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35 Dinge, die ich auf einem Madonna-Konzert gelernt habe

Pfiffe und Dankbarkeit

Madonnas neue Platte sei bloß noch Dreck, überhaupt mit 53 habe man als Frau aufzuhören, so sexy rumzuturnen. Der chauvinistische Status Quo kläfft seit jeher seine Ikonen an. Linus Volkmann kontrolliert, was wirklich passiert, wenn die Pop-Queen sich die Ehre gibt.
Geschrieben am
10. Juli 2012, Köln-Deutz, Lanxess Arena

1. Hella von Sinnen trinkt aus zwei Kölsch-Flaschen gleichzeitig und kleidet sich auch privat eher exzentrisch.

2. Die schwule Community überhaupt ist einer der großen Stützpfeiler eines Madonna-Konzerts.

3. Der zweite sind Hetero-Pärchen sowie Frauengrüppchen, die mittlerweile in Banken und Ämtern arbeiten. Alle jenseits der 40.

4. Jugendliche interessieren sich nicht für Madonna. Oder haben beim Köln-Konzert einfach komplett gestreikt.

5. Der dreistellige Kartenpreis lädt allerdings auch nicht wirklich Gäste ein, die kein festes Einkommen haben.

6. Für die wenigen 18-jährigen, die dennoch mit ihren Eltern vor Ort sind und im Gleichklang wippen, empfinde ich nur Mitleid. Das sieht einfach nicht aus.

7. Apropos »Wippen«. Ein Madonna-Konzert besitzt ob der aristokratischen Anmutung (»Queen of Pop«), der vermutlichen Singularität solcher Events im Leben der Anwesenden etwas sehr Staatstragendes. Wippen wird dabei auch im Verlauf der Veranstaltung der Maßstab für die ultimative Entfesselung bleiben.

8. Auf einem Madonna-Konzert kann man im Abgleich zum Publikum sehr leicht das Gefühl bekommen, man sei a) noch jung, b) cool und c) extrem gut angezogen.

9. Veranstaltungen auf solch einem Arena-Level beschreiben die Signifikanz des Nichts. Im Mainstream dieser Ausformulierung wird jeder Inhalt quasi unsichtbar. Man watet durch den Hauptbahnhof-Flair des Event-Orts, es läuft Linkin Parks Song, der auch bei der EM der ARD-Jingle war, in Dauerschleife und es gibt Popcorn. Nichts verweist auf Popkultur jenseits der absoluten Verständlich- bzw Nichtigkeit.

10. Madonna hat kein Merch, die arme Sau! Niemand trägt Shirts mit ihrem Konterfei, es werden auch keine verkauft. Hey, die Toten Hosen machen über den Zweig jede zweite Million!

11. Die Vorgruppe von Madonna ist der DJ und Part-Time-Madonna-Produzent Martin Solveig.

12. Ich hasse Martin Solveig.

13. Allen Ernstes mixt er sich einfach durch aktuelle Radiohits auf einer Kanzel.



14. Zudem verhöhnt die Sau die allseits beliebte Lebensform »Hipster«, indem er ein Tennis-Stirnband und eine zu enge Kunstlederjacke trägt und beim Auflegen bekloppt rumhüpft.

15. Martin Solveig wird vom zivilen Publikum nur nicht gelyncht, weil er ständig kurze Madonna-Songschnipsel in sein »Set« mixt und brüllt »Are you ready for the queen!«. Irgendwann haben allerdings alle kapiert, mit dieser Illusion, es würde jetzt endlich losgehen, versucht er nur Zeit für sich zu schinden. Die ohnehin bereits scheintote Stimmung kühlt merklich ab.

16. Martin Solveig versucht es darauf mit Unehrlichkeit. Wir seien das beste Publikum auf der ganzen Tour. Also hoffentlich war das eine Lüge. Falls nicht: Mein Beileid Madonna. Wäre die Stimmung – zumindest an diesem Punkt des Abends – der Peak der Tour, sie müsste sofort abdanken.

17. Irgendwann hält auch der Typ die Fresse und sein David-Guetta-Gedenkmischpult wird abgebaut.

18. Madonnas Atem scheint unendlich, doch unsere Zeit kostet Geld. Es wird noch mal eine Stunde umgebaut. Pfiffe in der Halle. Mittlerweile ist es nach zehn.

19. Aus Frust wegen der Warterei wird die La Ola probiert. Verzweiflung generiert überraschend erstmals sowas wie Stimmung. Faszinierend.

20. »Diva Colonia« war Madonna in dem sagenhaft blöden kölschen Popkulturfachblatt »Express« im Vorfeld genannt worden.

21. Endlich ist es soweit. In die Begeisterung mischt sich Dankbarkeit, dass man nicht noch länger warten muss.

22. Es ist übrigens nicht ausverkauft. Auf den Rängen blitzen immer wieder paar Lücken und in den Innenraum hätte man durchaus noch paar hundert Leute mehr knüppeln können.

23. Das Bühnenbild sieht aus wie das Setting bei »Lara Croft«.

24. Überhaupt ist die komplette Show eher aggressiv statt sexy. Enttäuscht ziehe ich meine Hose wieder an.

25. Mitunter sind die Darbietungen sogar so offensiv, dass man in all der gefällig beeindruckenden Schauwert-Explosion tatsächlich Provokatives erkennen mag. »Shoot my lover in the head, bitch!« wiederholt sie in schwarzem Lederkostüm wieder und wieder. Wenn sie einen der Tänzer »erschießt«, ziert ein überdimensionaler Blutfleck die kilometerhohe Projektion der Visuals.

26. Madonna muss bei ihrem Konzert gar nicht dauernd anwesend sein. Soviele Tänzer, Effekte, Einspieler lenken erfolgreich davon ab, dass mitunter ein Song Playback läuft und die zentrale Dame gar nicht unter den Turnenden ist. Was sie wohl macht? Eine Rauchen, Strullen, Brötchen essen? Am wahrscheinlichsten allerdings: Umziehen.

27. Im siebten Kostüm des Abends trägt sie sogar den ikonischen Eisen-Büstier von Jean-Paul Gaultier. Der wird gefeiert wie ein Evergreen.

28. Apropos Evergreens, Crowd-Pleasing und Wille, die neue Platte statt der alten Hits zu spielen... Madonna löst das kongenial über das Format »Medley«. Immer wieder mischen sich Passagen, Melodien der gefragten Stücke in die musical-mäßige Dauerbeschallung. »Papa don’t preach« schafft es sogar bis zum ersten Refrain, andere haben weniger Glück. Mit dieser Teaser-Attitüde allerdings vermittelt sie das Gefühl, diesen oder jenen Song ja doch auch gehört zu haben. Ohne dass er wirklich gespielt wurde.

29. »Open your heart« kommt indes ganz. In einer neuen, total rhythmischen Version. Madonna gefällt es. Wir vom Publikum hassen ihn. Keine Varianten!

30. Während ihre Stimme die Stücke singt, hört man sie manchmal reinrufen: »Yeah! What’s up cologne?« Nennt mich altmodisch, aber man könnte wirklich etwas besser kaschieren, dass offenbar überhaupt nicht live gesungen wird.

31. Auf der Bühne arbeiten bis zu 30 Tänzer und Musiker gleichzeitig.

32. Madonna verlangt, dass die Halle ein seltsames baskisches Wort brüllt. »Shadalajo!« (oder so ähnlich)

33. Als jemand aus der ersten Reihe reinruft, was das Wort bedeutet, fährt sie ihn an: »Shut up, you’ve been to six shows!« Madonna hasst Spoiler und kennt ihre Kunden mitunter persönlich.

34. Denn sie will selbst sagen, was das bedeutet. Irgendwas mit Apfel und Toleranz war es, glaub ich.

35. Irgendwann ist es dann doch und reichlich spät zu Ende. Und es wäre vermessen, in den feuilletonistischen Quark einzusteigen und diese Show als altbacken und leer zu bezichtigen. Vielleicht war sie das ja, aber sie war vor allem auch: Irgendwie geil. Und das auf diesem Level der absoluten Entfremdung hinzukriegen, ist, wie so vieles in Madonnas Geschichte, einfach eine große Leistung.