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»Die Schuld wird dich jagen«

Algiers im Gespräch

Die Auswirkungen von Klassenunterschieden, Rassismus und institutioneller Gewalt thematisierten Algiers bereits auf ihrem Debüt. Auch auf dem neuen Album verarbeitet die Band aus Atlanta Frustration zu impulsiven Texten. Wie das geht, haben Sänger Franklin James Fisher und Gitarrist Lee Tesche Celia Woitas erklärt.
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Es ist bereits das 13. Interview für Algiers an diesem Tag, wortkarg sind sie deshalb aber nicht. Im Gegenteil, man fühlt sich in ihrer Gegenwart wie unter Freunden. Lee erzählt, wie er mit 14 beim Kauf seiner ersten Gitarre Stevie Wonder traf und das als Selbstverständlichkeit hinnahm und Franklin berichtet, dass er die Narbe an der Lippe seinem vierjährigen Ich beim Thriller-Tanzen zu verdanken hat. Bei der freundlichen Atmosphäre scheint der bedrohlich-düstere Sound der Band verflogen, aber darüber reden müssen wir trotzdem.

Politische und gesellschaftliche Kritik war bereits Gegenstand ihres Debüts »Algiers« und zeigt sich auch im Nachfolger »The Underside Of Power«. Von abgedroschenen Phrasen oder gebrüllten Parolen nimmt die Band aber weiterhin Abstand. Schließlich geht es hier um Kunst, so Sänger Franklin Fisher: »Wir sind keine Professoren, die sich ein paar Instrumente geschnappt haben und langweilige Lektionen erteilen wollen.« Gitarrist Lee Tesche ergänzt: »Wir sind Musiker und finden durch die Musik verschiedene Zugänge zu anderen Themen, so eben auch zur Politik.«

Den Titel »The Underside Of Power« hat Franklin vor einiger Zeit im Fernsehen aufgeschnappt. Er versucht, den Albumtitel zu erklären: »Stell dir vor, du fühlst dich unterdrückt von einer höheren Macht, als wärst du am Boden eines Schiffes. Wie dieses Schiff ist auch Macht nichts Starres, sondern in ständiger Bewegung. Es besteht also immer die Möglichkeit, dieses Boot zum kippen zu bringen und etwas zu ändern.« Dieser kleine Funke Hoffnung findet sich auch in den Texten des Albums und nimmt den dunklen, melancholischen Klängen ihre deprimierende Wirkung. Rache und Vergeltung spielen in den Liedern immer wieder eine Rolle, an Karma im philosophischen Sinne glaubt Franklin jedoch nicht zwingend: »Es ist wie ein Tagtraum: Die Schuld wird auf dich zurückkommen und dich jagen. Es ist die Vorahnung einer Sanktion, egal ob durch eine höhere Macht oder durch eine Revolution. Im wahren Leben gibt es das leider selten.« »Und deswegen machen wir Musik«, fügt Lee hinzu. »Wir können Welten erschaffen, in denen Gerechtigkeit existiert.«
Getextet wird noch immer während Franklins Arbeitsschichten, mit dem Unterschied, dass diese mittlerweile nicht mehr an einem Schreibtisch, sondern in der Garderobe eines Nachtclubs in Manhattan stattfinden. Inspiration findet er in dem paradoxen Bild, das sich ihm täglich bietet: Eine ausschließlich gehobene weiße Kundschaft, die zu Drake, A$AP Rocky und Kanye West tanzt. »Die Musik und die Texte treffen eigentlich nicht wirklich auf diese Leute zu. Trotzdem singen sie jedes Wort mit.« Dass es sich dabei um kein angenehmes Arbeitsumfeld handelt, glaubt man gern, zumal der Sänger früher als Lehrer für englische Literatur tätig war. Seinem Talent zum Texten merkt man das häufig an. Geschmückt durch Intertextualität und verschiedene Textbezüge bewegt er sich auf einem schmalen Grat zwischen unverblümter Direktheit und rein Intendiertem. Dabei hält er sich zum großen Teil an den Philosophen und Literaturkritiker Roland Barthes: »Ich versuche möglichst unspezifisch zu bleiben, wenn es darum geht, meine Motivation für das Schreiben der Songs darzulegen. Die Hörer sollen diese für sich selbst interpretieren.« Wenn Franklin aber direkt wird, dann so, dass es einem für ein paar Sekunden den Mund offen stehen lässt, wie im Song »Cleveland«.
Zum textlichen Wellenschlag gesellt sich ein ebenso wuchtiger Sound, der irgendwo zwischen experimentellem Post-Punk und an der Seele kratzendem Soul zu verorten ist. Dazu beigetragen hat unter anderem Ex-Bloc-Party-Schlagzeuger Matt Tong, der mittlerweile fest in der Band ist und Portishead-Mitglied Adrian Utley, der für die Produktion sein gesamtes Equipment beisteuerte. Gerade die einfachen Effekte haben eine immense Wirkung. »Ich habe gelernt, dass psychologische Kenntnisse 90 % eines Produzenten ausmachen, die restlichen zehn sind dann tatsächliche technische Skills«, so Lee.

Live bekommt das Ganze dann eine ganz andere Ebene, wozu Franklin einen letzten charmanten Vergleich anbringt: »Das tolle an Konzerten ist, dass du alles, mit dem du auf dem Album nicht zufrieden bist, auf der Bühne ohne weiteres anders umsetzen kannst. Es ist wie bei Tinder. Alles was du auf ein Album packst ist dein relativ statisches Profil - und der Live-Song ist das Treffen einer Person im wirklichen Leben.«

Algiers

The Underside of Power

Release: 23.06.2017

℗ 2017 Matador