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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Der erste Adam ... tut, was Adam tun muss

Adam Green

Adam Green ist wieder da. "Schon wieder? Der war doch erst da. Wohnt der jetzt hier? Sollte sich mal 'ne Pause gönnen." So reagierten Freunde auf die Neuigkeit, dass ich Adam Green interviewe zu seiner neuen Platte. "Und wie ist die neue?" Hm, ziemlich eklektisch, ich glaube, er will zu viel. Zu vie
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Adam Green ist wieder da. "Schon wieder? Der war doch erst da. Wohnt der jetzt hier? Sollte sich mal 'ne Pause gönnen." So reagierten Freunde auf die Neuigkeit, dass ich Adam Green interviewe zu seiner neuen Platte. "Und wie ist die neue?" Hm, ziemlich eklektisch, ich glaube, er will zu viel. Zu viele Stile, zu viel Vaudeville, zu viel Stimmenimitator. Ich war schon gespannter vor Interviews. Weiß ich nicht alles von dem, aus 1000 Interviews? Dann werde ich auch noch Zeuge, wie Adam Green vier Mal die Treppe im Kölner Hallmackenreuther rauf und runter laufen muss, "Kulturzeit" braucht Schnitt-Footage. Danach wird er noch weniger Lust haben auf das achte Interview des Tages. Also gleich anfangen mit einer blöden Frage.

Was hast du mit den folgenden Leuten gemeinsam: Joe Cocker, Tina Turner, Chris De Burgh?
Hä? [leicht genervt] Denselben Geburtstag, oder was?
All diese Leute sind nirgendwo so populär wie in Deutschland.
Ja, ich habe mehr Platten in Deutschland verkauft als in irgendeinem anderen Land. Es liegt aber nicht nur daran, dass ich über Käse schreibe und die Deutschen verrückt nach Cheeseburgern sind. Wegen angeblich obszöner Texte werden meine Songs in den USA nicht gespielt, nicht im Radio, nicht bei MTV, nicht bei den TV-Shows. Hätte ich "Emily" bei Letterman und Conan O'Brian gespielt, dann hätte ich viel mehr Platten verkauft.

So hat er "Emily" mit der Harald Schmidt Showband gespielt und Leute erreicht, die den Namen Adam Green nie gehört hatten. Und viele, die sehen wollten, wie sich Green bei Schmidt schlägt und wie Schmidt mit Green umgeht. Ob es im engmaschigen Setting der Show zu einer Begegnung kommt? Eher nicht. Begegnet ist ihm dann Gero von Boehm auf 3sat. Für Gero von Boehm wie fürs deutsche Feuilleton wurde Green interessant, als Suhrkamp im vorletzten Winter seine Skizzen und Notizen unter dem Titel "Magazine" rausbrachte. Dass der doppelt so alte Thomas Meinecke als Übersetzer fungierte, tat ein Übriges. Die taz sah Boehms Visite in Greens Brooklyner 12qm-Apartment so: "So stellt von Boehm genau die Fragen, die Adam Green liebt - wobei der doppelt so alte von Boehm rasch die Rolle eines väterlichen Freundes übernimmt: 'Haben Sie Drogen probiert?' fragt er. 'Probiert?' antwortet Green großäugig, um dann gewohnt altklug über die segensreiche Wirkung von Gras und LSD zu dozieren. 'Wovor hatten Sie als Kind am meisten Angst?' fragt von Boehm und nickt gebannt eine der irren Geschichten ab, die Green für solche Fälle im Repertoire hat." "Wovor hatten Sie als Kind am meisten Angst?" habe ich nicht gefragt. Dafür:

Kann jemand wie ich, doppelt so alt wie du, deine Songs verstehen? Ist es nicht komisch, wenn Leute, die deine Eltern sein könnten, deine Musik hören?
Ich mag das. Da fragt mich eine 70-jährige Frau nach einem Autogramm, und dann kommen ganz junge Leute zu mir. Außerdem hören Leute meines Alters alte Musik. Schau dir den iPod von 24-Jährigen an, was da drin ist, ich bin 24. Rolling Stones, Beatles ... 40, 50 Jahre alte Musik. Hank Williams schrieb in den 40ern bessere Countrysongs als Shania Twain heute. Andererseits sind Bands wie die Strokes bessere Rockbands als Three Dog Night, die waren groß, aber die Strokes heute sind besser. Manche Sachen, die Bob Dylan machte oder Sly & The Family Stone: würden sie das jetzt rausbringen, dann wären das immer noch Hits. Weil sie so freakin' modern klingen.
Du magst Sly & The Family Stone?
Ich liebe sie. Wenn "Family Affair" heute als Single rauskäme, würden die Leute sagen: Der beste Song, den ich je gehört habe. Er wäre sofort im Radio, weil er so modern klingt.
Wäre einen Versuch wert. "Family Affair" unremixed, der neue Hit der Neptunes.

"Haben Sie Drogen probiert?" habe ich nicht gefragt. Dafür: Ob er "Let's Take Some Drugs And Drive Around" von den Setters bzw. Michael Hall kenne, toller Drogensong. Es sei ja schön und gut, auf die Gefahren von Drogen hinzuweisen, singt Hall sleepy durch die Nase. Aber was kann man schon tun, wenn man nichts zu tun hat? Also, "Let's Take Some Drugs And Drive Around". Nein, kennt er nicht.
"Pay The Toll", der erste Song von "Jacket Full Of Danger", stellt ähnliche Fragen:
"How many drugs does it take to find something to do?
How many drugs does it take to find something to say?
How many drugs does it take to get you out of my mind?
How many holes does it take to fill the Albert Hall?"
Ein anderer Song, mit dem er nicht ins amerikanische Radio kommen wird, womöglich nicht mal ins deutsche, heißt "Drugs". "I never want to come down again", singt Adam Green und: "I like drugs, I love them so":

Es geht um die Stereotypen rund ums Drogennehmen. Viele Leute sind besessen von dem Drumherum, den Paraphernalien. Ich fand das immer lächerlich. Ich hasse es auch, wenn Leute Bier aus einem Hut trinken oder wenn sie T-Shirts tragen, auf denen steht, welche Drogen sie nehmen.
Betrunken, unter Drogen schreiben, nüchtern wegstreichen, redigieren. Bedienst du dich dieser Arbeitstechnik?
Nein, mein Buch habe ich auf diese Art geschrieben. Bei den Songs will ich mich auf die Melodien konzentrieren. So Leid es mir tut: Wann immer ich Drogen nehme, geht mir mein Sinn für Melodien abhanden. Manchmal, wenn du viel Gras rauchst, kannst du interessante Texte schreiben. Einen Song auf Drogen zu konstruieren ist schwierig. Wenn ich LSD oder Pilze nehme, dann will ich nicht Musik machen, dann will ich mit meinen Freunden rumhängen, reden.
"Drugs" hat diese Zirkusatmosphäre, viele deiner Songs klingen nach Vaudeville, Music Hall. Hat dich eigentlich noch niemand nach They Might Be Giants gefragt? Die haben doch auch mit solchen Elementen gearbeitet. Ich schätze, du hasst den Vergleich?
Allerdings. In Spanien meinte jemand, "Gemstones" sei ein They-Might-Be-Giants-Album. Ich wäre am liebsten im Boden versunken, ich fand diese Typen immer so cheesy, so selbstverliebt: Hach, guck mal, was ich schon wieder Lustiges mache! Die Kinks hatten tolle Vaudeville-Songs: "Dedicated Follower Of Fashion", "Muswell Hillbillies", ich liebe "Alcohol". Ich höre Weill und Brecht, auch Jacques Brel und Serge Gainsbourg. Das sind Sachen, die mir gefallen, die erinnern an Vaudeville.
Ein großer Fan von They Might Be Giants ist Jens Friebe.
Jens wer?
Jens Friebe. Den solltest du eigentlich kennen, so oft, wie du in Deutschland bist.
Nein. Warum?
Weil er "Cast A Shadow" auf Deutsch gesungen hat: "Wirf Einen Schatten In Meine Richtung".
[Adam wirkt irritiert. Oder will er mich irritieren? Eigentlich müsste er wissen, dass Jens Friebe vor zwei Jahren genau dieses "Cast A Shadow" von Beat Happening aufgenommen hat, das er jetzt auf "Jacket Full Of Danger" interpretiert] Oh nein, davon wusste ich nichts. Ist es meiner Version sehr ähnlich? Hoffentlich nicht! [Als ich ihm Friebes Version vorspiele, ist er erleichtert] Klingt mehr nach 80ern.
Warum hast du "Cast A Shadow" aufgenommen?
Als ich elf war, gab mir jemand Beat Happenings "Black Candy"-Album, da ist es drauf. Das ganze Album hat eine faszinierend filmische Qualität, lauter merkwürdige Charaktere. Und Calvin Johnsons Gesang ist so ... hypnotisierend.
Singt er nicht wie ein Crooner, der nicht croonen kann?
Wie Lee Hazelwood, ja, er hat diese Crooning-Qualität, die tiefe Stimme, so elvissy, Johnny Cash, aber untrainiert. Er trifft nie den Ton, aber das spielte keine Rolle. Er sang die Worte so schön: coy, playful, cunning, sexual, du konntest spüren: a real guy.
Möchtest du ein Crooner sein?
Ich singe manchmal wie ein Crooner, gern in den tiefen Lagen. Die Fülle in der Stimme, das Vibrato, die Aussprache, es klingt eloquent. Ich hatte schon früh Platten von Croonern wie Paul Robeson, Bing Crosby, Russ Columbo. Die Gesangstechnik entstand dank der fortgeschrittenen Mikrofon-Technologie. Da hielt man es für altmodisch, auf diese opernhafte Art zu singen. So fingen neue Sänger an, sanfter zu singen, mit exquisiter Phrasierung. Das nannte man Crooning.
Mit elf Jahren Beat Happening, dann die Crooner - klingt nach Musik-Nerd, frühreif und altklug.
Als ich klein war, gab es diesen Plattenladen neben unserem Haus. Das war in Mount Kisco, NY der einzige Laden dieser Art im Umkreis von 30 Meilen, ich wohnte praktisch da. Die Verkäufer wussten alles über Musik, und sie gaben mir Tipps, Nerds eben.

Wurde also im Plattenladen nebenan der Grundstein gelegt für den fast schon panischen Eklektizismus des Adam Green? Je älter er wird, desto mehr Stile und Stimmlagen versucht er auf einem Album unterzubringen. Fünfzehn Songs in dreißigeinhalb Minuten diesmal, geschätzte 22 Genres.

Ich habe einigen far out shit gehört, schon mit zwölf, da hatte ich schon mehrere hundert CDs. Ich hatte das Glück, dass in dieser Zeit die "American Folk"-Anthology auf CD herauskam. Ich war wohl einer der ersten Jungs meines Alters, die das hörten. Ich habe alles gelernt und kann die meisten Songs davon spielen.
Heute noch? Es sind fast hundert!
Ja ja, heute noch, vor allem die Fingerpicking-Stücke, das ist meine Spezialität. Auf dem neuen Album kannst du das hören, auf "Jolly Good". Ich habe das gehört, bevor ich Teenager war und währenddessen, das veränderte mein Bewusstsein. Ich habe mich total damit identifiziert. Ich wünschte mir, in einer anderen Zeit zu leben und diese Musik von vor 50, 60 Jahren spielen zu können. Als Kind war ich traurig, weil ich in der falschen Zeit aufwuchs.
Manches auf dem neuen Album klingt wie Lieder aus ganz alten Zeiten.
Ich spiele die Musik, die für mich natürlich ist. Das Zeug, das in meinem Kopf ist. Und ich versuche, das so akkurat wie möglich aufzunehmen. Ich versuche mit den besten Musikern zu spielen, die ich finden kann.
Welche Songs von der Anthology empfiehlst du?
Mississippi John Hurt. Sein "Spike Driver Blues" ist einer der fantastischsten Songs, die ich in meinem Leben gehört habe. Dann diesen Banjo-Player mit der schrillsten, derangiertesten Stimme, die man sich vorstellen kann, sein Name ist Dock Boggs. Er singt "Sugarbaby", wie besessen. Man hielt Bluessänger wie Skip James, Son House oder Howlin' Wolf für crazy, aber dann hörst du so eine schrille Stimme von einem weißen Cowboytypen. Er klingt, als wäre er total ... weird ...

In der Tat, Dock Boggs klingt wie kaum was auf diesem Planeten, davon singt Greil Marcus lange Lieder in seinem "Basement Blues - Bob Dylan Und Das Unheimliche Alte Amerika". Apropos Dylan.

"Bob Dylan was a vegetable's wife", singst du in "Hey Dude". Warum war Dylan die Gattin eines Gemüsegerichts?
Das war eine Assoziation. Ich wollte darüber singen, wie Hendrix Dylans "All Along The Watchtower" covert. Unglaublich, dass jemand einen Song covert, ihn komplett auf den Kopf stellt und dann so viel besser macht. Daran dachte ich. Und daran, wie viele Songs es gibt mit Bob Dylans Namen. Es gibt einen von Bowie, einen von Syd Barrett, T.Rex ...
fIREHOSE?
Hm?
fIREHOSE, "Bob Dylan Wrote Propanganda Songs", die Band von Mike Watt ...
Ach ja, nie gehört.
Und Dylan?
Bob Dylan ist bedeutend für alle Songschreiber nach ihm, weil er eine Menge verschiedener Aspekte von sich selbst in seine Songs gepackt hat. Er hat alle möglichen Gattungen versucht: vom confessional singer/songwriter über politische Protestsongs zu romantischer Poesie. Bei ihm findet man die Anfänge von Rap und HipHop, auch Indiekultur, sogar ein bisschen Jazz. Aber er spielte auch Blues und Folk, Pop, er war silly, sad, smart, playful, colourful, imaginative.
Manche halten ja Dylans "Subterranean Homesick Blues" für den ersten Rap. Dein neuer Song "Novotel" erinnert mich sehr daran, zumal er ja auch eine Art R'n'B ist - Adam-Green-Style. Vor allem diese Zeilen: "Fellas in umbrellas in the middle of the night / What cha' gonna do when the mennenites bite."
Ja, genau, deswegen warf ich die Zeile "Novotel, the phone's tapped anyway" rein, die habe ich von "Subterranean" geklaut. Lustig, dass du da auf derselben Wellenlänge bist.

Tja, sieht so aus, wider Erwarten. Wir sprachen dann noch über Scott Walker ("Warum hat er sich von der Melodie verabschiedet?"), Buddy Holly ("Über den Beat von 'Peggy Sue' könnte ich ein ganzes Album schreiben") und die Frage, ob es jüdischen Humor gibt: "Jüdischer Humor war für mich immer die Art, wie meine Familie miteinander Witze macht. Wie in den Filmen von Woody Allen. Ich kann nur sagen, dass es das in nichtjüdischen Familien so nicht gibt. Also werden Nichtjuden schnell sagen: Ah, das ist jüdischer Humor, weil es das bei uns nicht gibt."
Das ist eine ebenso humorvolle wie materialistische Erklärung von einem, der, wenn den Schreibern gar nichts mehr einfällt, am Ende als jüdischer Songwriter herhalten muss. Wie Dylan und Cohen vor ihm. "Ich wollte immer die Freiheiten ausschöpfen, die man als Solokünstler hat im Unterschied zu einer demokratischen Band. Oft stellt man fest, dass eine Band am besten funktioniert, wenn sich einer zum totalen Diktator aufschwingt. Diesen Schritt wollte ich überspringen. Mit den Moldy Peaches machten wir sehr kollaborative Sachen. Das war eine wirkliche Band, wir schrieben Songs zusammen und verloren unsere Egos. Am Ende war es so, dass ich Kymias Satz beenden konnte und sie meinen, ganz wunderbar. Wenn ich jemals wieder eine Band hätte, dann sollte es so sein. Aber jetzt will ich die Vorteile des Alleinseins nutzen. Etwa, den Stil von Song zu Song zu wechseln, wenn mir danach ist. Die Dinge machen, wie ich will. Die Leute sind besessen von der Frage: Wird Adam Green in die Fußstapfen anderer Songwriter treten? Wird er nicht: Ich bin der erste Adam-Guy, und ich werde tun, was Adam tut! Und nicht das, was Leonard Cohen tat oder Bob Dylan."
Das ist gut so, genau wie das neue Album. Nach dem Interview.