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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Welcome to Un-Germany!

Alter Ego

Arno Raffeiner begleitete Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke in den Londoner Club Fabric und spürte den absurden Wendungen ihres neuen Albums nach.
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Der programmatische Titel "Transphormer" hat sich bewahrheitet: Alter Egos letztes Album warf speziell mit der Single "Rocker" viele Techno-Konventionen über den Haufen. Jetzt wird ebenso stumpf wie schlau nachgelegt. Arno Raffeiner begleitete Roman Flügel und Jörn Elling Wuttke in den Londoner Club Fabric und spürte dabei den absurden Wendungen ihres neuen Albums "Why Not?!" nach.

Gary

Ein Samstagabend Mitte September. Zum ersten Mal steht "Gary" beim Soundcheck mitten im Room 2 des Fabric. Schallwellen vibrieren, zum Greifen dick, um meinen ganzen Körper und verwandeln die Luft in eine gallertartige Masse. Noch die letzte Ecke dieses alten Backsteingemäuers im Untergrund von London ist ausgefüllt mit Sound-Brei. Ein ungewohnt fokussiertes Erlebnis, da diesem Koloss von Musik noch seine atmosphärische und soziale Entsprechung fehlt: Der Raum ist perfekt ausgeleuchtet, der Dancefloor aber gähnend leer. Allerdings nicht lange. Ein Technohippie, der im Fabric an der Bar arbeitet und eben Bierkisten reinschleppt, ist sofort umgehauen von dieser Klanggewalt. Er lässt alles liegen und stehen, um in einem einsamen Tanz von "Gary" erobert zu werden.

Kamaly

Etwa zwei Stunden vorher. Kamaly, der Fahrer, der Alter Ego, DJ Heiko M/S/O und mich vom Flughafen Heathrow abgeholt hat, rast im Zickzackkurs durch London. In kaum nachvollziehbaren Manövern, mal links, mal rechts überholend, prescht er immer hektischer durch die Samstagabendstaus. Vorbei an den roten Reihenhäusern und den Pubs, vorbei an einer langen Schlange voller freakig gestylter Leute, die es kaum erwarten können, bei einer Marc-Bolan-Nacht eingelassen zu werden. Es gäbe einen perfekten Soundtrack für diesen Teufelsritt durch die Stadt: die absurden Leierkasten-Breaks der ersten Maxi aus Alter Egos neuem Album. 'Why Not?!' ist großartiger Zickzack-Techno, ein Track wie eine Karikatur: überzeichnet, plakativ und zugleich hintergründig und schlau. Überhaupt wirkt das gesamte Album nach dem Riesenhit 'Rocker' so plump funktional wie Brot und ist dabei doch vollgepackt mit intelligenten Überraschungen. Den "Arrangementspießer" in sich selbst, wie Jörn Elling Wuttke das mit einem besorgten Seitenblick auf unseren Fahrer nennt, hat das Duo diesmal vor die Tür gesetzt und stattdessen den polternden Unernst ins Studio geholt. Darauf lässt Kamaly einmal mehr die Reifen quietschen. Das Autoradio aber bleibt stumm.

Judy, Luciano, Matthew, Thomas


22 Uhr. Fabric-Bookerin Judy lädt zum gemeinsamen Dinner mit den anderen Acts des Abends. Ein Ritus, der gerade mit seiner Spannung zwischen anregendem Socialising und absolut verlässlichem Ablauf zum Fixpunkt im globalen Technozirkus wurde und der beim gewohnt erstklassigen Line-up des Fabric - an diesem Abend sind Luciano, Matthew Dear und Thomas Melchior als weitere Gäste geladen - noch mal reizvoller ist. Die Gesprächsthemen sind dabei vorgegeben: neue Platten, Remixe, DJ-Software, Clubs und Flughäfen, dazu am Rande vielleicht noch ein paar lokale Besonderheiten. Unser Restaurant, direkt neben dem Fabric gelegen, hat seinen Namen vom Stadtteil übernommen, in dem es sich befindet. Smithfield war früher als Ort für Exekutionen berühmt. Häretiker und Münzfälscher tauchte man gerne vor den Augen der Öffentlichkeit in kochendes Öl. Was allerdings nichts damit zu tun hat, dass es hier seit über 1000 Jahren auch einen großen Fleischmarkt gibt. Bessere Steaks als in Smithfield sind derzeit nicht zu bekommen, heißt es, gerade wegen BSE. Luciano bevorzugt trotzdem ein Karottensüppchen, Matthew den Hühnchensalat. Thomas ist anderweitig beschäftigt und lässt den Ritus zur Abwechslung mal aus. Aber Roman und Jörn zögern nicht mit der Bestellung, denn gerade vor einer langen Nacht sei so ein blutiges Stück Fleisch nicht zu unterschätzen.Roman & Jörn

Kurz nach Mitternacht. Die Stille in Romans Hotelzimmer steht in krassem Gegensatz zum geschäftigen Abendessen kurz zuvor. Es bleibt etwas Zeit für die Reflexion des Alter-Ego-typischen Widerspruchs aus prollig vs. pfiffig, bevor die beiden im Club ihr Inferno entfesseln:

Roman: "House und Techno sind ja eigentlich angetreten, um mit relativ wenig theoretischem Überbau ein unglaubliches Szenario zu schaffen. Zum Beispiel frühe Acid-Tracks oder Chicago und Detroit, wo viele Leute aus ihren Defiziten heraus unglaubliche Musik gemacht haben. Sachen, die alles hinter sich gelassen haben, wovon man gesagt hätte, das darf man, das ist noch erlaubt."
Jörn: "Bei uns gab's schon immer eine Tradition von krassen Tracks, bei denen es wirklich um ein physisches Erleben von Techno geht. Dieses physische Moment ist bei uns immer noch wichtig: dass da erst mal eine Bassdrum wahnsinnig krass im Raum steht. Das ist bei vielen jüngeren Produzenten vielleicht gar nicht mehr so vorhanden."
Roman: "Techno ist ja oft genug todernst und manchmal auch eine traurig konservative Angelegenheit geworden. Da ist es eine Herausforderung, Musik zu machen, die die Grenzen des guten Geschmacks hinter sich lässt - ohne dabei gleich peinlich zu werden."

Gary, Pt. 2

Halb drei Uhr nachts. Room 2 ist zum Bersten voll. Nicht nur voll von Leibern, die es mir beinahe unmöglich machen, mich durch die Menge vorwärtszuschieben. Der Raum ist auch wieder restlos ausgefüllt von "Gary" und seiner feisten Soundmasse. Schon vom ersten Rumms an haben Alter Ego mit ihrem Live-Set die Meute komplett in der Hand. Auf einer erhöhten Nische am Rand der Tanzfläche zuckt ein Raver wie hypnotisiert zum stumpfen Bumm-Tschack. Sein T-Shirt leuchtet in grellen Neonfarben. "Disco" steht darauf, in einem Design, das nach oldschooligstem House aussieht. Die Augen des Typen wirken wie geblendet, er rudert mit beiden Armen von einer Seite zur anderen, als würde er die Menge unter sich durch ihre euphorische Raserei dirigieren. Vorne auf der Bühne legt Jörn seinen Kopf in die charakteristische Seitenlage, wenn er die Equalizer am Mischpult malträtiert. Der Rest der Nacht geht in Laserbeams, Strobo-Feuer und Feierwut unter.

Ingo

Sonntagabend. Kaputt im Flugzeug über den Lichtern Deutschlands. In einem Interview mit dem Bordmagazin der Lufthansa fabuliert der Dirigent Ingo Metzmacher über die "typisch deutsche Zerrissenheit der Seele", nämlich "die extreme Widersprüchlichkeit zwischen Kopf und Bauch". Mir hingegen wummert nach der Nacht mit Roman, Jörn, Gary, Kamaly und all den anderen Verrückten immer noch so ein grunzendes Bauchgefühl durch den Kopf. In Metzmacher-Maßstäben gesprochen machen Alter Ego also den wohl undeutschesten Techno, den man sich nur denken kann. Welcome to Un-Germany!

Wir verlosen 3 x das aktuelle Album 'Why Not?!' in der Vinyl-Version.
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