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»Liebe ist ihrem Ursprung nach zweckmäßig«

Über die Chemie der Liebe

Was passiert in unserem Hirn, wenn wir verliebt sind? Wie sollen wir mit den Schmetterlingen im Bauch umgehen? Und gibt es bald eine Hormonpille gegen Beziehungsstress? Franziska Knupper hat mit (Bio-)Psychologen, Philosophen und (Neuro-)Wissenschaftlern über das Zusammenspiel von Hormonen, Botenstoffen, Hirnaktivitäten – kurz: das Mysterium Liebe – gesprochen.
Geschrieben am
Platon schien den Schmetterlingen im Bauch zu misstrauen. »Liebe ist eine schwere Geisteskrankheit«, soll der griechische Philosoph der Antike gesagt haben. Doch was beim ersten Hören nach Schwarzmalerei klingt, mag ganz einfach der Wahrheit entsprechen. »Wissenschaftlich betrachtet liegt die Liebe nah am Wahnsinn«, bestätigt der Biopsychologe Professor Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin. »Während des Anfangsrausches grenzt die Überbewertung des Partners an Obsession. Das ist evolutionsbiologisch gesehen durchaus zweckmäßig, da sexuelle Aktivitäten und damit die Fortpflanzung gefördert werden.«

Die Gehirnaktivität Frischverliebter ist wie ein durcheinandergeratenes Puzzle aus Botenstoffen und Hormonen. Oxytocin, Vasopressin, Dopamin, Serotonin – ein komplexes Zusammenspiel aus Neuropeptiden ist mit dafür verantwortlich, dass wir Händchen halten, schmachten, heiraten und uns wieder scheiden lassen. Aber darf man Liebe als lediglich physiologischen Vorgang betrachten? Als empirisch nachweisbare neuronale Aktivität? »Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, die körperlichen und psychologischen Eigenschaften der Liebe ergänzend zu beschreiben. Sie nur einzeln zu betrachten reicht nicht aus«, so Walschburger. Der Forscher beschäftigt sich mit der Doppelnatur des Menschen als Kultur- und gleichzeitig Naturwesen. Je weiter die empirische Naturwissenschaft jedoch voranschreitet, desto mehr scheint das Mysterium Liebe zumindest auf körperlicher Ebene entschlüsselt, ja, entzaubert zu werden.

Wegweisend in der Liebesforschung sind die MRT-Untersuchungen der Neurobiologen Andreas Bartels und Semir Zeki vom University College London aus dem Jahr 2001. Bartels und Zeki maßen bei einer Gruppe Verliebter die Hirnaktivität per Magnetresonanztomografie (MRT), während sich die Probanden Fotos von geliebten Personen und von Freunden ansahen. Vor allem vier Bereiche im limbischen System, darunter das Belohnungszentrum, zeigten sich besonders aktiv. Eine zentrale Rolle spielt Dopamin. Der Neurotransmitter, den der Volksmund auch gern »Glückshormon« nennt, suggeriert Erfüllung und Befriedigung und wird mit Euphorie, aber ebenso mit Suchterkrankungen assoziiert.
Zeki und Bartels stellten fest, dass die Probanden auf die Fotos ihrer Liebsten reagieren wie Kokainsüchtige oder Alkoholkranke auf ein Bild ihrer Droge. »Wenn man die Daten interpretiert, kann man die Liebe durchaus mit einer Sucht vergleichen«, sagt Andreas Bartels, der heute am Centrum für Integrative Neurowissenschaften der Universität Tübingen forscht. Gleichzeitig zeigte das Gehirn weniger Aktivitäten in Arealen, die mit negativen Gefühlen in Verbindung gebracht werden – beispielsweise der präfrontale Cortex, der unter Depressionen besonders aktiv ist, und die Amygdala, ein Gehirnsektor, der sich unter Angst und Trauer in MRT-Studien verstärkt aktiviert zeigte. Auch der Bereich zwischen Temporal- und Parietallappen, der für kritische Urteile im emotionalen Bereich mit verantwortlich zu sein scheint, wies eine nur geringe Aktivität auf.

»Die Phase des ersten Verliebtseins hält üblicherweise ein paar Wochen bis Monate an«, stellt Walschburger fest. In dieser Zeit ist auch das Aufputschhormon Adrenalin besonders präsent. Es ist mitverantwortlich für die Ruhelosigkeit, das Kribbeln, die sogenannten Schmetterlinge im Bauch. Gleichzeitig steigt bei Frauen das männliche Sexualhormon Testosteron an und steigert die sexuelle Lust. Und als wären dies nicht schon genug neuronale Irrungen und Wirrungen, kommt auch noch der Botenstoff Serotonin ins Spiel, der in dieser Phase großen Schwankungen unterliegt. Die Psychologin Donatella Marazziti der Universität Pisa vergleicht das starke Auf und Ab des Serotoninspiegels mit den Werten von Zwangserkrankten.
Mit der Zeit ebbt der Hormonüberschwang langsam wieder ab. Es folgt die Phase verstärkter Bindung, in der sich die Partnerschaft stabilisiert. Nach der Anthropologin Helen Fisher dauert diese Zeitspanne etwa vier Jahre. So lange ist die Frau anthropologisch gesehen besonders stark mit der Versorgung des Kindes beschäftigt, das noch stark von ihr abhängig ist. In dieser Zeit sei eine stabile, monogame Partnerschaft mit funktionierender Arbeitsteilung besonders wichtig, um das Überleben des Kindes zu garantieren. Dabei scheint das Neuropeptid Oxytocin eine entscheidende Rolle zu spielen. Durch Körperkontakt und Wärme werden besonders viele Botenstoffe freigesetzt: »Daher ist es wichtig, möglichst viel zu kuscheln«, sagt Warschburger.

Eine Studie der Universität Bonn aus dem Jahr 2012 untersuchte, wie sich Oxytocin auf das Treueverhalten zwischen Partnern auswirkt. Dafür wurde eine Gruppe heterosexueller, in Partnerschaften gebundener Männer dazu aufgerufen, sich mit einer attraktiven Wissenschaftlerin des Forscherteams bekannt zu machen. Unter Oxytocin-Einfluss, das per Nasenspray verabreicht wurde, hielten die Männer eine größere Distanz zu der Dame als die unbehandelten Männer der Kontrollgruppe. Oxytocin wirke als eine Art Treuehormon, fasst der Projektleiter Dr. Hurlemann das Ergebnis zusammen. »Menschen sind dazu veranlagt, sowohl treu als auch untreu zu sein«, sagt Walschburger. Es sei ein natürlicher Prozess, der in der Pubertät beginne, wenn die Sexualhormone erwachen. Plötzlich wenden wir uns gegen alles Vertraute, Heimische, das Elternhaus. »Das Fremde wirkt plötzlich unheimlich anziehend und attraktiv, ohne dass wir wissen, warum. Wir sind ständig verliebt, ohne zu wissen, in wen. Und für den Sexualtrieb gilt das Streben nach dem Unbekannten auch weiterhin.« Die Attraktivität des Fremden garantiert eine höchstmögliche Vermischung der Erbinformationen und Anpassungsfähigkeit; Mutationen und Erbkrankheiten haben weniger Chancen, an die nächste Generation weitergegeben zu werden. Und sind die Nachkommen ausgewachsen, gibt es evolutionär gesehen keinen Grund mehr, mit demselben Partner zusammenzubleiben. Eine klare Kampfansage an das gesellschaftliche Konzept der Ehe und den menschlichen Wunsch nach Bindung, der mit der schleichenden Abnahme von Oxytocin potenziell sinkt.
Könnte eine künstliche Abgabe des Botenstoffs eine Partnerschaft also retten? Die private Wirtschaft experimentiert bereits mit Oxytocin als Körperspray, Nasentropfen und in Pillenform. Könnte traditionelle Paartherapie in der Zukunft chemisch unterstützt werden? Eine Hormonpille gegen Beziehungsstress? Die Wissenschaftlerin Beate Ditzen von der Universität Heidelberg hat bereits empirische Daten zu dieser Frage gesammelt. In einer Studie an der Universität Zürich hat sie Paaren vor den Therapiesitzungen Oxytocin verabreicht: »Sich streitende Paare, die Oxytocin bekommen hatten, zeigten öfter positive als negative Verhaltensweisen. Statt sich Vorwürfe zu machen, waren sie kooperativer und freundlicher miteinander«, fasst Ditzen zusammen. Ob jedoch eine langfristige Wirkung erzielt werden könne, sei bislang noch nicht geklärt. Auch über Dosierung, Nebenwirkungen und Langzeiteffekte gibt es noch nicht genügend Daten. Der Philosoph und Ethiker Dr. Brian D. Earp von der Universität Oxford gibt sich jedoch optimistisch. Er spricht sogar von einer moralischen Verpflichtung, die »Liebesdrogen« der Zukunft zu konsumieren, wenn die Umstände es verlangen: »Dann, wenn ein Paar erfolglos traditionelle Therapien absolviert hat und wenn Kinder involviert sind, die unter der Scheidung der Eltern leiden würden. Dann sollten sich die beiden meiner Meinung nach verpflichtet fühlen, Liebesdrogen auszuprobieren, um damit die Partnerschaft zu retten.« Der Zwang zum Liebestrank? Es klingt nach Renaissance erzkonservativer Kulturnormen per Doping. Werden Paare dazu ermuntert, etwas zu erhalten, was schon längst nicht mehr ist? Darf ein angeknackstes Vertrauen künstlich aufrechterhalten werden? Earp kontert: »Was wäre dagegen zu sagen, wenn solche Therapien in Zukunft durch geeignete Medikamente begleitet werden, so wie es jetzt schon in der Psychotherapie normal ist, Antidepressiva zu verschreiben?«

Professor Walschburger zeigt sich skeptisch: »Ich bin da sehr, sehr vorsichtig. Ich halte ein solches Gefühlsdoping für sehr fraglich und problematisch.« Die Liebe entstehe aus einem komplexen Geflecht aus Hormonen und Erleben: »Ich bin durchaus der Meinung, dass Liebe zweckmäßig ist und sich evolutionär erklären lässt. Aber es ist wie mit den Gedanken: Wir können die Aktivität eines Gehirnareals oder Nervs bestimmen. Aber was genau denken Sie? Das können wir noch nicht sagen.« Der Unterschied zwischen Messgerät und Gefühl, zwischen MRT und Glücksgefühl. Ist die Wissenschaft überhaupt berufen, diesen Graben zu überqueren? Darf sie etwas entfachen oder am Leben erhalten, das vielschichtiger ist als jede Pille? Oder hatte Goethe recht, als er die Liebe das »wunderlichste Buch der Bücher« nannte? Prof. Walschburger zeigt sich in letzter Instanz demütig gegenüber dem Geheimnis, das das größte Gefühl der Welt umgibt: »Ich kenne meine Frau jetzt seit 50 Jahren. Biologisch erklären kann ich mein Gefühl zu ihr nicht. Wahrscheinlich gehört zur Liebe letztendlich auch immer ein bisschen Glück.«