×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Das ist aber jetzt der Peak«

20 Jahre Festivalguide

Der Festivalguide wird 20 Jahre alt. Ein guter Anlass, um zum Erscheinen der neuen Ausgabe mit Chefredakteur Carsten Schumacher über die Entwicklungen der letzten Jahre zu sprechen und einen Blick in die Glaskugel zu wagen.
Geschrieben am
Carsten, erstmal alles Gute zum 20-jährigen Jubiläum deines Babys. Wie oft hast du inzwischen schon gedacht, zu alt für den Scheiß zu sein?
Merci vielmals! Ach, wenn die Festivalsaison erstmal angefangen hat und ich mit meinem ersten Bier vor der Bühne stehe, ist das nach wie vor der beste Job der Welt. Einzig bei der Überbetonung von Glitter und den Coachella-Accessoires der letzten Jahre fühle ich mich manchmal etwas müde … 

Auf welchem Festival würdest du spielen, wenn du ein Headliner wärst?
Entweder dort, wo sie jeden Headliner haben könnten: Auf Festival-Legenden wie Roskilde, Glastonbury & Co. Oder aber dort, wo die Triebfeder stimmt wie beim Jamel rockt den Förster, PxP oder Wasted in Jarmen. Aber bei der Unwahrscheinlichkeit, dass ich nochmal zum Headliner werde, könnte ich mir doch eigentlich auch gleich wünschen, dass das Dynamo Open Air von 1995 wieder originalgetreu nachgebaut wird, damit ich dort spielen kann, oder?
Okay, lassen wir gelten. Der Festivalguide scheint mit Blick auf den anhaltenden Open-Air-Boom und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit für die Besucher wichtiger denn je. Hat sich diese Entwicklung schon zu Beginn deiner Amtszeit angedeutet?
Ich denke jedes Jahr wieder: Das ist aber jetzt der Peak. Trotzdem geht es munter weiter. Grundsätzlich eine schöne Entwicklung, wenn nicht damit einherginge, dass gerade die größeren Veranstalter vielfach über die Rendite den Spirit vergessen. Auf diese Entwicklung und vor allem die dazugehörigen Hintergründe hinzuweisen, ist uns beim Festivalguide schon ein Anliegen.  

Festivals müssen heutzutage weitaus mehr bieten, als zwei große Bühnen und ein fettes Line-Up. In welchen Punkten schlägt sich dieser expandierende Lifestyle-Aspekt deiner Meinung nach am deutlichsten nieder?
Am deutlichsten sieht man es anhand der Preiskategorien, die sich natürlich maßgeblich an der Art der Unterbringung orientieren. Damit meine ich noch nicht mal die Festival-Kreuzfahrten oder Ja Rules Fyre Festival auf den Bahamas, sondern die breit gefächerte Auswahl von Luxus-Unterkünften auf Festivals wie beispielsweise dem Tomorrowland, womit gerade dort die Klassengesellschaft zuschlägt, wo sie eigentlich enden sollte. So etwas nimmt leider im Zuge des Fokus auf Renditen stetig zu.

In diesen Tagen wird von Seiten der Festivals auch politisch immer öfter Stellung bezogen. Glaubst du, dass sich das in einer Art Vorbildfunktion auch auf die Besucher auswirken kann, die ja eher zum Spaß haben kommen?
Musikfestivals sind für mich besonders dort magische Orte, wo man die Verbindung zu den anderen Besuchern fühlen kann und das läuft gemeinhin über die Aussage der Musik. Wenn das wegfällt, ist es nur noch eine Konsum-Veranstaltung mit toller Veranstaltungs-Technik und viel Kurzweil. Man muss jetzt nicht Jahr für Jahr zum Burg Herzberg Festival fahren, um zu merken, dass Festivals ihre Wurzeln in der Hippie-Kultur haben. Und auch wenn heute gerade die Blumenkränze im Haar tragen, die am weitesten von Hippie weg sind, trifft man besonders auf Festivals viele Leute, die sich einmischen wollen. Das kann dann gerade in Ländern unter zunehmend autoritärer Führung auch gern mal zum Clash kommen, wozu wir auch einen längeren Artikel im aktuellen Festivalguide haben.

Schauen wir mal nach vorne: Es macht den Eindruck, als hätten sich nach der Blütezeit der EDM-Festivals in den vergangenen Jahren nicht allzu viele neue Entwicklungen angedeutet. Siehst du schon irgendwelche Trends, die folgen könnten?
Nach der Blütezeit? Auch das diskutieren wir mit zwei Interviewpartnern im neuen Heft, ob nämlich die »EDM-Blase« platzt oder nicht. Nach einem weltweit expandierenden Tomorrowland und einem Parookaville mit in jedem Jahr deutlich steigenden Zuschauerzahlen kommt jetzt ja noch beispielsweise so ein Riesending wie das New Horizons am Nürburgring hinzu. Ich glaube tatsächlich nicht, dass wir da schon komplett am Ende der Entwicklung sind, denn gerade diese Festivals haben es geschafft, ein Publikum anzusprechen, das ansonsten gar nicht auf Festivals geht. Konzepte, Aktivierungen, Versponsorung, Vermarktung, Ticket-Zweitmarkt – all das wird immer weiter gedreht bis irgendwann Schluss ist und alles in sich zusammenfällt. Dann kann wieder etwas Neues wachsen. 

Wie sieht der Festivalguide zum 30-jährigen Jubiläum aus? Alles nur noch VR und Augmented Reality?
Nicht ausschließlich, aber bestimmt auch. Das Magazin in seiner gedruckten Form ist einfach nicht tot zu kriegen, denn dort wird man auf die Dinge gestoßen, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie sucht – im Netz läuft es gemeinhin umgekehrt. Und da gerade die 360°-Technik massiv ausgebaut wird, wäre es ja nur logisch, wenn man vom Heft dann über die VR-Brille direkt zur Rundumsicht des Festivalgeländes käme, um quasi schon mal einen Probebesuch zu machen. Geruch, Gespräche, Getränke und Gesänge muss man sich dann wahrscheinlich dazudenken. Die werden dann zum vierzigsten Jubiläum integriert.

Der neue Festivalguide ist an allen Intro-Auslagestellen oder online direkt an dieser Stelle zu haben.