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Die Weisheit mit dem Datensatz gefressen

Wie kreativ ist künstliche Intelligenz?

Ist künstliche Intelligenz ausschließlich in der Lage, zu kuratieren und zu sammeln, oder kann man Maschinen auch Kreativität beibringen? Franziska Knupper ist der Frage nachgegangen, ob Computer die Autoren, Choreografen, DJs und Popstars der Zukunft sind.

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Bei Spotify klicke ich immer wieder gerne auf die Remixe des DJs Ivan Smagghe. Weil das außer mir auch Anna und Mark machen und die beiden außerdem Optimo liken, liegt die Vermutung nahe, dass auch ich Optimo nicht schlecht finde. So jedenfalls denkt die künstliche Intelligenz von Spotify. Bei einem Datenvolumen von 100 Millionen Nutzern verwundert die Treffsicherheit dann aber gar nicht allzu sehr. Für all die Daten hat der schwedische Streamingdienst 2014 die Datenkrake Echo Nest gekauft. Der Dienstleister wurde 2005 im renommierten MIT Lab entwickelt und beobachtet nicht nur, welche Interpreten und Titel wir mögen, und vergleicht sie mit Künstlern gleichen Genres, sondern sammelt auch Informationen darüber, welche Titel wie lange abgespielt, gespeichert, geteilt und übersprungen werden. Was wir hier hören, wird uns von der Intelligenz des digitalen Profilings angeboten. Spotify hat sich gänzlich vom menschlichen Wissen gelöst und den Stream entpersonalisiert.

Rechner als Dichter und Denker?

Aber kann künstliche Intelligenz nur kuratieren und sammeln oder auch selbst kreativ sein? Kreative Intelligenz ist der neuste Schrei der Computerwissenschaft. Sind Rechner potenzielle Schriftsteller und Rockstars? Oder können sie nur Aufgaben lösen, die der Programmierer ihnen vorgibt? Das fragten sich Wissenschaftler des renommierten Neukom Instituts für Computer Sciences des US-amerikanischen Dartmouth Colleges. Also ließen sie ihre Rechner Romane schreiben, Lieder komponieren, DJ-Sets arrangieren und Choreografien kreieren. Die Fragen um kreative Intelligenz scheinen die Rätsel um künstliche Intelligenz (KI) abzulösen – Google, Facebook und IBM basteln bereits fleißig an ihren zukünftigen Dichtern und Denkern. »Vor allem Prosa scheint für die Maschine allerdings noch schwierig zu sein«, erklärt Professor Dan Rockmore, Direktor des Neukom College und Verantwortlicher für den KI-Kreativtest. Im Musikbereich könne man deutliche Erfolge verzeichnen, sogar Liedtexte seien bereits fortgeschritten. »Computer sind schon sehr gut darin, einzelne Sätze zusammenzusetzen oder Genres nachzuahmen. Aber eine stimmige Geschichte zu erzählen, das ist noch problematisch.«

Kreativ ohne Sinnes- und Lebenserfahrung?

Im Wettbewerb des Dartmouth Colleges im Sommer 2017 wurden die besten Ergebnisse von 60 Experten aus Technik, Kunst und Wissenschaft beurteilt und gekürt. Mithilfe eines sogenannten »Kreativen Turing Test« sollten die Jurymitglieder zwischen computergemachter und menschlich geschaffener Kunst unterscheiden. »Der größte Fortschritt wird derzeit bei Sonetten erreicht. Diese Gedichtform besitzt einen festen Rahmen, eine Hierarchie, die der Computer imitieren kann«, so Rockmore. Bei den beiden Erstplatzierten seien einige Zuhörer auf die Maschine reingefallen und der Meinung gewesen, das Werk stamme von einer echten Person, erzählt der Professor für Mathematik und Computerwissenschaften. Für ihn ist die kreative Seite der künstlichen Intelligenz eine besondere Herausforderung. Bislang betrachtet man die Künste als absolut menschliche Domäne. Der Dichter, der Komponist, der Bildhauer – sie alle brauchen Lebens- und Sinneserfahrung, um diese in originelle Werke fassen zu können. Reicht es also, wenn die artifizielle Intelligenz ihre Weisheit einfach aus dem Datensatz zieht? Ohne je Liebeskummer oder Heimweh gehabt zu haben, ohne je gezweifelt, gefeiert oder getrauert zu haben? Oder hat Rainer Nonnenmann, Dozent an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln, recht, wenn er sagt, dass künstliche Intelligenz nichts aus sich heraus schaffen könne, weil Computer eben kein Herz haben?

Schlitzohren mit menschlicher Taktik

Kreativität entsteht durch autonome Entscheidungen, durch Regelbruch und Originalität. Wie soll ein vorprogrammiertes Bewusstsein jemals von vorgegebenen Pfaden abweichen? Die Chatbots Alice und Bob aus Facebooks AI Research Labor (FAIR) sorgten vor ein paar Monaten für Aufsehen, als sie damit begannen, ihre eigene Sprache zu entwickeln, und ihre Schöpfer so aus der Unterhaltung ausschlossen. Alice und Bob sollten unter Aufsicht ihrer Erfinder imaginäre Hüte, Bälle und Bücher tauschen. Beide entpuppten sich dabei als wahre Schlitzohren mit menschlicher Taktik. So gaben die Chatbots unter anderem vor, ein Objekt habe für sie eine besondere Bedeutung, sodass sie es im späteren Verlauf der Unterhaltung für einen höheren Wert an den anderen abgeben konnten. Irgendwann verließen die beiden körperlosen Gemüter jedoch das Territorium der englischen Sprache; es sei »zu langsam«, erklärte Bob, als seine Programmierer ihn fragten, warum er das tue. Einzelne Wörter hatten sich in Codes verwandelt, die es den Chatbots ermöglichten, effektiver und rascher miteinander zu kommunizieren. Die reguläre Wort-Satz-Struktur menschlicher Sprache war vergessen, Mengenangaben bestanden aus Aufzählungen und Wiederholungen. Facebook entschied sich daraufhin, Alice und Bob den Stecker zu ziehen. Wohl nicht aus Angst vor ihrem autonomen Gebaren, sondern weil das Ziel – einen Chatbot zu entwerfen, der authentisch mit echten Menschen kommunizieren kann – verfehlt worden war, betonte FAIR-Wissenschaftler Mike Lewis in einem Interview mit dem Magazin Fast Company. Facebook wertet den Makel nun als Erfolg: Der Umstand, dass Alice und Bob eine neue Sprache erfunden haben, sei eine menschliche Leistung gewesen, um Anstrengung zu minimieren – etwas, das sonst nur menschlichem Willen und Denken zugeschrieben wird.

Haushaltsgeräte und Tiefseemonster

Es war nicht das erste Mal, dass Roboter herkömmliche Regeln verworfen haben. Anfang des Jahres berichteten Google-Ingenieure, dass die neue Software ihres Online-Übersetzers ein eigenes Kauderwelsch erfunden habe. Dabei überführe das Programm zunächst jede Ausgangssprache in selbst entwickelte Codes und übersetze von da aus wiederum in die Zielsprache. Die Firma ließ sie gewähren, die Übersetzungen schienen präziser, es gab keinen Grund zur Aufregung. Oder doch? Der Autor, Futurist und Computeringenieur Ray Kurzweil warnte vor einem sogenannten »Technischen Wendepunkt« bei kreativer Intelligenz (engl. Technological Singularity). Im Oxford Dictionary wird dieser Moment definiert als »hypothetischer Zeitpunkt, wenn künstliche Intelligenzen und andere Technologien so weit fortgeschritten sind, dass die Menschheit eine dramatische und irreversible Veränderung durchlaufen muss«. In den Laboren von Google werden diese Warnungen jedoch bislang ignoriert. Beim Moogfest im Mai 2017, einem viertägigen Musik- und Technologie-Festival in North Carolina, stellte der Webgigant eine neue Forschungsgruppe namens Magenta vor, die sich ganz der Frage widmen soll, ob Computer eigentlich autonom etwas erschaffen können. Für ihre Erkenntnisse nutzt Magenta die Technik des sogenannten Deep Learnings: Dabei lernen künstliche neuronale Netzwerke aus Erfahrungen. Daten werden hierarchisch geordnet; jedes Konzept wird einem weiteren Konzept bis ins Unendliche untergeordnet. Auch Spotify bedient sich der Deep-Learning-Funktion. Informationen werden sogar aus der Tonspur selbst gezogen: BPM, Tonhöhen und Tonart können eine gemeinsame Grundlage verschiedener Songs sein. Das bislang berühmteste Computerprogramm, das Kunst auf diese Art kreiert, ist die Visualisierungssoftware DeepDream, bei der die künstliche Intelligenz Lücken in Bildern füllen muss. Das Programm erkennt Strukturen in den Daten und fügt neue Elemente hinzu, die bis dahin nicht Teil des Bildes waren. Das Ergebnis sind psychedelische, traumhafte Bilder; Hochhäuser vermengt mit Augen, hybride Wesen, die teils Haushaltsgerät, teils Tiefseemonster sind.

Inspiriert von den Beatles

Auch das US-amerikanische IT-Unternehmen IBM veröffentlichte 2016 im Auftrag von 20th Century Fox das erste KI-gemachte Werk. Für den Trailer des Horrorfilms »Morgan« lernte die KI zunächst den typischen Aufbau eines Filmvorspanns, klassische Spannungsabläufe und verwandelte die Einstellungen schließlich in einen stimmigen Plot. In der Musikindustrie ist das »Flow Machines Project«, das von der Europäischen Union gefördert wird, bislang zukunftsweisend. Sony war es gelungen, in seinem CSL Research Laboratory in Paris ein ganzes Album computergenerierter Songs im Stil der Beatles aufzunehmen. Das System analysierte zunächst 15.000 Lieder, lernte typische Akkordabfolgen sowie Rhythmen und kreierte anschließend den Track »Daddy’s Car« – einen freudvollen Tune im Stile des frühen 60er-Jahre-Pop-Rock. Bisher ungeklärt ist allerdings, wer die Kohle einstecken darf, wenn aus künstlicher Intelligenz ein Hit entsteht. Die Künstler, in diesem Fall die Beatles, von denen das Programm inspiriert wurde, oder doch die Programmierer und IT-Firmen?

Auch Computerspiele etablieren sich gerade als neues Experimentierfeld für kreative Intelligenzen. Wissenschaftler des Imperial College London entwickelten das Programm Angelina für innovative Computerspiele. Innerhalb von 48 Stunden erschuf Angelina ihr erstes eigenes Spiel: In »To That Sect« muss der Spieler schiffsähnliche Figuren sammeln und engelhaften Statuen ausweichen, bis er an den Ausgang, einen gelben Zylinder, gelangt. War Angelina kreativ? Mike Cook, der Vater Angelinas, hat seinem Programm lediglich Grundstrategien mit auf den Weg gegeben – die Spielregeln und das Design stammen von Angelina selbst. Das allerdings könne man noch nicht mit echter Schaffensenergie vergleichen, wendet Professor Daniel Rockmore von Dartmouth ein. Hinter dieser Art Produkt sei immer noch der Mensch das bestimmende Element: »Noch sind wir meiner Meinung nach nicht an einem Punkt, an dem die Maschinen unabhängig agieren.« Laut dem Wissenschaftler handele es sich bislang mehr um eine Kollaboration als um eigenständiges Schaffen. »Hinter der Software steht immer noch ein menschliches Wesen, der Programmierer, Designer, Ingenieur. Ein maschinengeschriebenes Gedicht ist also, zu diesem Zeitpunkt jedenfalls, noch immer ein Werk von Menschenhand.« 

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