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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Sid LeRock. Jake Fairley

Ada.

Ada: Sonja Eismann / Sid LeRock + Einleitung: Arno Raffeiner / Jake Fairley: Thomas Venker Zweimal Kanada, zweimal Köln, dreimal Gesang und heiße Beats geben zusammen ein Maximum an frischem Techno. Auf das Dreierpack Ada, Jake Fairley und Sid LeRock passt das Voigt’sche Schlagwort vom Popacid
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Ada: Sonja Eismann / Sid LeRock + Einleitung: Arno Raffeiner / Jake Fairley: Thomas Venker

Zweimal Kanada, zweimal Köln, dreimal Gesang und heiße Beats geben zusammen ein Maximum an frischem Techno. Auf das Dreierpack Ada, Jake Fairley und Sid LeRock passt das Voigt’sche Schlagwort vom Popacid in all seinen Bedeutungsebenen so gut wie selten. Ein gemeinsames Vorstellen ihrer neuen Alben sowie natürlich der KünstlerInnen dahinter erscheint fast zwingend: Musikalische Parallelen, lokale und letztendlich freundschaftliche Verbindungen stiften Sinn und Zusammenhalt über das einzelne Werk hinaus. Außerdem eint sie ein Bekenntnis zum eigenen Stardom (ein wenig müssen wir da schon übertreiben bzw. vorgreifen) und zum Live-Auftritt. DJing und MD-Performances müssen draußen bleiben, krachen soll es. Doch auch wenn es rundherum bratzt und rockt: Genug Herzblut für einen Song ist immer noch drin. Im Drang, den eigenen Ideen singend Ausdruck zu verleihen, lässt sich unser Traum-Trio auch durch vorgefertigte falsche Peak-Time-Gesetze nicht aufhalten – und gewinnt damit auf ganzer Linie. Frei nach The Velvet Underground: Our lifes were saved by Pop’n’Roll.

Ada. Alles neu aufrollen

Als ich Ada vor einem Jahr zum ersten Mal sehe, steht sie schüchtern hinter ihrem Equipment in einem Zelt des Antirassistischen Grenzcamps auf den Poller Wiesen in Köln und betrachtet halb lächelnd, halb angespannt die wenigen, aber begeisterten Leute im Publikum. Es ist ihr erster richtiger Live-Act, wie ich später erfahre, und man merkt trotz der sympathischen Unsicherheit ihrem melodiös-aggressiven Set mit Live-Gesang sofort an, dass da was ganz Großes im Busch ist.

Hart-verzerrte Beats, schwelgerische Synthie-Melodien, catchy Vocal-Hooks und vor allem Tracks, die sich auf halbem Weg plötzlich um 180° drehen und alles noch mal neu aufrollen – andere hätten daraus, denkt man sich mit offenem Mund, drei Stücke gemacht. Mindestens. Ihre erste Maxi ›Blindhouse / Luckycharm‹, die einige Monate zuvor auf dem Kölner Vorzeige-Techno-Innovations-Label Areal quasi aus dem Nichts kam, war auf einmal nicht nur in aller Munde, sondern anscheinend auch in jeder Plattentasche und jedem Auskenner-Regal. »Ich wusste, wie viele Platten verkauft werden müssen, damit das Label keinen Verlust macht, aber als Michael von Areal nach nur wenigen Tagen anrief und mir sagte, dass wir den Break-Even schon erreicht haben, bin ich fast ausgeflippt. Da habe ich mir erst mal eine Flasche Sekt aufgemacht«, erinnert sich Michaela Dippel (a.k.a. Ada) in ihrer auch bei aller Begeisterung noch immer so zurückhaltenden, geerdeten Art.

Irgendwie ging in Köln alles ganz schnell für Ada: Nachdem sie im heimischen Friedberg bei Frankfurt jahrelang in Bands Rock und Jazz gesungen hatte, schnappte sie sich nach ihrem Umzug nach Köln vor drei Jahren einen kleinen Korg-Sampler und war begeistert von den Möglichkeiten, die sich ihr damit auftaten. Die beiden Areal-Macher Sebastian (Basteroid) und Michael (Metope), den Ada schon seit Ewigkeiten aus hessischen Dorfzeiten kennt, sahen das Potenzial hinter der Spielerei und boten ihr an, eine Platte auf ihrem Label zu machen. Und, unglaublich, die ersten beiden Stücke, die Ada jemals produzierte, wurden als Areal Nr. 10 gepresst.

»Ehrlich gesagt wundere ich mich heute noch über die erste Platte. Ich könnte die nie wieder reproduzieren, denn gerade mit diesen Geräten passiert total viel zufallsmäßig – da drückt man irgendwo drauf, und dann ist die Snare nicht da, wo man sie hinhaben wollte, sondern irgendwo anders, und man denkt sich, wow, das ist ja super! Dann hatte ich auch noch meine kleine Alleinunterhalterorgel und habe damit die Akkorde eingespielt. Heute würde ich nie mehr so arbeiten, denn ich habe fast alle Samples vom Korg Electribe löschen müssen, um diese lange Orgelmelodie da reinzuquetschen! Ich musste dann immer die gleiche Bassdrum, die gleiche Hihat, die gleiche Snare benutzen, weil ich alles andere gelöscht habe, nur damit diese tolle Orgelmelodie von ›Blindhouse‹ darauf Platz hat.« Kaum vorstellbar bei dem Perfektionismus, mit dem Ada mittlerweile ihre Sounds auf zahllose Live-Spuren (und natürlich Smart-Media-Speicherkarten) verteilt und mit minutiösem Eifer zurechtschneidert.

Nach einem Overkill an »Sprüngen ins kalte Wasser« innerhalb einer extrem engen Zeitdichte – erste Platte, erster Live-Act, erste Bookings außerhalb Deutschlands und damit auch Michaelas erster Flug – ist der klassische Angstgegner »erstes Album« offensichtlich ein entspannter Gang durch den Park. So klingt ›Blondie‹ in seiner fluffigen, poppigen Leichtigkeit, die sich nicht auf eine ausdefinierte Version von Clubtechno festnageln lässt, nach einem souverän reflektierten Album-Konzept. Denn nachdem sich nach jeder neuen Ada-Maxi besorgte wie begeisterte Stimmen zu Wort gemeldet hatten, dass jetzt auf einmal alles ganz anders klinge als vorher, bleibt ihre Variabilität und Vielfältigkeit Programm. Neben einer Neuversion eines Stückes ihrer ehemaligen Bossa-Band gibt es eine alte Gesangslinie von Everything But The Girl und ein Cover von den YeahYeahYeahs – und zwischen knackigen 808 rim shots und verzerrten Snares auch Konserven-Gitarren, schwärmerische Melodien, opulent kitschiges Georgel und ganz viel Gesang von Ada selbst und ihrer guten Freundin Caroline. »Das Album war nicht mit so viel Gesang geplant, denn man fragt sich ja schon immer, ob so was dann auch im Club gespielt wird, aber ich finde einfach, dass sich das extrem gut einfügt.« Und welches Referenzgeflecht tut sich hinter ihrem Pseudonym denn tatsächlich in die Richtung der Computerpionierin Ada Lovelace auf, zu der auch ihre letzte Maxi ›Lovelace ... And More‹ eine deutliche Fährte legte? »Ursprünglich wurde ich ja von einem Horrorhörspiel von John Sinclair zu meinem Namen inspiriert, aber ein Freund hat mir später einen Artikel zu Ada Lovelace geschickt. Ich habe mich sehr darüber gefreut, zufällig den Namen einer so tollen Frau zu tragen!« Sagt’s und gibt mir nach einem extrem netten und langen Interview eine kleine Einführung in die Geheimnisse ihres Korg-Samplers. Das nenne ich solidarische Basishilfe.

Diskografie

12-Inches auf Areal Records:
›Blindhouse / Luckycharm‹
›Believer / Arriba Amoeba‹
›Lovelace / ... And More‹

Appears On:
Anonyme Hospitessen ›Lifedriver‹ 12-Inch (Areal) Breakfast Included ›Sweet Kiss‹ CD (Onitor)

Tracks Appear On: ›Cocoon Compilation D‹ LP/CD (Cocoon Recordings): ›Wheeler – Dealer‹ ›Rabimmel Rabammel Rabum Bum Bum‹ 12-Inch (Areal): ›Bumbum‹

Sid LeRock. Lost in Humor

Fangen wir von hinten an. Sheldon Thompson stellt mir am Ende unseres Gesprächs einen großartigen Persilschein aus: »Wenn du irgendwelche Lügen hinzufügen willst: just go ahead, du hast meine Erlaubnis.« Solche Interviewpartner gibt’s doch eigentlich nur im Traum! Hier aber sitzen sie wahrhaftig vor mir: Pan/tone, Gringo Grinder, Shelbono Barracuda Del Monte und Sid LeRock, alle vereint in dem kanadischen Spaßvogel, der hinter ihnen steckt – und in ihrer gemeinsamen Mission: mehr Fun auf die Dancefloors.

Ich treffe Thompson im Zentrum der ganzen Sache, im Stadtgarten zu Köln, über den Katakomben des Studio 672, die weltweit und natürlich auch in der kanadischen Szene immer noch so viel für Techno bedeuten. Für Thompson bedeuten sie mittlerweile auch Heimat, denn er hat sich vor einem Jahr dauerhaft am Rhein niedergelassen. Er ist schon vor mir da und beendet gerade ein unerwartetes Telefongespräch: Eine Firma bietet ihm eine komplette Tour unter lukrativen Konditionen an. Ähnliche Überraschungen erlebt Thompson gerade einige. Den Albumdeal mit Lado unter der neuen Identität Sid LeRock z. B. und die Begeisterung, die in Hamburg Sids gebrochenem, rotzigen Gesang entgegengebracht wird. »Ich bin nicht absolut überzeugt von meiner Stimme. Außerdem ist meine Aufnahmetechnik etwas seltsam: direkt mit einem Schrottmikro rein in den Rechner. Wenn ich zu nah ans Mikro ging, fühlte ich so einen rostigen Geschmack im Mund. Als ich die Stücke dann Lado präsentierte und sie meinten, sie wollen das rausbringen, sagte ich: ›Großartig, wann können wir den Gesang neu aufnehmen?‹ Und die dann nur: ›Was, wieso neu aufnehmen?‹ Sie mochten diesen rauen Charme.« Und den mag natürlich auch Sid LeRock. Denn ›Written In Lipstick‹ zielt ohne Umschweife auf den schwarz schimmernden, dreckigen Glam, den Clubsound derzeit gerne verstrahlt. Gitarren, Feedbacks, kreischende Loops und Rocksnares dominieren das Album und kommen bei den Live-Auftritten, die Thompson so wichtig sind (und auch die Produktion im Heimstudio maßgeblich beeinflussen), noch mal besser zur Geltung. Wie so viele ProtagonistInnen der aktuellen Veränderungen im Techno hat auch Thompson eine Indie-Vergangenheit. Er zupfte jahrelang in Probekellern am Bass und wurde von den ewigen Streitereien der anderen Musiker irgendwann endgültig aus dem Bandgefüge getrieben. Von da an machte er lieber alleine weiter. »Ich dachte schon immer: Ich hasse den Beifahrersitz, Mann. Ich will selbst fahren!« Techno bot sich als das beste und schnellste Ticket zu den Verheißungen eines Musikerlebens an. Vom ersten Rumschrauben an Tracks bis zu Thompsons heutigem Status hat es natürlich seine Zeit gebraucht, aber die Konsequenz, mit der er seine Zielsetzung verfolgte – deutlichstes Zeichen war der Ausstieg aus dem 9-to-5-Karriere-Modell vor zwei Jahren, als er seinen Job als Börsenmakler aufgab –, macht sich nun bezahlt. Dinge wie der obige Anruf sind dafür eindeutige Zeichen.

Es ist also an der Zeit, was zurückzugeben, und zwar an Techno und an Indie. Ein Stück wie Sid LeRocks Coverversion von Violent Femmes’ ›Add It Up!‹ passt nicht nur prächtig in die Rock-Techno-Welle, es ist zugleich eine respektvolle Verbeugung vor alten Helden. »Es ist doch toll, Sachen, die man geliebt hat, in die eigene Arbeit einzubringen. Das ist so, wie wenn du eine Platte hörst, die du vor zehn Jahren rauf- und runtergespielt, aber irgendwann einfach vergessen hast. Eines Tages findest du sie wieder, legst sie auf und sagst: ›Mann, was für ein großartiges Album, warum habe ich das so lang nicht angehört?‹ So ist es für mich generell mit Musik. Ich mag alte Sachen, und ich mag das, was derzeit so passiert, aber es ist eben schön, Verschiedenes zusammenzubringen. Klar, es gibt viele Sound-Bastarde derzeit, aber das sollten noch viel mehr Leute versuchen: aus der Vergangenheit nehmen, was sie wirklich mögen, und es mit dem vermischen, was sie aktuell machen. Du wärst erstaunt, was dabei alles rauskommen kann.« Egal, welche von Thompsons multiplen Identitäten sich gerade ans Sprechen oder Performen macht, am Ende steht wie am Anfang: der Humor. »Für mich ist das Wichtigste bei allem, nichts zu ernst zu nehmen, sonst stiehlst du dir nur selbst den Spaß. Musikmachen ist doch der beste Job, den es gibt. Rumreisen, neue Orte sehen, neue Leute treffen, wie großartig ist das denn? Und auch noch dafür bezahlt werden, hey, das ist doch ungerecht! Ich fühle mich, als würde ich die Leute ausrauben.«

Diskografie

Alben
Sid LeRock ›Written In Lipstick‹ (Ladomat 2000 / Mute) Gringo Grinder ›Breakfast Included‹ (Onitor) Pan/tone ›Newfound Urban Calm‹ (Bip-Hop)

Singles
Sid LeRock ›Lost In Gräser‹ (Ladomat 2000 / Mute) Pan/tone ›Urban Calm‹ (Bip-Hop) Gringo Grinder ›Missing Track EP‹ (Onitor) Sid LeRock ›Bull Dozer‹ (Ladomat 2000 / Mute) Pan/tone ›Smut Peddler‹ (Secret Weapons) Gringo Grinder ›Stiletto Rock‹ (Onitor) Pan/tone ›Unsubscribe EP‹ (Sub-Static) Pan/tone ›Green Bottles & Teen Models‹ (Sub-Static) Pan/tone ›Funky Martini‹ (Background) Pan/tone ›Quién Es Su Papa, Mama Fina?‹ (Revolver)

Remixes
u. a. für Tenfoot Loadstar, Commercial Breakup, Misc., Jake Fairley

Jake Fairley. Ein kanadischer Gentleman in Berlin

Beim ersten Blick auf das Cover von ›Touch Not The Cat‹ entsteht Irritation: Dieser auf alter englischer Gentleman getrimmte Typ, das ist doch nicht etwa jener Jake Fairley, der uns mit seinen Veröffentlichungen (auch gerne mal als Jard Fireburg) auf u. a. Dumb-Unit, Sender und Kompakt schon jede Menge Wahnsinn für die fortgeschrittene Clubzeit geschenkt hat? Natürlich ist er es, wer sonst sollte sich auf dem Cover des neuen Fairley-Albums in zentraler Stellung positionieren und mit den Songs brüsten dürfen?

Gemeinsam mit seinem Labelmacher und kanadischen Buddy Jeremy Caulfield hat Fairley die Antithese zum einst propagierten gesichtslosen Techno konzeptioniert: grafisch und auch musikalisch. Das mit dem Cover, bei dem sich wie bei (fast) allen Dumb-Unit-Covern wieder mal Caulfields Vorliebe für seltsame Typen und historische Referenzen zeigt, war erst ein Witz und wurde dann ziemlich schnell zum stringenten Fakt: »Es passt so gut. Die Beats sind rigide, straight, sehr mechanisch. Die Flächen dagegen sind voller Distortion, dreckig und kaputt. Das ganze Album klingt wie eine dieser alten Dampfmaschinen aus jenen vergangen Tagen der Gentlemen. Die waren sehr schön und zugleich massiv und brutal.« Attribute, wie man sie Fairleys Songs auch zuschreiben kann. Sein Techno-Entwurf will alles. Und das oft gleichzeitig. Die Eleganz von Kölner Minimal. Die Wut und das Bratzig-Dreckige von amerikanischem Punkrock. Und die Vehemenz von Detroit- und Berlin-Techno. Man könnte ihn sich zu diesem Sound auch gut mit verranzter Lederjacke vorstellen. Die Lederjacke würde dann mit Schmackes ins Publikum geschleudert, wenn er das Mikro ansetzt (passend dazu spricht er von rebellischer Musik, zu der man Läden ausräumen kann). Genau, das Mikro. Denn auch auf Fairleys drittem Album (nach dem trocken-minimalen, sehr melodiösen ›Crisis‹ auf Sender und seinem sentimental-sorglosen Pop-Electronica-Album ›Paper Stars‹ als Fairmont auf Traum Schallplatten) wird gesungen. »Ich wollte schon immer mal singen. Es war eine sehr natürliche Entwicklung für mich. Anfang 2001 habe ich meine ersten Stücke mit Gesang aufgenommen«, erinnert sich Jake Fairley an seine ersten Gehversuche mit jenem Trackmerkmal, das in den letzten zwei Jahren so was von ein Comeback in der elektronischen Musik gefeiert hat: der Stimme. Es dauerte nicht lange, da erschienen mit ›Over The Edge‹ und dem Fairmont-Song ›Traum‹ die ersten Artefakte dieser neuen Ausrichtung. Das erste Mal live hat er dann im Mai 2001 in Toronto gesungen: »Ich habe ein Stooges-Cover gebracht. Als ich zu singen begann, reagierten die Leute, als sei es die seltsamste Idee der Welt. Ein paar Monate später war es schon das Typischste für sie. Für mich ist es einfach so: Ich mag es zu singen, also singe ich.«

Der konsequente Schritt hin zu mehr songorientierten Tracks, die trotzdem noch kicken mit ihrem rockigen Electro-Techno, lag nahe für Fairley, der in seinem kanadischen Heimatland (mittlerweile lebt er wie viele Kanadier in Berlin) schon zu Highschoolzeiten ein Bandprojekt hatte: Robot Jox, ein Mix aus Trans Am und Six Finger Satellite, bei dem er Keyboards spielte. (»Ich war ein schrecklicher Keyboarder, aber ich machte irre Sounds und rockte so hart, wie es nur ging hinter meinem Equipment.«)

Die Herangehensweise an sein drittes Album unterscheidet sich elementar von den beiden Vorgängern: »Diesmal ging ich zum ersten Mal von Anfang an mit der Ambition heran, ein Album zu machen. Es ging also darum, ein Konzept zu finden. Immer, wenn ein neuer Song fertig war, hörte ich mir das Material bis zu diesem Zeitpunkt an und modifizierte es. Genauso lief es, wenn ich die Trackreihenfolge änderte.« Entstanden ist das Album in Köln, wo Fairley den Sommer 2003 verbrachte. Gemeinsam mit seinem Torontoer Freund Sheldon Thompson (a.k.a. Pan/tone, Gringo Grinder) hatte er sich aufgemacht, die große weite Technowelt zu erforschen (beide mit einem Stipendium der kanadischen Regierung in der Tasche). Neben gemeinsamen Touren in Amerika, Japan (»Ich mag es, an Orten zu spielen, wo sie noch nicht jeden Tag eine Technoparty haben. Die Leute dort sind begeisterungsfähiger und offener für andere Sounds.«) und Frankreich stand vor allem Deutschland auf ihrem Reiseplan, das Land, dessen Veröffentlichungen sie so sehr geprägt haben. Und da diese vor allem aus Köln kamen, musste es die Stadt am Dom sein.

Mittlerweile hat er seine Basis in Berlin – der Liebe wegen. Von dort zieht er derzeit jedes Wochenende los, um seine Musik im Club zu representen. Im September brach er bewusst mit diesem Rhythmus und absolvierte eine US-Tour, wie man sie in dieser Auftrittsdichte und Ausgestaltung sonst nur von Bands aus dem Indie- und Hardcorekontext kennt. »Ich wollte schon immer in Nordamerika wahrgenommen werden, da ich von dort komme. Ich hatte zwölf Shows an acht Tagen. Das Gute daran ist, dass man immer besser in seinen Groove kommt, tighter wird. Und wenn die Partys unter der Woche nur bis ein Uhr gehen, kommt das meiner Gesundheit auch entgegen. Es läuft eher wie Konzerte ab, mit einem DJ davor und danach.«

Auch dieses sich Einlassen auf neue Präsentationsformen (und damit einhergehend andere finanzielle Rahmenbedingungen) gehört zur neuen Erscheinungsform von Techno, wie wir sie derzeit erleben. Techno ist schon länger in der Indiewelt angekommen, er muss nun lernen, sich auch abseits des Clubkontextes so reizvoll zu präsentieren, dass er die Breitenwirksamkeit bekommt, die in ihm angelegt ist. Dass Fairley dies verstanden hat, davon zeugt neben der US-Tour auch seine Rockband The Uncut, die er mit einem kanadischen Ex-Mitbewohner ins Leben gerufen und für die er extra Gitarre gelernt hat. Man darf gespannt sein, ob er sie bald auch mal auf der Bühne einsetzt.

Releases as Jake Fairley:
Touch Not The Cat, 2x12-Inch + CD (Dumb-Unit, DUMB0_16) Night Stick, 12-Inch (Dumb-Unit, DUMB_014) Boozing + Losing, 12-Inch (Dumb-Unit, DUMB_ 013) Blood From A Stone, 12-Inch (Sender Records, send031) Going Down The Road, 12-Inch (Sender Records, send026) 2002 Cold World, 12-Inch (Sender Records, send022) Crisis, CD + 2x12-Inch (Sender Records, send015) Exploder EP, 12-Inch (Sender Records, send011) + weitere Releases als Hands Gruber, Jard Fireburg, Fairmont und The Uncut