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Jugend von heute: Die derzeit besten Bands des Landes

1000 Robota / MIT

Zwei der besten jungen Bands des Landes hauen neue Alben raus, bei denen auch bekannte alte Hasen ihre Finger mit im Spiel hatten.
Geschrieben am
Die Entwicklungsromane werden fortgeschrieben. Zwei der besten jungen Bands des Landes hauen neue Alben raus, bei denen auch bekannte alte Hasen ihre Finger mit im Spiel hatten. "Ufo" und "Nanonotes" sind die Platten des Monats! Findet jedenfalls Wolfgang Frömberg, der 1000 Robota in Hamburg und MIT in Köln traf.
 
"Seid ihr tot?" Der Straßenkünstler, der im Schatten des Kölner Doms eine träge Masse zu unterhalten sucht, versteht die Welt nicht mehr. "Habt ihr kein Herz?" fragt er noch mal in die Runde, als auch der nächste Trick nicht die leiseste Regung des Publikums provoziert.

Seufzend holt er einen Pappteller aus dem Requisitenkoffer und besprüht ihn mit Rasierschaum. "Eine Torte!" ruft er. "Freiwillige vor!" Ein Zuschauer lässt sich zum Mitmachen motivieren. "Ich werde bis drei zählen, bevor ich meinem Assistenten die Torte ins Gesicht werfe!" Kein Mucks. "You are supposed to laugh at this point", mault er in seiner Muttersprache. "You are dead people!" Schließlich haut er entnervt ab, um sein Glück woanders zu suchen.

Die härteste Mauer, an der man sich die Hörner in der Manege der Unterhaltungsindustrie abstoßen kann, ist Gleichgültigkeit. 1000 Robota und MIT haben sich das Glück verdient, dass ihre Debütalben – "Du nicht er nicht sie nicht" und "Coda" – nicht auf taube Ohren stießen. Die Bands gehören seither zu den aufregendsten des Landes. Parallelen zwischen den Ensembles, die je aus drei Jungs bestehen und den dahinterstehenden Lebensentwürfen, gibt es ebenso viele wie Trennlinien. Kurz: Beide Formationen schauen beim Spielen nicht auf die Schuhspitzen, tragen ihre Nasen aber auf je eigene Weise hoch in der Luft. Persönlich gibt es lose Berührungspunkte, aber keine innigen Beziehungen. Eigentlich gute Voraussetzungen für eine offene Auseinandersetzung, findet Anton Spielmann, Sänger und Sprachrohr der 1000 Robota.



Die Nase im Wind hatten sie von Anfang an. Ihre Geschichten beginnen als Märchen, die gar keine sind. Wenn Casting-Show-Models in Paris über den Laufsteg stolpern können, scheint es auch banal, dass ein Trio von Pennälern aus Köln-Buchforst nachts in Londoner Clubs spielt, um am nächsten Morgen schon wieder im Klassenraum zu sitzen. Oder dass drei junge Wilde aus der Provinz um Hamburg herum eine England-Tour mal eben eigenhändig abbrechen. Ist natürlich trotzdem aufregend. Und so war es kaum verwunderlich, dass MIT und 1000 Robota Aufmerksamkeit allein dadurch erregten, dass sie durch die angesagten Läden der britischen Popmetropole tingelten, noch bevor sie national weiter als einen Katzensprung über die Grenzen ihrer Homebases hinaus bekannt waren.
Ein gewaltiger Unterschied war jenseits der gemeinsamen Punk-Referenzen der beiden Gruppen sofort auszumachen: Während MIT dem inspirierten Lärm, den sie auf der Bühne veranstalteten, ein öffentliches Bild der Gelassenheit zur Seite stellten, gaben 1000 Robota auch außerhalb der Konzertstätten die Großmäuler, stets bereit, jedem einen dummen Spruch vor den Latz zu knallen, der nicht vor dem dritten Bier auf den Bäumen war. Siehe auch die letzte Story über 1000 Robota.

Im Spätsommer 2010 zaubern nun die Niedlichen und die Störenfriede beinahe zeitgleich neue Stücke aus dem Hut. Ob sich die Prognosen nach ihren spannenden Debüts, dass Großes zu erwarten sei – ob nun großer Ärger, großer Erfolg oder großer Mist –, letztlich bewahrheiten werden? Man kann die Tatsachen erst mal für sich sprechen lassen: 1000 Robota sind nicht mehr bei Tapete Records, sondern mit "Ufo" bei Buback Tonträger gelandet. MIT sind für "Nanonotes" von Haute Areal in die Liga der Major-Sublabels gewechselt.

Die einen betonen, es würde ihnen außer Buback halt kaum ein anderes Indie-Label einfallen, zu dem sie als Band hätten wechseln wollen. Und MIT möchten auch ihr neues Zuhause lieber noch als Indie bezeichnen, so viel augenzwinkernde Bescheidenheit darf sein. Der nächste große Schritt zu einem Major stünde so gesehen beiden noch bevor. Ob es dort allerdings eine so tolle Ansage gäbe, wie es sie bei Buback für 1000 Robota gab, ist fraglich. Anton Spielmann erzählt, als Prämisse habe man nur mit auf den Weg bekommen, keinen Nazi-Scheiß und nichts mit Kinderpornografie zu machen.

Die Entwicklungsromane werden fortgeschrieben. Zwei der besten jungen Bands des Landes hauen neue Alben raus, bei denen auch bekannte alte Hasen ihre Finger mit im Spiel hatten. "Ufo" und "Nanonotes" sind die Platten des Monats! Findet jedenfalls Wolfgang Frömberg, der 1000 Robota in Hamburg und MIT in Köln traf.

Künstlerische Freiheit hat Grenzen, da helfen keine Pillen und keine kreativen Umschläge. Anton Spielmann erklärt beim Intro-Gespräch mit 1000 Robota in Hamburg, dass er den Begriff Kreativität nicht für sich beanspruche. Das sei ja eher ein Terminus aus der Werbebranche. Während des Interviews führt er das Wort für die Band, in der außer ihm noch der hier und da eine Bemerkung einstreuende Jonas Hinnerkort (Schlagzeug) sowie der äußerst schweigsame Sebastian Muxfeldt (Bass) spielen.

Die Zeit nach dem Erscheinen der EP "Hamburg brennt", dem folgenden Album und vielen Live-Shows war für 1000 Robota stressig. Man spricht ja gerne von den Möglichkeiten des Internets für eine junge Band, den eigenen Namen samt dem dazugehörigen Werk in Windeseile zu verbreiten. Seltener ist vom Ungemach die Rede, das der schwer einzuordnende Meinungskult und die Kultur der Anonymität im Netz auslösen können. 1000 Robota mögen selbst ein paar Ziegel draufgelegt haben, das gibt Anton Spielmann zu. Aber letztlich erwies sich der Trubel als Mauer, gegen die man auf Dauer zu rennen drohte. Spielmann: "Es gab einen Punkt, wo es einfach ausartete und man sich nicht mehr bewusst war, was überhaupt passierte und welchen Standpunkt man selbst vertritt."

Vor diesem "Hype" hätten sich 1000 Robota vermutlich darüber gefreut, vom Publikum bespuckt zu werden. Doch erst jetzt kommen die Leute und wollen Rabatz machen. Auch MIT haben so ihre Erfahrungen mit zahlreichen Gigs gemacht. Unterwegs in der weiten Welt, z. B. in Indien, entwickelte sich verstärkt der Wunsch nach Universalität und mehr Verständlichkeit. So erklärt Tamer Özgönenc, für die Keyboards bei MIT zuständig und während des Dates in Köln redseliger als Edi Winarni (Gesang) und Felix Römer (Schlagzeug) zusammen, dass man die Gunst der Stunde nutzte, als ihre Demos dem Düsseldorfer Künstler und Ex-Mitglied von Kraftwerk, Emil Schult, in die Hände gefallen seien: "In der Kunst muss man sich positionieren. Für elektronische Musik gilt das ganz besonders. Es ist ja schon so viel gemacht worden. Da ist es der Idealfall, mit jemandem zu sprechen, der das so maßgeblich miterfunden hat."

Auf "Nanonotes" klingen die Texte mitunter wie lautmalerisch verschachtelte Gedichte, und es gilt für sie dasselbe wie für die Töne aus den analogen Zauberkästen, die MIT im Studio von Jas Shaw (of Simiam-Mobile-Disco-Fame) vorfanden: Man kann sich einen Reim darauf machen, ohne auf jede Einzelheit zu achten. Das Fragmentarische gerät ins Fließen, wodurch die Musik an Pop-Appeal gewinnt. Bezeichnend für "Nanonotes", dass MIT der chinesischen Stadt Pudong einen Song widmeten. Das Areal nahe Shanghai wird seit 1990 bebaut. Es ist also ungefähr so alt wie die Bandmitglieder und Sinnbild moderner Zeiten.

(MIT)

Die alten Hasen, die 1000 Robota bei der Produktion von "Ufo" mit Rat und Tat zur Seite standen, waren Ted Gaier und Mense Reents von den Goldenen Zitronen. Anton Spielmann betont, er habe ja ursprünglich bloß irgendwie Krach machen wollen. Inzwischen sei das anders – und durch die Kooperation mit den zwei Goldies eine weitere Ebene dazugekommen. "Wir haben gesagt: ‘Das soll soundso klingen!' Dann meinte Ted, das klinge aber so. Daraufhin hat man sich das dann angehört und gedacht: ‘Ach ja, stimmt, hat was von diesem Kram aus den Siebzigern!’"

Tatsächlich schießen die gerne attestierten Postpunk-Wurzeln der Band etwas ins Krautrockige. Während MIT nun mehr aufs Tanzbein und Abstrakte zielen, bleiben 1000 Robota bei den sägenden Gitarren und Parolen. Aber die klaren Linien, die Bass, Schlagzeug, Gitarre und Slogans vorgeben, lassen zwischen den Zeilen und Akkorden weiter Spielraum für tiefer gehende Erzählungen. "Du gewinnst" dekliniert mehrere Perspektiven durch, die junge Bands jenseits von Casting-Shows aus dem Effeff kennen sollten. Die Bombe ist jedoch der Hidden-Track, in dem Thees Uhlmann von ganzem Herzen auf die Fresse kriegt. Zwischen Klartext und formaler Punk-Grazie erklingt hier auch die erste Bass-Melodie von 1000 Robota.



Je öfter man die Alben hört, die im Kontext der Frühwerke je einen Entwicklungsroman fortschreiben, desto wilder wuchert der Verdacht, es könne sich jeweils um die Verkörperung einer Seite der Medaille handeln, die es in dem Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Publikums, dem sich sowohl 1000 Robota als auch MIT verschrieben haben, gar nicht zu gewinnen gibt. Als Künstler darf man wohl nur den kurzen Glücksmoment erhoffen, in dem man sich selbst genügt. An dieser Stelle könnt ihr also lange warten auf ein Plädoyer für den Rationalismus von MIT, deren sämtliche Mitglieder in Studiengängen verstrickt sind. Oder für das romantische Ideal von 1000 Robota, in dem ein bürgerliches Leben und ein Dasein als Musiker in einer Band schlecht zusammenpassen. Gemeinsam ist 1000 Robota und MIT nämlich gleichwohl der Bezug zu einigen Grundübeln der Menschheit – wie Selbstironie, Sarkasmus und Zynismus –, die beide aus ihren Liedern verbannt haben, deren Bezug zur gesellschaftlichen Wirklichkeit sie von jeder Kleinkunst unterscheidet. Sie meinen es ernst, und das machen sie gut. Falls es keiner kapiert, im Zweifelsfall noch mal. Oder wie Balzac einst dichtete:
 
Ins junge Herz passt schon die ganze Welt
Die Welt wird im Verlaufe enger
Das Herz, das springt und schwellt
Solange du eins hast.


Außerdem dazu auf intro.de: Kinder schlägt man nicht. Wolfgang Frömberg über seine erste Begegnung mit 1000 Robota.