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Knochenarbeit: Das starke Debüt »Republik der Heiserkeit«

206

Die Band aus Halle an der Saale wurde von den Hamburger-Schule-Ikonen Alfred Hilsberg und Tobias Levin entdeckt...
Geschrieben am

Auf dem Debütalbum erklären sie mit eingängigem 60s-Grunge-Garage-Punk-Rock ihre Unabhängigkeit und rufen einen eigenen Staat aus, die »Republik der Heiserkeit«. Wolfgang Frömberg traf Sänger Timm Völker, Bassist Leif Ziemann und Schlagzeuger Florian Funke in Leipzig.

Wo habt ihr euch getroffen und zusammengefunden?
FF: In Halle haben wir uns getroffen. Timm kommt aus Halle, Leif wohnt seit 12, 13 Jahren da, und ich hab da auch mal fünf Jahre gewohnt.
TV: Ich hab relativ spät, mit 13, angefangen, Gitarre zu spielen. Es war schnell klar, dass ich Musik mache, um eine Band zu haben - und das war auch die Motivation. Ich stand dann lange alleine da, bis ich die richtigen Leute gefunden habe. Dadurch, dass Leif und Florian schon etablierter waren, haben wir den Einstieg in die Musikszene in Halle geschafft.

Gibt es außer der Band noch andere Sachen, die ihr macht, um euren Lebensunterhalt zu bestreiten?

TV: Wenn du das Risiko eingehst, das Musik-Ding so straight durchzuziehen, hast du keine Zeit für den normalen Acht-Stunden-Job. Ich hab auch Soundtracks gemacht und in Halle am Thalia-Theater einen Spoken-Word-Abend gestaltet. Zurzeit bin ich als Musiker im Leipziger Central Theater in ein Stück involviert.

Wie hat sich euer Sound entwickelt, bei dem man den Punk-Aspekt von Grunge raushört?
FF: Durch die drei Personen, die ihr Instrument so spielen, wie sie es können, als Autodidakten. Man spielt halt sein Ding und lässt seinen Charakter einfließen. Timm bringt die Songs in den Proberaum, wir malen sie aus. Wir haben in den letzten zwei Jahren viel live gespielt, auch da haben sich die Songs sehr entwickelt. Welche Songs auf die Platte kommen, da sie Dauerbrenner sind, und welche noch mal bearbeitet werden müssen, das entscheidet sich durch dieses viele Spielen.
TV: Tobias Levin hat uns während der Albumproduktion darauf aufmerksam gemacht, wie der Sound und die Essenz von 206 noch weiter herausgearbeitet werden können.

LZ: Der hat uns bestärkt, manche Sachen konsequenter herauszuarbeiten und uns selbst zu vertrauen. Ich persönlich mag bestimmte Bilder nicht, zum Beispiel die typische Rockgeschichte, dieses Macho-Ding. Ich möchte auch nicht so rüberkommen, wenn ich Bass spiele. Ich hab am Anfang noch sehr viel mit Verzerrer gespielt, viel dicker, größer und angeberischer. Und mittlerweile ist es fast ein 60s-mäßiger Sound geworden. Und so ist es eigentlich im ganzen Bandgefüge. Florians Spiel ist total reduziert und auch fast 60s-mäßig. Das mag ich sehr.

TV: Da sind Einflüsse wie Bauhaus und Joy Division - das Schöne ist aber, dass es was Eigenes ist. Es geht ja nicht darum, etwas zu imitieren, sondern allerhöchstens darum, die Energie dieser Sachen zu begreifen und aufzugreifen. Der Sound hat sich auch noch mal verdichtet, als Florian in die Band kam. Weg von einem maschinellen, punkig angehauchten Schlagzeugsound hin zu einem klareren Klangbild. Was für mich die Härte noch mehr zum Ausdruck bringt.

Was Kontext und Referenzen angeht: Euer Label und euer Produzent werden jeweils stark mit der Hamburger Schule der 90er-Jahre assoziiert. Was bedeutet euch das?
TV: Ich hab mich damit eigentlich nie so wirklich beschäftigt. Mein erster Kontakt mit Hamburger Schule war der Clip zum Blumfeld-Song »Tausend Tränen tief« auf MTV. Ich hatte einfach nur Schiss vor dem Video. Das hat in mir ein merkwürdiges Unbehagen ausgelöst. Der nächste Einfluss war Tocotronic. Die hab ich zwei Monate lang gehört und war dann beim Konzert und fand's scheiße. Also nicht wegen der Band, sondern eher wegen dem komischen Sport-und-Spaß-Publikum, mit dem ich nichts anfangen konnte. Das hat leider alles überschattet.


Ab dann hab ich mich nicht mehr so richtig mit Hamburger Schule auseinandergesetzt. Im Endeffekt ist es für mich also kein wirklich großer Einfluss, aber ich sehe durchaus Parallelen in dem Drang danach, sich selbst individuell zu artikulieren. Ich kann mir schon vorstellen, dass Leute, die das damals mitbekommen haben, Parallelen zu Bands wie 206  sehen.

1000 Robota wurden von Ted Gaier und Mense Reents von den Goldenen Zitronen produziert. Interessant, dass junge Bands wie ihr die Protagonisten der Hamburger Schule an etwas zu erinnern scheinen.
TV: Im Prinzip ist es scheißegal, ob die sich an etwas erinnern. Im besten Fall ist es so, dass es wieder eine eigene Energie gibt. Darum geht es ja eigentlich - und nicht darum, den alten Männern ihre Jugend wieder zurückzubringen. Sondern vorrangig um die Leute, die jetzt da sind und die vielleicht denken: »Hey, da gibt's Typen, die riskieren was und sind nicht auf der sicheren Seite, aber sie machen's trotzdem.« Das verbindet uns mit der Hamburger Schule. Und deswegen hat das damals auch Anklang gefunden. Nicht, weil es so toll und massenkompatibel war, sondern weil es eine Energie war, die allem Etablierten, Erdrückendem etwas entgegengesetzt hat. Dasselbe wie mit Punk in den 70ern.

Die Texte von 206 sind Zeile für Zeile sehr lyrisch, andererseits scheinen sie auch immer eine Geschichte erzählen zu wollen. Der Song »Baader« leistet da quasi archäologische Knochenarbeit. In einem einzigen Wort stecken der Dadaist Johannes Baader, der Terrorist Andreas Baader und der Dichter Matthias BAADER Holst. Und damit auch hundert Jahre Geschichte.
TV: Ich kann dir mal die Geschichte erzählen, wie der Song entstanden ist: Ich saß bei meinen Eltern, weil ich zum Essen da war, und gucke mit denen abends eine RAF-Reportage. Ich sitze also da und reflektiere meine eigene merkwürdige Situation. Es geht nicht darum, dass ich rausgehe und Terroranschläge plane. Es freut mich, wenn das draußen ankommt, diese Komprimierung in einem Wort. Ich sehe es als »Baader« und dann Fragezeichen. Ich schreie es raus und frage: »Was ist damit?«
LZ: Das Wort ist ja ohnehin total aufgeladen.
TV: Als wir das aufgenommen haben, haben Leute teilweise »Burger« verstanden ...

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