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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

'Star Wars' an Loch 18

4Hero

Diesmal fängt alles mit einer Vorab-CD an, auf der fein säuberlich in jeden Song drei, vier Löcher mit ein paar Sekündchen Stille eingebaut sind. Das hat zur Folge, dass man beim Hören so manches Mal vor Wut ins Kissen beißen möchte, da einen immer dann, wenn es grad so richtig schön wird, die kurze
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Diesmal fängt alles mit einer Vorab-CD an, auf der fein säuberlich in jeden Song drei, vier Löcher mit ein paar Sekündchen Stille eingebaut sind. Das hat zur Folge, dass man beim Hören so manches Mal vor Wut ins Kissen beißen möchte, da einen immer dann, wenn es grad so richtig schön wird, die kurze, brutale Stille im Kopfhörer daran hindert, komplett in das erlesene Parallel-Universum von Dego McFarlane und Marc Mac abzutauchen. Was für Zeiten ...

"Hey Mann, das ist kein Scherz oder so." Dego sieht ziemlich ernst aus. "Das mit den Drop-outs mussten wir so machen, weil Copyright den Leuten heutzutage anscheinend nichts mehr bedeutet." Vor einigen Monaten hat eine digitale Aufnahme von "Hold It Down", dem sicherlich potentesten der neuen 4Hero-Tracks, irgendwie den Weg aus dem Studio ins Netz gefunden. Damit nicht genug, kursierte er ein paar Wochen später als illegales Whitelabel auf dem DJ-Markt. Alles freute sich über den Mörder-Track und ein neues Lebenszeichen von 4Hero - die Veröffentlichung jedoch war alles andere als von den Künstlern selbst oder der Plattenfirma autorisiert und sorgte zusätzlich für ernsthafte Verstimmung beim Management von Gastvokalistin Jill Scott. Degos Stirn wirft beim Erzählen tiefe Sorgenfalten. Das hier ist jenseits von komprimierten Napster-Problemen. Diese Geschichte könnte 4Hero den wohlverdienten kommerziellen Erfolg kosten. Mit einem Album, das eh nicht gerade auf Singles ausgerichtet ist ...

Dabei hätte alles so schön sein können. 4Hero veröffentlichen "Creating Patterns" mitten hinein in das siechende Ende von Drum&Bass. Mit einem fetten Lächeln im Gesicht. Denn sie haben das Genre zwar jahrelang entscheidend vorangetrieben, sich aber bereits mit ihrem '99er-Album "Two Pages" komplett umorientiert und sich weiter auf ihr ursprünglich 1989 mit der Gründung des eigenen Labels Reinforced gefasstes Ziel, die Verschmelzung von HipHop, House, Jazz, Soul und Reggae-Vibes auf diversen Levels voranzutreiben, konzentriert.

"Da war Drum&Bass natürlich nur ein Step von vielen", sagt Marc - und grinst. Die beiden Helden, die in ihrem Studio im Nord-Londoner Stadtteil Willesden mit Hingabe an komplexen Album-Konzepten und architektonisch geschichteten Arrangements schrauben, gehören zu der Riege von Londoner Musik-Fanatikern, die mit großen, teilweise nicht immer sofort nachvollziehbaren Schritten permanent an so etwas wie jazzig-programmierter Zukunftsmusik arbeiten. Baustellen-Beispiele gefällig? Jacob's Optical Stairway, Tom & Jerry, Nu-Era, Tek 9. Sowie Kollaborationen mit u. a. King Britt, Ursula Rucker, Nicolette, Josh Wink und Goldie. Na, klingelt's? Eben. Und wenn nicht, dann ist das eine fast noch bessere Ausgangsposition für einen kleinen Abstecher ins Reich von 4Hero. Die im Studio, auf der Bühne und beim Interview eigentlich immer nur zu zweit sind. Die anderen zwei heißen Ian und Gus, bleiben lieber im Hintergrund und lenken in London die Geschicke des Reinforced-Labels.

Bei aller technischen Verspieltheit (man kennt sich aus den Tagen an der Techniker-Schule und arbeitete später u. a. bei einem gemeinsamen Piratensender) finden 4Hero auch auf dem neuen Album wieder verstärkt Gefallen an allem, was analog und handgemacht klingt: fette Streicher ("Leider ist es zu teuer, im Studio wochenlang mit einem großen Orchester loszulegen"), warmes Rhodes-Piano, weiche Stimmen und Akustik-Drums. Ja, da lacht das Herz des Nerds, der eigentlich ursprünglich mal "nur" ein DJ mit flinken Programmierfingern war. "Wir sind gute Programmierer, aber keine richtigen Musiker. Ich sehe das eigentlich eher als Vorteil ...", gibt Marc zu bedenken.

Die Gästeliste auf "Creating Patterns" reicht vom JazzFunk-Helden Roy Ayers und der bereits erwähnten Jill Scott über Ursula Rucker, Mark Murphy und Lady Alma bis hin zur FolkSoul-Vokal-Legende Terry Callier - spricht natürlich auch alles Bände. Nur ganz selten schimmert aus dem 4Hero-Gesamtsound noch diese gewisse darke, metallene Unruhe, die so manchen ihrer frühen Klassiker Anfang der Neunziger ausmachte, hervor. Die Zukunftsforscher sind auf eine sehr sympathische Art älter, um nicht zu sagen "gemütlicher" geworden. Und dennoch bleibt der schöne Slogan "Urban Jungle Soundtracks", der auf der Reinforced-Website prangt, die wahrscheinlich treffendste Umschreibung für 4Hero-Musik.

Vielleicht klappt es ja eines Tages auch noch mit dem Soundtrack für den nächsten "Star Wars"-Film. Nach unserem letzten Gespräch vor drei Jahren wollte Dego noch bei George Lucas anrufen und freundlich-drängelnd anfragen, ob 4Hero den Job nicht einfach mal übernehmen könnten. "Ich hab's mir inzwischen anders überlegt", sagt Dego und zeigt sein typisches verschmitztes Grinsen. "Soll er lieber bei uns anrufen. Dann klappt's auch." Und bis dahin wird eben ohne dazugehörigen Film "Star Wars"-Musik gemacht.