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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

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2raumwohnung

Wir sehen nicht voraus / Wir rennen direkt rein / Frühling 2007 / Wir können alle andern sein / Wir sind die Anderen. Wir sind die Anderen. Die Anderen / Das sind wir. (aus ›Wir Sind Die Anderen‹)EleganzWie schön Inga Humpe doch ist, denke ich, als sich unsere Blicke treffen, in diesem immer wieder
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Wir sehen nicht voraus / Wir rennen direkt rein / Frühling 2007 / Wir können alle andern sein / Wir sind die Anderen. Wir sind die Anderen. Die Anderen / Das sind wir. (aus ›Wir Sind Die Anderen‹)

Eleganz


Wie schön Inga Humpe doch ist, denke ich, als sich unsere Blicke treffen, in diesem immer wieder spannenden Moment des ersten Augenblicks. Sie sieht aus wie eine richtige kleine Puppe. Und dabei so stark und zugleich verletzlich. Ich will mich gleich für irgendetwas entschuldigen, weil mich die Puppe so vornehm und vorsichtig anschaut. Ich registriere, dass sie eine Frisur hat, die ich von den Bildern noch nicht kenne. Ich registriere, dass sie luftig und sehr sehr jung aussieht, obwohl sie natürlich älter als 17 (um ein Alter zu nehmen, das sie später im Interview aufbringen wird) ist. Und dann ist der Moment auch schon vorbei, und ich entschuldige mich, dass ich zu spät komme. Inga Humpe, die Heldin meiner ersten und zweiten Jugend – sie ist irgendwie Autorität für mich, weil ich unterstelle, dass sie wirklich weiß, wie man (richtig) lebt und wie man (richtige) Musik macht –, sagt ganz freundlich: »Echt? Zu spät? Das ist mir gar nicht aufgefallen.«

Und ich bin erleichtert. Die Frau hat Wichtigeres im Kopf oder um die Ohren als die genaue Interview-Uhrzeit. Hätte mich also gar nicht so abzuhetzen brauchen. Ich bin nämlich erst seit ein paar Stunden von meiner Lesetour zurück und kann noch gar nicht fassen, dass jetzt einfach mein normales Leben weitergehen soll. Aber was heißt schon: normales Leben. Wenn man etwas Neues erlebt hat, will man sowieso, dass es nicht normal, sondern neu weitergeht. Kann also gar nicht schaden, in diesem gespenstischen Zustand zwischen Erschöpfung und Erkenntnis gleich mal einer Superheldin über den Weg zu laufen. Genau der richtige Zustand auch, um die neue 2raumwohnung-CD ›Es Wird Morgen‹ zu hören.

Seit das Berliner Duo vor drei Jahren mit seiner eigenwilligen Mischung aus Clubmusik und deutschen Texten auftauchte, kann ich mich der Besonderheit ihrer Musik nicht entziehen. Sie sind so deep, so weit, weise und mädchenhaft zugleich. Ich habe oft abwechselnd 2raumwohnung und die letzten paar Madonna-Alben gehört. Oft, wenn ich alleine verreist bin. Sie geben einem Halt, innerhalb einer strukturlosen Ordnung. Sie flüstern dir Weisheiten zu und öffnen deine Welten. Es sind Soundtracks zu einem ziemlich utopischen Leben in Traum und Trance, wenn man alles doppelt und dreifach scharf sieht, weil die Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen. Wenn sich wichtige Details früherer Leben ins Bewusstsein spülen und weitertreiben dürfen. Bis verloren geglaubte Bilder neue Gestalt annehmen. Dieser geile Zustand halt, wenn man durch die Welt torkeln und in Ohnmacht fallen kann, weil man sich selbst und die anderen und die anderen in sich selbst wieder besser spürt: »Ich will stehn / Doch das ist unmöglich / Der Himmel über mir / Magnetisiert mich.«
Von der Stimmung her erinnert mich das auch an frühe Blumfeld. Weil die Realität in diesen Songs den Wahnsinn überschreitet. Treibender Sound und Gitarren-Groove, Vogelzwitschern, dann geht’s los: ›Wolken Ziehen Vorbei‹ heißt der Opening-Track, der einen gleich mal mitzieht in ein Gefühls-Paradies: »Du willst liegen, doch du bist zu leicht / Du kannst fliegen, vielleicht.« Allein dieses nachgestellte Wörtchen »vielleicht« ist schon ein Kunstgriff, für den man sie umarmen möchte. Da ist ein ziemlicher Humor in den neuen 2raumwohnung-Songs. Da will man mitfliegen, mitliegen, und selbst das Runterkommen macht noch Spaß. »Links und rechts sind nur Begriffe / Unsere Herzen sind Segelschiffe«, singt Inga Humpe so gnadenlos sanft und bestimmt, dass es die Sehnsucht weckt nach dem großen weiten Meer. Die letzten sechs Wochen kamen mir vor wie sechs Monate. Und dass ich nicht mehr das Zeitempfinden eines Erwachsenen habe, sondern das eines Kindes, denke ich, während ich das Paar Inga Humpe und Tommi Eckart beobachte. Wie sie im gleißenden Sonnenlicht vor dem Berliner Club Maria an der Spree stehen und in großer zeitversunkener Vertrautheit noch ein paar Details des weiteren Ablaufs besprechen, bevor unser Interview losgehen kann. Eigentlich beneide ich Inga Humpe am meisten dafür, dass sie mit ihrem Lebenspartner zusammen Musik macht, einfach so Kunst und (Privat-) Leben verbinden kann. Auch eine Utopie. Und weil sie ein Star ist – und eine lebende Legende noch dazu –, darf man all diese außermusikalischen Eindrücke aufschreiben, ohne sich lächerlich zu machen.

Wirbel


Davon abgesehen zementieren 2raumwohnung mit ihrem dritten Album endgültig ihren außergewöhnlichen Status: Sie haben mal wieder ein Gesamtkunstwerk abgeliefert. Eine tanzbare Platte, die man aber auch im Liegen hören kann; Musik, die funktioniert wie ein Hörspiel oder ein Film. Da haben die Worte adäquate Geräusche, nachvollziehbare Untermalungen. Man hört, wie die Hitze und die Drinks klirren (›An Einem Sonnigen Tag‹), man hört und sieht, wie eine verlassene Frau in einen neuen Morgen ohne ihren Liebhaber blickt: »Und wieder geht die Sonne auf / und woanders wird es Nacht« – heißt es da voll sanfter Lakonie. Und man sitzt mit im Auto, während Inga Humpe in ›Jemand Fährt‹ die Freuden der Passivität besingt. (Ein Stück übrigens, das Anleihen an Humpes reizendes 94er-Projekt Bamby enthält.) Da werden Geräusche und Sounds und Worte so gemischt, dass sich Musik ergibt wie ein Film. Und Bilder wieder zu Musik werden. Wenn z. B. in ›Sasha (Sex Secret)‹, dem Song über einen Transvestiten, das Wunderbare am Mann-Frau-Sein mit dröhnenden Glam-Rock-Parts verbunden wird. Es gibt nur wenige Bands, die sich ästhetisch so weit vorwagen, die so eine raffinierte Einheit von Form und Inhalt schaffen, dass man sofort mitgehen, sofort on the edge laufen will, wenn sie schwärmerisch verkünden: »Langsam geh ich durch die Räume / Ich geh durch meine dunklen Träume.« Herrlich. Das Gegenteil von Rock, irgendwie. Anstatt hemmungslos die eigene Gefährlichkeit und Grenzüberschreitung zu hypen, wird hier lieber ein Grundton von Harmonie und Heiterkeit aufgefahren, um dann umso angstloser noch mal rauszufahren. 2raumwohnung-Hören macht schön, klug und stark. Zumindest aber glücklich. Das sind natürlich jetzt alles nur Behauptungen. Ihr müsst es schon selber ausprobieren! Bei mir lösen die Songs jedenfalls viel aus. Ich denke plötzlich, dass ich mich eigentlich dafür entschuldigen müsste, dass ich 2raumwohnung – als Wir Sind Helden aufkamen – dafür kritisiert habe, dass sie nicht politisch genug sind. So ein Quatsch.
Angesichts so viel spiritueller, intellektueller, kollektiver und einsamer Leistungen. Sie vertonen, spielen und tanzen ja wirklich die Verwandlungen, das innere Wachsen, das Betreten von unsicherem psychischem Gelände. Sie können schon eher die Verhältnisse zum Tanzen bringen, um diesen lächerlichen, abgedroschenen Slogan mal kurz vom Cover der Superpunk-Spex zu klauen. In den Songs geht es ja darum, lebendig zu werden, zu leuchten, etwas zu spüren von den eigenen Möglichkeiten. Es klingt platt, ist aber schrecklich wahr: Nichts ändert sich, wenn man sich selbst nicht ändern kann. »Es wird immer besser – das kann ich allen versprechen«, sagt Inga Humpe gegen Ende des Interviews, kurz nachdem sie erzählt hat, dass sie ein »leidender Teenager« war, traurig und deprimiert. Kaum zu glauben, aber dann auch wieder logisch. Man muss also doch auf jeden Fall einen Weg zurücklegen, um bei sich selber, oder bei den anderen, anzukommen. »Innerlich wird es auf jeden Fall immer besser«, sagt Inga, und dass man irgendwann mal an den Punkt kommen müsse, wo man sich selber so lässt, wie man ist. Das will ich gerne glauben. »Mit 17 habe ich ständig an meinem Aussehen rumgemäkelt, dachte zum Beispiel, dass ich zu helle Wimpern hätte«, sagt diese schöne Frau, und dass Sex und Erotik sowieso nichts mit Schönheit zu tun haben. (Aber natürlich weiß sie, dass es mit besser ist.) »It’s the way of the bodies«, sagt sie. ›Sasha (Sex Secret)‹, der deutsch/englische Song über den Transvestiten, handelt auch davon, dass sie von Transvestiten gelernt habe, dass es einfach auch mal toll sein kann, dazu zu stehen, dass es Spaß macht, eine Frau zu sein: »weil es schön ist, exaltiert zu sein. Oder sich einfach mal stundenlang mit Fingernagellängen zu beschäftigen.«

Homie


Aber blättern wir das Interview mal von vorne auf.

I: Wir haben zehn Monate lang an dem neuen Album gearbeitet.

T: Zuerst wollten wir eine ruhige Platte machen. Unsere letzten Platten waren ja so turbulent und energievoll. Aber wir kommen beim Musikmachen so in Stimmung, und so konnte es dann doch keine ruhige Platte werden.

I: Tommis Mutter meinte: Macht doch einfach das Album so wie eure anderen Platten – nur dass die Hälfte der Songs ruhig ist. Und was den Aspekt der Ruhe betrifft, haben wir das dann genau so gemacht.

Toll, wenn man auf seine Mutter hören kann.


T: [lacht] Aus unserer Perspektive hat das Album drei Teile. Das konnte sich auch deshalb so herauskristallisieren, weil wir uns, schon während wir die Songs gemacht haben, dauernd überlegt haben, in welcher Reihenfolge sie zueinander stehen könnten. Sodass es eine Verbindung zwischen den Songs gibt und das Album ein Ganzes ist, nicht nur einzelne Songs. Irgendwann haben wir den verschiedenen Teilen, das sind immer vier Songs, im Geiste auch Titel gegeben: Der erste Teil hieß ›Eleganz‹, der zweite ›Wirbel‹ und der dritte ›Homie‹. Die letzten paar Stücke sind also tatsächlich die mit den introvertiertesten Momenten.

Ich finde das Motto der Platte gut, dieses »dass man spielen muss, was man nicht sagen kann«.


I: Die Idee mit dem Spielen kommt dabei nicht mal von mir. Darauf wäre ich auch nicht so ohne Weiteres gekommen. Der Text von ›Spiel Mit‹ ist nämlich gar nicht von mir, sondern von zwei Journalisten, mit denen wir sehr gut befreundet sind. Wir quälen die schon seit Jahren damit, dass die mal einen Songtext für uns schreiben sollen. ›Spiel Mit‹ ist ein Text, der mir selber nicht eingefallen wäre. Schon allein wegen des Wortes »Spiel«. Das ist kein Wort, das ich einfach so benutzen würde. Deshalb empfinde ich das Lied als Erweiterung des eigenen Lebens. Zum Beispiel der Satz »was du sehr gut kennst, ist dir auf einmal fremd«.

Erzähl doch mal, wie eure Stücke entstehen. Sie klingen so offen und gleichzeitig ausgetüftelt.

I: Das ist immer anders.

T: Meist geht’s mit Akkorden los.

I: Mal ist der Song zuerst da, dann der Text. Einer kommt mit einer Idee, dann versucht man, den anderen reinzureißen. Jedes Lied muss verhandelbar bleiben. Man schließt erst, wo gemeinsam empfunden wurde, es ist fertig. Das Beste ist schon, dass wir mittlerweile an einem Punkt sind, wo wir uns einfach auf unsere Impulse verlassen können. Wenn ich nicht mehr weiterkomme, dann kann ich es einfach liegen lassen. Ich muss nicht darum kreisen wie um einen toten Geier. Ich weiß, das kommt noch.

Ihr seid ja mittlerweile auch an einem Punkt, wo ihr andere Bands beeinflusst. Was habt ihr denn so gehört, während ihr an der Platte gearbeitet habt?


I: Madonna, Missy Elliott, Jeff Buckley.

T: Wir haben auch White Stripes gehört.

I: Franz Josef Degenhardt.

T: Alte Reggae-Sachen ...

I: Das Wichtigste ist, dass man jede Quelle als Inspiration benutzt. Ich lese viel, schreibe Sätze auf, Bilder, die mir gefallen. Leider habe ich während der Arbeit an dem Album mein Notizbuch verloren. Da waren Zeilen drin, die ich in den letzten eineinhalb Jahren gesammelt habe. Ich war mir ganz sicher, das krieg ich wieder. Aber dem war nicht so.

Ach, wie furchtbar. Hast du dann versucht, alles noch mal nachzuschreiben?


I: Es ging eher darum, sich mit der Realität abzufinden. Das ist dann halt so, wie es ist. Die Realität ist sowieso am inspirierendsten.

Sieht man das dann auch als Zeichen? Denkt man, das bedeutet jetzt etwas?


T: Na ja, nicht direkt als göttliches Zeichen. Eher so als Zeichen an sich: »Jetzt muss ich Gas geben.«

I: Eins meiner Lieblingsbilder auf der neuen Platte ist das Wort »Zentralmassiv«. Das ist ein toller Ausdruck für »Innenleben«. Ich habe das ewig mit mir rumgeschleppt. Der Song entstand in einer Aufruhr-Phase, wo man in einem kompletten Durcheinander ist. Das ist jedenfalls immer so, dass ich die Texte emotional durchlebt habe. Und zwar nicht nur einmal, sondern mehrere Male.

Das merkt man ja auch. Das ist ja gerade das Tolle an 2raumwohnung. Alles ist so durchlebt und inspiriert und echt und wahrhaftig. Im Gegensatz zu euren Kopisten, wo eine spirituelle Emotionalität fehlt und alles nur noch seicht, gefällig und verwässert rüberkommt.


I: Weißt du, ich sehe es eben auch als meine Aufgabe, als die Aufgabe des Künstlers überhaupt, emotionale Erfahrungen darzustellen, für die andere Leute keine Zeit haben. Wenn jemand den ganzen Tag an der Supermarktkasse sitzt, hat man keine Zeit und Energie, die Erfahrungen zehnmal zu durchleben und sich ständig die Sinnfragen zu stellen.

Du beanspruchst also eine Universalität für dich und deine Texte. Gehst davon aus, für alle sprechen zu können?


I: Ja, davon gehe ich aus. So speziell ist man nie, dass die eigenen Erfahrungen nicht doch noch tausend andere Menschen nachvollziehen könnten.

T: Man glaubt immer, da wäre eine große Diskrepanz. Man hält sich für eine ganz spezielle Person, aber letztlich ist man doch so wie die anderen. Davon handelt auch das Lied ›Wir Sind Die Anderen‹.

I: Das ist unser romantisches Protest-Liedchen. Es handelt davon, dass man kein Recht hat, sich abzugrenzen. »Wir sind die Anderen, die Anderen sind wir«. Ich sehe das auch als Befreiung. Ich verbinde mich mit dem Ganzen.

Mittlerweile kann ich diesen Ansatz gut nachvollziehen. Ich habe auch gerade in letzter Zeit erfahren und erkannt, dass fast alles, was man speziell bekämpft, eigentlich man selber ist. Denn sonst würde man es nicht so bekämpfen. Man käme einfach nicht drauf.


T: Ja, toll, genau. Dann lern doch auch, diese Widersprüche auszuhalten.

Schön finde ich auch, dass ›Wir Sind Die Anderen‹ noch seinen Gegensatz beinhaltet: Man kann es ja auch hören als »wir sind anders«. Genau das also, worauf sich die Leute etwas einbilden, die nicht wie die anderen sein wollen. Denn das wiederum beinhaltet ja, dass man in dem Moment anders ist, wo man die Widersprüche aushält. Und nicht in seinem kleinen Sandkasten sitzen bleibt.


I: Letztlich ist es ja auch eine Energie-Frage, ob man rauskommt oder im Dorf bleibt. Künstler müssen die haben. Nee, echt, das ist alles eine Energie-Frage. Aber Leute, die weniger Energie haben, finde ich genauso heldenhaft. Die müssen sich im Vorgefundenen einrichten und das aushalten. Wenn ich viel arbeite und mich selbst ausbeute, habe ich manchmal echt den Wunsch nach so einem Kassiererinnen-Dasein.

T: Auch hier gilt wieder: »Wir sind die Anderen.« Wir sind ja auch Musikhörer, wir hören ja auch gern schöne Platten an und lassen andere Einflüsse auf uns wirken.

Toll an ›Wir Sind Die Anderen‹ finde ich auch das eingangs erwähnte Zitat »Wir sehen nicht voraus / Wir rennen direkt rein / Frühling 2007 / Wir können alle andern sein«, denn es beinhaltet totales Vertrauen. Man muss dann nicht mehr so vorsichtig sein und kann die Dinge einfach passieren lassen. Schon wieder eine Utopie. Und bestimmt keine bequeme. Oder, um es noch mit einer letzten 2raumwohnung-Zeile zu sagen: »Wir sagen nicht mehr ›ich‹, denn ›ich‹ ist gar nicht wahr, wir sagen nur noch ›wir‹, die Anderen, das sind wir.«

Neonbabies

Die Neonbabies waren die erste Band von Inga Humpe. 1978 gegründet, spielte und sang zunächst noch Ingas Schwester Annette Humpe mit, bis sie schließlich ausstieg, um Ideal mitzugründen. Die Neonbabies brachten zwischen 1980 und 1983 drei Alben raus, ›Neonbabies‹, ›Noise Harmlos‹ und ›1983‹, und wurden zu einer NDW-Kultband. Sie waren poppig-aggressiv, unterkühlt-charmant, rauer als Ideal, und allein für ihre trotzig-naiven Albumcover musste man sie lieben!

Tommi Eckart

Arbeitete seit 1989 immer mal wieder an Andreas-Dorau-Platten mit, z. B. an ›Ärger Mit Der Unsterblichkeit‹ (1989) und ›70 Minuten Musik Ungeklärter Herkunft‹ (1995). Komponierte außerdem viel Filmmusik, zum Beispiel den Soundtrack zu ›Happier Days‹ und zum Tatort ›Berliner Weiße‹ mit Inga. Außerdem Techno-Produzent von Pulse und Perry & Rhodan.

Bamby

1994 erschien das Album ›Wall Of Sugar‹ (Motor Music) von Bamby, einem Trance-orientierten Techno-Projekt von Inga Humpe. ›Wall Of Sugar‹ war eine glücklich machende, sonnige und abgründige romantische Dance-Offenbarung, die leider nicht so viele Anhänger fand, wie sie verdient hätte. ›Wall Of Sugar‹ war auf Englisch getextet. Aber der innovative Gehalt von Bamby lag sowieso eher darin, überhaupt Trance, Techno und Sprache zu verbinden. Die Stücke hatten Titel wie ›Beauty Farm‹ und ›Sandman‹, obwohl Inga Humpe nach eigenen Angaben nicht an den Sandmann glaubt. Mit Bamby machte sie dennoch Versprechen in Wunder! Und »romantisch-verklärter Kirmes-Techno« klang auf einmal einfach nur hinreißend und grenzüberschreitend.

Annette Humpe

Inga Humpes Schwester Annette wurde berühmt als Sängerin und Keyboarderin der NDW-Heroes Ideal, mit denen sie 1980 bis 83 drei Platten veröffentlichte: ›Ideal‹, das erste Album, bekam nur wenige Monate nach Erscheinen Platin. Danach folgte das Hitalbum ›Der Ernst Des Lebens‹ und das weniger beachtete ›Bi Nuu‹. Ideal schrieben viele Hymnen, die uns auch heute noch bewegen. Vielleicht wegen der Mischung aus Aufregung und Abgeklärtheit in den lebensklugen, coolen Texten! Vielleicht, weil sie immer Boheme- und Boulevardwelt zugleich vertonten! Danach folgten das Nr.-1-Hit-Projekt Döf zusammen mit Inga Humpe und ab 1995 zwei Alben als Humpe & Humpe. 1990 erschien noch ein Soloalbum namens ›Solo‹ von ihr. Aber da machte Annette Humpe schon zunehmend als Musikproduzentin von sich reden. So produzierte sie zum Beispiel das grandiose 86er-Rio-Reiser-Solodebüt ›Rio 1‹. Es folgten eine Zusammenarbeit mit Udo Lindenberg und jahrelange Produzententätigkeit für u. a. Die Prinzen. Leider schrieb sie auch den doofen Text zu Lucilectrics 93er-Backlash-Hit ›Mädchen‹. 1996 erhielt sie den Echo als Produzentin national. Ihr neuestes Teenie-Mädchen-Projekt, das sie als Produzentin betreut, heißt Etwas und ist wieder latent aufmüpfig und gemäßigt punky. Ein eigenes Album der Produzentin herself würde aber sicher auch heute noch viele Menschen entzücken.