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Aber hallo: Checkt das, neue Bands

Pop Montreal / CMJ 2009 / Ausblick 2010

Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen.
Geschrieben am
Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.

The Phenomenal Handclap Band

Gesehen: National, Pop Montreal, 30.10.
Im Netz: www.myspace.com/phenomenalhandclap
Das Wichtigste: Mehr Retro geht nicht mehr, das muss man so faktisch sagen. Denn die beiden New Yorker Produzenten Daniel Collas und Sean Marquand clustern ihren Sound als ein Best of Krautrock, Psychedelica, Rock-Rock-Soli und cheesy Keyboards zusammen. Live sind sie mit 6-köpfiger Bandunterstützung unterwegs - spätestens hier es dann, nicht zuletzt wegen des 70s-lastigen Auftretens der Protagonisten, manchmal echt too much.
Lieblingsalbum 2009: Collas & Marquand: Wollen wir vor Ende des Jahres noch nicht sagen.
Lieblingsalben Jahrzehnt: 1. Daft Punk "Discovery" 2. OutKast "Speakerboxx / The Love Below" 3. Dungen "Ta Det Lugnt" 4. The Rapture "Echoes" 5. J Dilla "Donuts"
Pläne für 2010: Konzerte, Konzerte, Konzerte. Als Nächstes mit Chromeo und Simian Mobile Disco.
Aktuelles Album: "The Phenomenal Handclap Band" (Gomma / Groove Attack)


Ihr habt ja eine ganz schön große Band dabei. Fühlt sich das nicht manchmal wie ein Kindergarten an?
[beide lachen] Oh ja, aber wir kommen sehr gut miteinander aus. Es ist wie eine Familie. Wir sind jetzt schon ein Jahr in dieser Besetzung zusammen.

Euer Sound ist sehr eklektisch - und dabei auch sehr retrolastig mit all diesen Einflüssen aus Soul, Psychedelic, Krautrock ... Sind das schon lange gepflegte Leidenschaften von euch, oder ist es das Ergebnis von Frustrationen über den aktuellen Sound?
Beides trifft zu. Wir sind beide an obskurer Tanzmusik interessiert - all die genannten Genres bieten solche Momente, vor allem die Soulmusik aus den 60ern. Man kann die Einflusslinie dieser Musik in all die anderen Genres der folgenden Epochen sehen, sei es nun Progrock oder Psychedelic, sei es Südamerika oder Ungarn ...

In Deutschland seid ihr ja jetzt bei Gomma, einem der führenden Labels der NuDisco. Habt ihr diesen Sound denn auch begeistert verfolgt?
Definitiv. Die Art, wie viele dieser NuDisco-Künstler ihre Musik anlegen, liegt uns nahe - und ich denke auch, dass sie unsere Musik mögen. Letztes Jahr haben wir beispielsweise mit WhoMadeWho beim CMJ zusammen gespielt - das passte gut. Wir kannten sie zuvor nicht, aber ihr Sound war so ähnlich und doch so anders.

Sprechen wir mal über euer Publikum: Denkt ihr, dass sich die Hörer der Kontexte eurer Musik bewusst sind, dass es sie interessiert?

Es gibt sicherlich die Checker, die das alles erkennen und auch suchen und mögen, aber es ist doch vor allem toll, wenn irgendwelche 13-Jährigen posten, dass sie unseren Sound mögen und nichts von all den Einflüssen kennen. Oder Großmütter. [lachen]

Euer Sound ist ziemlich voll - gerade nach all den Minimaljahren mit so viel Luft im Sound. Denkt ihr, die Leute müssen es erst wieder lernen, mit dieser Informationsdichte umzugehen, die in den 70ern ja noch normal war?
[lachen sehr laut] Punk und all das, was danach kam, und auch HipHop, das waren alles Reaktionen auf diese Exzesse der 70er. Ich mag Bands, die einen übersichtlichen Sound aus drei Instrumenten spielen, sei es E.S.G. oder Gang Of Four, aber es reizt mich doch sehr, im Studio alles Mögliche einzubringen - wir wollen nichts ausblenden an Möglichkeiten. Wir wollen aber nicht aus Selbstzweck wie in den 70ern rumdudeln, wir verfolgen einen Song.

Ihr habt ja für die Aufnahmen viele namhafte Gäste im Studio gehabt. Fehlen die euch nicht auf der Tour?
Oh ja. Wir haben beim Zusammenstellen der Show erst darüber nachgedacht, eine Revue zu machen und alle mitzunehmen, aber wir wollten dann doch eine Band. Es hätte sich seltsam angefühlt, dass all die anderen immer rumgesessen hätten für einen Song. Und nicht alle von ihnen sind so deep an unserem Sound interessiert wie die acht, die jetzt auf der Bühne stehen.

Auf der nächsten Seite: Silly Kissers


Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.

Silly Kissers

Gesehen: Arlene's Grocery Club, New York, 21.10.
Im Netz: www.myspace.com/sillykissersmusic
Das Wichtigste: Eine Band wie aus dem Indiebaukasten: Vier Nerds und eine süße Sängerin - als Dreingabe gibt es noch den ab und an die Bühne mit besteigenden und im Studio mit abhängenden kanadischen Songwriter Nicholas Savage. Die Silly Kissers, das sind echte Punkkids der harmlosen Sorte. Die wollen nur spielen, das hört man ihrem schön tanzbaren Gute-Laune-Bubblegum-Indiepop sofort an. Und das ist auch alles gut so.
Lieblingsalbum 2009: David Carriere: Think About Life "Family"
Lieblingsalben Jahrzehnt: The Knife "Silent Shout", Animal Collective "Feels", Chad VanGaalen "Infiniheart" - puh, ganz schön schwer. Zehn Jahre sind eine so lange Zeit.
Pläne für 2010: Ich will nichts für zehn Jahre machen müssen. Insofern wünsche ich mir zumindest für das nächste Jahr jede Menge inspirierende Momente abseits des Reality-Fernsehens.
Aktuelles Album: "Halloween Summer" (Silly Kissers Records)


Wer in der Band ist denn der Silly Kisser?
Vielleicht der gut Aussehende?

Ich habe euch das erste Mal im Klamottenladen Preloved in Montreal gesehen, in dem man aus alten Tapeten und Sofas gemachte Kleider und Pullis kaufen kann. Spielt ihr denn viele solche Off-Locations? Und was ist der besondere Reiz daran?
Der Laden liegt gleich um die Ecke vom Haus unserer Sängerin Jane, wir sind da also leicht hingekommen. [lacht] Hm, wo haben wir noch gespielt? Ach ja, auf dem Dach eines Hauses und auch mal auf der Straße. Wir üben ja in Janes Kinderzimmer, das voll ist mit jeder Menge Mädchenzeug, von daher sind wir einiges gewöhnt.

Liege ich falsch, wenn ich den Kosmos um
K-Records, das Label von Beat-Happening-Mastermind Calvin Johnson, als wichtigen Einfluss für euch sehe?
Ja und nein. Ich mag diese Musik und auch die Art, wie sie sich präsentieren - aber ich mag auch viel andere Musik, beispielsweise Cyndi Lauper.

Die EP "Halloween Summer" habt ihr selbst veröffentlicht. Wollt ihr diesen DIY-Weg erst mal beibehalten?
Ja, wir haben davor schon drei CDs so veröffentlicht. Von mir aus können wir so weitermachen. Es stört mich aber auch nicht, wenn uns jemand hilft ...

Der Clip zu "Halloween Summer" mischt ja ein "La Boum"-Feeling (Teenager-Mädchen am Strand, Badespaß) mit Aphex-Twin-Abgründen (Masken, tödlicher Badeunfall). Soll uns das darauf vorbereiten, dass bei euch dann doch mehr Schwermut drin ist, als man zuerst denkt?
Ich weiß nicht. Gefühle sind Gefühle. So würde ich das sagen. Uns geht es ganz simpel darum, Songs zu machen, denen Ideen anhängen. Aber vielleicht hast du recht, und wir machen mal ein wirklich Angst einflößendes und trauriges Album.

Ich hörte ein Rauschen im Blätterwald über einen eventuellen Umzug nach Berlin, um uns Deutschen das silly kissin beizubringen. Wahrheitsgehalt?

Das stimmt. Wir ziehen vielleicht nicht hin, wollen aber definitiv mal länger hinfahren. Das wär doch lustig. Janes Schwester lebt in Österreich, und wir wollen mal die Kinder sehen. Ich liebe Kinder.

Auf der nächsten Seite: Nosaj Thing

Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.

Nosaj Thing

Gesehen: Studio Juste Pour Rire, Pop Montreal, 01.10.
Im Netz: www.myspace.com/nosajthing
Das Wichtigste: Eine erste Appearance in der Elektronikpresse bekam Jason Chung für seinen umwerfenden Remix von "Camel" (Flying Lotus). Und da es heute ja immer so schnell geht, ist er aktuell bereits auf Welttournee, im Gepäck sein Debütalbum. Doch keine Angst, alte Freundschaften werden gepflegt: So spielte er im Rahmen des Pop Montreal auf der Redbull "Megahurtz"-Party jenes Kollektivs (bestehend aus Seb Diamond, Megasoid, Hovatron und Lunice), das ihn, den damaligen Nobody, vor zwei Jahren erstmals in die Stadt geholt hatte, und er schlief auch wieder privat auf dem Sofa.
Lieblingsalbum 2009: Jason Chung: Ist, glaube ich, noch von 2008, aber egal: Radiohead "In Rainbows"
Lieblingsalben Jahrzehnt: Oh, da muss ich passen. Zu schwer ...
Pläne für 2010: An einigen neuen Remixen arbeiten und sich dann so peu à peu an ein neues Album setzen.
Aktuelles Album: "Drift" (Alpha Pup)


Lass uns mal über deinen Remix von Flying Lotus' "Camel" sprechen - der hat ja viel für dich bewirkt.

Ich bin ein großer Fan von Lotus und Warp, insofern war es sehr leicht für mich, in einen guten Flow für den Remix zu kommen - das half, dass er gut ankam. Und dann kam in der Tat Bewegung in meine Karriere.

Nun kommst du aktuell ja ganz schön rum. Wie fühlt sich dieser Durchstartmoment denn an?
Es ist fantastisch, die ganze Welt zu bereisen und die eigene Musik vorstellen zu können. Das war immer mein Ziel. Und ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich auf Europa freue.

Die Visuals für deine Show kommen von deiner Freundin Julia Tsau. Erzähl doch mal ein bisschen was über euren künstlerischen Austausch. Ist sie denn auch immer mit dabei auf Tour? Wär ja ein angenehmer Nebeneffekt.
Sie macht alles in Kooperation mit unserem gemeinsamen Freund Adam Guzman. Sie kennen sich von der Design-Schule. Leider werden sie aber nicht mit mir auf die große Tour gehen, die Kosten für die Visuals sind einfach noch zu hoch. Und es macht keinen Sinn, es unter Wert durchzuziehen.

Du wirkst auf der Bühne sehr schüchtern. Nur Show?
Wir haben an dem Abend einiges getestet, das war nicht die wirkliche Performance. Vielleicht kam ich deswegen ein bisschen schüchterner rüber, als ich bin.

Wo liegen denn deine Einflüsse?
Viel HipHop aus den 90ern, Radiohead, Chopin, Satie, Dre, Timbo, Neptunes, Beatles ...

Der Sound, den du machst, schien ja noch vor Kurzem ein bisschen outdated im Windschatten des sudden death von Laptop-Electronica. Bist du selbst überrascht über das Comeback des Genres, das sich durch neue Warp-Signings wie Hudson Mohawke und Flying Lotus eingestellt hat?
Darüber habe ich nicht groß nachgedacht, ehrlich gesagt sehe ich so was überhaupt nicht. Es spielt für mich keine Rolle, wenn ein Sound outdated ist. Wenn ich ihn machen will, mache ich ihn.

Du kommst aus Los Angeles, nicht gerade die erste Adresse für elektronische Musik. Beschreib doch mal die lokale Szene für uns.
Wir unterstützen uns sehr stark. Der Antrieb ist die "Low End Theory", unsere gemeinsame Partyreihe, von der es auch einen Podcast gibt. Es fühlt sich so an, als würden wir uns alle stetig weiterentwickeln.

Auf der nächsten Seite: Clues

Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.

Clues

Gesehen: Cabaret Juste Pour Rire, Montreal, 01.10.
Im Netz: cstrecords.com/bands/clues
Das Wichtigste: Man sollte den Namen Alden Penner erinnern. Der Kanadier war nämlich die eine Hälfte der bezaubernden Unicorns, die vor gefühlten fünf Jahren als die logischen Nachfolger der Flaming Lips erschienen - und sich dann leider zerstritten. Seine neue Band Clues hat nicht nur von Alien 8 zum anderen Indiegiganten der Stadt, Constellation, rübergemacht, sondern präsentiert sich auch deutlich heterogener im Sound. Zwar locken auch die Clues mit pompösen Orchesterpopmomenten, verstecken diese aber zwischen rhythmischen Eskapaden (das Schlagzeug spielt wie immer, wenn No Wave und Postpunk im Spiel sind, eine gewichtige Rolle im Bandsound), Laut/Leise-Spielereien, Ausbrüchen und Wehmut. Kurzum: Man merkt den Einfluss des zweiten Songwriters der Band, Brendan Reed (früher bei Les Angles Morts und Arcade Fire).
Lieblingsalbum 2009: Alden Penner: Ich habe es noch nicht gehört, aber ich sage mal: das Album von Micachu - haha.
Lieblingsalben Jahrzehnt: Da muss ich passen.
Pläne für 2010: Hm, wir werden zunächst mal die Ostküste Amerikas betouren, das ist derzeit für Februar geplant. Dann gilt es, neue Songs zu schreiben, aufzunehmen und zu veröffentlichen. Ich will nebenher auch noch etwas studieren. Wir träumen derzeit noch alle Träume gleichzeitig, manchmal wird dadurch alles etwas messy und unklar, aber so soll es sein.
Aktuelles Album: "Clues" (Constellation / Al!ve)


Kein Clues-Interview ohne Unicorns-Frage. Sorry, aber dazu war die Band zu toll. Wieso endete das denn damals?

Die Band wurde damals eigentlich nicht beendet, ich bin einfach ausgestiegen. Ich wollte Dinge machen, die ich als Punk bezeichne, statt mich mit Bandschwierigkeiten abzuplagen.

Und wie haben sich die Clues gefunden?
Die Clues bestehen aus Mitgliedern der Unicorns und anderer Bands, die sich 2003 in Montreal in der Concordia-Art-Szene um uns herumtrieben. Dort habe ich Brendan Reed auch erstmals getroffen. Zu Beginn spielten wir nur ab und an gemeinsam rum, hatten aber den Traum, das zu intensivieren. Unsere erste Single kam dann 2005 raus, im Jahr darauf tourten wir erstmals - und dann erst suchten wir nach einem Bandnamen. Und auch jetzt suchen wir noch unseren genauen Kern.

Das Konzert hat mich sehr beeindruckt. Liege ich falsch, dass das Livespielen sehr wichtig für die Soundgenese bei euch ist?
Oh ja, unsere Songs sind keine feststehenden Dokumente, sondern lebendig und stets im Wandel. Wie alles, was Bedeutung hat, leben sie erst durch die Performanz. Was ich damit sagen will: Die Bedeutung entwickelt sich erst durch die Rekontextualisierung in verschiedenen Städten und Räumen, sie wird geschärft durch unsere Erfahrungen. Das ist wie mit Gebäuden, die schleifen wir ja auch zu - oder wie es Churchill einst sagte: "Wir schleifen sie und sie dann uns."

Lass uns mal über den Sound reden: Ihr macht es den Hörern insofern nicht leicht, als dass die Melodien, das Poppathos sehr eingestrickt sind. Eine Erfahrung aus der Vergangenheit, dass ihr erfahren musstet, dass Ideen leicht verblassen, wenn man sie den Leuten zu gefällig serviert?
Nein. Ich denke, das kommt daher, dass wir in der Regel mit unfertigen Ideen ins Studio gehen und es derer sowieso viel zu viele gibt. Ich mag es generell, wenn meiner Kunst etwas Provozierendes anhaftet.

Für uns Außenstehende schimmert ein Label wie Constellation ja in diesem goldenen Indieglanz. Wie fühlt sich das denn vor Ort an?
Ich lebe in St. Henri, also nicht in enger Nachbarschaft zu ihnen. Aber das macht nichts aus, denn ich denke, Constellation bedeutet für alle das Gleiche, ob Einheimische oder Leute wie du: Es ist ein Label, das von Leuten gemacht wird, die sich wirklich um die Dinge kümmern, ehrlich sind und sehr hart arbeiten.

Auf der nächsten Seite: Fool's Gold

Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.

Fool's Gold

Gesehen: Bowery Poetry Club, New York, 22.10.
Im Netz: www.iamsoundrecords.com/artist/foolsgold
Das Wichtigste: Einen dümmeren Namen hätten sie sich nicht suchen können, Luke Top und Lewis Pescacov, die beiden Köpfe hinter diesem Afrobeat-Kollektiv - denn noch sehen sie kein Land gegen den mighty Gegner Fool's Gold Records und dessen HipHop-Imperium. Vielleicht sehen die beiden es aber auch als Challenge, dass sie sich dagegen durchsetzen müssen. Die Chance besteht, wie die Erfolgsgeschichte von Vampire Weekend gezeigt hat. Zumal die westliche Adaption von Einflüssen aus äthiopischer, malischer und kongolesischer Musik (neben weiteren), wie sie Fool's Gold performen, in der Tat großes Abholpotenzial in sich birgt.
Lieblingsalbum 2009: Luke Top: Dirty Projectors "Bitte Orca"
Lieblingsalben Jahrzehnt: Das können wir echt nicht beantworten.
Pläne für 2010: Wir wollen alle zusammen nackt auf der Seine segeln. Und jede Menge Festivals spielen. In dieser Kombination machen wir unsere Mütter und zukünftigen Frauen stolz.
Aktuelles Album: "Fool's Gold" (I Am Sound)


Ihr seid im Kern ein Duo. Wie entscheidet ihr denn, wen ihr für die Aufnahmen und Konzerte mit ins Boot holt?
Zur Magie dieser Band gehört es, dass alles organisch zu passieren scheint, dazu gehört auch das Kommen und Gehen anderer Musiker. Seit Lewis und ich angefangen haben, sind uns so viele spannende Leute begegnet. Meistens waren sie - das sollte ich der Fairness halber sagen - allerdings schon vorher Freunde von uns. Jetzt, wo wir so viel touren, wird sich zeigen, wer darauf überhaupt Lust hat - das führt zum ersten Mal zu einem erweiterten Kern. Mal sehen, ob wir das nächste Mal auch mit mehr Leuten die Musik schreiben werden.

Ihr kommt aus Los Angeles, von daher überrascht mich der helle, freundliche Ansatz eurer Musik nicht, schon aber die Afro-Zentrierung. Wobei es auch mexikanische und südamerikanische Einflüsse gibt, die ich eher mit diesem Ort in Verbindung bringe. Wie seid ihr zur afrikanischen Musik gekommen?
Du hast sicher recht, dass man hier viele mexikanische und südamerikanische Einwanderer findet und so auch mit ihrer Kultur in Verbindung kommt. Zwei unserer Mitmusiker kommen zudem aus diesen Kulturkreisen, daher auch die mexikanischen und argentinischen Momente im Sound. Aber die kulturelle Vielfalt in Los Angeles ist noch viel größer - ich bin schon lange ein Fan südamerikanischer Musik, aber eben auch afrikanischer. Weißt du, für mich meint afrikanische Musik vor allem eines: Alles geht.

Du bist in Israel geboren. Wie lange hast du denn dort gelebt?
Ich bin schon mit drei Jahren in die USA gezogen.

Ist es für dich denn eine politische Sache, dass du auf Hebräisch singst? Es ist ja nicht die gängigste Sprache der Popwelt ...
Die Politik beeinflusst bei uns nicht den künstlerischen Schaffensprozess. Uns geht es darum, das Menschliche, das Universelle in uns auszudrücken. Da wäre die Propaganda eines politischen Anliegens eher kontraproduktiv. Aber wo ich das klargestellt habe, ist es sicherlich so, dass es auf einem unterbewussten Level schon Einflüsse gibt. Auf Hebräisch zu singen fühlt sich für mich einfach nur natürlich an, und das gehört auch zu unserem "Alles ist Möglich"-Ansatz dazu. Es kam einfach nur so aus mir raus - und es passt so gut zu den Sounds. Auf Hebräisch statt auf Englisch zu singen bietet mir ganz neue Möglichkeiten.

Wie reagieren die Hörer auf das Hebräische?
Bislang sehr, sehr gut. Es ist für die Leute keine Blockade, die sie von unserer Musik fernhält. Es geht doch hauptsächlich um Gefühle, und die sind sehr stark spürbar. Manche singen gar mit, ohne dass sie die Sprache wirklich kennen. Das bedeutet mir viel.

Lass uns mal kurz über den Namen reden. Wer war zuerst da: das gleichnamige Label oder ihr? Und gibt es keine Verwechslungen?

Da wir zwei verschiedene Tierarten sind, verursacht es keine Konfusionen.

Noch mal zurück zu den afrikanischen Einflüssen: Kennst du Damon Albarns Labelimprint für afrikanische Musik,
Honest Jon's Record? Und was hältst du von Bands wie Vampire Weekend und The Very Best?
Ich war als Teenager ein großer Blur-Fan - aber ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung von diesem Label. Ich muss das mal auschecken. Die beiden Bands, die du da ins Spiel bringst, mag ich, aber ich weiß gar nicht, ob das aus diesem Grund ist oder einfach, weil ich gute Musik liebe.

Auf der nächsten Seite: Here We Go Magic / Luke Temple

Das Jahr geht, Bilanz wird gezogen. Doch noch spannender als der Blick zurück sind die ersten Versuche, das Kommende zu erahnen. Thomas Venker war unterwegs in Montreal (Pop Montreal Festival) und in New York (CMJ Festival, das jährliche Schaulaufen der US-Indie-Labels) und hat ein paar tolle neue Acts gesehen. Das hier ist ihre Geschichte.[

Here We Go Magic / Luke Temple

Gesehen: Webster Hall, New York, 20.10.
Im Netz: www.myspace.com/herewegomagic
Das Wichtigste: Zumeist läuft es ja andersherum, macht einer solo, da es ihm mit der Band alles zu kompliziert, zu aufreibend geworden ist. Luke Temple hingegen irritierte die Fans seines idiosynkratischen Songwritings nach zwei berechenbaren Alben mit einer überraschenden Soundwendung hin zu zwischen Tribal- und Psychedelic-Einflüssen gelagerten Songs. Besonders krass wird die Diskrepanz zwischen Vorher und Nachher live, wo er sich eine stattliche Liveband von fünf Leuten zusammengestellt hat.
Lieblingsalbum 2009: Luke Temple: Damit tue ich mich immer sehr schwer. Sorry.
Lieblingsalben Jahrzehnt: Und das ist dann wirklich eine zu große Hürde.
Pläne für 2010: Das Übliche: Touren, Musik machen.
Aktuelles Album: "Here We Go Magic" (Western Vinyl)


Luke, der Auftritt in der Webster Hall gerade war wirklich sehr aufwühlend. Lass uns mal kurz zurückschauen, für alle, die dich noch nicht so gut kennen. Deine beiden alten Alben "Hold A Match For A Gasoline World" und "Snowbeast" zeigten dich als Indie-Songwriter. Mit dem neuen Album wagst du dich an einen neuen Sound heran. Was ist passiert?
Für mich ist das ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Ich denke, dass es für die Zuschauer so verwirrend ist, da das Album noch relativ nah an dem Vorgänger dran ist, sich vor allem die Liveumsetzung bislang verändert hat. Und das ist dann in der Tat ein großer Sprung gewesen.

Der Livesound erforscht in langen trippigen Jams die inneren Texturen deiner Musik. Faszinierend ist dabei, dass du nie die Kontrolle über den Song verlierst. Brauchte es viel Übung, bis die Band ihre Harmonie gefunden hatte?
Schön, dass du denkst, dass wir sie schon gefunden haben. Ehrlich gesagt sind wir noch immer mitten im Prozess.

An einem sehr signifikanten Moment der Show fällst du in ein Mantra aus Handclapping und Tribal-Tanz. Sind die Shows für dich denn eine Art Katharsis? Und fällt es dir nicht manchmal schwer, das Nacht für Nacht immer wieder abzurufen?
Das ist eigentlich ganz leicht, wenn du den ganzen Tag im Bus gesessen hast.

Als ich dich so performen sah, musste ich an David Byrne und seine Band
Talking Heads denken.
Danke, danke. Das gefällt mir natürlich.

Du warst ja sehr lange Single. Wie fühlt es sich denn an, jetzt mit vier Leuten dauerhaft zusammen zu sein?

Oh, wir verstehen uns sehr gut. Vor allem, da wir ja, wie von dir angesprochen, sehr sehr viel zusammen sind.