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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Würden die Leute mehr Schlaghosen tragen, wäre die Welt ein groovigerer Ort.«

Adam Green im Gespräch

Wir sprachen mit dem New Yorker Antifolk-Helden über seinen aktuellen Film und Soundtrack »Aladdin«, seine wilden Zwanziger und wieso man nur ein Mal im Leben die Chance bekommt, eine Welt aus Pappmaché zu bauen.
Geschrieben am
Adam Green, der als Inbegriff des in Brooklyn lebenden und Schlaghosen tragenden Low-Budget-Künstlers gilt, brachte dieser Tage sein bislang ambitioniertestes Projekt an den Start. Für seinen Film und die gleichnamige LP »Aladdin« ließ sich der Sänger und Filmemacher vom literarischen Vorbild »Tausendundeine Nacht« inspirieren. Herauskam eine skurrile Pappmaché-Welt, die so oder ähnlich schon in vielen Green Songs besungen wurde. Drei Jahre hat der New Yorker an den verschiedenen Ebenen seines ehrgeizigen Vorhabens gearbeitet. Das neue Album, sein erstes Solowerk seit 2010, nahm er 2014 über die Weihnachtstage in Los Angeles auf. Ein paar Monate bevor er sich an die Produktion des Films traute.
Mit Mitte 30 blickst du, als Wegbereiter des amerikanischen Antifolk, nicht nur auf eine Kariere mit den Moldy Peaches zurück, sondern auch auf sieben Soloalben, Filmprojekte, Gedichtbände und diverse Kunstausstellungen. Hast du den Eindruck, dass deine Kunst verstanden wird?
Ich versuche, nicht darüber nachzudenken. In »Aladdin« beispielsweise stehen ein Flaschengeist, eine Prinzessin und diverse Pappmaché-Skulpturen im Zentrum der Erzählung. Figuren und Bilder, die ich schon in vielen meiner Songs besungen habe. Ich denke, dass diejenigen die Moldy Peaches mochten oder meine Soloprojekte gehört haben, verstehen was ich ausdrücken will.

Für deinen neuesten Film hast du dich von der Erzählung »Tausendundeine Nacht« inspirieren lassen. Wieso gerade diese Geschichte?
Es ist eines meiner Lieblings Märchen. Aus diesem Grund fand ich die Vorstellung, die Aladdin-Geschichte als eine Art Materialisten-Märchen zu inszenieren, amüsant. Der Film zeigt, was mit Menschen geschieht, die im grenzenlosen Wohlstand leben. Und welche Auswirkungen der ständige Konsum unserer Gesellschaften auf unseren Geist haben.

Gibt es eine Figur im Film, die dir ähnlich ist?
Bestimmt. Prinzessin Barbara, gespielt von meiner Freundin Bip Ling, hat mich manchmal an meine Zwanziger erinnert. Zu der Zeit war Promiskuität etwas ganz normales für mich und meine Freunde. So ist es bei ihr auch. Und um diesen Umstand geht es auch im Film.

Moderne Neuinterpretationen von Märchen sind mittlerweile ein beliebtes Filmgenre. Was ist an Märchenfiguren so interessant?
Anhand der Geschichten kann man viel über menschliche Wesenszüge und -Mechanismen lernen. Und sich immer wieder auf eine modernere Version eines Märchens einzulassen, bedeutet, die eigene Umwelt und die Menschheit zu reflektieren.


Drei Jahre hast du gleichzeitig an Film und Album gearbeitet. Wie hast du dich mit der Doppelbelastung arrangiert? 
Die Arbeit am Skript und an der Musik lief parallel. Zwischendurch war ich mir nicht mehr sicher, ob das, was ich gerade schrieb, nun besser zu einem der Dialoge oder zu einem Songtext passen würde. Am Ende war das aber auch gar nicht so wichtig, weil beides dem gleichen Geist folgt.

Hattest du dem Projekt tatsächlich so viel Zeit eingeräumt?
Ich hatte keine Vorstellung davon wie lange es dauern würde. Diesen Luxus leisten sich nur wenige Künstler. Aber wenn ich jetzt zurückblicke, stelle ich fest, dass ich eigentlich jeden einzelnen Tag gebraucht habe. Es gab keinen Tag an dem ich mich nicht mit dem Film oder dem Album beschäftigt habe.

Wie ich hörte, habt ihr den Film und das Album via Kickstarter finanziert. Wie ging es dann weiter?
Also erst einmal schrieb ich das Drehbuch. Kurz darauf ging die Kickstarter-Kampagne los. Im Anschluss nahm ich das Album auf. Später kümmerte ich mich um die Umsetzung des Films, schrieb das Storyboard, stellte ein Team zusammen und ging auf die Suche nach einer Lagerhalle in Brooklyn. Meine Frau Yasmin, die eigentlich für Google arbeitet, hat die Produktionsleitung übernommen. Sie ist brillant und einer der schlausten Menschen, die ich kenne. Ohne ihre Hilfe wäre der Film nicht so professionell geworden.

Wieso hast du ein solches Projekt nicht schon früher realisiert? 
In meinen Zwanzigern hätte ich es niemals geschafft, mich drei ganze Jahre auf eine Sache zu fokussieren. Durch die Arbeit am Film wurde mir klar, wer meine Freunde sind und auf wen ich mich verlassen kann. Das sind alles Dinge, die ich damals noch nicht wusste.
Was genau war mit Mitte Zwanzig anders? 
Schwer zu sagen. Ich will nicht alles was ich gesagt und getan habe, negieren. Ich würde es so erklären: früher habe ich aus einer Alles-ist-so-unfair-Haltung heraus gehandelt. Wenn jemand etwas gesagt hat was ich blöd fand, habe ich einfach nicht mehr mit ihm gesprochen. Es war immer alles dramatisch und emotional. Das ist irgendwann nicht mehr so. Heute bin ich viel entspannter.

Bist du auch glücklicher als früher?
 
Ja.

Gibt es dennoch Momente, in denen du dich in deine Zwanziger zurück wünscht? Ehrlich gesagt, nein. Aber ich erinnere mich daran, dass ich immer 30 sein wollte. Als ich mal einen Auftritt in New York hatte, saß ich kurz vor Mitternacht in meiner Garderobe. Ich lief nervös auf und ab und stellte mir vor, das wenn die Uhr Mitternacht schlägt, ich plötzlich 30 bin. Ich hielt es schon damals für erstrebenswert 30 zu werden.

Aber deine Zwanziger hast du auch in deinem Film nicht abstreifen können. Denn ohne die Mithilfe deiner engsten Freunde Macaulay Culkin, Zoë Kravitz und Natasha Lyonne, wäre das Projekt vermutlich schwer realisierbar gewesen.
Jeder der an diesem Film mitgewirkt hat, dazu zähle ich alle meine Schauspielfreunde und die vielen Freiwilligen, haben einen großen Beitrag geleistet. Als ich begann mir eine Crew zusammenzustellen, fragte ich erst auf Facebook nach, ob jemand Lust hätte mir mit den Pappmaché-Skulpturen zu helfen. Auf diesen Beitrag haben sehr viele Menschen geantwortet. Wirklich sehr viele. Einige davon haben jeden Tag mit mir in der Lagerhalle in Brooklyn gearbeitet und das den ganze Sommer über. Und es war wirklich schwül und anstrengend.

Und die Menschen haben sich freiwillig gemeldet?
Die meisten von ihnen hatten Semesterferien. Es waren ein paar Theaterwissenschaftler dabei, aber auch befreundete Musiker. Ich denke, es war allen klar, dass sie nur ein Mal im Leben die Chance bekommen eine Welt aus Pappmaché zu bauen. Und wir haben gleich 
500 Skulpturen und Hintergründe gebastelt.

Die Band, mit der du den Soundtrack zum Film aufgenommen hast, besteht aus interessanten Mitgliedern der Silver-Lake-Indie-Szene. Angefangen bei Schlagzeugerin Stella Mozgawa (Warpaint), Gitarrist Rodrigo Amarante (Little Joy) bis hin zu Josiah Steinbrick sind Teil des Soundtracks und damit auch Teil des Films, oder nicht?
Mir ist wichtig, dass beides getrennt voneinander funktioniert. Man kann das Album hören ohne den Film zu sehen und den Film ohne die Musik zu kennen. Es gibt ein Album und einen Film – und wenn beides zusammenfindet, ergänzt das eine das andere.

Wie würdest du deinen Film beschreiben, wenn du müsstest? 
Wie eine Schlaghose. Ich bin mir sicher, würden die Leute wieder mehr Schlaghosen tragen, wäre die Welt ein groovigerer Ort.

Adam Green

Aladdin (Bonus Track Version)

Release: 29.04.2016

℗ 2016 Revolver Distribution Services