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Eines Tages, Baby, werden wir tot sein

7 Dinge, die wir beim Echo 2018 gelernt haben

Wincent Weiss säuft immer alle unter den Tisch. Julia Engelmanns Löwenherz schlägt für Chester Benningfield. Der arme Kollegah fühlt sich von Campino an den Pranger gestellt. Diese und andere Dinge lernte Daniel Koch bei der Echo Verleihung am Donnerstag.

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1. Alles in allem bleibt alles beim Alten

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, schon am Montag einen Artikel namens »X Gründe, warum der Echo 2018 wieder aufs Maul kriegen wird« zu schreiben. Kann man sich ja ungefähr ausrechnen, was passiert: ein Auftritt von Campino, einmal Helene, mindestens ein Skandal über politisch fragwürdige Aussagen, viele Live-Performances, die der Intro-Leserschaft wenig bedeuten dürften, eine völlig vergeigte Verneigung vor Verstorbenen und drölfhundert hyperironische, überhebliche oder wütende Rants von der Musikjournallie – davon einer von mir. Damit ist man wieder mitten drin in der Schizophrenie dieser Veranstaltung. Es ist der Preis einer Branche, deren Teil man ist. Es ist aber ein Preis, der »das Beste« zu großen Teilen durch kommerziellen Erfolg definiert. Mal abgesehen vom »Kritikerpreis« – für den ich übrigens in der Jury saß – bildet der Echo also den deutschen Massengeschmack ab und bringt folglich eine Menge Murks auf die Bühne. Außerdem ist es eine Veranstaltung, die es todsicher hinbekommt, sich an entscheidenden Stellen im Ton zu vergreifen. Und trotzdem treibt mich immer wieder mal die leise Hoffnung um, dass die Verantwortlichen diese prominente Plattform nutzen um auch mal Gutes zu zeigen, oder immerhin mal vermitteln, dass sie nicht nur die VIP-Schickeria und das Vox-Publikum bespaßen wollen. Wenn ich mich jetzt so durch die ersten Nachberichte und TV-Kritiken lese, kann man wohl sagen, dass genau das natürlich nicht vermittelt wurde. Obwohl es immerhin auch ein, zwei, drei kleine Lichtblicke gab und viel, das fürchterlich egal war, aber niemandem weh tat. Und hey, man wird ja genügsam!

2. Die Causa Bang & Blume endete ziemlich »stillos«

Fangen wir jedoch mit dem saftigen Teil an, damit hier keiner wegpennt: Farid Bang und Kollegah waren bekanntlich für ihr wirklich lahmes Album »Jung, Brutal, Gutaussehend 3« nominiert. Die Kritik fand es mau, selbst die oft so wohlwollende HipHop-Presse, aber die Kids kauften es trotzdem. Die Folge: Platz 1 der Charts, inzwischen Platinstatus, In der Echo-Logik heißt das also: gutes Album. Eher sogar: »Bestes Album HipHop National«. Als die Bild Zeitung dann vor einigen Wochen eine Textzeile aus der beigelegten Bonus EP ins Licht zerrte – nämlich »Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen« aus dem Track »0815« – und diese in den Kontext zur Nominierung setzte, merkten auf einmal alle, was nicht wirklich neu ist: Felix Blume alias Kollegah und Farid Bang geben – Battle Rap hin oder her – für die billige Punchline recht häufig ziemlich geschmacklose, dumme, menschenverachtende Kackscheiße von sich. Was die Branche, die Fans, und die meisten Medien vorher nicht groß gestört zu haben scheint. Der Echo steckte dann wieder in jener Zwickmühle, die schon im Falle von Frei.Wild nicht wirklich gut gelöst wurde: Das Album steht nicht auf dem Index, viele Leute jener Branche, die den Echo vergibt, haben sich daran die Taschen voll gemacht und trotzdem sieht das alles im Spotlight nicht gut aus und man muss irgendwie reagieren. Oder der Diskussion Raum geben. Mit der »Lösung« waren nun nicht alle zufrieden. Campino fiel die Rolle zu – oder vielmehr sah er sich in der Rolle – während der Sendezeit etwas zum Thema zu sagen. Vor seiner ersten Moderation hielt er eine sehr ausgewogene Rede, sichtlich nervös und sichtlich bemüht, sich nicht zu vergallopieren, wie es ihm vor zwei Jahren passiert war. Ich bin wirklich nicht der größte Campino-Fan, und es hat natürlich wieder ein belehrendes Element, wenn der kulturell etablierte biodeutsche Ex-Punk, den Rappern mit Migrationshintergrund einen Vortrag hält, aber das hätte man auch schlechter machen können:

Der Echo-Moderator gab daraufhin Kollegah und Farid Bang die Möglichkeit, darauf etwas zu erwidern. Das sah dann so aus:

Ach, wie diplomatisch er da klingt. Hauptsache ne gute Party also. Und diese weiche Stimme. Der Felix kann so nett sein, wenn er nicht battle-rapt. Als es dann später den Preis tatsächlich gab, sah das ganze dann wieder weitaus unsympathischer aus:

Ich kann mir nicht helfen: Selbst als Battle-Rap-Fan muss man doch an dieser Stelle sagen, dass das ein ziemlich stilloser Auftritt ist. Was soll das Rumgeheule? Diese Kacke von »an den Pranger« stellen? Da haben sie sich schön selbst hingestellt. Wer so geschmacklos provoziert, in dem er rhetorisch auf die Schwächsten tritt, muss entweder die Eier haben, zu sagen: »Verstanden, war scheiße.« Oder aber sagen: »Jau, steh ich zu. Ist antisemitisch. Mögen viele Fans von uns, deshalb die Zeile.« Was ja auch noch eine Möglichkeit ist, die man bei einem sehr intelligenten Geschäftsmann wie Blume zumindest mal denken kann. Aber es ist wohl so, wie Juse Ju unlängst so treffend rappte: »Alle kaufen sich jetzt Rücken und verkaufen es als Rückgrat«. Ironische Fußnote an der Geschichte: In einem offiziellen Statement appellierte der Musikverband hinter dem Echo an die Branche, »in Zukunft noch mehr darauf zu achten und noch genauer hinzuschauen, welche Inhalte die Texte veröffentlichter Künstler haben.« Schön, dass die Branche der Branche genau das rät, wenn schon alles zu spät ist und man bei Vox in bester Zeit zugeben muss, was für Scheiße man manchmal auf den Markt bläst. Aber hey: Darauf einen Echo!

3. Eines Tages, Baby, werden wir tot sein ...

Kommen wir zum zweiten Ärgernis des Abends: Die Störung der Totenruhe großer Musiker durch die arme Julia Engelmann. Ich frage mich schon jetzt, wer sich das ausgedacht hat. Engelmann – die Stimme der Generation BWL und der mit schöner Stimme vorgetragenen Harmlosigkeiten voller fahler Melancholie und schlechter Reime – »ehrt« die verstorbenen Musikerinnen und Musiker der letzten Jahre. Das tut sie, in dem sie ihren Text »Löwenherz« vorträgt, während im Hintergrund Bilder und Videos der Toten auf einer Leinwand laufen. Angefangen von Chester Bennington, den sie zuvor als Chester Benningfield bezeichnet, über Chris Cornell, Fats Domino, Gunter Gabriel, Joy Fleming, Malcom Young bis zu Holger Czukay von Can und Tom Petty. Wie bizarr und unpassend und scheiße das ist, hätte man doch spätestens bei der Probe merken müssen. Oder? Für die ganz Harten unter euch:

4. Wincent Weiss was Rock’n’Roll ist

Wenn man sich für den Echo-Besuch entscheidet, muss man darauf gefasst sein, die hässliche Fratze der deutschen Popmusik zu sehen. All diese perfekten, bemützten Jungmännergesichter singender Sonnyboys oder die Fressen, die man schon lange nicht mehr sehen kann, weil sie nicht nur bei »The Voice« in der Jury sitzen, sondern auch durch jede TV-Show turnen. Neu in dieser Runde und unserer Leserschaft vielleicht noch nicht bekannt, ist Wincent Weiss. Der spielte schon im letzten Jahr in illustrer Gesellschaft mit Giesinger und Forster auf der Bühne einen Song und gewann in diesem Jahr den Echo für »Newcomer International« und »Künstler Pop National«. Ich habe mich ja inzwischen dran gewöhnt, dass harmlose Kackbratzen eine Musik machen, die ich ohne ihre Visagen und ihre nichtigen Texte vielleicht sogar gut finden könnte, was ich aber nicht ertragen kann, ist wenn so ein Glattgesicht wie Wincent sich dann auf der Bühne geriert, als wäre er der Wildeste unter den Anwesenden. Immer wenn er auf der Bühne stand und das Mikro hatte, redete er jedenfalls davon, wie er beim Echo immer GESOFFEN hat, dass er beim Echo jetzt endlich SAUFEN kann, dass er sich bis zum letzten Jahr immer REINGESCHLICHEN hat, um beim Echo zu SAUFEN, und er nach der Awardshow noch mit allen ordentlich SAUFEN werde. Tja, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich denke immer: Wer so redet, hat entweder nicht mehr im Blick, wie drüber er ist, weil er zum Vorglühen lieber ne Nase genommen hat, anstatt einen zu SAUFEN, oder geht nach der Show nach Hause, um in Ruhe ein Sudoku zu lösen und noch mal das Kleingedruckte seines Bausparvertrages zu lesen. Wer den Wincent mal kennen lernen möchte:

5. Beste Live-Acts des Abends: Alice, Helene und Kylie

Ich weiß nicht, ob es an mir oder der aktuellen international erfolgreichen Popmusik liegt, aber noch nie waren mir die Live-Auftritte so egal, wie bei diesem Echo. Ich habe nie verstanden, was Rita Ora nun auszeichnet und hätte mich riesig gefreut, wenn stattdessen die ebenfalls nominierte Dua Lipa auf der Bühne gewesen wäre. Ich verstehe das Phänomen Shawn Mendes im großen Ganzen, wundere mich aber, wie man mit so schwachen Songs wie »In My Blood« so erfolgreich werden kann. Jason Derulo und seine Hits »Tip Toe« und »Swalla« sind ohne die guten Features auch eher R’n’B-Pop-Stangenware und warum Kool Savas eine Bühne mit Rea Garvey teilt, muss man mir auch noch erklären. Sympathisch wiederum war Alice Merton und ihre Band, die sich noch einen Award ins Regal stellen kann, den sie wohl auch wie alle anderen überwiegend ihrem Überhit »Roots« zu verdanken hat, der toll aber totgedudelt ist. Oder Kylie Minogue mit ihrem Country-Pop-Schlager, oder wie man ihren neuen Sound nennen soll. Und selbst Entertainment-Roboter Helene Fischer zeigte mal Improvisationstalent bei ihrem Auftritt mit »Despacito«-Stelzbock Luis Fonsi.

6. Haiyti ist nicht nur Webcamgirl, Bahama Mama und Intro-Covergirl – sie ist auch Echo-Gewinnerin

Ein entlarvender Moment war die Vergabe des Echos, der von rund zwanzig Kritikerinnen und Kritikern vergeben wird. Es ist der einzige Preis, bei dem Verkaufszahlen überhaupt keine Rolle spielen und man betont geschmäcklerisch sein kann. Judith Holofernes übergab den Preis, hielt eine charmante Rede und freute sich sehr darüber, dass Haiyti in dieser Kategorie gewann. Die sich wiederum auch sehr freute, und für die Zukunft gelobte, mehr Bock auf Interviews zu haben. Entlarvend war in dieser Szene vor allem die Geräuschkulisse im Saal. Als die Nominierten über die Leinwand flimmerten, wurde minimal gejubelt, bei der Nennung von Nils Frahm konnte man sogar die Fragezeichen in den Gesichter des Saalpublikums zählen. Wenn ich also noch einen Beweis brauchte, dass diese Party für jenen Teil der Musikwelt ist, mit dem ich nicht so viel zu tun habe – hier war er. Aber egal: Es waren tolle Nominierte (neben Frahm und Haiyti noch Tocotronic, Feine Sahne Fischfilet, Casper) und es gabe eine Gewinnerin, der wir von ganzem Herzen gratulieren. Darauf einen Martini!

7. Es war also nicht alles schlecht ...

Auch wenn ich damit ein wenig aus der Rolle falle, muss ich dann doch noch mal loswerden, dass es auch einige ganz nette Momente gab: Zum Beispiel die Vergabe des Ehren-Echo an Musiker, Illustrator und Beatles-Weggefährte Klaus Voormann durch Wolfgang Niedecken und Paul McCartney per Einspieler . Oder die zwar pathetisch angelegte, aber sympathische Rede von Fetsum und Teddy vom Peace By Peace Festival, die mit dem Echo für Soziales Engagement ausgezeichnet wurden. Das waren dann die Studio- und Fernsehmomente, wo man wieder kurz dachte: Ja, so könnte das auch aussehen. Die erfreuliche Konsequenz für das Festival – das Interesse war so groß, dass der Server zusammenbrach:

Nehmen wir doch diese Meldung als versöhnlichen Ausklang und hoffen, dass im nächsten Jahr die guten Momente mal alles andere überstrahlen.

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