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Kinder schlägt man nicht

1000 Robota

Vor ein paar Monaten schwärmte Wolfgang Frömberg von der Debüt-EP der Hamburger 1000 Robota. Beim Versuch eines Gesprächs in London hat er einen potenziellen Sohn verloren.
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Vor ein paar Monaten schwärmte Wolfgang Frömberg von der Debüt-EP der Hamburger 1000 Robota. Beim Versuch eines Gesprächs in London hat er einen potenziellen Sohn verloren. Hat man bei Tapete vergessen, den Buben die Windeln zu wechseln?

Ein Ort, wo ein halber Liter Paulaner fast fünf Pfund kostet, muss ein Plätzchen sein, an dem klassische Arbeit verachtet wird. Willkommen im Hoxton Bar & Kitchen! Diese Bank für Sozialkapital liegt direkt am Hoxton Square. Ihre nähere Umgebung ist bevölkert von adretten Leuten. Genau jenes Publikum, das so schönen und wertvollen Begriffen wie Widerstand und Selbstverwirklichung, letztlich der Kunst überhaupt, a bad name gegeben hat - um endlich mal Bon Jovi zu zitieren.

Die jungen Hipster posieren in der Kulisse, als wären sie Models an der langen Leine - ja, als würde hier ständig eine Kamera laufen. Was dank der permanenten Überwachung in London sogar sein kann. Zwischen den Selbstdarstellern lässt es sich aushalten, wenn man was zu lesen hat - am besten ein Foster's aus dem Off Licence -, wozu man einen gepflegten Balzac trinkt. Ich schlage die Zeit mit den "Verlorenen Illusionen" tot, kürzlich empfohlen von Kerstin Grether, während ich auf 1000 Robota warte. Die Ankunft der jungen Hamburger, von der Sun bereits lobend als "Gang Of Four im Panzer" bezeichnet, verspätet sich. Ein kurzer Anruf auf dem Handy von Sänger Anton Spielmann bringt die Information: Anscheinend ist das Navigationssystem kaputt. Ein zweiter Anruf klärt: Auch das Gedächtnis hakt. Wie sich später herausstellen wird, nicht nur das.

Balzac schrieb im 19. Jahrhundert, was Sache ist. Es geht in dem Roman um die "Verlorenen Illusionen" des ambitionierten Lucien, der dem Adel seines Provinzkaffs zum Gefallen den Namen seiner Mutter trägt, die unter ihrem Stand geheiratet hat. Mit diesem Künstlernamen auf dem Buckel und einer blaublütigen Gönnerin an seiner Seite macht sich das Dichtertalent auf nach Paris. Nach schnellen Enttäuschungen und ohne Mittel gerät er in einen Kreis von Intellektuellen, die in kargen Kammern über ihren Idealen brüten und sich zum Zwecke der Diskussion über Monarchie und Alltag, Melancholie und Gesellschaft regelmäßig treffen. Wahre Freunde, die an ihn und seine Gabe glauben. Lucien stößt sie jedoch vor den Kopf und verschreibt sich einem Fach, das den intellektuellen Bewohnern des Luftschlosses namens Nachhaltigkeit, wo Kunst und Wissenschaft Eskimoküsse tauschen, als korrupt und verachtenswert gilt: Er wird Journalist.

Der Verführer Etienne erklärt ihm seinen Eintritt ins Milieu: "Ich werde Ihnen nicht erzählen, wie viel nutzlose Schritte ich unternahm, und nicht, wie ich sechs Monate lang als überzähliger Volontär arbeitete, mir sagen lassen musste, dass ich die Leser vor den Kopf stieß, während ich sie doch im Gegenteil unterhielt. Übergehen wir diese schlechte Zeit. Ich berichte heute fast umsonst über Boulevardtheater. Ich lebe vom Verkauf der Karten, die Direktoren dieser Theater mir geben, um sich meiner Fürsprache zu sichern [...] Purgierwasser, Paste der Sultanin, Brasilianische Mischung, alles bekannte Firmen, zahlen für einen witzigen Artikel zwanzig oder dreißig Franken. [...] Die Schauspielerinnen zahlen ebenfalls für gute Besprechungen, aber die geschicktesten bezahlen die Kritiker; totgeschwiegen werden ist das, was sie am meisten fürchten."

Auch wenn das zum Teil noch für die Verflechtungen von Kunst und Kritik in den Netzwerken des Neoliberalismus zutrifft, so hat die Geschichte seit Balzacs Ergüssen Wirkung gezeigt. Das bürgerliche Bildungsideal mutierte im 20. Jahrhundert nach und nach zum Feindbild vieler rebellischer Wesen, die über das Populäre zumindest den zweiten Bildungsweg einschlugen. Punk brachte dann noch mal einiges in Bewegung. Der Popjournalismus wurde eine Zeit lang von bärtigen Intellektuellen (im besten Fall bzw. als Reaktion darauf auch von rüpelhaften Proleten und angriffslustigen Frauen) in Beschlag genommen, die mehr Aktion verlangten. Die Künstler machten sich einen Spaß daraus, die teils recht selbstverliebten Schmierfinken zu beleidigen.

Balzac bringt das zentrale Anliegen auf den Punkt: "Für den Künstler heißt das große Problem, die Blicke auf sich lenken." Und gerade in England, wo es Medien und Musiker miteinander treiben wie Karnickel, betrachteten sich die Autoren der schnelllebigen Magazine als ebenso wichtig wie die Stars. Eine brenzlige Konstellation. Heute, wo die Schnelllebigkeit sich selbst überholt hat und immer schon ein Publikum imaginiert wird, anstatt noch eines erobern zu wollen, klingt eine wissenschaftliche Herangehensweise - zumindest eine nachhaltige (!) Methode, welche die Kriterien der Rezipienten nachvollziehbar macht - für manche Träumer wieder attraktiv. Wie die Implex-Verlegerin Barbara Kirchner mal bemerkte: "Wo das eine dominant ist, muss das andere betont werden." Dominant ist Larifari, da hilft kein Wenn und Aber.

Für einen Künstler gibt es verschiedene Wege, die Blicke auf sich zu lenken. Die Jugend kann von Vorteil sein, muss aber nicht. Jochen Distelmeyer hat es mit seinem "Apfelmann" bewiesen. Eine reife Leistung, wie dieser Song seine Kreise zog - und sogar das Feuilleton dazu verführte, der Popmusik noch eine Inhaltlichkeit zuzugestehen. Die neue Biederkeit, die damals diagnostiziert wurde, stimmte aber nicht für Blumfeld. Ein Kult der Anbiederung politischen Ausmaßes ließe sich andererseits gut auf den Zustand der Musikszene und -presse übertragen.

Das ehemalige Schlachtschiff des britischen Wochenmarkts, NME, kann heuer kaum mehr deutscher Bravo-Kultur das Wasser reichen. Die am Flughafen Gatwick zur Überbrückung der Fahrt in die Stadt gekaufte Ausgabe beinhaltet eine Liste wie sonst der Rolling Stone. Mit dem feinen Unterschied, dass hier kein Ranking der Vergangenheit erstellt wird à la "Die 100 besten Platten des 19. Jahrhunderts", sondern ein aktuelles, wie es sich für die Hype-Presse gehört: "Top 25 Bands Making America Cool Again". Zwischen vielen Fotos mit übertrieben langen Bildunterschriften findet sich auch ein Text, der samt seinen angedeuteten Bösartigkeiten eine Verbindung herzustellen sucht zu Autoren wie Julie Burchill oder Clara Drechsler. Allerdings ohne eine Position zu vertreten, außer, dass mit einem Präsidenten Obama die Musik aus den USA wieder deutlich cooler klinge. Die Politisierung ist platt wie ein Crêpe. Und eklig, da Obama als HipHopper mit der besseren Message hingestellt wird. Da quiekt das Kolonialistenschwein vor Glück.

Video: 1000 Robota - "Hamburg brennt"




Mangelnden Willen zur theatralischen Opposition kann man 1000 Robota indes nicht unterstellen. Selbst wenn sie in England von den Gazetten wie Welpen behandelt werden, deren große Schnauze abzusehen ist: Ihre Musik zeugt von Unzufriedenheit. Die Band wurde hier schon für die EP "Hamburg brennt" gelobt. Das Album "Du nicht er nicht sie nicht" wird uns nicht enttäuschen. Die Buben - sie schauen aus wie Bürgersöhne, die ihre Tennisschläger gegen Instrumente eingetauscht haben - sind endlich im Hoxton Bar & Kitchen eingetrudelt. Trotz leeren Beckens tummeln sie sich wie Fische im Wasser. Die inzestuöse Atmosphäre beim schnellen Gig - anwesend sind vermutlich einige NME-Reporter, die Kurtisane vom Intro und ein paar Promis - schmeichelt ihnen offenbar. Es ist der von Balzac beschriebene strukturelle Wahnsinn, dessen Wind hier weht und ihre Bäuche bepinselt. An diesem Abend hätten ihnen ein Spaziergang um den Block und der Kontakt zu echten Menschen besser zu Gesicht gestanden.

Dass 1000 Robota sich um Mitternacht beschweren, ihr Label habe einem Ahnungslosen den Flug nach London bezahlt, und Anton Spielmann den Pete Doherty Junior gibt, weshalb ich mich nach fünf Stunden Warterei und drei Minuten Gespräch wieder genervt übers Paulaner beuge, könnte zwei Dinge bedeuten: a) dass Anton schon gut begriffen hat, warum im Popzirkus die Rolle des narzisstischen Rotzlöffels für einen 17-Jährigen prädestiniert scheint, um Blicke auf sich zu lenken, oder b) dass er in seiner Egozentrik, die sowohl zur späten Pubertät wie zum Spätkapitalismus passt, eben noch nicht viel rafft. Aber gemach: Kinder schlägt man nicht. Man zeigt und erklärt ihnen die Welt. Erst ab 18 gibt es was aufs Maul.