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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Ich mache keine Witze«

Alex Cameron im Gespräch

Der beste Geheimtipp des Pop ist zurück: Wie eine Schlange hat sich Alex Cameron gehäutet, seine Identität als mittelalter, gescheiterter Entertainer hinter sich gelassen, das Make-up abgelegt. Heute erzählt er neue Geschichten aus dem Tal der sexuellen Weirdness. Aida Baghernejad hat sich mit ihm und Saxophonist Roy Molloy auf ein Kokoswasser getroffen.
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Es ist einer der ersten wirklich sommerlichen Tage dieses verregneten Sommers, ich sitze auf einer Bierbank auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße und Alex Cameron erzählt mir von der neuen Frau seines Herzens. Der Australier lächelt während er so spricht, dabei sieht er mindestens 15 Jahre jünger aus als auf Fotos und bei Konzerten. Was bestimmt auch an der neuen Liebe liegt, aber vor allem daran, dass er bislang sein Gesicht oft mit künstlichen Narben und Falten verändert hat. Auf dem Cover seines Debüts »Jumping The Shark« kann man das eindrucksvoll sehen. Das Album erzählt aus der Perspektive eines alten gescheiterten und verbitterten Entertainers. Harald Juhnke mit durchgehend schlechter Laune quasi. Dabei ist Camerons Karriere eher so etwas die Aschenputtel-Story der Generation Spotify: 2013 veröffentlichte er sein Debüt zum freien Download auf seiner Webseite und war damit so erfolgreich, dass er sich mit seinen Songs und seinem unnachahmlichen Hüftschwung in den letzten Jahren eine kleine Fangemeinde erspielten konnte. Das beförderte ihn und seinen Geschäftspartner Roy Molloy aus Sydney quer über die ganze Welt – unter anderem in David Lynchs Pariser Club »Silencio«, ins Berliner Berghain und letztes Jahr zum Auskennerlabel Secretly Canadian. Die waren nämlich so in den australischen Verlierer vom Dienst verliebt, dass sie »Jumping The Shark« direkt nochmal veröffentlichten, diesmal mit schicken Videos und ordentlich PR-Getrommel.    

Nicht dass Alex und Roy das so wirklich nötig hätten: In den letzten Jahren tourten sie unter anderem mit Mac DeMarco und Angel Olsen und gewannen Fans wie Henry Rollins, Foxygen und Brandon Flowers von The Killers. Ihre Facebook-Seite ist ein Quell unendlichen Spaßes und ihre Instagram-Stories sind Kunst für sich. »Wir haben eine Geschäftsbeziehung«, erzählt Alex Cameron, »mit klar definierten Rollen. Roy kümmert sich um die Kommunikation, ich mich um die Musik.« Kennengelernt haben sich die beiden bei einem Nebenjob im Pizzaladen. Molloy hatte schon eine Karriere als Straßenbahnschaffner hinter sich, Cameron die Demos für sein erstes Album aufgenommen. Als er erfuhr, dass Roy Molloy Saxofon spielt, war es um die beiden geschehen. Sie behandeln die Band als ihr Business und haben einen Vertrag miteinander aufgesetzt, der jedem 50 % am Geschäft zugesteht. »Wir fragen uns nicht, ob wir eine Show spielen sollten oder nicht. Uns geht es nur ums Geld«, lacht Cameron. Mittlerweile hat sich ihr Business allerdings weiterentwickelt: »Wir performen als Duo und Roys Saxofon ist mittlerweile ein wichtiger spiritueller Teil unserer Musik geworden. Es war einfach klar, dass es auch auf dem zweiten Album zu hören sein wird.«
Seit drei Jahren ist Cameron ununterbrochen auf Tour, einen festen Wohnsitz haben beide nicht mehr. So wurde auch das neue Album »Forced Witness« teilweise im Berliner Funkhaus, einem riesigen alten DDR-Radiostudio, in LA und Las Vegas mit Brandon Flowers aufgenommen. Ich dachte bislang, dass Flowers heutzutage nur noch auf seinem Sofa sitzt und Scheine zählt, aber Molloy und Cameron widersprechen: »Brandon ist hungrig nach neuer Musik. Irgendwie hat es ›Jumping The Shark‹ auf seinen Schreibtisch geschafft. Daraufhin hat er uns eine E-Mail geschickt, dass wir nach Vegas kommen sollen, ein bisschen abhängen und an der Musik arbeiten.« Die Früchte dieser Arbeit, allesamt ganz große Pop-Momente, kann man auf dem neuen Album von Cameron hören. Die Persona des gescheiterten Entertainers hat er abgelegt, diesmal geht es um Liebe. Die großartige, schmerzhafte, ziemlich kaputte, dunkle Seite der Liebe. Und es geht um Online-Dating. »Ich habe eine Menge Zeit im Netz verbracht. Es wäre sicher ungefährlicher zu sagen, dass das alles Recherche für die neuen Songs war «, erzählt Cameron, »die Wahrheit ist aber, dass ich einfach neugierig war. Ich habe dabei echte Gefühle entwickelt – für Menschen, die ich nie getroffen habe.« Das Lebensgefühl der Generation Y in einem Satz. Zwar seien die Geschichten natürlich nicht hundertprozentig aus dem eigenen Leben entnommen, erzählen die beiden, aber geformt aus ihren eigenen Erfahrungen mit der Liebe. »Als ich mit meiner Ex-Freundin zusammen war, habe ich mich wie ein großer, starker Typ gefühlt. Aber je weiter diese Beziehung weg war, desto mehr verstand ich, dass ich eigentlich nur ein kleines Tier bin. Ein kleines, sehr, sehr ängstliches Tier. Bei einer Schlägerei würde ich sofort wegrennen.«  

Die Songs auf »Forced Witness« funktionieren auf vielen Ebenen gleichzeitig: Großartige Songs mit diesem besonderen sleazy Vibe, wie ihn nur ein emotional gespieltes Saxopfon liefern kann. Texte, die man mindestens zwei Mal hören muss, um dann entweder geschockt wegzulaufen oder sich vor Lachen auf dem Boden zu wälzen. Und zwei Typen, bei denen man nie so recht weiß, was jetzt ernst gemeint ist und was nicht. »Es gibt keinen direkten Humor auf dem Album. Ich mache keine Witze. Ich erzähle nur Geschichten«, widerspricht Cameron mit ernster Visage, wenn man ihn auf den Humor auf »Forced Witness« anspricht. »Es wird ziemlich düster in den Songs und ich glaube, dass Lachen bei schwierigen Themen eine Abwehrreaktion sein kann.« Alex Cameron und sein Geschäftspartner Roy Molloy nehmen uns mit auf eine Reise an den seltsamen Ort, an dem Schönheit, Dunkelheit und LOLs zusammentreffen. Im Video zu »Stranger’s Kiss«, ein Duett mit der wundervollen Angel Olsen, wird es schön und weird mit Jemima Kirke, besser bekannt als Jessa aus »Girls«.  

Liebe ist seltsam, davon singt Cameron viele Lieder. Bleibt nur zu hoffen, dass seine eigene Liebe ein besseres Ende nimmt.

Alex Cameron

Forced Witness

Release: 08.09.2017

℗ 2017 Secretly Canadian