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1000 Reunions (+ Bildergalerie, Videos)

25 Jahre Touch & Go

08.-10.09. Chicago. Hier geht's zu den Big-Black-Bühnenansagen von Steve Albini: Video: Hi /
Geschrieben am
08.-10.09. Chicago.



Hier geht's zu den Big-Black-Bühnenansagen von Steve Albini:
Video:
Hi / Lo.

Die Legende geht um, Touch & Go-Gründer Corey Rusk habe Ende vergangenen Jahres die Betreiber des ebenfalls nicht unbekannten Hideout-Clubs im Chicagoer Westen mit einem simplen Trick gelinkt. Ob sie für die nächste Ausgabe ihres jährlichen Hideout-Open-Airs, das direkt vor dem Club auf einem größeren Parkplatz stattfindet, nicht noch Interesse an ein, zwei Bands von Touch & Go hätten, wollte der spitzbübische Mann in besten Jahren wissen. CocoRosie und Calexico hätten nämlich Zeit. Aber gerne doch, bekam er zu hören.

Super. Und was wäre, wenn jetzt auch Pinback könnten und Scratch Acid eine Reunion spielen würden, so Rusk weiter. Na, aber immer doch! Und Big Black? Seam? Negative Approach? Girls Against Boys? So langsam dämmerte es Rusks Gegenüber: “Sag mal, Corey, feiert ihr nicht nächstes Jahr 25-jähriges Bestehen und kann es sein, dass du gerade dabei bist, mein Festival zu übernehmen?“ - „Ja.“
Aber man wurde sich schnell einig mit der einmaligen, freundschaftlichen Übernahme - auch im Hause Hideout sitzen große Fans von Touch & Go. Was folgte, waren drei Festival-Tage, die nicht gerade arm an Wiederauferstehungen, Sensationen und Indie-Spirit daher kamen. Schon am Freitag wurden, dem gestauchten Line-up geschuldet, bereits um 19 Uhr die wiedervereinigten Girls Against Boys verfeuert. Der frühe Spot tat ihrem Set aber keinen Abbruch. Mit der von der untergehenden Sonne angeleuchteten Skyline Chicagoes im Rücken zeigten sie noch mal, warum an ihren rhythmischen Tüfteleien Mitte der 90er keiner vorbei kam. Bereits dunkel wurde es beim höchst unterhaltsamen Ted Leo (der in einem fort darauf hinwies, dass er als einziger Festivalkünstler nicht auf dem Label sei, es aber bald vorhabe) - dem „Moneybrother des Underground“, wie er fortan nur noch genannt wurde. Oder auch „Die gute Seite der Partymedaille“. Deren hässlichen Bruder zerrten später !!! wenig eindrucksvoll ins Rampenlicht. Arrogantes Party-Gehampel auf der Suche nach dem Vibe, den diese Band sonst nie vermissen lässt – vielleicht die größte Enttäuschung des ganzen Festivals.Traurig wurde es im ersten Drittel des Samstag-Lineups: Tim & Andy, zwei Drittel von Silkworm, begruben auf der Bühne ihre alte Band – Schlagzeuger Michael Dahlquist war vor einem Jahr von einer versuchten Selbstmörderin mit dem Auto überfahren worden. Musikalisch geht es für Tim und Andy übrigens in einer neuen Band namens Bottomless Pit weiter. Danach geriet die (leider) vornehmlich männliche und weiße Indiecrowd (6000 Besucher am komplett ausverkauften Samstag) in einen emotionalen Taumel. Immerhin hielt der Tag noch exklusive Reunions von den alten Indie-Zynikern Killdozer, Didjits, Pegboy, Scratch Acid, dem Hardcore-Brett Negative Approach und – der lang ankündigten Sensation schlechthin – Big Black bereit. Scratch Acid waren dabei sicherlich am beeindruckendsten, auch wenn Sänger David Yow während des Sets mehrfach hinter die Bühne taumelte – offenbar in Erwartung eines Sauerstoff-Zelts (Wasser half dann aber auch). Dass Thomas Venker ihm am nächsten Tag nur verwirrtes Gestammel entlocken konnte („offenbar hirntot“) gehört zu den traurigen Wahrheiten, die man Fans in so einem Rahmen lieber verschweigen möchte, aus journalistischer Sicht aber nicht darf. Schnitt. 20.40 Uhr. Ein großer Gong wird geschlagen vor der mittlerweile nur noch schemenhaft erkennbaren Skyline im Hintergrund. Es schlägt und schlägt und schlägt – allerdings nur in unseren Köpfen. Und aus dem Bühnenhintergrund taumelt Steve Albini, der Analog-Engineer-Star, Indie-Geek, Shellac-Frontmann und eben: Mastermind von Big Black, diesem Angst besetzten Drum-Computer-Underground-Inferno der 80er Jahre, dass Steve schon im Alter von nur 25 Jahren wieder auflöste. Seine beiden Kollegen von einst sind alt geworden. Und, auch das muss man sagen: Sie fühlen sich auf der Bühne offenbar nicht mehr wie zu Hause – alles zu lange her. Dennoch: Die vier vorgetragenen Big-Black-Songs, die Fans aus Kalifornien, Kanada und nicht zuletzt Deutschland nach Chicago zogen, entlohnten für alle Kosten und Strapazen. Denn das „voluntary gift“ für Corey Rusk, wie Steve Albini es hinterher bezeichnete, dürfte es so nie mehr geben. Entsprechend gefeiert verließen Riley, Durango und Albini die Bühne.Letzterer kam nach wenigen Minuten – quasi als einstündige Zugabe - mit seiner Band Shellac zurück. Es war sicher nicht der beste Gig ihrer Karriere, aber wie Albini hinterher sagte, „einer der wichtigsten“. Einer der neuen Songs, „End Of Radio“, presste dabei auf unterhaltsame Art symbolisch den Geist von Touch & Go in wenige Worte. An einer Stelle nämlich skandiert Albini: „We would like to thank our sponsor!“, um nur wenige Takte später mit überdrehter Stimme sich selbst zu entgegnen: „But there is no sponsor!“. Der Sonntag stand dann – für uns - ganz im Zeichen von Kochen mit Steve Albini (zu lesen in der kommenden Intro-Ausgabe), aber es soll nicht verschwiegen werden, dass u.a. noch Arcwelder, Seam, Brick Layer Cake (düster as düster can be: Shellac-Schlagzeuger Todd Trainer mit seinem 80er-Nihilismus-Noiseprojekt), The Black Heart Procession (nun, den Sänger hätten wir lieber mal nicht gesehen), CocoRosie, Pinback und letztlich, besonders schön für die Hideout-Leute, Calexico aufspielten. Schön war es.