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und ewig lockt das weib ...

Afghan Whigs

"In der Beziehung zieht immer einer von beiden den Kürzeren, oder?" fragt Dulli rhetorisch. Sein exhibitionistischer Mut, triebbedingte Gelüste in Rockmusik zu verarbeiten, sind Ergebnisse von Erfahrungen. Dulli weiß, wovon er spricht. Seit jeher hoffnungslos der Weiblichke
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"In der Beziehung zieht immer einer von beiden den Kürzeren, oder?" fragt Dulli rhetorisch. Sein exhibitionistischer Mut, triebbedingte Gelüste in Rockmusik zu verarbeiten, sind Ergebnisse von Erfahrungen. Dulli weiß, wovon er spricht. Seit jeher hoffnungslos der Weiblichkeit verfallen, kennt er sich aus in Sachen Beziehungskiste. Mal als geiler Muskelprotz ("'cause she wants love and I still wanna fuck" in "Be Sweet"), dann als devotes Betthupferl ("get off that stuff she said and I'll stone you instead" in "I'm Her Slave"). Hier zieht es ihn, dort sinkt er hin. Kein Wunder also, daß Dulli seinen Verstand im Hüftbereich vermutet.
Der Autor hat sein Ziel klar definiert: "Angreifen will ich. Meine Hörer berühren und beeindrucken. Dafür ist eine Portion Selbstbewußtsein Pflicht, die Worte auszusprechen, wie sie sind." Beispielsweise MORISSEY mit seiner leidenden Unterwürfigkeit ist ihm ein Graus. MARVIN GAYE hingegen symbolisiert den Idealtypus des offensiven Popstars. Einerseits charmant und selbstbewußt direkt, andererseits kompromißlos human und ehrlich. Einer, der die Kontrolle über sein Publikum hat. So will auch Greg Dulli sein. "Hi, we're the AFGHAN WHIGS and we come from America. And ladies, you know, everything is BIG in America", begrüßte Greg Dulli das Auditorium während der letzten Deutschland-Tour und prompt kamen Bierbecher aus Reihen dogmatischer PCler geflogen. Manch einer tut sich eben schwer, aus solch' rustikalem Genitalposing den Anteil erfrischender Selbstironie herauszulesen.
Im Jahre 1996 ist ein Brückenschlag von MARVIN GAYE zu den AFGHAN WHIGS nichts Außergewöhnliches mehr. Doch das war nicht immer so. Jahrelang waren die Männer aus Cincinatti als Genremißverständnis durch die katalogisierten Regale der Plattengeschäfte gegeistert. Eine Mitschuld daran trug sicher das Firmenlogo "SubPop" auf ihren frühen Alben. Das Label, welches 1989 zwar weltweit am ehesten geeignet war, die AFGHAN WHIGS zu veröffentlichen, repräsentiert bis heute mehr als alles andere den Markenartikel "Grunge". Die Medien speicherten die Band in der Kategorie der Seattle-Posse ab. Kein Wunder, schließlich erfüllte ihr Label-Debüt "Up In It" (1989) die dafür erforderlichen Spezifika: verzerrte Gitarren, schräge Vocals und laute, sich überschlagende Instrumentalparts.
Erst als einige Zeit später zaunpfahlgleich die Maxi-Single mit dem SURPREMES-Cover "My World Is Empty Without You" erschien, legte sich manche Stirn in Falten, ob der Band neben Energie nicht auch Seele zuzutrauen wäre. Man konstatierte, daß dieser Greg Dulli zwar weiß wie eine Kalkwand sei, sich aber mit den entsprechenden "Uuuhs" und "Ahhhs" bemühe, wie der heisere AL GREEN zu klingen. Daß seine Kopfstimme dabei nicht unbedingt den harmonischen Anforderungen entsprach, machte die AFGHAN WHIGS nur interessanter, denn diese Schrägheit klang herzerfrischend neu.
Während "Up In It" und der selbstproduzierte Erstling "Big Top Halloween" (1988) noch ein ungehobeltes Tarieren des eigenen Stils gewesen waren, präsentierten sich AFGHAN WHIGS mit "Congregation" (1991) bereits unerwartet komplett. Auf dem Albumcover prangt eine schwarze Frau mit einem weißen Säugling, beide nackt. Eindeutiges Indiz einer Zielsetzung. Die Synthese von Soul mit Gitarrenunderground. Auf der Singleauskopplung "Turn On The Water" traten erstmals groovige Keyboardläufe zu den traditionellen Gitarrenriffs. Allerdings fleddern noch College-Shirts und kurze Hosen an den AFGHAN WHIGS. Zwei Jahre später ist dann auch der Image-Wechsel vollzogen. Feiner Zwirn bedeckt die Schultern der vier Musiker auf dem Cover ihres ‘93er-Albums. Programmatischer Titel: "Gentlemen". Allmählich entwickelt sich ein dezidiertes Empfinden fürs Optische. Der ehemalige Filmstudent Greg Dulli und sein Bassist, der Fotograf John Curley, beginnen, Drehbücher zu schreiben. Gemeinsam inszenieren sie einige der Video-Clips für die AFGHAN WHIGS. Ein Konzept zur Rockstarkompatibilität der Band entsteht, mit dem sie sich wiederum an den Soulgrößen der Siebziger orientieren. Die Zeit der zerrissenen Jeans ist zu Ende. "Wir wollen nicht mehr wie Scheiße aussehen. Unsere Show muß ein Ereignis sein." Bequeme, adrette Anzüge unterstreichen das Bild der AFGHAN WHIGS als Rockband mit Cocktailappeal. Champagner und Hotellounge statt Flaschbier und Backstagebunker, so die Devise. Die Musik mit Songs wie "What Jail Is Like" und "Fountain And Fairfax" besticht durch ihre energiegeladene Melancholie. In der Umsetzung zu staksig zwar, um in Konkurrenz zu "Motown"-Klassikern zu treten, dafür von ähnlicher Schwere wie weiland MARVIN GAYE mit "Mercy, Mercy Me" oder AL GREEN mit "What A Wonderful Thing Love Is". Dullis 100prozentiger Wiedererkennungwert liegt einmal mehr in seinem konstanten Hang zur Dissonanz. Kompositorisch längst auf Weltniveau überwiegt auf "Gentlemen", dem Major-Debüt der Band bei „Warner Bros.“, noch deutlich der Anteil Rock.
1996 lösen die AFGHAN WHIGS das nie verbal geäußerte Versprechen der Zusammenführung von schwarzer Attitüde und weißen Rhythmen mit letzter Vollendung ein. "Black Love" heißt es. Reibungslos gelingt die Einbindung von Streichern, Bläsern und Keyboards in die typisch WHIGSschen Arrangements. Wieder kündet Greg Dulli vom Außenseiterdasein. Suhlt sich im lyrischen Element des einsamen Romantikers, der die Frauen will, wenn sie ihn nicht wollen, und andersherum. Sogar den Bruder einer Frau muß er diesmal aus dem Weg räumen, um sie zu seiner Geliebten zu machen. Es ist wirklich ein Kreuz. ... und ewig lockt das Weib!
Die AFGHAN WHIGS - als Liveband um die entscheidenden Grade beeindruckender als im Studio - entscheiden sich bei der Produktion, Monitore anstatt Kopfhörer beim Einspielen zu verwenden. Das Bühnenflair wird ins Aufnahmestudio geholt. Ein Besetzungswechsel am Schlagzeug stopft das kleine, aber latente Loch im rhythmischen Bereich. Ergebnis ist ein packendes Nebeneinander von rock'n’rolliger Ambition und cleveren Soul-Zitaten. Greg Dulli und seine Mannen nehmen kräftig Kakao in die Milch. Der Albumauftakt "Crime Scene Part One" mit seinen schrägen Keyboardarien, die in pulsierende Gitarrenakkorde münden, darunter dampft eine fahrende Lokomotive. Die AFGHAN WHIGS machen eine gut 50minütige Reise. Eine musikalische Berg- und Talfahrt. "Blame, Etc." erinnert in seiner Dynamik an ISAAC HAYES' Hit "Shaft". Tuckernden Phil Spector-Gitarren mit einem Teppich aus Tastenistrumenten werden süßliche Streicher hinzugefügt. Unüberhörbar die Reminiszenzen an PRINCE - "In den 80ern das einzige lebende Musik-Genie", sagt Dulli -, z. B. mit dem ausklingenden Piano am Ende des monumentalen Album-Finales "Faded", gleich dem Schlußakt aus "Purple Rain". Darunter die Lok, die in den Bahnhof zurückkehrt.
"Black Love" ist ein großer Wurf. Es ist die Musik, die den Schulterschluß zwischen Detroit, Memphis und Seattle als Hauptstädte generationsübergreifender Popsounds schafft. Drei rhythmisch bubbernde Herzen finden ihren Gleichklang in einem Körper und der hat einen Namen: AFGHAN WHIGS.