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In der Knochenmühle

Amenra live in Berlin

Tauscht man sich über prägende Konzerterfahrungen aus, fällt oft der Name Amenra. Das hat seinen Grund, wie der tieftönende Ritualzirkel im Festsaal Kreuzberg demonstrierte. Dass mit Scott Kelly der Gründungsvater der idolisierten Post-Metal-Urgesteine Neurosis den Support bestreitet, sagt dabei eine Menge über Amenras Standing in der Szene aus.
Geschrieben am
28.01.18, Berlin, Festsaal Kreuzberg

»Unbehagliche Zeiten erfordern unbehagliche Musik« lautet der Leitsatz der diesjährigen Ausgabe des CTM Festivals. Schnell noch den thematische Überbegriff »Turmoil« mit hineingelesen, und es ist gar nicht mehr so verwunderlich, dass ausgerechnet Amenra ein prominenter Platz im Programmheft des Berliner Elektro- und Experimental-Festivals zugefallen ist. Denn die Belgier verstehen sich brillant darauf, Unbehagen hervorzurufen – und es dann mit ihrer brachialen Lärm-Maschinerie in kathartische Hochgefühle zu recyclen. Genau das richtige Programm also für einen Sonntagabend in der Ära der neuen Ängstlichkeit.

Mit dramatischem Anlauf, dann aber mit voller Wucht lassen Amenra heute Abend ihre lichtscheuen Post-Metal-Brecher durch den Festsaal walzen. Allen Songs gemein ist das ganz allmähliche Voranschreiten, dieser sich unheilvoll schürzende Knoten, mit dem die fünf Musiker ihr Publikum in eine Art Trancezustand versetzen, bevor sie das minutenlang meditierte Motiv in gefühlt zehnfachem Klangvolumen entfesseln. Hunderte Köpfe klappen wie auf Kommando herab, der dunkle Groove hat alle im Griff. Trotz der überwältigenden Lautstärke behält der Live-Sound Amenras seine Konturen und seine Plastizität; insbesondere der Gesang treibt stets exponiert auf der Krone des mächtigen Gezeitenspiels.
Sänger Colin van Eeckhout, sichtlich selbstvergessen, reißt sich immer mehr Kleidung vom Leib, präsentiert dem Publikum aber nahezu durchgängig – und meist kauernd oder gebückt – den tätowierten Rücken, während er in die dunkle Brandung hinein schreit. Amenra ist seine Schmerztherapie. Dann und wann jedoch befreit die Band ihre kostbaren kleinen Harmonien vom bleischweren Kettenhemd und legt den filigranen Kern ihrer Kunst für ein paar Augenblicke offen. Van Eeckhout, eben noch animalisch schreiend, summt und säuselt jetzt im tief hängenden Scheinwerferlicht; das Mahlwerk setzt aus, die Zeremonie verlagert sich von den Katakomben ins Ätherische – und schnappt wieder zurück.

Passend zum zeremoniellen Charakter der Show ist die Saalluft weihrauchgeschwängert; die krähenfüßigen Band-Embleme wachen wie Kruzifixe über den Ritus, zu dessen Höhepunkt van Eeckhout gelegentlich als Body-Suspension-Kunstwerk in den Seilen hängt. Derlei martialische Spektakel sind für den heutigen Abend aber weder vorgesehen noch wirklich notwendig. Denn – und darauf lässt sich wetten – selbst den arglos hereingeschneiten Festival-Safaristen ohne freie Sicht wird die Ehrfurcht schon nach wenigen Gitarren-Druckwellen hart beim Zwerchfell gepackt haben.

Amenra

Mass VI

Release: 20.10.2017

℗ 2017 Neurot Recordings

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