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Zwischen den Welten

13 & God

Eine noch junge Spezies auf unserem Planeten ist die der Headphone-People. Headphone-People existieren in ihrer eigenen Welt. Nahezu bewegungslos durchstreifen sie Sphären aus Sound. Sie sind hoch sensibilisiert und dennoch oft abwesend. Deshalb droht die Gefahr der Abnabelung von anderen Welten. Ge
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Eine noch junge Spezies auf unserem Planeten ist die der Headphone-People. Headphone-People existieren in ihrer eigenen Welt. Nahezu bewegungslos durchstreifen sie Sphären aus Sound. Sie sind hoch sensibilisiert und dennoch oft abwesend. Deshalb droht die Gefahr der Abnabelung von anderen Welten. Gegen diese Form der Regression stehen jedoch Formen der Transgression. Günstige Bedingungen für die Öffnung von Welten liegen vor allem dann vor, wenn unwahrscheinliche und zugleich stimmige Verbindungen eingegangen werden. Ein konzentriertes Dokument für ein solches Ereignis ist das Projekt 13 & God, eine Kollaboration von The Notwist und Themselves. Es stellt nicht einfach bestehende Welten nebeneinander, sondern gelangt zu ganz neuen Mengungen. Von daher drängen sich weitere Nachforschungen auf: Wie funktionieren diese Öffnungen von Welten genau? Und wie die Schließungen? Nichts weniger als eine Weltenlehre ist gefragt.

Von außen betrachtet, erscheint die Welt des HipHop manchmal wie eine überdrehte Identitätsmaschine. Produziert wird in erster Linie Selbstgewissheit, die am Wegrand erniedrigten Feinde und benutzten Frauenkörper sind dabei offenbar unabdingbare Kollateralschäden. Allerdings birgt jede Welt ihre Gegenwelten. Der UK-HipHop Grime ist vielleicht so eine Gegenwelt, weil hier die Prahlereien und Drohungen durch die asymmetrischen Grooves hindurch direkt auf die zugrunde liegenden Selbstzweifel blicken lassen. Wiederum ganz andere Deterritorialisierungsbewegungen in Sachen HipHop ereignen sich seit einiger Zeit rund um das amerikanische Label Anticon. Die unter diesem Dach versammelten Musiker adaptieren HipHop als musikalisches Design, entrümpeln jedoch einen Großteil der üblichen Gesten und ergehen sich in ihrer Experimentierlust. So entstehen im Hause Anticon schon mal unerhörte Resonanzen zwischen Jay-Z, Sonic Youth und irrlichternden Hörspiel-Impressionen.

Ähnliche Dynamiken finden sich natürlich auch in der Welt, die einmal auf den Namen Indie-Rock hörte. Zwar hatte man hier Drohungen und Prahlereien aus sozio-ökonomischen Gründen nie nötig. Dennoch fanden sich andere Haltungen und Codes, anhand derer man sich und sein Selbst gemütlich einrichten konnte. In dieses ästhetische Biotop hat nicht zuletzt die Musikszene aus dem niederbayerischen Ort Weilheim in den 90er-Jahren diverse Fluchtlinien geschlagen. Rund um die Band The Notwist verschoben sich im Rahmen von unzähligen Projekten immer wieder Genrekonventionen und mit ihnen die Grenzen des musikalisch Möglichen: von Electronica zu Geräuschkulissen über Free Jazz zu Popsongs. Rückblickend hält Markus Acher von The Notwist das Aufeinandertreffen mit dem Anticon-Trio Themselves deshalb für nahezu zwangsläufig. Schon auf den Wegstrecken ihrer Deutschland-Tour lief bei Adam Drucker (a.k.a. Doseone), Jeffrey Logan (a.k.a. Jel) und Dax Pierson ununterbrochen das Notwist-Album ›Neon Golden‹ im Bus, während Markus seinem Bruder Micha und Martin Gretschmann bereits diverse Anticon-Releases ans Herz gelegt hatte. Als Themselves in München gastieren, sucht man schließlich die persönliche Bekanntschaft - und findet Geistesverwandte.

Bis zur Zusammenarbeit musste jedoch unwegsames Gelände durchquert werden. Zunächst bestritten Notwist und Themselves gemeinsam eine Tour quer durch die USA. Hier geschehen seltsame Dinge: Ein ausgestopfter Fuchs liegt auf einer verlassenen Straße und übernimmt prompt das Steuer des Tourbusses. Kurze Zeit später beginnt der Bus auf einer verlassenen Straße in der Nähe von Toronto zu brennen, manche Stimmen berichten auch von einem Computer in Flammen. Mitten in einer Schneewüste sitzen die Bands drei Tage bei eisigen Temperaturen in zwielichtigen Motels fest, Auftritte werden abgesagt, Krankheiten waren ohnehin schon ausgebrochen. Diese Serie von Katastrophen führt jedoch nicht zu einem Abbruch der Verbindung, sondern zu deren Intensivierung. Nach der Tour überqueren erste Aufnahmen den Atlantik, um in transkontinentaler Kooperation Schritt für Schritt erweitert zu werden. Schließlich reisen Themselves für knappe drei Wochen nach Bayern, wo man das Album in den neu eingerichteten Alien Transistor Studios vollendet.

In dieser Phase müssen zwei gegenläufige Operationen bewältigt werden: Zum einen gilt es, eine gemeinsame Arbeitsbasis zu etablieren - man muss sich verstehen, um Ziele zu verfolgen und Ideen umzusetzen; zum anderen lebt eine gelungene Kollaboration davon, dass bestehende Welten in Frage gestellt werden. Die Beteiligten sollten daher bereit sein, sich irritieren zu lassen und ihre Selbst-Definition variabel zu halten. Dass beides bei 13 & God funktioniert hat, wird von Markus Acher bestätigt: "Die Übereinstimmung zwischen uns und Themselves ist, dass wir alle permanent auf der Suche nach Musik sind. ›Headphone-People‹ nennt Adam uns daher. Und auf dieser Grundlage entsteht bei mir zumeist der Wunsch, dass man mit den Leuten, deren Musik man faszinierend findet, etwas zusammen macht. Denn ich will nicht immer auf mich selbst geworfen sein. Ich finde das, was wir machen, auch nicht so interessant, dass es uns über tausende Platten trägt. Man pflegt doch ohnehin immer die gleiche Art, Sachen anzugehen. Deshalb war es eine zentrale Zielsetzung unserer Zusammenarbeit, die Sachen, die man kennt, über den Haufen zu werfen. Das war ein beiderseitiges Grundprinzip."

Nicht nur von den Philosophen kann man also erfahren, dass das Neue und Unerwartete in den Zwischenzonen entsteht. 13 & God siedeln auf keiner sicheren Seite irgendeines Ufers an. Ihre Musik selbst ist vielmehr das Ereignis einer Übersetzung und damit uferlos in ihren Strömen. Passend dazu entziehen sich auch die Texte der Identifizierung. Sie formulieren eine sehr persönliche Zustandskritik, die syntaktisch aus dem Ruder läuft. Während Markus sein Deutsch-Englisch fehlerhaft perfektioniert, zersplittert Doseone die Sätze, sodass man das Gefühl bekommt, als würde man aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig auf einen Gegenstand schauen. Dass dies eine angespannte Art zu sehen ist, versteht sich von selbst. Eingehüllt wird sie jedoch von den für Notwist typischen Harmonien, die gleichermaßen melancholisch wie verspielt aufziehen. Entstanden ist auf diese Weise eine wahnsinnig schöne Platte - und ein Plädoyer für die prinzipielle Offenheit von Welten.

Anticon
Neben HipHop-Gruppen wie dem Antipop Consortium, Dälek oder Prefuse 73 gelten die bei Anticon versammelten Acts als Vertreter des so genannten abstrakten HipHop. Das Label wurde 1998 in der Bay Area um San Francisco gegründet. Neben Themselves' letztem Album ›The No Music‹ erschienen unter anderem Platten von Sole, ClouDDEAD und Odd Nosdam.

Alien Transistor Studios
Hausmusik, Kollaps oder Payola - in Oberbayern hat man Erfahrungen mit Labelgründungen. Das Album von 13 & God erscheint auf Alien Transistor, einer gerade erst von Markus und Micha Acher ins Leben gerufenen Plattform. Die entsprechenden Alien Transistor Studios befinden sich ebenfalls in Weilheim - "wobei ein Studio heute nur noch ein Raum ist, in den man einen Computer und ein paar Mikrofone stellt, mehr ist das ja nicht" (Markus Acher).