärkt hat, vor allem auch den, den man sich selbst macht. Aber es wird sehr viel schwieriger, gute Ideen zu haben, wenn du so unter Druck bist. Wir brauchten eben eine Pause. 
Michael: Letztlich schneidet einem ja auch keiner ein Bein ab, wenn man dann mal »Stopp« sagt.

Aber selbstverständlich ist das trotzdem nicht, sich das rauszunehmen. Ich denke, es sind einige Platten entstanden unter genau diesen geschilderten Voraussetzungen, die die Band dann halt irgendwie zusammengeflickt hat.
O: Klar. Trotzdem müssen wir da nicht stolz auf uns sein. Wir hatten ein sehr schlechtes Gewissen – und mussten auch sehr unangenehme Telefonate führen.

Guter Sex trotz Liebe

Musikalisch zeichnet Anajo ja vor allem aus, dass es keine Berührungsängste mit Pop gibt, mit eingängigen Melodien, die noch mal unterlegt werden mit Handclaps oder dem nahe liegendsten Synthie-Move. Es gibt absolut keine Zugeständnisse ans Indie-Checkertum. Manche der Songs erinnern sogar an Kinderlieder und Fun-Punk. Zwei doch recht verpönte Genres in der imaginären Raucherecke. Umso schöner zu hören, wie Olli grundfröhlichen Pop abliefert mit leicht bayrischem Singsang in der Intonation. Und wenn man schon mal dabei ist, textlich zeichnet Anajo vor allem aus, dass sie eine der wenigen Bands darstellen, die bei den Texten nicht innerhalb der drei vorherrschenden Kategorien des Indie-Pop agieren. Als da wären:

Bekenntnis-Indie: Wird gespielt von Bands wie Tomte oder Madsen. Überschlägt sich in Ansprache und Emotionen.
Minne-Indie: Wird gespielt von Bands wie Virginia Jetzt! Verliert textlich letztlich nie die Adressatin, das Indie-Mädchen von nebenan, aus den Augen. 
Mucker-Indie: Wird gespielt von Bands wie Tele oder Geschmeido. Ist sich oft zu gut für eine echt zu Ende gespielte Melodie oder greifbare Slogans und definiert sich eher über so nerdige Referenzräume.

Bei Anajo klingt das alles etwas anders. An einem Punkt sogar gehörig. Denn es gibt neben vergnügt assoziativen Zeilen auch Texte über einen »Hotelboy« oder über »den schönsten Mann traf ich in Amsterdam«. Hoppla, Textschreiber Olli ist schwul. Was im Indie ja immer erst mal auffallen muss. Denn eine unschwulere Tradition hat höchstens noch Metal. Okay, okay, Hüsker Dü, die Buzzcocks und natürlich Stephin Merritt (Magnetic Fields), einige andere tauchen da neben Michael Stipes Halb-Outing noch auf. Aber viel ist das doch nicht. Als sehr zentral fungiert das Thema allerdings für die Band dennoch oder gerade deshalb nicht – selbst die rausgehörte Songzeile »Du bist Hete, ich bin high› entpuppt sich beim Gegenlesen des Booklets als bloßes »Du bist Täter, ich bin high.« 
O: Den Song mit dem Amsterdam-Mann gibt es schon länger, der wurde jetzt aber erst fürs Album ausgearbeitet. Da gab’s intern auch schon Diskussionen, ob man das bringen kann und will, aber ... Warum sollten wir uns das verbieten?

Ach, fällt doch eigentlich gar nicht auf.
O: Nee, auf den Konzerten schauen immer schon Teile der Leute komisch, wobei der Song trotzdem auf der Tour ein Highlight war. Das ist ein ehrliches Stück, das ist für mich ein direktes Stück, man weiß, worum es geht.

Aber so, wie du jetzt auch rüberkommst, geht es dir nicht darum, ein schwules Indie-Role-Model aufzumachen?
O: Nee. Den Song mögen wir, und den wollen wir spielen, und was sich daraus an Fragen und Meinungen ergibt, das ist okay für uns. Wie gesagt, auf Tour war mir das auch immer sehr nah, weil ich das auf der E-Gitarre spiele, und am Ende, wenn’s ausklingt, sind das fast die Akkorde von Kraftwerks »Das Model«, da habe ich dann immer aufgehört mit: »Er ist ein Model, und er sieht gut aus.«

Saufen mit

Echten Austausch mit Menschen kann ich – wie so viele andere – nur im Vollrausch gewährleisten, so bin ich sehr zufrieden, dass mich die schluffigen Engelsgesichtchen noch durch den Moloch Augsburg bei Nacht führen. Das über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Kerosin hat zu, offen ist aber Das Weiße Lamm. Anajo saufen größtenteils »Helle«, irgendein schreckliches obergäriges bayrisches Bierformat. Wie können die drei nur so schlaksig bleiben, wo jeder anscheinend an die vier Liter nahrhafte Helle in sich reinpumpt? Eine Frage, die ich mir nicht lange stelle, schließlich trinke ich Cola-Jägermeister, um die Band schnellstmöglich mit meinem prosperierenden Suff-Alter-Ego bekannt machen zu können. Klappt gut. In mein Merk-Büchlein schreiben die Jungs noch Tipps für die Stadt: eine Badehaus-Adresse, das rätselhafte Wort »Ungawa« und die Empfehlung, mal wieder Erfrischungsstäbchen zu essen. Nachts falle ich beim Rauchen noch fast aus dem Fenster vom Hyatt. Scheiß Nichtraucherzimmer. Anajo haben derweil schon gepackt. Für sie geht es am Tag drauf in die Ukraine für ein paar Konzerte, die Poser. Als würde der so was von bevorstehende Durchbruch hier nicht reichen.

Die Anderen 

Im Gespräch mit Roman Fischer

Was ist deine Meinung, dein Verhältnis zur Augsburg-Band-Connection?
Eigentlich kennt hier jeder jeden aus der Musikerszene, und trotzdem lassen sich alle gegenseitig genügend Freiraum für ihre eigenen Dinge. Ich hab für die Größe Augsburgs erstaunlich viele fähige Musiker kennengelernt, wenn auch die meisten nur im Hintergrund arbeiten.

Gibt es eine sichtbare bayrische Identität in dem, was da an Musik und Co. entsteht?
Bayern bietet mehr englischsprachige Bands, ist mir aufgefallen. Viel mehr fällt mir dazu nicht ein.

Wie findest du Anajo? Welcher von ihnen ist dir der Liebste und warum?
Ich mag alle drei. Michi ist mir von seiner Art sehr ans Herz gewachsen. Und mit Olli wohne ich ja schon seit drei Jahren zusammen.

Hast du eine gemeinsame Anekdote zur Band?
Der Anajo-Gig war eines der ersten Konzerte, das ich besucht habe. Da war ich 15 und kannte die Band natürlich noch nicht. Ich weiß, dass ich das damals irgendwie für gut, aber auch irgendwie ganz schön abgedreht befunden habe. Irgendwie »schräg«. Und dieser Sänger, wie der sich bewegt: irre! 

Akt. Album »Personare« (Blickpunkt Pop / Soulfood)

Anajo

Hallo, wer kennt hier eigentlich wen?

Release: 09.02.2007

℗ 2007 Tapete Records