×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Ich versuche, mich selbst zu beeindrucken

Adam Green

Adam Green hat ordentlich Appetit. Man macht sich ja bei diesen hageren Indie-Slacker-Typen immer Sorgen, ob sie auch genug zu Essen kriegen. Aber Adam frühstückt mit Leidenschaft und verschlingt gierig diverse Rühreier mit Speck, dazu ein paar Scheiben Toast und hinterher was Süßes, so kleine lus
Geschrieben am

Adam Green hat ordentlich Appetit. Man macht sich ja bei diesen hageren Indie-Slacker-Typen immer Sorgen, ob sie auch genug zu Essen kriegen. Aber Adam frühstückt mit Leidenschaft und verschlingt gierig diverse Rühreier mit Speck, dazu ein paar Scheiben Toast und hinterher was Süßes, so kleine lustige französische Kuchen, die gerne mal in den Milchkaffee fallen – fast schon ein Callmund-Frühstück. Danach blättert er erst einmal in seinem CD-Mitnehm-Album rum. Und während er so blättert, werden zwei Dinge klar: Auch Künstler schrecken nicht davor zurück, CDs zu brennen. Und: Green hat einen außerordentlich traditionsbewussten Musikgeschmack: »Scott Walker, Lou Reed, Tony Bennett, Danzig, Astrud Gilberto, T-Rex, Nat King Cole, Buddy Holly, Tim Hardin, Gene Vincent, Sam Cooke, Jimi Hendrix, The Zombies, Led Zeppelin, Bad Brains ...« Künstler wie Ada, Aphex Twin, Calexico oder The White Stripes sucht man bei Adam vergebens.

Es ist ohnehin ein interessantes Phänomen: diese quasi Rückbesinnung von amerikanischen Songwritern wie Adam Green oder der ganzen Saddle-Creek-Bande um Conor Oberst. Die Rückbesinnung auf eine Qualität des Geschichtenerzählens in Rock- oder Popsongs – was in den 90ern bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Will Oldham oder The Magnetic Fields fast völlig verschwunden war. »Ich habe mich immer für das Geschichtenerzählen interessiert. Und ich habe immer sehr melodische Musik gehört. Als ich 14 war, habe ich in einem Plattenladen gearbeitet. Die Typen in dem Laden wussten einfach alles über Musik und haben mir viele Platten gegeben – vor allem von psychedelischen Bands aus den 60ern wie der Incredible String Band, Pearls Before Swine oder frühe Pink Floyd. Und zum Geburtstag haben mir meine Eltern eine American-Folk-Anthologie geschenkt, sechs CDs mit Folkmusik aus den 30ern. Vor allem Hank Williams hat mich stark beeinflusst. Ich mag es, wenn Leute aus ihrem eigenen Leben erzählen, darüber, wie sie sich fühlen.«

Auf der Bühne wirkt der New Yorker Schlaks immer ein bisschen so, als habe ihn sein Manager aus dem sicheren Schatten eines Bühnenvorhangs ins Rampenlicht geschubst und ihm vorher gesagt: »Los jetzt, spiel mal ‘ne Stunde!« Adam Green bewegt sich irgendwie unsicher und linkisch – obwohl ihn doch gerade in Deutschland Horden von Indie-Girls in Adam-Green-T-Shirts geradezu anschmachten, er sich also seiner Wirkung sehr wohl bewusst sein müsste. Wahrscheinlich hat Green das mittlerweile als seine eigene kleine sympathische Masche etabliert. Denn auf der Bühne fühlt er sich durchaus wohl: »Für mich war das niemals ein Problem. Ich wollte immer meine Songs anderen Leuten vorspielen und tue das, seit ich 13 bin. Als ich auf der Highschool war, bin ich immer in der Mittagspause zusammen mit Freunden in den Gitarrenraum in der Schule geschlichen, und wir haben kleine Shows gespielt. Und ich habe damals auch schon Songs geschrieben. Und mit 14 habe ich jeden Mittwoch in einem Coffeeshop in der Stadt gespielt, Coverversionen und eigene Stücke. Für mich war es nie ein Problem, vor die Leute zu treten. Es kommt immer darauf an, ob du dich mit deinen Songs wohl fühlst. Wenn das der Fall ist, dann fühlt man sich auch wohl, wenn man sie vor Tausenden von Leuten spielt. Außerdem bildet ein Songtext ja nicht meine Gefühle ab – sondern nur bestimmte Assoziationen. Ich entferne mich beim Schreiben von meinen echten Gefühlen. Aber ich versuche natürlich, einem Songtext so viel Realismus und Tiefe zu geben, wie ich kann. Es muss etwas sein, das du vor vielen Leuten singen kannst – und du darfst dich dabei nicht wie ein Arschloch fühlen.« Adam Greens drittes Album ›Gemstones‹ ist entstanden, während er auf Tour war. Es ist eine Art Reisealbum. Das Überraschende dabei: Es ist sein bisher komplexestes Album. Der Titelsong erinnert fast an ›Goodbye And Hello‹ von Tim Buckley: Zahlreiche unterschiedliche Melodiebögen wechseln und lösen einander ab. Geblieben ist Greens lakonischer, augenzwinkernder Humor. Und trotzdem: »Ich hätte nicht die gleichen Songs geschrieben, wenn ich die ganze Zeit zu Hause gewesen wäre. Ich schreibe meistens über Gefühle oder über Assoziationen, die für mich bestimmte Gefühle symbolisieren. Alles auf ›Gemstones‹ ist sehr genau geplant. Ich mache die ganzen Arrangements selber, nehme sie nur mit Gitarre auf meinem Kassettenrecorder auf. Ich arbeite etwa einen Monat an einem Song. Und bevor er fertig ist, spreche ich mit niemandem drüber.«

Zusätzlich zu ›Gemstones‹ erscheint Adam Greens erstes Buch, ›Adam Green – Magazines‹ – eine Zusammenstellung von vier verschiedenen Textexperimenten: »Ich habe immer Magazine mit verschiedenen Texten gemacht. Der Suhrkamp Verlag hat eines dieser Magazine bekommen und dann angefragt, ob sie das in Buchform veröffentlichen können, plus einige exklusive Texte. Das erste Kapitel ist ein Gedicht, das ich auf Tour geschrieben habe. Das zweite ist eine Liste von Einzeilern, die ich in die Bücher schreibe, die ich immer mit mir herumtrage. Diese Einzeiler sammle ich seit ein bis zwei Jahren und habe sie nach Entstehungsdatum in eine nummerierte Listenform gebracht. Kapitel 3 ist so was ähnliches wie ein Rap, und das vierte Kapitel ist ein sehr ambitioniertes episches Gedicht. Das ist etwa zwölf Seiten lang. Ich bin zwei Wochen lang in meiner Wohnung geblieben und habe daran gearbeitet – und an nichts anderes gedacht. Ich glaube, das Buch ist gut dafür, um es auf der Toilette zu lesen ...« Übersetzt wurde der Band von Thomas Meineke. Eine nicht ganz leichte Sache, denn der Wortwitz von Adam Green lässt sich nur schwer ins Deutsche übertragen. Meineke ist, wie er sagt, eng am Original geblieben. Er findet, das Buch sei nicht nur ein gutes Buch, sondern auch einfach ein schöner Gegenstand. »Wie eine Mütze ... Es ist schwierig, wenn man mit dem Kosmos von Adam Green nicht vertraut ist. Es ist wie eine Beat-Poetry-Fantasie, sehr assoziativ, wie ein stream of consciousness. Es ist wie bestimmte Jazzplatten, die einen überfordern, von denen man aber trotzdem nicht lassen kann, weil man denkt: Da ist irgendwas, was mich am Ball bleiben lässt. Und es gibt einige Masturbationsfantasien ...«

Geschichtenerzählen
Sobald es um das Geschichtenerzählen geht, hat Adam Green diverse sehr interessante Theorien auf Lager. Er verabscheut die Texte der meisten Rockbands, hält den jüngst verstorbenen Ol’ Dirty Bastard für einen Bob Dylan – im Vergleich zu Bryan Adams. Außerdem ist Green davon überzeugt, dass Bob Dylans Song ›Subterranean Homesick Blues‹ einen profunden Einfluss auf HipHop hatte.

Thomas Meineke
Musiker bei F.S.K. und Autor diverser Romane, u. a. ›Tomboy‹ und ›Musik‹. ›Adam Green – Magazines‹ ist seine erste Übersetzung. Die Veröffentlichung von Greens Texten kam zustande durch Meinekes Lektorin beim Suhrkamp Verlag, die ihn auch mit der Übersetzung beauftragt hat. Bis heute haben sich Green und Meineke trotz intensiven E-Mail-Kontakts noch nicht persönlich getroffen.

Kimya Dawson
Während Green zum Konsens-Liebling wurde, wechselte seine ehemalige Weggefährtin mit ›Hidden Vagenda‹ auf das kleine K-Records-Label. Das ist vom Rahmen her stimmig, führt sie aber nach dem Moldy-Peaches-Erfolg einen Schritt zurück in die Marginalisierung. Musikalisch ist Kimya Dawson weiterhin schrullig, lo-fi und herzerfrischend unperfekt. Zusammen mit einem Dutzend Gastmusikern aus der Antifolk-Szene arbeitet sie noch immer an einer Mischung aus Naivität und Drastik (Zeilen wie »having been fucked is no excuse for being fucked up«), aus Albernheit und Momenten tiefster Verzweiflung. Ein Gastauftritt von Daniel Johnston markiert zudem respektvoll, wo die Ursprünge von Antifolk liegen. Da hat eigentlich nur noch Jonathan Richman am Set gefehlt. (Martin Büsser)