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Ein Kessel Buntes

22. DokFest München

Das kleine, feine DokFest München präsentiert derzeit eine Art "Best-of" der Dokumentarfilmproduktion des letzten Jahres.
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Das kleine, feine DokFest München präsentiert derzeit eine Art "Best-of" der Dokumentarfilmproduktion des letzten Jahres. Michael Moores Methoden werden enttarnt und man erfährt noch so einiges andere über das Weltgetriebe. Aktuell sind vom Team um Hermann Barth und Ulla Wessler rund 80 Filme ausgewählt worden, die ihre Premiere bereits auf der Berlinale, beim Sundance, in Austin oder Leipzig hatten und Politik und Gesellschaft den Spiegel vorhalten. Unter den im Pop-Kontext interessanten Filmen ist dabei Ostdeutschland stark vertreten.

"Niemals, Alter. Ich komm aus Kreuzberg, Du Muschi..." Das dortige Prinzenbad ist im Sommer erste Anlaufstelle für Klara, Mina und Tanutscha. "Zwei Sachen: Kein Heroin und nicht schwanger werden.." Die modernen Berliner Gören und ihr knalliger verbaler Schlagabtausch untereinander, mit Jungens & Erwachsenen haben das Zeug zum Sommerhit: 'Prinzessinnenbad'. Die 32-jährige Regisseurin Bettina Blümner stellt sich nach den Vorführungen denn auch selbstbewusst vorfreudig ihrem Publikum.

Die beiden nächsten Filme halten Rückschau auf Kulturphänomene der früheren DDR. Dass Breakdance auch im Ostteil Deutschlands seine Spuren hinterlassen konnte, überrascht auf den ersten Blick. In Sachen Coolness, Mode und Popmusik wähnte man den Osten während der 80er doch endgültig hinterm Beat-Verbots- und FDJ-Mond. 'Here We Come' wirft einen sympathisierenden Blick auf "Stretch Breakers" wie DynaMike, Beatschmidt oder Magic Meyer und ihre im Arbeiter- und Bauernstaat so deplatzierte wie trotzige Begeisterung für Electric Boogie und Moonwalk. HomeVideo-Ausschnitte und Details wie die aufgeklebten Puma-Streifen auf der East-B-Boy-Montur machen die DigiBeta-Produktion amüsant und sehenswert.

Rockstar, Cowboy, Sozialist. Anhand solch griffiger Vermarktung von Dean Reeds bizarr wechselhaftem Leben zwischen Arafat- Bruderküssen und dem 'Kessel Buntes' könnte man meinen, auch der Titel 'Der rote Elvis' wäre reißerisch und absurd übertrieben geraten. Tatsächlich aber hat nicht erst eine vor kurzem erschienene Compilation mit frühen US-Aufnahmen dieses Schlagwort aufgegriffen, sondern Reed wurde bereits während seiner insbesondere als Agitator erfolgreichen Jahre in Südamerika so betitelt. Auch in den Ostblock-Staaten traf der vom Kreml protegierte Vorzeige-Sozialist aus Colorado auf begeisterte Menschenmassen, bis er 1972 aus privaten Gründen in die DDR übersiedelte. Hier fiel er mit seinem medioker-schmerzfreien Folk-Pathos als Schauspieler & Sänger, wie auch als regimetreuer Aktivist zunehmend aus der Zeit, bis ihm mangelndes Publikumsinteresse und seine dritte Ehefrau, die einst Gojko Mitic ausgespannte Renate Blume, so zusetzten, dass man ihn 1986 mitsamt Abschiedsbrief tot aus einem ostdeutschen See zog. Durch das jüngste -durch Tom Hanks/Steven Spielberg personifizierte- Hollywood-Interesse an diesem Stoff teils behindert, teils gepusht, setzte Regisseur Grün in einem 5-jährigen Arbeitsprozess Material aus der DDR, Südamerika und den USA zu einem sogar musikalisch gelungenen Film zusammen. Um zu vermeiden, dass "seine Musik sich irgendwann gegen den Film wendet", ließ Grün das Berliner Duo Monomango lediglich einen Loop von Reeds Gesang in deren Gitarren-Score einbauen.John Mellor aka Joe Strummer, Ex-The Clash-Sänger, wurde nur 50 Jahre alt. Julien Temple, dessen bekanntester Film stets der 'Great Rock 'n' Roll Swindle' über die rivalisierenden Sex Pistols geblieben ist, widmet seinem Freund nach dessen unerwarteten Herztod mit 'The Future Is Unwritten' ein zweistündiges, vor Material strotzendes Portrait. Szenen aus 'Animal Farm', Lyrics-Zettel, Musik-Clips, Homevideos und animierte Original-Skizzen Strummers wechseln in rasanter Folge. Es wird im Laufe des Films ruhiger, wenn neu gedrehte Lagerfeuer-Szenen Weggefährt(inn)en & Celebrities mit Erinnerungen oder Kommentaren zur Bedeutung von The Clash zu Wort kommen lassen. Dabei wird es entweder lebendig (Jim Jarmusch, Matt Dillon), nichtssagend (Johnny Depp) oder leicht pathetisch (Bono). Wenn ein bunter Haufen am Feuer zur Klampfe 'White Riot' singt, sind Punks und Hippies und Spätgeborene wieder eins - ein Kreis schließt sich.

Durchaus ein Erfolg für das DokFest, den Film noch vor dem internationalen Kinostart zeigen zu können. Da Strummers letzte Band, die Mescaleros derzeit wenig überraschend auf Eis liegen, treten zumindest wesensverwandte "Companheros Musicales" im Rahmen des Festivals in der Muffathalle auf, die mexikanischen Ska-Punk-Zapatistas Panteón Rococó. Venceremos...

Zu sehen sind die erwähnten Filme noch bis zum 10.05.07 im Rahmen des Festivals, danach im Zweifelsfall auf Arte oder, wie 'Prinzessinnenbad' und 'The Future Is Unwritten', ab Ende Mai in dem einen oder anderen deutschen Kino. Marx Brother Reed darf
regulär erst Anfang August auf der grossen Leinwand reiten - all diese Kinostarts verantwortet der rührige Berliner Neue Visionen Filmverleih. Beatschmidt & Konsorten gibt es auf Dominance Records als DVD.

www.dokfest-muenchen.de

www.neuevisionen.de
www.joestrummerthemovie.com
www.prinzessinnenbad.de
www.theredelvis.com
www.herewecome.de

(C) Stefan Rambow, Cinesoundz www.cinesoundz.com