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Das rechte Mass ist ein schmaler Grat

29.Moers Festival ( Internationales New Jazz Festival Moers )

Seit nunmehr knapp drei Jahrzehnten rückt Moers, die beschauliche Grafenstadt am Rande des Ruhrgebiets, ansonsten Ausmaß an Bedeutungslosigkeit, zu Pfingsten ins Zentrum des Jazz-Universums. Einmal mehr gaben sich die vermeintlichen Protagonisten der angestaubten Free-Jazz-Szene ihr Stelldichein, al
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Autor: intro.de

Seit nunmehr knapp drei Jahrzehnten rückt Moers, die beschauliche Grafenstadt am Rande des Ruhrgebiets, ansonsten Ausmaß an Bedeutungslosigkeit, zu Pfingsten ins Zentrum des Jazz-Universums. Einmal mehr gaben sich die vermeintlichen Protagonisten der angestaubten Free-Jazz-Szene ihr Stelldichein, altgediente Virtuosen und Innovatoren von einst. Künstler, die den Charakter des weltweit bekannten Festivals nun schon seit geraumer Zeit mitbestimmen.
Dazu gehörte der niederländische Cellist Ernst Reijseger, der in verschiedenen ausgefallenen Besetzungen profilierte Musiker wie Louis Sclavis (cl) oder Ray Anderson (tb) um sich scharte. Immer wieder eine Wohltat zwischen den rauhen und kantigen Improvisationen seiner Kollegen stellen die Projekte des italienischen Klarinettisten Gianluigi Trovesi dar. Sein Radici Trio imponierte mit folkloristisch angehauchten Melodien von schlichter Schönheit, ohne dabei den zeitgenössischen Anspruch auf der Strecke zu lassen. Doch gerade unter den der Tradition des Jazz verpflichteten Musikern fanden sich neue Impulse. In diesem Jahr transportiert durch junge Talente wie den deutschen Posaunisten Nils Wogram und sein Ensemble Roots 70 (Jahrgang ‘72-’76), deren dichte Arrangements den Fanden nie abreißen ließen und die Brücke zu angesagten Grooves schlugen. FM Einheit & Gry begeisterten in erster Linie durch eine ansprechende Optik, die durch in Echtzeit bearbeitete Videoprojektionen und vor allem die unverbrauchte Erscheinung der kecken Frontfrau erzeugt wurde. Leider nahm das Hochladen der von Schlagzeugerin Saskia verstärkten old school industrial beats auf den Sequenzer zuviel Zeit in Anspruch, so daß zwischen den einzelnen Stücken oftmals längere Pausen entstanden, die weder die ansonsten an der Bühnenkante kokettierende Gry noch deren sich auf Klangmalerei beschränkender Bassist zu füllen wußten. FM Einheits Live-Modulationen, Percussion-Einlagen oder purer Hüftschwung waren letztendlich wenig ergiebig. Insgesamt hätte diesem trippig-trancigen Projekt mit dem durch die dänische Sängerin Gry garantierten Chartspotential eine höhere Festplattenperformance nicht geschadet. Im Gegensatz dazu gab der Finne Kimmo Pohjonen mit seiner Solo-Akkordeonshow alles! “Welcome to hell, here is your accordeon!” Schmatzen, Klopfen und wabbernde Basslinien in sich überlagernden Loops bildeten die Grundlage der energiegeladenen Improvisationen und befreiten das Instrument vom ihm häufig angelasteten folkloristischen Schrebergartenklischee. Nach einer dermaßen fesselnden Darbietung hätte ein auf der Bühne licherloh loderndes Akkordeon nicht verwundert. Die Chicagoer Formation Isotope 217 um den Tortoise-Gitarristen Jeff Parker präsentierte ihren Post-Rock minimalistisch unterkühlt. Leider nur allzu sparsam ließen sie ihre reduzierten, aber chilligen Kompositionen aus dem jazzigen Easy-Listening-Gewand in groovigen Funk ausbrechen. Gewohnt solide: David Murray, diesmal mit seinem Projekt Speaking In Tongues, das in Anlehnung an zeitlose Soul- und Bluesklassiker die Bedürfnisse der eher traditionell orientierten Zuhörerschaft befriedigte. Die Aufgabe, das Festival seinem stimmungsmäßigen Höhepunkt entgegenzutreiben und die “Motherfuckin’-put-your-hands-in-the-air”-Tanz-Party zu starten, meisterte das 42köpfige japanische Shibusashirazu Orchestra nach 1998 einmal mehr, ließ dabei jedoch Neuerungen vermissen (vgl. Intro #57). Originell bis ins Jahr 2015? Auch das Sextett des kubanischen Pianisten Omar Sosa bot Gefälliges: “Buena Vista Social Club Sophisticated” und einen mehr name dropping betreibenden als messages kickenden MC. In wechselnder Reihenfolge endeten die ansonsten grandiosen Stücke textlich berechenbar mit “Africa!” oder “Do you know Miles Davis?”. Eine Animation von fragwürdigem Gehalt. Doch die Begeisterungsfähigkeit des Moerser Publikums kennt keine Grenzen.
Das Moers Festival 2000, inhaltlich wieder einmal ein generationsübergreifendes Spektakel, ein musikalischer und kultureller Melting-pot, der Gegensätze scheinbar zu vereinen imstande ist. Hier wird tief unter der Oberfläche geschürft, um ans Tageslicht zu befördern, was bislang einer breiteren Masse verborgen blieb. Maßstäbe gelten in puncto Qualität und Innovationsgehalt, Namhaftigkeit ist eher zweitrangig. Bleibt zu hoffen, daß - den alljährlich obligaten lokalpolitischen Querelen zum Trotz - diese erfrischend abwechslungsreiche Zusammenstellung authentischer Musik aller Herren Länder eine Fortsetzung findet. In Moers. Mit bewährtem Charme.