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Der Letzte seiner Art

Ahzumjot war schon vorher da

Hoffnungsträger des heimischen HipHop werden dieser Tage gleich im Dutzend ausgerufen. Unser Autor Jan Wehn ist nicht der Einzige, der sich fragt, wie lange das noch gut gehen kann. Bis dahin trifft er lieber Künstler, deren Musik auch noch Bestand haben wird, wenn die Goldgräberstimmung vorbei ist. Zum Beispiel Ahzumjot, der schon Hoffnungsträger war, bevor die große Hypemaschine angeworfen wurde. Foto: Katharina Poblotzki
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Autor: Jan Wehn

Deutschem Rap, das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, geht es so gut wie nie. Die Szene ist vielschichtiger denn je. Ausnahmslos jedes neue Release schafft es in die Charts. Nicht selten sogar unter die vordersten drei, fünf oder immerhin zehn Plätze. Der selbstironische Gangsterrapper mit Faible für den Westcoast-Sound der 90er und der gefühlsduselige Emo-MC ohne genrespezifische Scheuklappen veranstalten dort seit gut einem Jahr ein mitunter in Heavy Petting ausartendes Gruppenkuscheln, während die Fans kopfnickend und die Labels händereibend dabei zusehen. Natürlich kommt der Erfolg nicht von ungefähr: Die Qualität der Musik ist enorm hoch, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Goldgräberstimmung der Plattenfirmen und die Idee vom Traumberuf Rapper diesem selbstbesoffenen Hoch ein jähes Ende setzen werden.

Aber bis es so weit ist, werden im Akkord weiter ultimative HipHop-Hoffnungsträger ausgerufen. Ahzumjot war schon einer, bevor die große Hypemaschine angeworfen wurde. Wenn dieser Tage mit »Nix mehr egal« sein zweites Album erscheint, wird es mit Sicherheit eines der letzten wirklich wichtigen einer dreijährigen HipHop-Hochzeit sein. Weil es eben nicht klingt, wie alles gerade klingt. Wie einfach wäre es für Ahzumjot gewesen, ein Album aufzunehmen, dass den Schwermut eines Casper mit den Flows und Beats von aktuellen Trap-Trends aus den USA vermengt? Der 25-jährige Hamburger, der mittlerweile in Berlin lebt, hätte so eine Platte aus dem Handgelenk schütteln können: Rein ins Studio, raus in die Läden, sich eine Woche in den Top Ten sonnen und dann in Vergessenheit geraten. Aber stattdessen tönen diese 13 Songs ganz anders und hallen nach.
 
Das liegt in erster Linie daran, dass Ahzumjot schon länger Musik macht als ein Gros der Rap-Novizen um ihn herum: Zu einem Zeitpunkt, an dem sich in Deutschland abseits einer treuen Hörerschaft niemand groß für HipHop zu interessieren schien, hockte Ahzumjot nach – und gerne auch während – der Schule vor dem Rechner und baute einen Beat nach dem anderen, schrieb Text um Text. 2005 konnte AJay, wie sich Ahzumjot zu diesem Zeitpunkt noch nannte, bereits auf eine beachtliche Diskografie von vier EPs, drei Mixtapes sowie diversen Solo-, Kollabo- und Remix-Alben blicken. Veröffentlichungen, die zwar nur per CD-R oder USB-Stick die Runde auf dem Schulhof machten, die in ihrer Masse aber auch schon zeigten: Da meint es einer verdammt ernst.

2011 nimmt er mit »Monty« sein erstes Album als Ahzumjot auf. Tatsächlich gibt es zu diesem Zeitpunkt schon erste Angebote von Labels, die Ahzumjot aber ausschlägt. Er will es lieber selbst machen – der Erfahrung wegen. Nach Feierabend brennt er an drei Laptops gleichzeitig CDs, schlägt die schon fertigen Exemplare in pinkes Geschenkpapier, er unterschreibt Sticker und bringt alle 400 vorbestellten Alben eigenhändig zur Post. So viel Elan und Ehrgeiz zahlt sich aus. Nachdem das Album draußen ist, spielt Ahzumjot Touren mit Cro und Rockstah, begleitet Casper live und wird als eines der nächsten großen Dinger gehandelt. Aber irgendwann soll ein neues Album her. Ahzumjot will jetzt den nächsten Schritt gehen. Nach diversen Gesprächen mit Labels entscheidet er sich dafür, nicht Hals über Kopf irgendwo zu unterschreiben, sondern nach Berlin zu ziehen und sich zunächst mal ein Management zu suchen und in Ruhe an seinem Album zu arbeiten.

Gemeinsam mit seinem Schulfreund Levon Surpreme, der ihn musikalisch schon auf »Monty« unterstützte, stellt er schnell fest, dass das gar nicht so einfach ist. Denn sie haben ungefähr 200 Beatskizzen, aber keine richtige Ahnung, was daraus eigentlich werden soll. »Natürlich hätten wir das Album auch alleine machen können«, sagt Ahzumjot. »Aber musikalisch wäre das niemals das geworden, was uns vorschwebte. Wir wollten analoge Synthies und echte Instrumente.« Der rohe und unfertige Klang auf Ahzumjots Debütalbum »Monty« sei damals nicht entstanden, weil er es so wollte, sondern weil er es eben nicht besser wusste. Sein Anspruch sei schon immer ein anderer gewesen. »Also brauchte ich jemanden, der meine Vision versteht, aber mir und Levon auch noch genug Mitspracherecht lassen würde.«

Casper hat 2010 vorgemacht, was passiert, wenn man auf Synergien setzt und vor allem einen versierten Produzenten an seiner Seite hat. DJ Stickle und Steddy von Timid Tiger verhalfen »XOXO« erst zu seiner enormen Größe, während Markus Ganter »Hinterland« mit dem nötigen Twist versah. Für Ahzumjot ist Nikolai Potthoff dieser Mann. Die beiden lernen sich über Ahzumjots Management kennen. Nach einer kurzen Phase der gegenseitigen Beschnupperung sagt Potthoff zu, und schon das zweite Treffen des Trios artet in eine überlange Produktions-Session aus. So reifen in den nächsten Monaten aus den unfertigen Skizzen erst Songs und schließlich ein eigener Sound, der groß und heftig, mitunter gar pathetisch, aber nie platt klingt und letzten Endes das ganze Album zusammenhält.

Zitate aus KanYe Wests »My Beautiful Dark Twisted Fantasy« finden sich darauf genauso wieder wie die epischen Mitsing-Momente auf Coldplays »Viva La Vida« oder Anleihen an »Third« von Portishead. Noch eine Schicht darunter hat Nikolai Potthoff sein Faible für basslastige UK-Musik von Disclosure und zeitlose Sample-Spielereien von The Streets versteckt, während Ahzumjot sich ab und an Flow- und Betonungsvarianten bei A$AP Rocky ausborgt. All diese kleinen Querverweise und augenzwinkernden Zitate sind derart wohldosiert und behutsam in das Klangbild eingebettet, dass man keine Sekunde an schamlos zusammengeklaute Inspirationslosigkeit denkt, sondern über die raffinierte Vermengung nur staunen kann.

»Auf ›Monty‹ gab es viele schiefe Sounds, und es fehlten ein paar Bässe. Ich wusste es schlichtweg nicht besser«, erinnert sich Ahzumjot. »Aber die Naivität, mit der wir darangegangen sind, hat dem Album auch seinen einzigartigen Charakter verliehen.« Die naive Herangehensweise an den Sound ist genauso gewichen wie Ahzumjots ganz persönliche Zweifel über seinen Werdegang. Beschäftigte »Monty« sich noch mit der Sinnsuche zwischen Abitur und Aushilfsjob und ließ immer wieder einen ängstlichen Anfangzwanziger zu Wort kommen, der mit all seinen Möglichkeiten heillos überfordert schien, ist »Nix mehr egal« ein Platte gewordenes Plädoyer für das Selbermachen.

»Du kommst auf die Welt, und sofort will jeder etwas von dir«, sagt Ahzumjot. »Dass deine ersten Worte ›Mama‹ und ›Papa‹ sind, dass man beim Abi einen Anzug trägt und dann schnell einen Job findet. Ich habe mich irgendwann gefragt: Warum interessiert dich eigentlich, was die Leute von dir wollen? Es geht doch um dich und dein Leben!« Schon im ersten Stück fragt Ahzumjot deshalb »Wann bin ich dran?«, zerstört danach das »Schlaraffenland«, um sich von all den Zwängen seines Lebens und den Erwartungen anderer freizukämpfen, um dann mit »Tag 1« zu schließen. Dem Tag, an dem Ahzumjot sich seine eigene Welt erbaut.

Die große Frage ist nur: Ist Ahzumjot einer der Letzten seiner Art? Oder gar schon zu spät dran mit dieser ambitionierten Platte, die im Überfluss und Überdruss absaufen könnte? »Das sollen andere entscheiden«, winkt er ab. »Mit Sicherheit gibt es Menschen, die mich jetzt schon in den Himmel loben, und es gibt Leute, die sagen, ich solle mich erst mal beweisen. Deutschrap erinnert mich gerade sehr an die Zeit vor zehn Jahren, als die Leute plötzlich keine Lust mehr auf Straßen- und Gangsterrap hatten. Aber meine Musik soll abseits von Übersättigung, Trends und Hypes wahrgenommen werden. Ich habe dafür alles gegeben und werde das auch weiterhin tun – da kann mir auch egal sein, wenn sich im nächsten Jahr die Spreu vom Weizen trennt.«

Wie heißt es so schön in »Es ist gut wie es ist«?

»Ich sag, es ist gut, wie es ist.
Und ich hör gar nicht zu, wenn du sprichst.
Und sehe gar nicht hin, wenn du den Weg zeigst
– ich leb für die Ewigkeit!«

Glückwunsch zu so viel Gelassenheit. Da können einem Deutschraps Auf- und Abwärtsbewegungen auch egal sein.

Ahzumjot »Nix mehr egal« (Vertigo Berlin / Universal / VÖ 22.08.14)