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So war Europas größtes Club Festival

Amsterdam Dance Event 2013

Jedes Jahr im Oktober wird die niederländische Hauptstadt zu einem megalomanen Spielplatz für Raver, Technik-Affinicados und Netzwerker. Intro war vor Ort...
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Über die Vorzüge des Amsterdam Dance Event wird seit über 10 Jahren mehr als genug geschrieben. Das weltweit einzigartige Line-up, die raffinierte Einbettung in die Infrastruktur Amsterdams oder auch das umfangreiche Rahmenprogramm sind jedes Jahr aufs Neue Anlass für jede Menge Superlative in den Leitartikeln der Fachpresse. Und trotz der Tatsache, dass aufgrund des kompakten und dennoch umfangreich bespielten Stadtkerns eine Menge Programm in einer Nacht abgerissen werden kann, überwiegt in Anbetracht des schieren Umfangs stets das Gefühl, nur einem Bruchteil dieses megalomanen Szene-Happenings beigewohnt zu haben. Als ich zur Halbzeit die Homepage des Festival besuche, heißt es dort: »1051 artists performed so far – 1106 still to go« – wirklich gesehen habe ich zu diesem Zeitpunk vielleicht vier oder fünf Acts. Dennoch kein Anlass für Frustration, schließlich ist das ganze Event doch so angelegt, dass sich der Besucher eben sein eigenes Programm kuratiert. Hier den Live-Act, dort das Film-Screening und zwischendurch vielleicht die ein oder andere Panel-Diskussion oder Ausstellung.

 


 

Ein zentrales Anliegen der Macher ist in diesem Jahr das 25-jährige Jubiläum der niederländischen Dance-Szene, das nicht nur mit dem 600-Seiten starken Buch »Mary Go Wild: 25 Years Of Dance in the Netherlands« gewürdigt, sondern auch durch zahlreiche Vorträge, Screenings und Ausstellungen zelebriert wird. So kann der Besucher auf der südlich gelegenen Museumsmeile großformatige Abzüge des umfangreich illustrierten Buches finden, deren Auswahl die Ambivalenz der niederländischen Club-Kultur sehr aufschlussreich auf den Punkt bringt: Die illegalen Hardstyle-Raves der frühen Neunziger, deren Anmutung der niederländischen Dance-Szene hier und da immer noch als verkürztes Klischee voraus eilt, werden genauso dokumentiert wie der Aufstieg europaweit angesagter In-Locations wie dem Trouw. Dabei ist nicht nur die Nähe zwischen vermeintlich unwertigen Subkulturen (Gabber) und dem heutigen Hipster-Glamour der Szene erstaunlich, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der diese Gegensätze nebeneinander respektiert werden.

 

 

 

Nur wenige Straßen weiter hält mit Ableton das Berliner Flaggschiff für digitale Musikproduktion tägliche Workshops ab, in denen nicht nur aktuelle Produkte wie der Midi-Controller »Push« auf Herz und Nieren getestet werden dürfen, sondern auch erfahrene Produkt-Spezialisten ihr Know-How in diversen Vorträgen weitergeben. Die können durch die unterschiedliche Vorbildung des Publikums hier und da etwas langatmig ausfallen, was durch den recht intimen Rahmen und der damit einhergehenden Möglichkeit, jederzeit Fragen stellen zu können, aber durchaus wieder wett gemacht werden kann.

 

 

Das gewohnt umfangreiche Konferenzprogramm verhandelt neben dem Szene-Jubiläum einmal mehr die ganze Bandbreite clubkultureller Aspekte – und weit darüber hinaus. Dabei war vor allem immer wieder das Schlagwort »Streaming« präsent und wurde auf sein Verhältnis zur elektronischen Musik abgeklopft. So richtig vom Fleck kamen die Redner dabei nicht immer, hin und wieder kreisten die Gespräche etwas ziellos um die altbekannten Probleme (Lizenzierung, Vergütung) oder gleich um die Vorzüge des eigenen, repräsentierten Dienstes. Nikhil Shah, Mitbegründer des britischen Streamingdienstes Mixcloud, bringt es im Rahmen der Veranstaltung »The Age Of Curation, Filtering and Context« denn auch auf den Punkt: Zähe Verhandlungen mit Verwertungsgesellschaften oder unfaire Abrechnungsmodelle werden ohnehin nicht in Diskussionsrunden gelöst. Dass das Thema Lizenzierung – vor allem in Deutschland -  ein »pain in the ass« ist, darin waren sich dennoch alle einig. Wirklich neue Ansätze in Sachen Streaming sucht man eher vergeblich, denn völlig gleich ob Web-Radio oder klassischer On-Demand-Dienst: Mehr als maßgeschneidertes Tagging oder kuratierte Inhalte hat niemand wirklich zu bieten.

 

 

Wer angesichts des allgegenwärtigen Diskurses etwas Zerstreuung sucht, findet diese beim »ADE Playground«, neben dem Festival und der Konferenz der dritte elementare Strang des Festivals und randvoll mit kleinen, unterhaltsamen Off-Veranstaltungen, die über die ganz Stadt zerstreut sind. Giorgio Moroder Löcher in den Bauch fragen, sich auf Ausstellungen durch vergangene Jugendkulturen der Niederlande treiben lassen oder einfach im Kino-Sessel versinken. Besonders unterhaltsam: Im TonTon Club, einer kleinen, für das »Amsterdam Dance Event« zum temporären Arcade-Museum umfunktionierten Spielhalle, darf man sich nicht nur an originalen Automaten in Disziplinen wie »Mortal Kombat« oder »Pac Man« messen, sondern für etwa 60 € per Ganzkörperscan und 3D-Drucker eine eigene Action-Figur von sich erstellen lassen.

 

 

Wer sich nach dem umfangreichen Tagesprogramm noch auf den Beinen halten kann, den treibt es gegen Nacht natürlich in die zahlreichen Clubs und Venues der Stadt. Dabei ist es fast unmöglich einen Laden zu betreten, in dem gerade kein namhaftes Label seinen Sound repräsentiert. Neben der niederländischen Szene war hier vor allem auch die anhaltende Relevanz des britischen Sounds spürbar, der auch auf dem Amsterdam Dance Event immer noch beeindruckend zwischen House, Garage und R’n'B oszilliert. Besonders schön ist dieser Brückenschlag am Donnerstag-Abend in der Sugar Factory zu beobachten, wo der Londoner Produzent und Label-Betreiber Kastle sein fantastisch eklektisches Debütalbum live präsentiert und fast schon unverschämt beiläufig per Halbierung der BPM-Zahl elegische R’n'B-Stücke in seine treibenderen House-Produktionen schraubt. Ebenfalls immer noch beeindruckend, wenn auch nicht ganz so überzeugend wie bei seinem Auftritt im Rahmen des »First We Take Berlin«-Festivals: Will Phillips aka Tourist (Foto unten), dessen filigraner Garage-Pop vom Soundsystem der Sugar Factory leider etwas geschluckt wird.

 

 

Kein Brite, aber immerhin ein Schotte ist für den totalen Abriss in der nächsten Nacht verantwortlich: Der aus Glasgow stammende Russell Whyte, besser bekannt als Rustie. Der blasse Produzent ist bereits seit einigen Jahren everyones Darling in der internationalen Beat-Szene, dementsprechend voll ist das Paradiso an diesem Abend auch. Hier lässt der 30-jährige eine Basswelle nach der anderen durch den viel zu vollen Laden peitschen und ergänzt die genau auf einen solchen Rahmen zugeschnittenen Eigenproduktionen immer wieder um moderne HipHop-Klassiker wie etwa Outkasts »Hey Ya!«. Gerade bei Rusties jüngeren Veröffentlichen schließt sich der Kreis ironischerweise wieder in Amsterdam, bauen Singles wie »Slasherr« doch genau auf den Samples jener Hardstyle-Künstler auf, die an allen Ecken und Enden spielen.