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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

We Name It Justice

3 Normal Beatles

Sie spielen auf der Straße und an Orten, wo sie ein Publikum erreichen, das nicht zur herkömmlichen Indie-Peergroup gehört. Die "normalen Beatles", das sind Klaus Ramcke, Thorsten Seif und Ted Gaier. Wer aufgrund dieser Biografien Agitprop erwartet, liegt nicht mal ganz falsch: Zwischen den Stücken
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Sie spielen auf der Straße und an Orten, wo sie ein Publikum erreichen, das nicht zur herkömmlichen Indie-Peergroup gehört. Die "normalen Beatles", das sind Klaus Ramcke, Thorsten Seif und Ted Gaier. Wer aufgrund dieser Biografien Agitprop erwartet, liegt nicht mal ganz falsch: Zwischen den Stücken wird gerne lange mit dem Publikum diskutiert (was auch seinen Platz auf die Platte fand), da gibt es Pamphlete und Parabeln, Sinnbilder und Parolen in bester Brecht-Tradition zu hören. Zu der Musik will das auf den ersten Blick gar nicht passen, denn die besteht vorwiegend aus Mittsechziger-Coverversionen - Songs wie "Painterman", "My Generation" und "Set Me Free", also Perlen der Mod-, Beat- und Soul-Ära.

Das Repertoire der 3 Normal Beatles soll inzwischen mehr als 90 Stücke umfassen, ein knappes Viertel davon hat nun den Weg auf Vinyl gefunden. Das Trio bemüht sich dabei weder um möglichst originalgetreue Wiedergabe noch um spieltechnische Finessen. Es kommt ruppig daher, dem rauen Stil der Straßenmusik angemessen, wo nichts allzu ausgetüftelt sein darf, da man das Publikum sofort packen muss. Eine Spur Nostalgie ist nicht von der Hand zu weisen: Der Furor, mit dem diese Stücke eingespielt wurden, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass hier Fans am Werk sind. Fans, die womöglich auch der gesellschaftlichen Wirkung nachtrauern, welche Pop und Style in den Sechzigern einmal hatten. Allen an diesem Projekt Beteiligten dürfte allerdings klar sein, dass Popkultur längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Weil der Bürgermeister von Hamburg - frei nach den Goldenen Zitronen - inzwischen Tocotronic hört und der Kampf um linken Vorsprung durch Style erst einmal verloren ist, wird bei den Normal Beatles nicht der Rebell rausgehängt, sondern der Streetworker. Rock'n'Roll als Erziehungsmaßnahme.

Nur eine Frage noch zum Thema, um über alles reden zu können. Beatles oder Kinks?
Ted Gaier: Beatles oder Kinks? Keine Ahnung, wir machen diese Musik nicht aus Fantum und jugendkultureller Abgrenzung. (Hängen geblieben sein auf Jugendkulturweltbildern mit 42? - Schlimme Vorstellung!) Nein, es geht um Hysterie und eine egalitäre Direktheit - und das Kommunikationsmittel dafür ist diese Musik, die auf archaische Weise funktioniert. Nämlich darüber, dass sie kollektives Wissen oder besser Empfinden antriggert und unmittelbar in die Körper geht. Gerade beim Spielen auf der Straße haben wir gemerkt, dass diese Musik auch bei Leuten, die die Songs nicht kennen und sich vielleicht sogar gar nicht wirklich bewusst mit Musik auseinandersetzen, ein familiäres Gefühl herstellt. Zum Klang, zum Rhythmus, der Haltung. Und das gilt für Leute, die mit Elvis und dem Starclub groß geworden sind, gleichermaßen wie für Punk-Sozialisierte und Mojo-Club- oder WMF-Gänger. Und alle, die seit den 50er-Jahren mit irgendwie rebellischer Popkultur in Kontakt kamen, können darin ein Stück eigener Erinnerung wiederfinden. Denn es ist tatsächlich so, dass der Kram trotz des rohen Sounds auch auf bürgerlichen Hochzeiten generationsübergreifend funktioniert. Die Songs sind also pures Rohmaterial für diese Art von Verknüpfung. Welche das dann im Einzelnen sind, ist fast schon egal.