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Das Phänomen Eidinger

Warum mögen alle Lars Eidinger?

Er ist die Schnittstelle zwischen Jugendzeitschrift und Feuilleton, die Inkarnation eines Internethypes und It-Boy der deutschen Schauspielszene. Wer Käsekuchen und Radiohead mag, mag vermutlich auch ihn: Lars Eidinger. Miriam Fendt mit dem Versuch, das Phänomen zu durchschauen.

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In einer Welt, in der man mit etwas Glück durch Internet und Medien schnell zum Erfolg gelangen kann, geben sich Talentlosigkeit und Talent die Klinke in die Hand. Am plötzlichen Erfolg von YouTube-Stars, Bloggern, Schauspielern und Musikern scheiden sich letztlich die Geister. Taylor Swift, Dagi Bee, Max Giesinger, Helene Fischer und Julia Engelmann- um nur ein paar Namen der personifizierten Hassliebe zu nennen. Irgendwie brauchen wir aber Konstanten, Menschen über deren Talentlosigkeit nicht diskutiert werden muss, weil sie Talent haben. Lars Eidinger ist einer dieser Menschen.    

Eidinger ist studierter Schauspieler, seit Ende der Neunziger Ensemblemitglied an der Schaubühne in Berlin und alles andere als talentlos. Durch Rollen in »Polizeruf 110« und »Tatort« hat er sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt. Dass der Ausnahmeschauspieler aber noch reichlich mehr abliefern kann, als den mordenden Psychopaten am Sonntagabend, beweisen seine nationalen und internationalen Kinoengagements. Mit seinen schauspielerischen Leistungen lässt er andere deutsche Leinwandschönlinge weit hinter sich zurück. Die Person Eidinger selbst scheint sich auch von besagten pseudoelitären Schauspielkreisen abzugrenzen und widmet sich stattdessen seinen zahlreichen anderen Talenten.    

Er ist nämlich nicht nur Schauspieler und Theaterregisseur, sondern zusätzlich auch Musikproduzent und DJ. Gerade erst hat er sein Album »I’ll Break Ya Legs« herausgebracht. Die Sample-basierten, düsteren Soundcollagen sind zum Teil schon in seiner Jugend im elterlichen Keller entstanden. Die melancholische, teils recht anspruchsvolle Musik entspricht der Zuordnung zu nischigem Techno, der in den Massenmedien wenig bis gar keine Präsenz haben dürfte. Falsch gedacht, denn dadurch, dass die Platte aus der Feder Eidingers stammt, avancierte das Nischenthema in der vergangenen Woche zum Pressehit. Egal ob Feuilleton, Szene-Magazin oder Wald- und Wiesenzeitung – die Google-Suche ist voll von Interviews zum »düsteren Instrumental-HipHop«. Irgendwie schön, aber irgendwie auch seltsam. Die Frage ist nur: Wie schafft er es so viel Aufmerksamkeit zu generieren?

In einem Interview mit der Zeit sagte Eidinger einmal: »Ich wollte immer der Erste, immer der Beste sein…Ich war trotzdem auch immer der Clown, der, der die Lacher haben wollte. Erst dann war ich glücklich.« Ehrgeiz, Disziplin und der Hang zum Wahnsinn erinnern in Kombination ein wenig an Klaus Kinski. Bei Lars Eidinger bilden diese Attribute sein Erfolgsrezept.     

Damit einher geht auch seine kunstvolle Selbstinszenierung über die Social-Media-Kanäle. In seinen abstrakten Instagram-Stories, die oftmals nicht mehr zeigen, als einen ausgeschütteten Kaffeebecher oder die Garderobe der Berliner Schaubühne, kommt der Konsument in den Genuss des intellektuellen Voyeurismus. Man wird Teil seines Schauspielerlebens, in das er kunstvoll-sinnlose, statt oberflächlich-perfekte Einblicke liefert. Ironie ist dabei sein wichtigstes Stilmittel. Die Generation hinter Instagram und Co. holt er mit seinem Nonsens-Content-Avantgardismus mühelos ab. Denn er wirkt kumpelhaft, nah und trotzdem unerreichbar. Irgendwie schafft er es mit seiner faszinierenden Ausstrahlung anzuziehen. 

In seinen Filmen spielt er meistens den Psychopathen, auf der Bühne tritt er in den mächtigen Shakespeare-Rollen auf und auf Instagram gibt er sich als ironischer Alltagsdadaist. Eigentlich versteht doch niemand so genau, was das alles zu bedeuten hat. Und da haben wir sie also: die Faszination um ein Rätsel, das ruhig ungelöst bleiben darf. Genau das macht Lars Eidinger zu einem Phänomen mit Alleinstellungsmerkmal. Er kann vieles, eigentlich fast alles und vorzuwerfen ist ihm dabei nichts. Denn er wirkt authentisch und hingebungsvoll gegenüber seiner Kunst.

Eine generationenübergreifende Masse outet sich als seine Fangemeinde. Sie alle verbindet der zweifellos spannende Zwiespalt aus Unverständnis und Faszination, der durch die öffentliche Inszenierung des Schauspielers unterstrichen wird. Eidinger gibt den charmanten Kumpeltyp von nebenan, der sich für nichts zu schade ist, der auf die coolsten Underground-Partys eingeladen wird und der trotzdem nicht die Nähe zum Boden der Tatsachen verliert. So cool und locker stellen wir ihn uns zumindest vor. Ob das auch wirklich der Wahrheit entspricht? Keine Ahnung. Ob die Faszination an ihm Grund für das Phänomen ist? Definitiv ja.

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