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Von Seepferdchen und Schlammpackungen

7 Dinge, die wir auf dem Hurricane 2016 gelernt haben

Die Füße sind wieder trocken, die Eltern beruhigt, die Zelte im Müll – und das 20. Hurricane vorbei. Wild war es – und anders, als wir uns das gewünscht haben. Trotzdem haben wir auf dem Hurricane wieder einiges gelernt – Schwimmen zum Beispiel. Und wir sind uns sicher, dass man diesen Geburtstag so schnell nicht vergessen wird.

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1. Schwimmen

Wer das allgemeine Schwimmzeichen »Seepferdchen« erlangen will, muss dafür einmal vom Rand ins Becken springen, 25m schwimmen und einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser mit den Händen herausholen. All das war am Wochenende auf dem Hurricane möglich – und es hätte mich auch nicht gewundert, wenn das von Besuchern und Veranstaltern auf Facebook gegründete #HurricaneSwimTeam am Sonntag noch sein eigenes Seepferdchen vergeben hätte.

2. Regen ist ganz schön nass

Ihr merkt schon: Wenn wir über das Hurricane 2016 reden, müssen wir natürlich über das Wetter reden. Da war ja was. Tatsächlich war es erstaunlich, wie viel Regen in der Nacht von Donnerstag auf Freitag und eigentlich am kompletten Samstag die Heide- in eine Moorlandschaft verwandelte. Mindestens ebenso erstaunlich war aber die Reaktion der Hartgesottenen Festivalgäste, die sich die Laune nicht verderben ließen, frei nach dem Motto: »Wenn eh schon alles abgesoffen ist, kann man auch gleich ganz reinspringen!« Zwar reisten einige schon am Samstag durchnässt und gefrustet mit dem Zug zurück, wer aber am Samstagnachmittag die Campingplätze passierte, sah fast überall Wassersport- und Schwimmfreunde. Das »Seepferdchen« war nämlich nur der Anfang, später gab es Szenen wie diese – und mal ehrlich, da kann Baywatch einpacken!

3. Die Headliner bleiben hausgemacht

Reden wir mal über die Musik: In Sachen Bands, die als Headliner taugen, war auch beim Hurricane ein klarer Heimvorteil zu erkennen. Gut, das internationale Team war ein wenig gehandicapped, da The Prodigy und The Offspring am Samstag ausfielen und damit die nicht tot zu kriegenden Hives und Mumford & Sons die einzigen internationalen Bands zu Headlinerzeiten waren, aber lauschte man bei der Anreise mit dem Zug den Gesprächen oder fragte auf dem Gelände rum, freuten sich die meisten vor allem auf K.I.Z, Rammstein, Deichkind und immer wieder AnnenMayKantereit, denen sicher so langsam schwindelig wird, wenn sie von den immer größer werdenden Bühnen schauen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich finde das nach wie vor erstaunlich – vor allem, wenn man bedenkt, dass man besagte Künstler in diesem Jahr gefühlt ein Dutzend mal sehen konnte. Andererseits werden internationale Headliner ja auch immer älter und bereiten oft nur noch die Indiesuperhits der Neunziger und Nullerjahre auf. Ein Stückweit schaffen die sich also auch selber ab ...

4. Rammstein unterhalten immer

Umgekehrt wiederum gibt es natürlich wenige Bands aus Deutschland, die auch im Ausland funktionieren. Eigentlich fallen einem da nur Rammstein ein, die am Freitag wieder ihre Standards im Gepäck hatten: Große und kleine Feuer (inzwischen meistens große), Rauchzeichen jeglicher Couleur, mit Hammer und Meißel aus dem Steinbruch der sprachlichen Perverstitäten herausgekloppte Endreime und das wie eine Lawine ins Tal rollende »R« des Till Lindemann. Natürlich wahnsinnig unterhaltsam das Ganze – wenn man es dann aushält.

5. Fußball ist immer noch wichtig

Das haben Acts wie Elliphant, The Wombats, Two Door Cinema Club, Wanda und vor allem die großen Fraktus doch nun wirklich nicht verdient! (Ja, ich geb’s zu – das Spiel war gut ...)

6. Turbostaat, Egotronic und Feine Sahne Fischfilet bleiben stabil

Wo wir gerade beim Thema EM und Co. sind: Geht es denn wirklich nur mir so, dass diese ganze Fahnenschwenkerei und das »Deutschland!«-Gerufe einen eher bitteren Beigeschmack haben, wo doch in der ersten Jahreshälfte und im ganzen letzten Jahr vor allem rechte Deppen und Pegidas mit Schwarz-Rot-Gold rumliefen (gut, einige von ihnen müssen ihre Deutschlandfahne noch gegen das aktuelle Modell tauschen, aber ihr wisst, was ich meine)? Da fand ich es auf dem Hurricane erfrischend, dass sich die Gegenstimmen trotzdem trauten, das alles – und zwar nicht nur Fahnen, sondern Staaten an sich – mal aggressiv in Frage zu stellen. Egotronic zum Beispiel – die da ja eine klare Haltung haben, und diese auch so groß auf die Bühne schreiben, dass jeder sie sehen kann:

Überhaupt finden wir es nach wie vor sehr erfrischend, Bands mit Haltung vor einem riesigen, euphorischen Publikum zu sehen. Neben Egotronic, seien Turbostaat da natürlich genannt, oder aber Feine Sahne Fischfilet, die zwar immer noch gerne mal »Komplett im Arsch« sind, aber eben auch genau die richtige Portion Wut im Bauch haben.

7. Der Umgang mit amtlichen Unwetterwarnungen vor amtlichen Gewittern kann auch mal amtlich ausfallen

Passiert ja auch nicht so oft, dass wir hier mal die Organisation eines Großfestivals loben. Aber tatsächlich muss man – so ärgerlich die vielen abgesagten Shows auch sind – den Machern des Hurricane hier mal zugute halten, dass sie die wahrlich extreme Situation gut gemanagt haben. Wer sich am Samstag auf dem Festivalgelände bewegen konnte, sah, wie an allen Ecken und Enden gerödelt wurde, um das kleine Meer auf dem Eichenring trockenzulegen. Wäre kurz vor der geplanten Eröffnung des Geländes am Samstagabend nicht erneut ein Wolkenbruch niedergegangen, hätte man sogar das Abendprogramm noch auf die Beine gestellt. Ansonsten hatte man das Gefühl, dass die Erfahrungen der Konkurrenz auf dem Rock am Ring Spuren hinterlassen haben. Jede Unwetterwarnung wurde kommuniziert und zur Not scheuchte man auch schon mal einen Haftbefehl von der Bühne und evakuierte das Gelände vor einem androhenden Gewitter (das dann doch nicht mit voller Wucht ankam). Hilfreich war vor allem auch die Kommunikation auf den Social Media Kanälen des Festivals. Da hat endlich mal jemand geschnallt, wie wichtig es ist, ein fittes Team dort sitzen zu haben, das mahnt, witzelt, tröstet – und auch mal Kritik einsteckt, wenn sie angebracht ist. So macht es auf jeden Fall eine große Freude, sich noch mal auf der Facebookseite durch die Kommentare und Bilder der letzten Tage zu klicken, um Szenen wie diese zu finden:

Amtlich war aber vor allem auch die Reaktion des Publikums – und das war vielleicht der Punkt, der mich am meisten beeindruckt hat. Zwar sind laut Angaben der Veranstalter rund 15 bis 20%  der Besucher am Samstag abgereist, aber was der Rest da auf den unrettbaren Campingplätzen veranstaltet hat, war eine große Freude.

Umso schöner, dass dann allen auch noch ein sonniges Happy End beschert war, mit einem Konzertsonntag der neben tollen Auftritten von zum Beispiel Deichkind, Mumford & Sons und The Wombats auch das hatte, was man sich so sehnlich gewünscht hatte: Einen blauen Himmel – und nicht diese schlimme dauergraue Kuppel, die aussah, als hätte Alber Speer höchstelbst sie entworfen.


P.S.: Eine eher seriöse Nachlese mit vielen schönen Fotos findet ihr übrigens bei unseren Kollegen vom Festivalguide.