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Im Rausch der Zeichen

alt-J im Gespräch

Die Wunderjungs alt-J haben ein zweites Album aufgenommen. Warum die Band mit ihrem arty Alternative-Pop so erfolgreich ist, konnte auch bei Interviews in London und Berlin nicht geklärt werden. Liz Weidinger erfuhr aber, wie alt-J auf Lob und Kritik reagieren und warum sie für ihre Musik nicht verantwortlich sind.
Geschrieben am
Es ist ein sommerlicher Freitagnachmittag im Londoner Stadtteil Hackney. Die Fixie-Fahrer tragen in der Sonne glänzende goldfarbene Helme, die Baristas wohlfrisierte Bärte, und die gut gekleideten Modestudierenden hängen vor ihrer Uni ab. Im Hinterhaus der Strong-Room-Studios, in einem kleinen Raum ohne Fenster, aber mit Kaffeemaschinen, sitzen die drei Bandmitglieder von alt-J auf einer Couch und beantworten gut gelaunt Fragen zu ihrem zweiten Album »This Is All Yours«. Gitarrist und Sänger Joe Newman ist für eine Vielzahl der Texte verantwortlich und überzeugt zunächst durch dunklen Nagellack. Gelangweilt trägt Schlagzeuger, Remix-Enthusiast und Tumblr-Verantwortlicher Thom Green eine coole Cap mit eckigem Schirm und Bleistift. Keyboarder Gus Unger-Hamilton ist die französische Stimme der Band, er weiß auf jede Frage eine Antwort und behält den Überblick. In welcher Phase der Albumproduktion sie sich gerade befänden, möchte Intro von den dreien wissen. Newman antwortet: »Wir sind fertig. Das Album ist fast komplett gemastert, und wenn nichts schiefgeht, müssen wir nichts mehr ändern. Wegen ein paar Kleinigkeiten mussten wir in den vergangenen Wochen immer mal wieder ins Aufnahmestudio zurück, aber das haben wir hinter uns – hoffentlich.« Die zweite Platte ist also aufgenommen. Und wird sich am ebenso überraschenden wie riesigen Erfolg des Vorgängers messen lassen müssen. Aber was war da eigentlich noch mal passiert?  

The way to success
  2012 war das Jahr von alt-J, es war das Jahr, das aus einer Gruppe studierender Freunde – die gerne zusammen Musik machten – eine erfolgreiche Indie-Band mit eigenem Sound werden ließ. Ab 2007 studierte Unger-Hamilton an der Universität von Leeds englische Literatur, die anderen bildende Kunst. Dort trafen sie sich und gründeten, erst unter anderem Namen, eine Band. Inzwischen kümmern sich ein Manager, ein britisches Label, ein US-amerikanisches Label und besorgte PR-Menschen um den genauen Tagesablauf der Band. alt-J schreiben nur noch Songs, bespielen große Hallen mit ihren Konzerten. 2012 war auch das Jahr, in dem viele vom Debütalbum der vier Briten erfuhren. Anfang des Jahres aufgenommen, erschien »An Awesome Wave« im Mai auf Infectious Music und gewann trotz anfänglicher Nichtbeachtung im November den begehrten Mercury-Preis, sodass das Debütalbum ganze 61 Wochen in den britischen Charts aushielt und in den US-amerikanischen Billboard-Charts bis auf Platz 80 kletterte. 2013 war die Band größtenteils auf Tour: Sie spielte das erste Mal in den USA, aber auch in Mexiko, Japan, Südafrika oder Australien und war auf Festivals wie dem Reading, Glastonbury, Melt!, Pinkpop oder Lollapalooza. Der letzte Auftritt des Jahres 2013 fand Mitte Dezember als US-amerikanischer Fernsehspaß bei Late-Night-Talker David Letterman statt. 
Unger-Hamilton erzählt von der Zeit nach der Veröffentlichung des ersten Albums: »Als ›An Awesome Wave‹ herauskam, wusste niemand, wie es den Leuten gefallen würde. Wir wussten nicht, ob wir 500 oder mehr als eine Million Platten verkaufen würden. Das war gut so. Wir haben Fans gewonnen, an die wir vorher nicht gedacht hätten – zum Beispiel die 18-jährigen Mädchen im Konzertpublikum. Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass wir große Shows in den USA spielen würden.« Aber genau das ist passiert. alt-J erarbeiteten sich mit nur einem Album einen festen Platz in der Poplandschaft. Anfang Juli dieses Jahres schaffte es die Band – im Zuge der Vorab-Single-Veröffentlichungen zum neuen Album –, eine Million Likes bei Facebook zu sammeln. Alles nicht mit aufdringlichen Refrains oder der großen Skandal-Bühnen-Show, sondern der alt-J-Interpretation von Art-Alternative-Pop. Einem Signature-Sound, der experimentell ist, aber zugleich hängen bleibt. Dazu gehören mehrstimmiger Gesang, nasale Leadvocals, unzählige Keyboard-Tonspuren, synkopische Beats und Folkanleihen. Wenn nun Mitte September das zweite Album erscheint, haben sich die Vorzeichen also komplett geändert: Der Underdog-Status ist dem Druck gewichen, noch einmal nachzulegen, beweisen zu müssen, dass der Hype gerechtfertig war. Ob das ihre Arbeit belastet hat? Anscheinend nicht: Im Interview berichten die Musiker stolz und zufrieden von der Zeit im Studio, den neuen Songs und der Entscheidung ihres Gitarristen Gwil Sainsbury, die Band zu verlassen.  

Wie sah euer Schreibprozess, euer Weg bis zum fertigen zweiten Album aus?

Joe Newman: Neue Musik geschrieben haben wir die ganze Zeit. Das Material für »This Is All Yours« ist also in unterschiedlichen Phasen der Band entstanden. Da wäre einmal die Zeit vor der Veröffentlichung der ersten Platte, die Zeit zwischen den beiden Alben – während der wir die meiste Zeit auf Tour waren – und die Zeit von Januar bis Juni 2014. Thom Green: Wir haben versucht, die Sache so entspannt wie möglich anzugehen und genauso vorzugehen wie beim ersten Album.  

Wo habt ihr die Songs geschrieben und eingespielt?

JN: Einerseits hatten wir eine Studio-Wohnung hier im Londoner Stadtteil Hackney mit unserem ganzen Equipment. Dort schrieben wir zusammen die Songs. Aufgenommen haben wir sie bei Charlie Andrew im Südlondoner Brixton, der auch schon bei »An Awesome Wave« unser Produzent war. Wir schrieben zwei Wochen als Band in Hackney und nahmen die Tracks, an denen wir gearbeitet hatten, dann zwei Wochen mit Charlie auf – immer im Wechsel, das ging rund vier Monate so.
Gus Unger-Hamilton: Unsere Herangehensweise ist ganz aufs Studio fokussiert: Thoms Drums, mein Keyboard und Joes Gitarre. Dabei wollen wir auch mal zehn unterschiedliche Keyboard-Parts verwenden und die Drums übereinanderlegen. Im Studio geht es für uns darum, einen Song zu gestalten. Wie wir ihn dann live spielen, darum kümmern wir uns anschließend.  

Was wolltet ihr anders als bei der ersten Platte machen?

JN: Eigentlich gar nichts. Gus hat jetzt ein Keyboard-Solo.
GU: Davon wird es auf dem dritten Album noch viel mehr geben.
JN: Und was die Drums angeht, wollten wir mehr mit elektronischen Möglichkeiten experimentieren. TG: Ja, das wollte ich definitiv ausprobieren.
JN: Wir haben uns auf eine ganz natürliche Art weiterentwickelt. Wir sind einfach unseren Weg zum nächsten Album weitergegangen. Wir haben viel Zeit zusammen verbracht und mussten herausfinden, dass wir auch ohne unseren Gitarristen Gwil – er hat die Band verlassen – Musik schreiben können.  

Wie hat euch Gwils Weggang als Band beeinflusst, schließlich waren doch er und Joe die Gründungsväter von alt-J?

GU: Das war ein ziemlicher Schock. Wir vier waren seit 2008 zusammen diese Band, und alles lief gut, bis wir wussten: Gwil verlässt alt-J. Wir wollten nicht, dass er geht, er schon. Wir sind immer noch Freunde, aber er war einfach nicht mehr glücklich. Das machte uns unsere eigene Sterblichkeit als Band bewusst – ein bisschen wie ein Autounfall.
JN: Die Trauer über Gwils Ausscheiden brachte uns im Endeffekt näher zusammen und ließ uns unsere eigenen Stärken mehr entdecken.  

Pat Carr vom Label kommt in den Raum, kündigt das Ende des Interviews an und fragt: »Jungs, wollt ihr gleich etwas essen?« Diese Frage wird übereinstimmend bejaht, und nach einer kurzen Diskussion einigen sich die drei auf eine gemeinsame Wunschliste: Am liebsten hätten sie Hotdogs, sonst Schnitzel, und im Notfall gingen auch Burger. Also eher keine Vegetarier bei alt-J? Nicht mehr! Unger-Hamilton gibt zu, dass er sich während seiner acht Monate als Vegetarier an seinen zwei vegetarischen Lieblingsgerichten Avocado und Halloumi satt gegessen und dann auf Tour der verlockend breiten Fleischauswahl nicht mehr habe widerstehen können. Außerdem habe er zugenommen, als er sich vegetarisch ernährte.
Das zweite Album  

Während die Band versucht hat, den Entstehungsprozess ihrer Musik für »This Is All Yours« so gut wie möglich beizubehalten, um sich die sorglose Freiheit beim Schreiben von »An Awesome Wave« zu bewahren, haben sich Sound und Lyrics weiterentwickelt. Geblieben sind die typischen und tollen alt-J-Momente: die weirden Texte voller Film- oder Literaturanspielungen, die dunkel-romantische Grundstimmung, das geschickte Zusammenpuzzeln von unterschiedlichen musikalischen Versatzstücken und das Gespür für Ohrwurm-Melodien. Dabei ist »This Is All Yours« etwas verspielter als das Debüt, Marimba und Blockflöten verströmen Wärme, Naturgeräusche und Vogelschwärme sind im Hintergrund zu hören. Die Platte ist von einer grundsätzlichen Ruhe durchzogen und nimmt sich auch mal Zeit für Soundcollagen. Ein Zeichen für die Filmmusikbegeisterung der Band. Zwei der Tracks, »Intro« und »Warm Foothills«, stammen ursprünglich vom Soundtrack für »Leave To Remain« von Bruce Goodison, den alt-J geschrieben haben. Das Coming-of-age-Drama basiert auf wahren Geschichten und versucht das gewalttätige System der Flüchtlingspolitik abzubilden. Vorteil an der Arbeit für Soundtracks sei die Freiheit im Studio, sagt Unger-Hamilton: »Man fühlt sich nicht verpflichtet, einen Song zu schreiben, zehn Minuten Soundscape sind genauso möglich. Wir konnten laut werden und mussten nicht nach Refrains suchen.« Anspielungen auf Filme gibt es auf »This Is All Yours« genügend: »The Gospel Of John Hurt« bezieht sich auf die berühmte und blutige Szene aus Ridley Scotts Science-Fiction-Klassiker »Alien«, in der aus der Brust von John Hurts Charakter ein schleimiges Alien-Baby schlüpft. Und während Green ein großer Fan des Genres ist, erklärt Newman die Idee für das Zitat so: »Mit Science-Fiction kenne ich mich gar nicht so gut aus. Das Witzige ist, dass es nicht mal ein ganzer Film sein muss, der mich beeindruckt – eher eine Szene, ein gewaltiges Bild.«  

Untypisch sei jedoch, dass sich ein Song auf einen Film bezieht, den Newman gar nicht gesehen habe – wie bei »Nara«. Im Refrain heißt es »Hallelujah, Bovay, Alabama / Marry a man like no other / Love is the warmest color / Unpin your butterflies, Russia / To be a deer in Nara« und zitiert damit den Titel des Films »Blau ist eine warme Farbe« über ein junges lesbisches Liebespaar. In diesem feierlichen Track läuten die Hochzeitsglocken. Es geht um homosexuelle Heirat, von der Newman aus der Ich-Perspektive singt und weshalb er die Filmreferenz spannend fand. Auf einen reduzierten Einstieg folgen mehrstimmiger Gesang, hohe Gesangseinwürfe, um dann langsam im eingängigen Refrainabschnitt mit Glockenspiel Layer über Layer zu legen und daraus überzeugende Wucht zu entwickeln. alt-J sagen Ja zu gleichgeschlechtlicher Ehe: »Wir sind zwar keine Aktivisten, aber auf jeden Fall für die Stärkung der Rechte homosexueller Menschen. Wir haben den Song in der Zeit um die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi geschrieben, während der die Rechte von Homosexuellen ein viel diskutiertes Thema waren«, so Unger-Hamilton. Außerdem wurden Ende März die ersten homosexuellen Paare in Großbritannien getraut. Dennoch ist der Song kein offensichtliches politisches Statement, lehnt sich nicht aus dem Fenster, will niemanden provozieren. Die letztendliche Deutung bleibt für alt-J sowieso den Zuhörenden überlassen: »In dem Song muss es nicht unbedingt um gleichgeschlechtliche Paare gehen, es kann irgendjemand sein. Jeder sollte in der Lage sein, jeden zu heiraten. Frei wie ein Hirsch in Nara«, so Newman.
It’s the interpretation, stupid!  

Die stark collagenhafte Arbeitsweise, die mit inhaltlichen Bedeutungen unbekümmert herumbastelt, zeichnet das komplette Album aus. Newman führt ein Ideenbuch, in das er spannende Zitate, Referenzen und Ideen notiert. Auch nicht alle fertigen Songs haben eine feste Geschichte, wie eine Nachfrage zum Track »Bloodflood II« zeigt: »Ich weiß noch gar nicht, wer am Ende des Songs stirbt«, sagt Newman. Darauf Unger-Hamilton: »Das habe ich mir irgendwie schon gedacht. Ich hatte so ein komisches Gefühl, dass du noch nicht weißt, worum es in dem Song geht.« Das ist nicht nur ein Kurswechsel gegenüber dem ersten Album, sondern auch eine Reaktion auf die ausufernden Diskussionen im Netz um kleinste Textfragmente. Newman erklärt: »Auf dem Debüt hatten die Lyrics und Erzählungen eine Bedeutung. Aber auf dieser Platte gibt es Momente, in denen ich Worte singe, ohne mir bewusst zu sein, welche Worte das sind und ob sie einen Sinn ergeben.« Der Albumtitel »This Is All Yours« macht darauf aufmerksam, wie viel Macht in der Interpretation von Songs durch Fans und Musikjournalisten steckt – und wie unkontrollierbar dieser Prozess für Bands sein kann.  

So kann man sich aussuchen, ob »This Is All Yours« ein Konzeptalbum ist oder nicht. Die Anordnung der Songs könnte es auf den ersten Blick nahelegen: »Intro« – »Arrival To Nara« – »Nara« und ganz am Ende dann »Leaving Nara«. Eine Reise nach Nara, in die japanische Großstadt, die für ihren Park mit über 1200 wilden Sikahirschen bekannt ist. Aber Vorsicht: »Eigentlich ist es kein Konzeptalbum. Wir überlassen es jedoch der Öffentlichkeit, das zu entscheiden. Wir haben die Songs im Nachhinein nur so angeordnet, wie es uns gefallen hat«, sagt Newman. Mit diesem fadenscheinigen Versuch, sich vor der Verantwortung zu drücken, sollen alt-J nicht durchkommen, schließlich sind sie es, die Musik und Texte geschrieben haben. Mit dieser Unbekümmertheit hat die Band auch Miley Cyrus und ihre Vocal-Line »I’m a female rebel« gesampelt. Sieht für alt-J so weibliche Rebellion aus? Das wäre ganz schön tragisch, denn bei all den Good-girl-gone-bad-Erzählungen, der dominierenden Sexualisierung und dem ganzen Aufruhr um Cyrus sieht diese »Rebellion« eher nach stereotyper Weiblichkeit und großem Geschäft aus.

Auf die Idee, Nara als Schauplatz ihrer Songs zu wählen, kamen die drei über den sozialen News-Aggregator Reddit, besucht haben sie die Stadt noch nicht. »Wir hängen viel auf Reddit herum, das ist ein toller Ort. Es gibt nicht nur lustige Katzen, sondern auch viele spannende Sachen«, so Green. Ganz schön nerdy, könnte jetzt geschlussfolgert werden, aber weit gefehlt: »Digitale Kultur ist für uns Teil des täglichen Lebens, klar, aber dass wir uns jetzt besonders stark damit auseinandersetzen, ist nicht der Fall.« Die Band ist vielmehr hervorragend im Kuratieren alltäglicher Zeichen, die dann auch im Internet herumschwirren. Bestes Beispiel sind die Katzenmetaphern im tollen »Every Other Freckle«: »Im gonna paw paw at you / Like a cat paws at my woollen jumper.« Dabei begrüßen alt-J auch, wenn ihre Zeichen wieder aufgegriffen werden. Sie ärgern sich nicht darüber, das inzwischen zum belächelten Hipster-Symbol verkommene Dreieck als ihren Bandnamen ausgewählt zu haben. Unger-Hamilton meint: »Wir hatten Glück, dass die Leute das so angenommen und weitergetragen haben und jetzt auf Konzerten Dreiecke mit ihren Fingern formen. Besonders unsere jüngeren Fans machen auch Fan-Art, das ist irgendwie cool. Andere Leute würden viel Geld dafür bezahlen, dass so etwas als Kampagne für sie entwickelt wird.« Klingt alles ganz schön unaufgeregt, als ob alt-J nichts Besonderes seien. Na ja, fast: »Wir sehen nicht besonders gut aus und sind auch nicht total cool. Wir sind einfach eine Band«, sagt Newman. Unger-Hamilton ergänzt: »Wir sind nur eine Band mit außergewöhnlich guter Musik.«