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Kämpf oder stirb!

AlunaGeorge im Gespräch

Vor drei Jahren feierten AlunaGeorge mit ihrer eigensinnigen Mixtur aus R’n’B, Elektro, Dancehall und Pop einen fulminanten Einstieg ins Musikbusiness. Das aktuelle Album der beiden Wahl-Londoner erfüllt nun die hohen Erwartungen, die Musikkritiker in das Duo gesetzt haben – »I Remember« kann es allemal mit dem erfolgreichen Debüt der Band aufnehmen. Lena Ackermann traf Sängerin Aluna Francis in einer Wohnung in Kreuzberg zum Gespräch. 
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Im Videoclip zum Titelsong schlägt die Sehnsucht im pink-gedimmten Licht eines Neonröhrenflamingos zu: Aluna Francis sitzt in einer Londoner Wohnung, in der Ecke am Fenster steht der Flamingo, neben dem Bett sammeln sich leere Flaschen. »I remember the sound of your heart racing, when you do bad things to me, I wanna feel like it’s the first night«, schnurrt Francis. Dabei weiß sogar der Lampen-Flamingo, dass man solchen Typen eigentlich nicht nachtrauern darf. Aber in der Liebe liegen schöne Erinnerung und Trauer eben oftmals verdammt nah beieinander. Glücklicherweise haben AlunaGeorge auf »I Remember« nicht nur melancholische Liebeslieder, sondern die gesamte Lebensgenese, die auf eine Trennung folgen kann, zu bieten. Und so singt Aluna Francis nicht nur von melancholischer Begierde, sondern auch aufgekratzt über Selbstfindung und -bestimmung. Unterlegt werden ihre Geschichten von den verschroben knackenden Beats ihres Kreativpartners Georg Reid und einer eigenwilligen Mixtur aus R’n’B, versetzt mit einer Prise Dancehall und etwas 2Step, glasiert mit lupenreinem Pop. Dass die Band mit ihrer zweiten Platte so viel Reife beweist, liegt vor allem an Alunas Ehrgeiz. »Als schwarze Frau in der Musikindustrie habe ich eine ›Kämpf oder Stirb‹-Attitüde entwickelt. Entweder ich gebe oder ich verliere alles, was ich habe.« Dieses leidenschaftliche »Alles oder Nichts«-Credo zieht sich durch sämtliche Stücke.
In der Kreuzberger Wohnung, in der wir sie zum Interview treffen, wirkt es, als warte Aluna Francis nicht auf einen Journalisten, sondern schon auf den Fotografen: Ein durchs Fenster fallender Lichtstrahl streift die unverputzten Berliner Hipster-Wohnungswände, schlängelt sich an der Lehne eines petrolfarbenen Sofas entlang und landet in einem feinen Strich auf den nackten Schultern der Sängerin, die in ihrem legeren Sommerkleid so perfekt aussieht, als wäre sie stundenlang für diesen Moment gestylt worden. Verständlich, dass die 28-Jährige seit ihrem Durchbruch nicht nur als Musikerin, sondern auch als Stilikone gehandelt wird. Aluna lacht zur Begrüßung und erklärt glaubhaft, sie habe genau 15 Minuten gebraucht, um sich fertig zu machen. Die Sängerin ist längst nicht so unnahbar, wie sie auf den Pressefotos wirkt. Ihr platonischer Partner in Crime, George Reid, der auch mit inzwischen 28 noch so aussieht wie ein nerdiger Schuljunge, ist in London geblieben. Promotionsreisen sind seine Sache nicht.

Vor drei Jahren landeten AlunaGeorge mit ihrem Debütalbum »Body Music« einen wahren Volltreffer. Hochgelobt von Kritikern schafften es die beiden im Jahr 2013 auf die wegweisende Sound of…-Top-Newcomer-Liste der BBC, die Single »White Noise« landete auf Platz zwei der UK-Charts. Die Zukunft sehe rosig aus, prophezeite man dem ungleichen Duo damals. Dann wurde es ruhig um die beiden. Lange hat die Band auf das Erscheinen der aktuellen Platte hingefiebert. »Die Musikindustrie ist äußerst schnelllebig und hat ein stark ausgeprägtes Kurzzeitgedächtnis.« Zwischenzeitlich habe sie gefürchtet, mit ihren Songs nicht mehr aktuell zu sein, erklärt Aluna. Dabei positioniert sich die Band mit dem Song »In Control« genau an dem Punkt, an dem sich die momentan erfolgreichsten weiblichen Pop-Stars sammeln. Die Aussage ist simpel: Sexuelle Dominanz ist kein für Männer reserviertes Privileg, die Kraft einer Frau ist das, was sie sexy macht.Während sich Rihanna bei ihren Auftritten herausfordernd in den Schritt greift oder Beyoncé im Film zu »Lemonade« am Steuer eines Monstertrucks ganze Straßenzüge plättet, geht Aluna Francis ganz pragmatisch an das Thema heran. Mit dem Satz »I’m in control« spricht sie ihren Beitrag zur weiblichen Selbstbehauptung einfach ganz direkt aus. Im Video verzichten AlunaGeorge auf unterkühlten London-Hype, sondern setzen auf lockeren Karibik-Flair. Aluna schaut stolz in die Kamera, neben ihr stehen junge Männer mit nackten Oberkörpern und eine Riege lässiger dominikanischer Schönheiten in knappen Hotpants. »Der Song feiert das, was der Feminismus uns ermöglicht hat. Dass eine Frau sagen kann: Ich weiß, was ich will, ich mache, was ich will und schaut her, wie wunderbar es funktioniert. Ich verstehe, dass einige junge Frauen zögern, für den Feminismus einzustehen, denn manchmal möchte man ganz einfach nicht kämpfen. Und genau darum geht es in diesem Song. Um die Minute, in der man nicht für Kontrolle kämpfen muss.«
Auch wenn Aluna behauptet, sich nicht von äußeren Einflüssen lenken zu lassen, kann sie ihre Liebe zu Frank Ocean auf dem Album nicht verbergen. Außerdem hat die Band nicht länger alleine vor sich hingewerkelt, sondern viele Kollaborationspartner in ihr Boot geholt. Unter anderem mischen Popcaan und Flume bei den aktuellen Songs mit. Auch Reids Schlafzimmer hat mittlerweile ausgedient. Während der Erstling »Body Music« noch zum größten Teil zwischen Reids Bett und Kleiderschrank aufgenommen wurde, sind die beiden für »I Remember« in ein richtiges Studio gegangen. Auch das Songwriting hat sich laut Francis verändert. »Ich habe mich in den neuen Stücken mehr mit tatsächlichen Erlebnissen auseinandergesetzt, anstatt von fiktiven Dingen zu erzählen.«  

Während die Songs so mühelos klingen, als wären sie den beiden einfach aus den Händen gefallen, offenbart sich Aluna als disziplinierte Arbeiterin. »Ich möchte, dass die Leute verstehen, was ich zu sagen habe. Ich habe viele Bücher über Songwriting, Poesie und kreatives Schreiben gelesen. Dabei habe ich gelernt, einen Gedanken so zu verändern, dass am Schluss etwas dabei herauskommt, was wirklich Sinn macht. Es ist nicht so, dass ich plötzlich mit meinen Texten aufwache, als wäre ich ein Genie. Ich bin alles andere als das. Bei meiner früheren Band bin ich damit auf viel Ablehnung gestoßen. Als würde ich so die Magie des kreativen Prozesses töten. George hingegen hat direkt verstanden, was ich machen möchte.« Kein Wunder, dass es bei den beiden mit der Zusammenarbeit so gut funktioniert.

AlunaGeorge

I Remember

Release: 16.09.2016

℗ 2016 Island Records, a division of Universal Music Operations Limited and Interscope Records