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Reportage aus Berlin

Euphorie und Asphalt – Unterwegs mit einem Straßenmusiker

Tom ist einer von unzähligen Straßenmusikern der Hauptstadt. Lange lebte er selbst auf dem Asphalt. Nun soll die Musik ihn aus all dem herausführen und ein neues Leben ermöglichen. »Das ist ein Alles-oder-nichts-Ding«, sagt er selbst über seine vielleicht letzte Chance. Christian Schlodder hat Tom über seine Musik kennengelernt und ihn sechs Monate lang begleitet. (Fotos: Maria Sturm)

Geschrieben am

30 Stufen trennen den Bahnsteig des schmucklosen S-Bahnhofs Storkower Straße von der noch schmuckloseren Fußgängerbrücke, die auf zwei Seiten über die Gleise der Ringbahn führt. Bis heute suche ich die Stufe, auf der ich kurz innehielt und am Ende entschied, zurück nach oben auf diese Brücke zu laufen.

»Heul nicht rum, reiß dich zusammen!
Lass nicht zu, dass sie dich so sehen!
Steh wieder auf und lebe!
Mehr kann keiner von dir verlangen,
Du kannst nur deine Kreise ziehen.
Die Frau von der Caritas riecht nach Chanel
Und, Bruder, du riechst nach Berlin.«

So schallte es die Treppe hinunter. Kratzig, rau und echt vorgetragen, wurden die Worte ebenso kompromisslos von einer verstimmten Gitarre begleitet. Die Bahn fuhr ohne mich ab. Ein rotgeflecktes Gesicht mit rotem Bart, eine weite, ausgetragene Hose und ein schwarzes Kopftuch nahm ich als erstes wahr; dann erst sah ich sein Lächeln. »Hallo, ich bin Tom«, sagte er fast schon förmlich und spielte weiter. Menschen, die an ihm vorbeigingen, hielten inne und drehten sich manchmal sogar um, um zu sehen, wer da von der Schwere des Lebens und dem Licht am Ende des Tunnels sang. »Das wird mein letzter Winter auf der Straße«, sagte er, lange bevor der Winter begann.

Tom spielt regelmäßig auf der Fußgängerbrücke, die man auch als den Langen Jammer kennt. Auch wenn er das nicht wusste, hätte er sich keinen besseren Ort aussuchen können: Kurz nach seiner Geburt in Texas wurde er zur Adoption freigegeben. Ein Ehepaar aus Bayern nahm sich seiner an. Es folgten Umzüge zwischen den südlichen USA und dem südlichen Deutschland und zurück. Doch Tom kam nirgends richtig an, schmiss mit 15 die Schule, hielt sich mit Jobs über Wasser, traf die eine oder andere schlechte Entscheidung und erreichte schließlich an Ostern 2016 Berlin für eine Umschulung, aus der nichts wurde. Ohne Wohnung und ohne Geld landete er am Ende auf der Straße, und das Einzige, was ihm laut eigener Aussage blieb, war die Musik. Vielleicht hätte er es besser wissen können. Berlin war schon immer die Stadt der Unverbindlichkeit. Für hoffnungslose Fälle gibt es hier kaum was zu gewinnen. Und oftmals muss man fürs Verlieren nicht einmal zu den hoffnungslosen Fällen gehören. Toms Hoffnung war einfach und doch so schwierig zu erreichen: der musikalische Durchbruch, mit dem, so wiederholte er anfangs mantraartig, er seine Kinder, sechs und 13 Jahre alt, aus Bayern zu sich holen würde, sobald er es geschafft habe. Ich teilte diese Hoffnung mit ihm und glaubte, dass er es schaffen könnte, weil er eine Präsenz hatte, die vielen anderen Straßenmusikern fehlte, und seine Lieder eine eigene Kraft hatten, die er immer weiterentwickelte und die auf viele, die an ihm vorbeizogen, übersprang. Lieder, die Leute stehen bleiben und umdrehen ließen. Lieder vom Leben und von all seinen Problemen, in denen man sich wiederfinden konnte, auch wenn diese Probleme im Vergleich zu denen vieler anderer nahezu nichtig waren.

Bild: Maria Sturm

Rund um Weihnachten und Silvester waren die mit Kleingeld am großzügigsten, für die das Jahr am beschissensten lief. Touristen gaben in der Regel nichts und machten eher Handyvideos, was Tom respektlos fand und sie deshalb routiniert mit Fluchtiraden überzog. Dabei spielte es nicht einmal eine Rolle, ob man Kleingeld, Bier oder Kippen daließ. Einige bezahlten einfach mit Applaus oder einem Lächeln oder einfach nur damit, dass sie umdrehten, zuhörten und sich in all dem wiedererkannten. »Alle Leute sollten mal auf der Straße leben«, sagte Tom. »Ich hab gelernt, dass Menschen eigentlich gut sind. Selbst hinter der größten Arschlochfassade steckt oft etwas Gutes; ganz klein, aber es ist da.«

»Irgendwo da draußen hab ich einen Teil von mir verloren.
Ich hab so lang danach gesucht, ich wär dabei fast erfroren.
Immer wenn ich am Boden lag,
Half mir irgendjemand auf und
Ich lief immer nur der Nase nach
Und nahm den Schmerz dabei in Kauf.«

Man kann die Straße trotzdem sehr leicht verklären und den Abstieg romantisieren, allein schon, weil dort oben auf dem Langen Jammer nicht nur viele Geschichten über Drogen, Gewalt und Obdachlosigkeit erzählt wurden, sondern für viele, Tom inbegriffen, zur Vita gehörten. »Ich dachte, du seist tot«, gehörte zur gängigen Begrüßung. Und doch ließ sich alles auf zwei bekannte Probleme herunterbrechen: das Geld, das nie reichte, und die Liebe, die enttäuschte.

Toms Unerschütterlichkeit war ansteckend und euphorisierend. Im Katermonat Januar wurde diese erstmals strapaziert. Wir tänzelten stundenlang frierend von einem Bein aufs andere. Die Kälte des Betons fraß sich durch die Schuhsohlen, doch Toms Interesse galt nur dem nahezu leeren Gitarrenkoffer. Wenn überhaupt entlockte seine Coverversion von Chris Isaaks »Wicked Game« Passanten ein Lächeln, im besten Falle ein paar Münzen. Manchmal wünsche er sich, dass das sein Song sei, sagte Tom, weil er Tiefe hat – und solide Kleingeld brachte. Er spielte ihn nun im Akkord, sodass ich ihn nach zwei gemeinsamen Stunden mit Tom sechsmal hörte – mindestens. »Ich spiele einfach ums Überleben«, sagte er.

Toms Musik lockte all die anderen Überlebenskünstler förmlich an. Und nicht nur die. Der aufgeklappte Gitarrenkoffer auf dem Langen Jammer wurde mit der Zeit zum Treff- und Fixpunkt für alles und jeden: Verrückte Frauen mit Hunden, die ihr ganzes Hartz-IV-Geld für sinnloses Hundeequipment ausgaben. Verrückte, die mit Klappmessern in der Luft darstellten, warum sie in einer Woche in die JVA Tegel einfahren sollten. Punks, die vorm Rewe um die Ecke schnorrten. Studenten aus dem nahen Wohnheim. Der Chor des nahen Gymnasiums, der regelmäßig montags nach der Probe mit Tom zusammen sang. Toms Freund Alex, der auch seit Jahren auf der Straße lebte, mit einer dreisaitigen Gitarre Lieder über das falsche Leben sang und der alle mit dem edelsten Wodka versorgte, den man im nahe gelegenen Supermarkt klauen konnte. Spitznamen wie Pogo oder Gabba. Ole ohne Kohle. Typen, die halbgerauchte Zigarren vom Asphalt sammelten und dennoch ihre letzten 20 Cent in Toms Gitarrenkoffer warfen. Nachtschwärmer, die schon vor der Party bedrohlich Richtung S-Bahn torkelten. Leute wie du und ich. An manchen Abenden ließen sie alle den Langen Jammer leise zu Toms Musik tanzen und das Drumherum vergessen, was die einen Leben und die anderen einfach Scheiß nannten. Irgendwo dort oben auf dem Langen Jammer verwischte an diesen speziellen Abenden eine unsichtbare Grenze. Dort oben, wo das Dosenpfand oftmals wertvoller als der Doseninhalt war, Amphetamin die Konsistenz von Fugenmasse hatte und die einzige Währung neben Kleingeld Vertrauen war, trafen an diesen Abenden die traurigsten Geschichten auf die hoffnungsvollsten. Tom lächelte. »Bald beginnt der Frühling«, sagte er. »Die Zeit, in der man draußen ein König ist und alles, was man braucht, ein Stück Holz mit sechs Saiten ist.«

Bild: Maria Sturm

Doch vorerst wurde der Winter härter, und Tom begann in kleinen alternativen Läden sein Glück zu suchen, in denen eher Münzen als Scheine in der Wechselgeldkasse lagen und man den Blick nur dann vom Tresen oder dem Billardtisch abwandte, wenn es sich partout nicht vermeiden ließ. Hier hieß Tom nur Tex – meist für die, die auf der Straße lebten. An seinem 38. Geburtstag, einem Samstag im Februar, spielte er wieder in einem dieser kleinen Läden. Ein paar wenige seiner Bekannten waren da, und auch sein Freund Alex wartete auf seinen Einsatz. »Jeder in Berlin glaubt, dass er Musik machen kann«, sagte Alex genervt. Auf der kleinen Bühne improvisierte ein Trio ein Ohreninferno mit Elektroorgel und E-Gitarre. Tom schaute sich das Schauspiel verstört an, spielte drei seiner Lieder mit ihnen. Dann brach er ab, weil das Impro-Trio begann, ihn konzeptlos auf der E-Orgel zu begleiten. Er trug eines seiner vielleicht drei Shirts, in denen ich ihn je gesehen hatte, auf dem »The Anti-Heroes Hero« stand. An diesem Abend sah ich zum ersten Mal Zweifel in seinen Augen.

Und auch ich zweifelte. Die Euphorie begann sich zur Routine abzuschleifen. Nichts ging wirklich voran. Tom redete seit Monaten von einem Durchbruch, der nicht kam, und je öfter ich seine Songs hörte, umso eher erinnerten sie mich an radiotauglichen Pop und nicht mehr an eine raue Autobiografie der Straße. »Wicked Game« begann zur Folter zu werden. Tom hingegen träumte von Plattendeals mit Universal. »Ich habe angefangen, groß zu träumen, als ich nichts mehr zu verlieren hatte«, sagte er – und fragte mich kurz darauf, ob ich ihm Geld leihen könne.

»Ein neuer Tag, ein neues Glück.
Das Leben ruft, ich schrei zurück.
Ich hab kein’ Plan, ich hab kein Geld.
Ich bin der reichste Mann der Welt!«

Seit einer Weile wohnte er nun in einer betreuten Wohngruppe in der Nähe des S-Bahnhofs. Ein kleines Zimmer mit Matratze auf dem Boden und einem Stuhl waren alles, was er hatte. Er war froh darüber, ohne dass ihm diese vier Wände sonderlich viel bedeutet hätten. Sein Platz war auf der Brücke. Doch der hatte sich langsam rumgesprochen, und immer öfter wartete Tom mit dem Gitarrenkoffer in der Hand darauf, dass die anderen Straßenmusiker das Feld räumten. Ab und an trafen wir uns in einer der Kaschemmen zwischen dem S-Bahnhof Frankfurter Allee und dem U-Bahnhof Samariterstraße, wo man entweder den langweiligsten oder den aufregendsten Abend seines Lebens verbringen konnte. Lieblos eingerichtete Sportbars mit schalem Fassbier, wo man schon am frühen Nachmittag nicht weiß, was und wen die Kneipentür als Nächstes von der Frankfurter Allee in die Gemeinschaft der 24h-Stunden-Leben spucken würde. Wo niemand einen Plan für morgen, geschweige denn für nächste Woche hat.

Tom redete hier oft über seine Familien. Die in Bayern. Die in Texas. Von seinen sechs Halbgeschwistern in der Nähe von Houston, seiner drogenabhängigen Mutter und seinem Vater, der wegen Totschlags im Knast saß und von dem er sein musikalisches Talent geerbt hatte. Davon, wie er mit 18 über den Atlantik gereist sei, um seine eigene Geschichte zu verstehen. »Ich verstand, dass ich süchtig auf die Welt gekommen bin«, sagte Tom – oder Nathaniel Daniel Brasket, wie sein Name gelautet hätte, wenn er nicht sofort zur Adoption freigegeben worden wäre. Am Ende blieb er zehn Jahre in den USA, hatte Jobs mal hier, mal da, lernte die Mutter seiner Kinder kennen und rutschte von kleinen und großen Probleme in kleinere und größere Lösungen und zurück. 2012 kehrte er als Getriebener mit seiner neuen Familie nach Deutschland zurück. »Irgendwann kann man nicht mehr vor sich selbst wegrennen, nur noch vor anderen«, sagte Tom.

Er sollte recht behalten. Zu einem Zeitpunkt, an dem er schon lange nicht mehr darüber geredet hatte, wie er mit der Musik seinen Kindern ein neues Leben ermöglichen wollte, erreichte ihn ein Anruf seines Adoptivvaters aus der bayrischen Provinz. Es ging um das Sorgerecht seiner Kinder, das er unbedingt vor Ort klären musste. Also fuhr ich mit Tom bis fast an die österreichische Grenze. Auf der Fahrt hörten wir viel Trettmann und redeten wenig. Je näher wir kamen, umso in sich gekehrter wirkte er. In Bayern hatten einige spätere Erinnerungen ihren Anfang genommen. Viele davon hat er längst begraben. Dort, wo man ihn Thomas nannte und wo niemand jemals etwas vom S-Bahnhof Storkower Straße gehört hatte, begannen und endeten auch viele falsche Entscheidungen. Nun, so sagte er, wolle er alles besser machen. Ein paar Tage später spazierte Tom mit seinem Sohn durch den niederbayrischen Wald an einer kleinen Holzkapelle vorbei zu einem Gestell, an dem verschiedene Hölzer hingen, auf denen man trommelnd den Klang des Waldes kennenlernen konnte. Der Sechsjährige, um dessen Zukunft im Hintergrund gerungen wurde, hämmerte melodisch darauf ein. Tom lächelte stolz. Doch das konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass er nach einem halben Jahr Abwesenheit sichtlich mit der Rolle fremdelte, die er nun hier zu erfüllen hatte: die des Vaters. »Ich baue meinen Kindern ein Zuhause auf, und dann hole ich sie zu mir. Ich bin so nah dran«, sagte er, bevor ich alleine nach Berlin zurückfuhr. Im Inneren hatte er sich wahrscheinlich dennoch schon längst für die Freiheit der Straße entschieden – oder für die Freiheit der Musik. Ich fragte ihn, warum er nicht einfach hierher zurückgekehrt sei, als vor zwei Jahren in Berlin alles so richtig schiefzulaufen begann. Er hatte erst keine Antwort – und sagte dann, dass es die Musik gewesen sei.

Bild: Maria Sturm

Irgendwann im März zog ein Reinigungstrupp mit ohrenbetäubenden Hochdruckreinigern über den Langen Jammer. Tom und sein Kumpel Alex beobachteten die Aktion ungläubig mit ihren Gitarren in den Händen. Sie standen in einem schmalen Film aus Dreckwasser, der sich über die gesamte Brücke erstreckte und an beiden Enden den Schmutz und auch die eine oder andere Geschichte der letzten Monate die Treppen hinunterspülte. Vom Betonboden wurden mühevoll die fast schon fossilen Kaugummis abgekratzt. Die vergilbten Scheiben verloren etwas von ihrer Straßenpatina. Die Graffiti überdauerten zwar, doch ließ das Reinigungsteam in seiner Vehemenz keinen Zweifel daran, dass es mit dem Langen Jammer nach vorne gehen sollte. Und das tat es auch für Tom.

Leute, die ihm versprochen hatten, ihn groß und erfolgreich zu machen, tauchten nun im Wochentakt vor dem aufgeklappten Gitarrenkoffer auf, weil sie entweder vor Ort von seiner Musik bewegt wurden oder extra seinetwegen auf die Brücke kamen. Er besorgte sich ein neues gebrauchtes Paar Schuhe und eine neue gebrauchte Hose. Zu den Konzerten in diesen kleinen, alternativen Läden gesellten sich immer mehr Menschen: Freunde, Freunde von Freunden, sonstige Interessierte und die üblichen Punks, die nicht unbedingt das einfachste Publikum sind. Der Frühling klopfte leise an, und Tom bekam seinen Moment. Er schrieb innerhalb von ein oder zwei Nächten neue Songs, und die erste EP stand in den Startlöchern. Er hatte mittlerweile einen YouTube-Kanal und einen Facebook-Auftritt. Leute fragten nach Interviews, die er bereitwillig gab. Erste Auftritte in »richtigen« Läden mit »richtigen« Konzerten standen an. Er nannte sich nun Tom Brasket. »Der Trick ist, eine Legende zu kreieren, bevor sie um dich herum entsteht«, sagte er mir schon einmal, lange bevor der Winter begann. Der dramatische Alles-oder-nichts-Moment, den er so herbeigesehnt hatte, begann.

Bild: Maria Sturm

Nachdem die Uhren vorgestellt wurden und sich langsam etwas wie ein Leben nach dem Winter abzeichnete, traf ich Tom wieder auf der Brücke. In seinen Augen blitzte keine Hoffnung mehr, sondern ansteckende Euphorie. Diese Brücke, so sprachen die Pupillen, würde bald hinter ihm liegen. Es würde aufwärts gehen, besser werden und wenn nicht besser, dann zumindest anders. Ich hetzte zur Bahn und tippte nur im Vorbeigehen entschuldigend an meinen imaginären Hut. Die Sonne schien durch die nicht mehr ganz so vergilbten Scheiben und blendete alle auf ihrem Weg zum Bahnsteig. Ich suchte meine eigene Euphorie des Anfangs, die ich vor Monaten dort auf der Fußgängerbrücke gespürt hatte, wo rund um einen Gitarrenkoffer die individuelle Hoffnung auf ein besseres Leben einen Soundtrack der Straße bekam. Ich fand sie nicht. Und die, die ich schließlich fand, war nicht die gleiche.

»Wenn Schafe sich mit Wölfen paaren und das letzte Herz zerbricht,
Und wenn du mal am Boden bist, alleine bist du nicht.
Dass wir überhaupt noch leben, ist ein Wunder.
Ich glaub, irgendwo brennt für uns ein Licht.«

So schallte es die Stufen herunter, als die Bahn gerade einfuhr. In diesem Moment erinnerte ich mich an einen Abend mit Tom in einer dieser unzähligen Spelunken im Nordkiez von Friedrichshain, als ein Bekannter von ihm in den Laden platzte, der noch immer auf der Straße lebte. Er wirkte verwirrt, bekam kaum ein gerades Wort heraus, und wenn er es doch schaffte, blieb wie als Trophäe Sprechkäse in seinen Mundwinkeln zurück. Sein Alter zu schätzen war unmöglich. »So sehen 13 Jahre Straße aus, wenn man im Alter von 13 auf ihr landet«, sagte Tom. Erbarmungslos. Die Straße verzeiht nicht. Es schien in diesem Moment schwer vorstellbar, dass dieser Bekannte seinen 30. Geburtstag noch erleben würde. Nur Tom hatte den Glauben noch nicht aufgegeben, viel mehr glaubte er sogar daran, dass er den Absprung von der Straße hin zu diesem »richtigen« Leben schaffen könne. »Ich habe schon größere Wunder gesehen«, sagte er an diesem Abend. Von oben unterbrach ein »Danke, Mann!«, das Tom jemandem entgegenwarf, der ihm soeben Geld in den Koffer geworfen hatte, den nächsten Refrain. Die eingefahrene S-Bahn hielt nur wenige Schritte entfernt mit noch immer geöffneten Türen. Ich wischte mir die Sonne aus dem Gesicht und nahm die verbliebenen Stufen – zurück nach oben.

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