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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

We Call It ... Digital Disco, - Swing, - Funk

Akufen

Wer Akufen sagt, der muss auch Montreal sagen. Und wer Montreal sagt, der muss auch Mutek sagen. Ohne das Festival hätte es nie zu diesem musikalischen Boom der Stadt kommen können. Es ist so was wie der Link zwischen der lokalen Szene und dem internationalen Minimal- und Experimentalkontext gewor
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Wer Akufen sagt, der muss auch Montreal sagen. Und wer Montreal sagt, der muss auch Mutek sagen. Ohne das Festival hätte es nie zu diesem musikalischen Boom der Stadt kommen können. Es ist so was wie der Link zwischen der lokalen Szene und dem internationalen Minimal- und Experimentalkontext geworden. Festivalleiter Alain Mongeau gelingt es seit drei Jahren hervorragend, ein ausgeglichenes Line-up aus global playern und local heroes zusammenzustellen. Und mehr: Beim Mutek Festival geht es nicht nur um Performances, sondern mindestens genauso um Kommunikation, zwischen den Künstlern, aber auch mit dem Publikum. Alles ist noch schön übersichtlich, man läuft sich permanent über den Weg, plaudert und hört sich dann den nächsten Künstler an. Nicht umsonst wird das Festival gern als der kleine, nettere Bruder vom Sonar bezeichnet, dem mittlerweile leider aus den Fugen geratenen Festival für elektronische Musik in Barcelona. Und so entstanden dank Mutek neue Verbindungen wie beispielweise die zwischen Akufen und den Kölner Labels Traum und Trapez, deren Betreiber Riley Reinhold und Jaqueline Klein letztes Jahr hier zu Gast waren.

Blinddate

Montreal im Mai, das hat etwas von Urlaub in Frankreich. Das kommt zum einen davon, dass die Leute hier größtenteils Französisch sprechen. Aber auch von der Vielzahl an guten Restaurants entlang der Hauptstraße St. Laurent. Die Stadt wirkt äußerst lebendig. Das sah noch vor einigen Wochen ganz anders aus. Die Winter sind hier sehr hart und ziehen sich gerne mal bis weit in den Frühling hinein. Wenn es dann aber schlagartig sommerlich wird, hat das wirklich etwas von diesen überstrapazierten Metaphern vom schlüpfenden Schmetterling oder der aufgehenden Blüte. Alle Menschen sitzen draußen. Euphorie macht sich breit. Selbst Regenschauer jagen keinen mehr in die Häuser. Ideale Bedingungen also für Christoph Büscher und mich, als wir mit dem Zug aus Toronto ankommen.
Wir haben ein Blinddate am Bahnhof: Jon Berry, Force-Inc.-Beauftragter für Nordamerika und - wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird - eine verdammt sympathische Type, hat sich netterweise als Empfangskommando angekündigt. Und, den Codes der Subkultur sei Dank - oder vielleicht auch der typisch deutsch-dämlichen Physiognomie von uns beiden -, wir finden sofort zueinander. Nachdem wir in aller Kürze in unserem charmanten Bed & Breakfast eingecheckt haben, geht es auch gleich weiter zum offiziellen Cocktailempfang im SAT, einem der drei Festivalorte.

Normalerweise sind solche Veranstaltungen ja schlichtweg Zeitverschwendung. Aber auch das ist beim Mutek anders. Es wird nicht nur das Festival eröffnet, sondern auch das Erscheinen der neuesten Ausgabe des lokalen Kunstmagazins Parachute gefeiert. Dessen 107. Ausgabe widmet sich passend zum Festival dem Thema "Electrosons_Electrosounds" und hat u. a. Beiträge von Force-Inc.-Labelmogul Achim Szepanski, Philip Sherburne und Martin Pesch vorzuweisen. Parallel zum Magazin erscheint eine gleichnamige CD mit u. a. Oval, Pan Sonic und Carsten Nicolai.

Tim Hecker, der mit Essay und Track an der Ausgabe beteiligt ist, performt nach einigen französischsprachigen Reden einen großartigen Ambient-Set. Danach ist Akufen dran mit einem 30minütigen Set aus "My Way"-Material, seinem letzten Monat auf Force Inc. erschienenen Debütalbum (siehe auch Artikel in Intro #94): ein kleiner Vorgeschmack auf seinen für Freitag angesetzten regulären Set und ein Willkommen zum Festival von dem Mann, der für den new sound of Montreal so sehr steht wie kein anderer Protagonist der Stadt - und der eigentlich der Anlass ist für meine Reise nach Kanada.

Marc Leclair (Akufen) hat Minimal mit Radiosamples im Cadavre-exquis-Collagen-Stil auf eine neue Stufe gebracht. Da ist mehr als eine Frage offen. Aber erst mal geht es nur ums Zuhören. Ein bisschen weird ist sein Auftritt schon in diesem Kontext, hat mehr von einer Kunstperformance als von stimulierender Clubmusik - wie ich ihn zuletzt bei seinem Gastspiel im Kölner Studio 672 erleben durfte. Hier und heute bummeln die Leute eher beiläufig an ihm vorbei, trinken Cocktails und smalltalken. Ein kleiner Haufen hat sich allerdings vor der Bühne versammelt, die sehr schön in der Mitte des Raumes und umrundbar angelegt ist, und hüpft begeistert mit, feiert seinen Mann. Dieser wiederum scheint völlig zufrieden mit den unglamourösen Umständen. Er grinst bescheiden und wirkt einfach nur happy. So happy, wie jemand sein muss, der gerade von einer erfolgreichen Europatournee zurück ist und den Event des Jahres in seiner Heimat eröffnen darf.

A New Day Rising

Wie gesagt, es geht beim Mutek um mehr als Musik. Das mag auch daher kommen, dass Alain Mongeau seit neun Jahren für das Multimediaprogramm des FCMM (Montreal International Festival New Cinema & New Media) zuständig ist (bzw. bis vor kurzem war, seit Mai widmet er sich nur noch dem Mutek), dem alle zwei Jahre stattfindenden lokalen Filmfestival. Für dieses hat er jeden Abend Events mit interessanten Produzenten und DJs zusammengestellt. Und durch diese Tätigkeit ist er überhaupt erst auf die Idee zu einem eigenständigen Festival für elektronische Musik gekommen.
In diesem Jahr hat Mongeau einen kleinen Kongress im lokalen Goethe Institut initiiert. Dabei ging es sowohl um eher Kanada-spezifische Themen wie die nationale Kulturpolitik als auch um globale wie das Hinterfragen, ob elektronische Musik heute noch mehr als nur Sound ist, ob sie auch etwas bewegen will und inwieweit dies ästhetischer Stagnation entgegenwirkt. Ich selbst saß zum Thema "die Herausforderung, elektronische Musik zu promoten" auf der Panelbühne. Mit dabei waren u. a.: Jon Berry, Heath K. Hignight (Freelancer für u. a. Urb, XLR8R, Alternative Press), Philip Sherburne (Freelancer für u. a. The Wire, XLR8R, SF Weekly) und Patti Schmidt (CBC Radio Canada / "Brave New Waves"). Die Probleme scheinen in Kanada/Montreal dieselben wie überall zu sein. Es ist schwer, die größeren, mainstreamigeren Magazine für die "richtige" Musik zu begeistern - und im gleichen Moment wird die Effizienz derartiger Crossover-Versuche auch in Frage gestellt. Alte Diskussionen. Und alte Probleme. Zu viele Releases, Vertriebe, die nicht genug für die jeweiligen Veröffentlichungen machen, und immer wieder die Frage, wie man die Leute dafür begeistern kann.

Überhaupt die Leute. So sehr Montreal nach außen als big thing wahrgenommen wird, so klein und überschaubar ist das Phänomen doch vor Ort. Das muss - hobbypsychologisch beobachtet - scheinbar immer zu diesem "at home you feel like" unterbewerteten Ding führen. Dabei gibt es dafür eigentlich keinen Grund. Immerhin hat Force Inc., die Mutter aller Technolabels, seine nordamerikanische Dependance gerade von New York nach Montreal verlegt - und ist auch schon ganz gut hier angekommen, wie u. a. die Compilation "Montreal Smoked Meat" und der Akufen-Deal zeigen. So ganz ist Jon Berry allerdings noch nicht von seinem New York Turkey runter, noch immer vermisst er die Häuserschluchten und die Hektik der Stadt, die niemals schläft. Aber er weiß die Vorzüge seiner neuen Heimat zu schätzen. Montreal ist noch immer sehr billig: 400 Euro für ein ca. 120 Quadratmeter großes Einzimmerloft. Und wir sprechen nicht von irgendwelchen Quadratmetern. Von hier aus kann man über die ganze Stadt schauen. Klar, dass da der richtige Soundtrack aufgelegt werden muss, als wir zusammen mit dem schwedischen Produzenten Hakan Lidbo und dem amerikanischen Journalisten Heath K. Hignight abends im Arbeitsloft rumhängen. Wir kommen in den Genuss des für Oktober angekündigten zweiten Luomo-Albums. Deep House auf der nächste Stufe. Ergänzt um cheesy discoeske Momente. Das hier hat Hitpotential, ist sich die anwesende Crowd schnell einig. Und plötzlich steht ein neuer Begriff im Raum: Digital Disco. Und wenn man so über die nächtliche Skyline von Montreal schaut, im Hintergrund Raz Ohara fast schon stöhnend "Disconize me" haucht, dann scheint Digital Disco auf Luomo genausogut zuzutreffen, wie es der ideale Begriff für Akufens Cut-up-Wahnsinn ist.

Aber zurück zum Ausgangspunkt. Zum Loft. In Köln wär' das mehr als ein Schnäppchen. Und so verwundert es auch nicht, dass die Kosten neben der lokalen Musikszene der Hauptgrund für den Umzug von Force Inc. nach Montreal waren. Die lokale Musikszene, wie sieht Jon Berry sie eigentlich? "Es ist definitiv eine der lebhaftesten Communitys der elektronischen Musikszene. Die stilistische Bandbreite und die Produktivität der Produzenten sind schlichtweg der Wahnsinn. Hier sitzen mittlerweile so viele Labels und Künstler: Ninja Tune, Turbo, Bombay, Alien8, Constellation ... und Tiga, David Kristian, Akufen, Mateo Murphy, Tim Hecker / Jetone, Fred Everything, Kid Koala ... Im Gegensatz zu New York, wo ich acht Jahre gelebt habe, sind die Leute hier viel offener und kommunikativer. Sie unterstützen sich gegenseitig. Es ist toll für mich, ihnen mit Rat zur Seite zu stehen und so meinen Teil zu ihrer Entwicklung beizutragen. Und die ist nun wirklich beachtlich. Ich denke, es dauert nicht mehr lange, bis auch Musiker wie Dead Beat, Mike Shannon, Crack Haus, Steve Beaupré, Eloi Brunelle, Algorithm / Jeff Milligan und Ghislain Poirier international bekannter werden. Sie sind meiner Meinung nach die Speerspitze dieser Stadt - ich wünschte, wir hätten genügend Möglichkeiten in unserem Labelroster, um sie alle herauszubringen. Diese Lücke wird wohl Akufens neugegründetes Label Risque füllen und zu so was wie dem Blueprint für das in der Stadt steckende Talent werden."

Meet You At The Akufen Show
Waren die ersten beiden Tage des Festivals geprägt von Laptop-Kunst-Performances (im Ex-Centris) und im weitesten Sinne Zuhör- und Mitwipp-Electronica (im SAT), so hält mit dem Wochenende der Clubaspekt Einzug ins Mutek-Programm. Im Metropolis, einem ziemlich schönen, dreistöckigen alten Theater, spielen am Freitagabend nacheinander Matthew Herbert (mit seinem Radioboy-Projekt, siehe Intro #92), Akufen und Hakan Lidbo. Drei Performer von Gottes Gnaden. Wobei Akufen einwandfrei am meistens Hysterie hervorruft. Die Ausnahme von der Regel. At home you feel like a star. Ich könnte hier noch ewig weiterschreiben und auch vom unglaublich schönen Luomo-Auftritt an selber Stelle am nächsten Tag ins Schwärmen geraten, aber der Platz ist knapp, und deswegen verweise ich auf Christoph Büschers Festivalnachlese auf Seite 88. Es wird langsam Zeit, die Minidisc laufen zu lassen - und Fotos zu machen. Letzteres wird der Inszenierung wegen auf dem Mont Royal gemacht, Montreals Vorzeigeberg mit atemberaubendem Ausblick über Stadt und Umland. Zum Gespräch lasse ich mich mit Marc dann auf einer Wiese gemütlich nieder.

Ta-Ta Talk To Me
Du bist ja gerade erst von deiner Europatournee zurückgekommen. Wie war es denn?

Alles in allem war es richtig gut, mit Ausnahme eines Auftrittes in Dänemark. Sie haben Hits erwartet, andere als meine. Ich war nur ein weiterer Act auf der Bühne. Der Laden war auch zu groß. Ich mag es eher intimer. Aber ich darf nicht meckern, das Reisen ist solch ein Privileg. Ich treffe überall auf der Welt so viele interessante Leute, die zu Freunden werden.

Du warst ja schon einmal auf Tour in Deutschland. Hast du Unterschiede wahrgenommen? Ich frage das natürlich vor dem Hintergrund, dass du mit "My Way" ein neues Level erreichst, vom 12-Inch-Tipp zu so was wie dem nächsten großen Elektronik-Star werden kannst, wenn du es nicht schon halb bist.

Oh ja. Ich war natürlich vorbereitet, dass es aber derart wild werden würde, hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Es macht mir fast schon Angst. Als ich mit Akufen vor drei Jahren angefangen habe, da war das zunächst einmal ein persönlicher Richtungswechsel. Ich hatte schon seit Jahren Musik gemacht, es mit den verschiedensten Stilen versucht, aber es haute nicht gut hin. Also habe ich zu mir gesagt: "Marc, sei ehrlich mit dir selbst und kehr zu deinen Wurzeln zurück." Und die liegen in der experimentellen Musik. Also habe ich die erste Oral-12-Inch produziert, gerade rechtzeitig zum ersten Mutek. Ich habe die Chance genutzt und sie den richtigen Leuten gegeben. Und sowohl Trapez, Riley Reinhold, als auch Thomas Brinkmann mochten die Platte sehr. Das hat mich natürlich sehr gefreut. Thomas Brinkmann war ein großer Einfluss für mich. Die Trapez-Platte hat dann eine Kettenreaktion ausgelöst: Perlon, Background und schließlich Force Inc.
Um auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Ich dachte wirklich nicht, dass es so heftig kommen würde. Plötzlich lande ich ganz normaler Typ in den Charts, werde respektiert und arbeite mit all den interessanten Künstlern zusammen. Ich genieße das. Aber wenn es mir zuviel wird, werde ich wieder die Richtung ändern. Ich muss kein großes Pop-Ding werden. Ich muss mich viel eher stetig neu erfinden, mir neue Fragen zu stellen, um neue Antworten zu bekommen. Meine Musik ist eine Art Psychoanalyse, mit der ich Antworten über mich finde.

Der ganze Hype existiert ja nicht nur um dich, sondern um Montreal. Wobei mir bei dem Panel aufgefallen ist, dass es die Leute hier gar nicht als große Sache wahrnehmen. Wie so oft. Aus der Distanz wirkt das ja immer viel größer.

Die Szene wird eigentlich immer größer. Montreal war eigentlich schon immer eine sehr aktive Stadt. Wir haben so viele gute Produzenten hier. Es fehlte nur ein gewisses Aufmerksamkeitsmoment, um auf das nächste Level zu kommen. Und das ist Mutek definitiv gewesen. - Ich hoffe, es entwickelt sich nicht genauso schlimm wie das Sonar. Sie erwarten dieses Jahr 100.000 Leute. Das ist doch verrückt. Ich werde da ganz sicher nicht hinfahren. Ohne Mutek wäre ich nie das geworden, was ich heute bin. Ich verdanke Alain Mongeau und dem Festival sehr viel. Viele Künstler haben Talent, aber nur wenige können sich gut präsentieren. Ich bin zum Beispiel sehr schüchtern. Ich hätte nie den Mut gehabt, Labels anzusprechen. Man fragt sich als Künstler oft, wie es die anderen geschafft haben. Das wäre mal ein gutes Panelthema. Viele Musiker denken, dass irgendwann mal jemand an ihre Tür klopft und Interesse bekundet - so funktioniert das aber nicht. Man muss nach außen treten, andere fragen, was sie davon halten. Ich meine gar nicht, dass man gleich einen Vertrag wollen, sondern sich einfach Feedback von den Labels einholen sollte: Mögt ihr das Material? Was soll ich ändern? Erst muss man kommunizieren. Später kann man dann Business machen. Das ist alles sehr viel anders als in der Rock-Community, in der dich ein Label für viele Jahre unter Vertrag nimmt. In der elektronischen Musik bist du viel stärker gefragt, da die meisten Labels eher klein sind.

Warst du früher in Rockbands?

Ich war ein akademischer Musiker, um es mal so auszudrücken. Ich habe Gitarre und Piano in einer Fusion-Jazz-Band gespielt. Ich mochte schon immer Jazz. Und ich mag Swing sehr: Django Reinhardt, Stefan Rebily. Ich glaube, dass der Swing in Akufen von diesen Leuten inspiriert wurde. Housemusik hat seine Roots dort.

Wenn du schon von Kommunikation und Tipps einholen sprichst: Wie eng ist eigentlich der Zusammenhang der lokalen Strukturen? Gibt es einen regen Austausch zwischen Labels wie Revolver, Dumb Unit, Hautec, Killer, Oral oder Blue Recordings? Und in welcher Rolle siehst du dich - immerhin bist du zur Zeit so was wie das Aushängeschild?

Mutek hat uns nicht nur on the map gebracht, sondern auch die Szene zusammengeführt. Leider denken Musiker ja oft, sie seien allein mit dem, was sie tun. Mutek hat uns gezeigt, dass es mehr von uns in der Stadt gibt. Das hat uns alle natürlich viel stärker gemacht. Meine Rolle? Nun, durch Zufall ist Mutek genau zu dem Zeitpunkt entstanden, als auch ich bereit war. Ich bin sehr glücklich, wenn ich für andere die Tür öffnen konnte. Aber es ist nichts Besonderes, andere haben das vor mir auch schon gemacht. Es gibt hier viele Leute, die seit zehn Jahren die Basis legen. Alles eine Frage des Timings. Wäre Mutek vor fünf Jahren entstanden, so hätte es nie diese Auswirkungen gehabt. Wenn die Musiker nicht gut genug sind, dann helfen die besten Strukturen nichts.

Force Inc. ist ja vor einiger Zeit nach Montreal gezogen. Ein Signal, das nicht größer für die Stadt sein könnte. Wie wurde das innerhalb der Szene wahrgenommen? Es ist ja nicht nur für mich eines der ganz großen Labels für elektronische Musik - und zudem eines der wenigen, das nie stagniert, immer nach neuen Stilen gesucht hat. Gab das auch den Ausschlag für dich, dort dein Debütalbum zu machen?

Das mit Force Inc. hat eigentlich in Frankfurt angefangen. Achim fragte mich, ob ich ein Album bei ihm machen möchte. Und, um ehrlich zu sein, ich war nicht gerade begeistert von ihm. Achim ist ein character, eine sehr interessante Person. Aber wenn du ihn zum ersten Mal triffst, dann ist das nicht gerade repräsentativ für ihn. Ich fühlte mich in dem Moment nicht wohl bei dem Gedanken - um es kurz zu machen: Ich lehnte ab. Ich habe gefühlt, dass ich noch mehr 12-Inches veröffentlichen muss. Ein Album aufzunehmen ist etwas ganz anderes als 12-Inches. Ein Album muss eine Geschichte erzählen, zusammenhängend und vielseitig. Akufen war damals zu jung dafür. Dann hat sich Jon hier in Montreal Reputation verschafft, und wir haben uns angefreundet. Er hat mir dann auch das Angebot gemacht - und ich musste wieder ablehnen. Ich glaube, er mochte das, da doch sehr viele Künstler ihm ein Demo geben in der Stadt. Bei mir konnte er sich sicher sein, dass ich nicht mit ihm befreundet bin, weil er ein großes Label leitet. Und eines Morgens habe ich ihn dann angerufen und gesagt, er solle runterkommen, wir müssten reden - er hat zu der Zeit seine Arbeitswohnung bei mir im Haus gehabt. Hätte ich es bei Achims erster Offerte gemacht, wäre es eher eine Business-Sache gewesen. Mir ist es wichtig, dass ich mit den Leuten befreundet bin, bei denen ich veröffentliche. Sonst hat das Material keine Bedeutung. Die Labels müssen fühlen, dass sie etwas Spezielles bekommen. Ich hasse es, wenn Künstler ihre Tracks an zehn Labels schicken. Das hat was von Bewerbungen. So sollte es bei Musik nicht laufen. Wenn ich Tracks für ein bestimmtes Label mache, und sie wollen es nicht, dann veröffentliche ich es nicht. Ich halte es wie im vergangenen Jahrhundert: Da hat der König den Künstlern Aufträge erteilt.

Du hast ja auf etlichen Labels veröffentlicht: u. a. auf Revolver, Perlon, Background, Traum und Force Inc. Viele Leute mögen es, wenn Künstler nur auf einem Label veröffentlichen, da es etwas Loyales hat. Die Streuung wird gerne als Strategie gelesen.

Veröffentlichungen auf einem Label helfen auch den anderen. Ich mag es nicht, dass in der elektronischen Musik soviel Politik betrieben wird. Weißt du, wenn du dich auf ein Label limitierst, dann schränkst du dich auch kreativ ein. Ein Label hat nun mal einen gewissen Sound. Und darum geht es mir nicht. Ich habe soviel kulturelles Hintergrundwissen, das ich möglichst vielseitig umsetzen möchte. Es ist nett, verschiedene Soundlandschaften zu erforschen, für einen selbst und auch für all die Labels. Natürlich ist es nicht gut, auf zu vielen zu veröffentlichen, sonst wird man wirklich zur Labelhure.

Wenn du gerade schon von Vielseitigkeit sprichst: "My Way" ist sehr vielseitig geworden. Es finden sich auf dem Album Cut&Discohouse-Tracks wie "Even White Horizons" und "My Way", aber auch eher dubbig-dezente Raumstudien wie "Installation". War es dein Anliegen, ein Album vorzulegen, das den ganzen Akufen repräsentiert?

Es ging mir definitiv darum, eine Synthese meines Katalogs der letzten drei Jahre vorzulegen. Es ist eine Grußkarte an alle, die mir geholfen haben, mein Material veröffentlicht zu haben. Denn das war für alle ein Risiko. Perlon beispielsweise. Sie haben eine Doppel-EP mit mir gemacht. Das hätte ein totaler Flop werden können, da ich mit dem Format nicht vertraut war. Aber nur so konnte ich erkennen, ob ich eine größere Kapazität besitze. Der Titel könnte nicht direkter meine Arbeitsweise der letzten Jahre wiedergeben: Ich wollte es unbedingt my way machen.

Gut, wenn du davon sprichst, deinen eigenen Weg zu gehen, bringt mich das natürlich sofort zu den Vergleichen mit der Arbeit von Matthew Herbert. Siehst du da Ähnlichkeiten?
Wir verfolgen beide dasselbe Ziel: Wir geben uns beide nicht mit den Maschinen und der Software zufrieden, die es auf dem Markt gibt - zu viele Musiker klingen heute gleich. Und wir machen es beide den Hörern nicht leicht. Unsere Musik versetzt die Leute in Unsicherheit, so ähnlich wie ein Ufo: Sie wissen nicht, woher diese Musik kommt. Und deshalb stellen sie Fragen. Wenn man den Leuten Standards präsentiert, dann nimmt man den Leuten auch ihre Vorstellungskraft. Aber ich habe keine direkte Message. Meine Musik ist dafür viel zu vage. Ich finde es wichtig, soviel Freiraum zu lassen wie nur möglich.

Du hast vorgestern nach dem SND-Auftritt zu mir gesagt, dass du in Interviews gerne über andere Dinge als Musik sprichst. Und was sind das für Themen, die dir wichtig sind? Matthew Herbert geht es ja sehr stark um politische Fragen zur Zeit.

Musiker hassen es, in Interviews über ihre Musik zu sprechen, über ihre Arbeitsweise. Egal, ob ich meine Freunde treffe oder zu Hause mit meiner Frau abhänge, ich rede fast immer nur über Musik. Klar, dass man da mal morgens aufwacht und sich fragt, ob man überhaupt interessant ist. Ob die Leute mit einem auch über etwas anderes reden können. Ich rede sehr gerne dummes Zeug. Ich bin ein großer Horrorfilm-Fan. Darüber rede ich sehr gerne.

Magst du Dario Argento?

Natürlich. Er ist ein Meister des Fachs. Über ihn rede ich auch sehr gerne. Aber auch über meine Familie. Die letzten Wochen in Europa waren schon hart: so viele Interviews. Und immer die gleichen Fragen. Man will sich ja nicht dauernd wiederholen, aber wenn du extrem hart daran arbeitest, nicht redundant zu sein, bist du total blockiert.

Hast du die Interviews denn umgeleitet?

Ich wünschte, ich könnte das schon, aber ich beginne ja gerade erst mit dieser Interview-Sache. Ich fühle mich heute schon viel relaxter als vor einigen Wochen. Es hängt viel davon ab, ob man eine intime Atmosphäre entwickeln kann. Ich habe beispielsweise ein Interview mit der BBC gemacht, und da war eine Kamera zwischen mir und dem Journalisten - aber er war so interessiert, dass ich die Kamera irgendwann nicht mehr bemerkt habe. Aber bei vielen Journalisten wirkt es so, als ob sie einen Job machen, aber nicht mit dem Herzen dabei sind. Ich habe ein Problem mit Journalisten, die sich als solche beweisen wollen - diesen Typus findet man gerade hier in Montreal sehr oft.
Deswegen mochte ich Fanzines immer so. Da weiß man, dass der Schreiber into it ist.
Manchmal wissen die Journalisten gar nichts über dich. Das ist doch absurd.

Du gibst die Interviews ja auf Englisch. Ist das eigentlich seltsam für dich? Immerhin gehört Montreal ja zum frankofonen Teil Kanadas, und Englisch/Französisch war hier zumindest lange Zeit eher ein Konflikt als ein Nebeneinander. Dass es durchaus Identitätsmomente besitzt, hat man ja auch bei der Eröffnungsveranstaltung gesehen, bei der durchweg alle Reden auf Französisch gehalten wurden.

Es ist sehr schwierig für mich. Zum einen natürlich aus den politischen Gründen: Wir verteidigen hier das Französische. Ich habe Latein studiert, um mein Französisch zu perfektionieren. Ich habe heute ein sehr großes Vokabular und schaue eigentlich permanent im Wörterbuch nach. Auf Französisch habe ich sehr viel mehr Möglichkeiten, mich auszudrücken. Auf Englisch kenne ich manchmal nur ein Wort, es ist aber immer nett, Synonyme zu kennen, da man dann stärkere Worte hat.
Ich habe mein Englisch in den letzten Monaten stark verbessert, vor allem durch die E-Mail-Interviews. Bei diesen kann man sich Zeit nehmen, alles nachschlagen und seine Formulierungen gut überdenken. Das ist natürlich ein sehr zeitaufwendiger Prozess, weshalb ich wegen der Menge der Anfragen immer mehr Telefoninterviews mache.

Lass uns noch mal kurz zu Dario Argento kommen. Kennst du Phantom & Ghost? Der Sänger ist auch ein großer Argento-Fan. Er spielt in seinen Texten mit Zitaten aus dessen Filmen. Könntest du dir das auch vorstellen?

Ich habe mit der Arbeit an einem neuen Projekt begonnen - das hoffentlich für länger bestehen wird: Horrorama. Wie es der Name sagt: Die Inspiration kommt von den ganzen Horrofilmen, die ich eigentlich permanent schaue. Meine Freundin wird schon wahnsinnig. Ich kann es auch nicht ändern, ich mochte es schon immer, wenn ich mich fürchte. Als Kind bin ich immer alleine in den Wald gegangen.
Das Projekt ist sehr stark von den Hammer Movies aus den 50ern beeinflusst, die Filme mit Peter Cushing, Christopher Lee - für mich die beste Periode des Genres. Ich mag diese schaurige Atmosphäre, die meistens aber auch etwas Ironisches hat, etwas Lustiges. Die B-Movies sind schon sehr cheesy. Die seriösen A-Movies langweilen mich oft, da sie zu ernst sind und da sie denken, Gore allein wäre schon genug. Ich stehe eher auf die subtileren Filme, die mit der Spannung spielen und gerade deshalb soviel mehr Adrenalin besitzen. Bei Leuten wie Hitchcock siehst du nichts, aber etwas passiert immer. Das "Blair Witch Project" ist für mich beispielsweise ein Masterpiece. Unglücklicherweise ist der Film zu einem Merchandising-Desaster geworden, und es gab schlechte Fortsetzungen, aber das Original ist brillant. Ich habe von Anfang bis Ende die Hand meiner Freundin gehalten. Immer wenn die Nacht kommt, wirst du ganz kribbelig, und wenn es wieder Tag wird, dann atmest du auf. Aber du weißt immer, dass am Ende doch noch was Schlimmes passieren wird. Oh, Horrorfilme, besetzte Häuser, spirituelle und schwarze Magie, das zieht mich alles an.
Meine aktuelle Musik ist sehr erfrischend, upliftend, aber ich möchte auch dunklere Wege beschreiten. Meine erste Veröffentlichung auf Revolver habe ich nach dem fünften Opfer von Jack the Ripper benannt: "Mary Jean Kelley". Jack the Ripper gehört zu den Highlights meiner Horrorfantasien. Als ich in der Gegend umhergestreift bin, in der er aktiv war, konnte ich die Energie jener vergangenen Tage spüren. Ich mag Plätze mit viel Geschichte. Ich mag keine neuen Häuser. Obwohl ich ein großer Technikfan bin, würde ich lieber in einem alten Haus wohnen, wegen der Geister, die dort aktiv sind. "My Way" ist in einem Haus im Norden Kanadas entstanden, ein Haus ohne Geister.

Ich dachte, du wohnst hier in Montreal.

Ich habe mir im Januar ein Haus gemietet, um das Album in diesem konsequent zu produzieren. Das Haus war nicht inspirierend. Das nächste Mal möchte ich ein wirklich altes Haus anmieten. So eines wie in "Misery" oder "Shining".

Geht es bei Horrorama nur um die Atmosphäre, oder samplest du auch direkt aus Filmen?

Es geht nur um die Atmosphäre und nicht um die Sounds. Ich möchte meine eigene Horrorvision kreieren.

Das ist auch besser so ...

... Wenn ich das machen würde, könnte ich mir gut vorstellen, dass es wie bei Akufen zu uplifting wird. In Horrorama wird es keine Cut-up-Samples geben. Es ist ein ganz anderes Projekt. Und dann habe ich noch eines: Music For Pregnancy. Vier meiner Freundinnen sind in der gleichen Woche schwanger geworden - das hat mich dazu inspiriert. Und natürlich die Schwangerschaft meiner Freundin vor fünf Jahren. Ein erster Track von diesem Projekt ist auf der "Oral 2" erschienen. Es geht darum, neun Tracks aufzunehmen, für jeden Monat einen.

Kennst du die Reihe "Music For Children" von Raymond Scott?

Ich habe davon gehört. Es ist reizvoll, Musik für eine bestimmte Gruppe von Leuten zu kreieren. Es geht darum, einen Kontext zu lesen. Ich weiß natürlich nicht, wie es ist, schwanger zu sein, aber ich versuche es. Es würde mich sehr reizen, Musik für geistig behinderte Menschen zu machen und sie ihnen vorzuspielen und zu schauen, wie sie reagieren. Ich brauche derzeit einfach eine Herausforderung. Die, andere Leute als Clubgänger zu erreichen, Menschen, die nicht so leicht zufrieden zu stellen sind.

Wobei du etwas zu hart mit deiner Musik ins Gericht gehst. Ich denke, dass sie sehr wohl für viele eine Herausforderung darstellt.

Dein Name ist die phonetische Schreibweise des französischen Wortes für Tinnitus: Acouphène. Ich habe in dem sehr schönen Interview mit Sascha Kösch in der De:bug gelesen, dass du folgende Assoziationskette damit verbindest: Klangstörung, Depression, Selbstmord. Klingt ziemlich nihilistisch für einen Projektnamen.

Es sollte die Musik verbildlichen. Akufen ist nichts, was am Anfang leicht zu handhaben ist, aber man kann lernen, damit zu dealen.

Es gibt da dieses surrealistische Spiel: cadavre exquis, bei dem jeder ein Wort auf ein gefaltetes Stück Papier schreibt. Am Ende entsteht so ein Satz, den es zu interpretieren gilt. Du machst dasselbe mit Sounds. Und sprichst davon, mit Intention zu arbeiten, also empathisch geführt den Zufall walten zu lassen.

Ich bin sehr von den Surrealisten und Dadaisten inspiriert, denen es um Spontaneität ging. Wenn man zuviel nachdenkt, verliert man die Essenz. Es ist wichtig, dass man spielerisch herangeht.

Hat das auch etwas mit Erfahrung zu tun? Denkst du, dass der Prozess des Produzierens mehr und mehr geplant ablaufen wird? Jetzt gerade hat es ja noch etwas sehr Kindhaftes.

Oh ja, definitiv. Als Erwachsener ... Ich bin eigentlich nie erwachsen geworden. Ich schau noch immer die gleichen Horrorfilme mit der gleichen Begeisterung. Wenn du dir die aktuelle Musikszene anschaust, ist vieles doch zu verkopft. Ich finde es wichtig, dass Musik auch leicht ist.

Was sagst du zu folgender Kategorisierung: Du sprengst Minimal Techno, indem du es mit einer Zukunftsvariante von Disco kreuzt. Das Ergebnis ist dann Digital Disco.

Ich weiß nicht, ob es das trifft.

Um ehrlich zu sein, haben wir den Begriff für Luomo geschaffen.

Weißt du, eigentlich ist es mir egal, wie du die Musik nennst. Ich definiere meine Musik über das Microsampling, da das am bezeichnendsten für meine Arbeitsweise mit den Radiosamples ist.

Ich denke, das Disco-Element in deiner Musik zeigt sich auch beim Tanzen. Es ist kein gerades Techhouse-Tanzen, sondern eher ein lustvolles Schwingen der Hüften. Man kann zu deiner Musik genauso schön durchdrehen wie beispielsweise im Studio 672, wenn sie am Ende offener werden und auch mal R'n'B auflegen.

Sicher. Disco ist mir aber immer noch zu geradlinig. Der beste Groove kommt für mich wie gesagt definitiv von Django Reinhardt und Stefan Rebily, vom Swing. Also Digital Swing. Oder noch besser: Digital Funk.

Ich habe die Promofotos von dir gesehen, auf denen du als Metzger zu sehen bist: mit Beil und blutverschmiert. Du scheinst ja noch immer stolz darauf zu sein. Immerhin hast du dich für das Coverfoto des Montrealer Stadtmagazins mit Schürze, Beil und voller Blut ablichten lassen. Und dann habe ich erfahren, dass du früher wirklich Metzger warst. Als Vegetarier ist das natürlich erst mal ein Schock für mich. Metzger ist ja irgendwie schon einer der, bitte verzeih mir, schlimmsten Berufe, die man sich aussuchen kann.

Die wenigsten haben die Idee verstanden, es ging um die Cut-up-Technik. Ich "metzgere" Sound. Das ist mein Problem mit den Deutschen, denn bei euch sind sehr viele Vegetarier. Das Foto sollte eigentlich aufs Cover der De:bug - aber sie haben es abgelehnt und statt dessen lieber ein kleines Foto von mir in die Ecke gestellt. Weißt du, ich war Metzger, aber nicht in einer dieser schlimmen Großschlachtereien, sondern in einem ganz kleinen Betrieb, in dem nur sehr alte Pferde geschlachtet wurden. Ich respektiere Tiere sehr. Ich würde nie jagen gehen, da ich nie ein Tier töten könnte. Viele Jäger töten einfach nur zum Spaß, das lehne ich ab. Aber andere, wie beispielsweise die Indianer, die jagen mit großem Respekt für die Natur. Unser Betrieb hat mit kleinen Farmern zusammengearbeitet, die ihre ganz alten Pferde, die kurz vorm Sterben waren, vorbeibrachten. Und wir haben kein Rind geführt - ich esse auch keins -, nur Pferdefleisch, das sehr gesund ist. Ich halte nichts davon, Tiere nur des Fleisches wegen zu züchten - die Pferde, die wir geschlachtet haben, hatten ein gutes Leben.
Ich war selbst drei Jahre Vegetarier - und hatte ein Burn-out wegen fehlender Proteine. Ich habe nun mal nicht die Zeit, mir eine vegetarische Diät anzulesen.

Ich muss dir eine kleine Anekdote erzählen. Als Mika Vainio beim "20 To 2000"-Event in Berlin gespielt hat, ist er den ganzen Abend mit einem Tablett rumgelaufen, auf dem ein geschlachtetes Reh in seinem Blut lag. Er ist damit auf die Bühne gegangen. Und wieder damit runtergekommen. Dann endlich hat ihn jemand gefragt, was es damit auf sich habe: Es war ein Geschenk für Carsten Nicolai. Und Mika war der Meinung, es müsse die Magie der Bühne erfahren haben, bevor es gegessen werden könne. Ich habe die Geschichte von Thomas Brinkmann.

[lacht] Ich kann mir gut vorstellen, wie Thomas das erzählt hat.

Hast du lange als Metzger gearbeitet?

Oh nein, nur ein paar Jahre. Ich brauchte Arbeit. Aber ich habe mich nie schlecht dabei gefühlt. Ich respektiere die Natur sehr. Ich habe noch nie eine Spinne oder ein Insekt getötet.

Kannst du mittlerweile von der Musik leben?

Ja, so seit ein paar Monaten.

Und davor?

Habe ich einen Fulltimejob gemacht. Das war natürlich hart. Ich war immer sehr müde. Und eines Tages hat mir meine Freundin deshalb gesagt, ich solle aufhören, sie würde ein Jahr lang für uns sorgen. Es müsse einfach sein, da sie nicht so weitermachen könne.

Das ist fantastisch von ihr gewesen.

Ja. Sie hat sehr an mich geglaubt. Und sie wusste, wie sehr mich mein Job fertigmacht. Ich habe in der Nachtschicht als Cartoonist gearbeitet - ich bin ja Maler, Illustrator und Cartoonist. Ich musste von 22 Uhr abends bis 9 Uhr schlechte Comics zeichnen. Ich habe während dieser Zeit meine Tochter kaum zu sehen bekommen. Wir sind in eine günstigere Gegend in Ontario gezogen, wo sie als Lehrerin gearbeitet hat - und ich habe Arbeitslosengeld bezogen. So konnte ich Akufen kreieren. Und es hat funktioniert.

Du hast es eben your way gemacht.

Exakt. Ich habe das gebraucht. Jeder Künstler muss an den Punkt kommen, wo er konzentriert sechs Monate bis ein Jahre an seiner Sache arbeiten kann.

Die meisten haben Angst, das bisschen Sicherheit zu verlieren. Das ist diese seltsame Mentalität des Überlebens, bis man sterben darf ...

Man muss ein Risiko eingehen. Darum geht es in diesem Business. Man muss alles wagen. Wenn es klappt: gut. Sonst muss man weitermachen.