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Sein Weg (mit Song)

Akufen

Marc Leclair gilt als die Techno-Entdeckung der letzten Zeit. Dass er gefragt ist, davon zeugen Akufen-Releases auf u. a. Revolver, Perlon, Traum und Force Inc ... Und deshalb ist er schwer zu packen, fliegt von Auftritt zu Auftritt - und wenn er mal in seiner Heimat Montreal weilt, widmet er sich d
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Marc Leclair gilt als die Techno-Entdeckung der letzten Zeit. Dass er gefragt ist, davon zeugen Akufen-Releases auf u. a. Revolver, Perlon, Traum und Force Inc ... Und deshalb ist er schwer zu packen, fliegt von Auftritt zu Auftritt - und wenn er mal in seiner Heimat Montreal weilt, widmet er sich der Familie. Kann man verstehen. Deswegen haben wir in dieser Ausgabe auch nur einen "normalen" Artikel - das große Feature (eigentlich war eine Homestory geplant) werde ich im Rahmen des Mutek-Festivals Ende Mai machen.

Hör dir zum Lesen des Artikels "Deck The House" von Akufen an. [ Klick ]

Viel unterwegs. Ein gutes Stichwort. Ich selbst sitze gerade am Flughafen und warte auf den Abflug der Maschine nach Athen. Das Bios 02 Festival lockt mit seinem grandiosen Line-up (siehe auch die Nachlese). Ja, Techno, Minimal- und Avantgardeelektronik sind heute weltweit gefragte Exportgüter. Nur so lässt sich auch erklären, wie es Akufen binnen kurzer Zeit geschafft hat, überall präsent zu sein. Und nicht nur Akufen ist der heiße Scheiß around, selbiges lässt sich auch für seine Heimatstadt Montreal sagen. Click & Cut, House & Techno, Minimal & Ekstase - die Stadt hat viele Facetten. Das hat sich auch bis zu Force Inc herumgesprochen, die ihren Amerika-Stützpunkt mal kurz dahin verlegt haben und eifrigst signen. Siehe auch die jüngst erschienene "Montreal Smoked Meat"-Compilation.

Und auch andere deutsche Labels holen sich gerne talentierte Künstler wie Adam Marshall, Jacob Fairley, Shaka, Jeff Milligan und natürlich Akufen ins Haus. Damit bekommt Kanada endlich etwas mehr Anerkennung - was im Umkehrschluss für eine noch fruchtbarere Szene vor Ort sorgt: Labels werden gegründet, Strukturen entstehen - all das, was jahrelang scheinbar nur in den Staaten möglich war. Wer beispielsweise an Richie Hawtin denkt, dem fällt sofort die Schote ein, dass er immer über den Lake Michigan nach Detroit gefahren ist, aber eigentlich nichts originär Kanadisches.

Vergangenheit. Labels wie Revolver, Dumb Unit, Hautec, Killer, Oral oder Blue Recordings werden als explizit kanadisch wahrgenommen. Akufen kommt in dieser kanadischen Blüte die Rolle des Superstars zu. Ein smarter noch dazu. Das fängt schon beim Namen an, der phonetischen Schreibweise des französischen Wortes für Tinnitus: Acouphene. Für ihn selbst sorgt dieser für folgende Assoziationskette: Klangstörung, Depression, Selbstmord. Das hat er Sascha Kösch in einem sehr tollen Interview erzählt. Und dass er sowohl das Wort als auch die Krankheit sehr poetisch findet: "Ich hatte immer den Hang, gehandikapte Menschen zu mögen. Sie leben in einer Parallelwelt. Sie sind sehr empfindsam und smart, weil sie doppelt so hart dafür arbeiten müssen, gehört zu werden."

Hart arbeiten. Ein gutes Stichwort. Noch kenne ich ihn nicht persönlich, aber aus allem, was ich da so gehört habe, leite ich eine unglaubliche Energieleistung ab. Akufen arbeitet mit einer sehr hohen Präzision an seinem transparenten, gegenüber Experimenten sehr offenen Sound - vor allem beim Rhythmus experimentiert er gerne und viel. Diese Musik ist das Ergebnis von sehr akribischer Detailarbeit an Sounds und Arrangement. Akufen arbeitet mit Radiosounds. Deswegen liegen Vergleiche mit Matthew Herberts Projekten Radio Boy und Herbert auf der Hand - und machen auch Sinn. Er stellt wie der Engländer Presets in Frage.

Was Matthew die Sound der greifbaren Welt, sind Akufen die Radiowellen. Das im Äther gefundene wird dem Zufallsprinzip nach zusammengebastelt. Oder weniger beliebig ausgedrückt: nach Intention. Er spricht davon, dass man die Elemente fühlen muss, es zu einem Zusammentreffen von Kunst und Chemie kommt. Zustande kommt dieses Treffen nach den Regeln eines alten surrealistischen Spiels: "cadavre-exquis", das euch allen sehr gut aus der Kindheit bekannt sein dürfte. In unserer Variante hat jeder immer ein Wort auf ein gefaltetes Stück Papier geschrieben. Am Ende entstand so ein Satz, den es zu interpretieren galt. Akufen macht selbiges mit Sounds. Heraus kommt dabei eine Welt voll bezaubernder Klänge. Und das Schöne dabei, er klebt nicht an dem einen limitierten Modell, sondern erfindet sich für jeden Release wieder ein bisschen neu. Zwischen den Platten arbeitet er mit derselben Detailliebe wie auf den Platten. We call it Gesamtkunstwerk.

Die Novizen in Sachen Akufen werden nach so viel Hinleitung zu Recht fragen: Wie klingt das denn nun? Nähern wir uns von der Begrifflichkeit Minimaltechno aus. Akufen sprengt die Grenzen dieses Genres. Seine Musik klingt wie Disco, nachdem diese durch die Zukunft gejagt wurde. Und dank des Radios und der Mystik der Wellen hat er Zugriff auf sie. Remember: Das Philadelphia Experiment, was auch eine nette Soundreferenz ist. Akufen holt sich mal so eben das beste aus den Welten von Herbert, Nick Holder, Daniel Bell und wie sie alle heißen, die forschenden Swinger da draußen - und legt noch das ein oder andere Populärsample bei. Durch den Kontrast aus den Radiosamples und seinen deepen Chords bekommen die Tracks einen Technoswing, der seinesgleichen suchen kann. An jeder Taktgrenze kann das Splittersample kommen, das alles noch mal neu eicht, den Track in eine neue Eben überführt - oder einfach nur einen kurzen Zwischenstep markiert. In diesen Zwischenmomenten klingt er wie eine Mischung aus Kölner Minimalismus und Dr. Rockit.

Ja, Akufen bricht den Minimalimus auf, lässt ihn hinaus in einen hellen, großzügig designten Raum. Es hat etwas Magisches, wie er den pumpenden Groove in ein funkig-klickerndes Umfeld platziert, ihn mit Dubeffekten dekoriert - und wenn er dann noch Vocals mit einbaut ist es um mich sowieso geschehen. Das kann dann richtig hedonistisch werden, genauso wie er in anderen Momenten auf Ruhe setzt, eine relaxtere Atmosphäre kreiert. Diese Tracks sind dann geprägt von einem filigranen Bass. Nachzuhören auf "Psychometry Vol. 1-3". Und aus all den Gründen und mit all den Klängen ist er nun auf Force Inc. gelandet, der Mutter aller deutschen Technolabels.

"My Way" ist ein würdiges Debütalbum geworden, was so viel heißt, dass es repräsentativ für sein bisheriges Schaffen steht, für alles, was hier so episch ausgebreitet wurde. Cut & Discohouse-Tracks wie "Even White Horizons" und "My Way" stehen stimmig neben eher dubbig-dezenten Raumstudien wie "Installation". Es ist mir ja ein Rätsel, aber selbst die nervöseste Samplemania-Karussellfahrt dieses Albums ist tanzbar. Dass Akufen am Ende "I wanna do it my way" zu uns rübersingt, ist der Bescheidenheit nun wirklich zuviel. Als ob er nicht selbst wüsste, wie herausragend sein Werk ist.