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Tobias Rehberger: Bildergalerie

Kochen Mit...

Normalerweise gilt im Ausstellungsbereich des Kölner Museum Ludwig absolutes Essverbot. Aber wenn der Künstler selbst es so will, dann lässt man schon mal fünfe grade sein ...
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Normalerweise gilt im Ausstellungsbereich des Kölner Museum Ludwig absolutes Essverbot. Aber wenn der Künstler selbst es so will, dann lässt man schon mal fünfe grade sein, wir sind ja immerhin in Köln.

Der Künstler heißt in diesem Fall Tobias Rehberger, ist um die vierzig und liefert mit  "Das-kein-Henne-Ei-Problem"- Wandmalerei das ab, was man in Kunstkreisen eine "Mid Career Exhibition" nennt, also eine Light-Version einer Retrospektive - der schöne Versuch, einen Künstler zu Lebzeiten in etwas grelleres Licht zu stellen und nicht erst am Ende oder gar nach selbigem.

Rehberger hat diesen Aspekt der Werkbeleuchtung verinnerlicht und eine raffinierte Lichtinstallation eingerichtet, die rund 40 ausgewählte Werke aus den letzten 15 Jahren an die Wand projiziert. Bei der abendlichen Vernissage wird das von den Kunstprofis "als Überführung des Dreidimensionalen in die Zweidimensionalität" referiert, und ja, so kann man das nennen, wenn Schatten geworfen werden. Neben dem cleveren Trick des Spiels mit dem Vergangenen, den Rehberger so auch bei der Ausstellung im Amsterdamer Stedelijk Museum CS (von wo die Kölner übernommen wurde) ausgespielt hatte, ist es aber der darauf aufbauende gestalterische Eingriff in die Schatten, indem um diese herum neue Zeichnungen und Gemälde entstehen, der das vergangene Werk im Jetzt ankommen lässt.
Bevor wir aber tiefer ins Werk eintauchen, muss erst mal der Hunger gestillt werden. Schließlich sind der Künstler und seine zahlreichen Assistenten bzw. Studenten gerade erst und punktgenau zur Eröffnung fertig geworden. Eine echte Schufterei sei es gewesen, erfahren wir, weswegen auch sehr viel gespachtelt wurde. Bei einer dieser ausgiebigen Mahlzeiten in der Kölner Brauerei Sion hat Rehberger eine fünfzig Zentimeter lange Wurst entdeckt - und so wird nun nicht wie geplant auf dem Museumsdach gegrillt, sondern in Gebetshaltung vor der einladenden großen Fensterfront im Eingangsbereich der Ausstellung Wurst in Senf getaucht. Die Mitarbeiter des Museums, die sonst akribisch jede Nahrung draußen halten müssen, nehmen es mit Humor und holen sich alle ihren Biss Wurst ab, eingeschlossen Museumsleiter Kaspar König, dem das Szenario sichtlich gefällt. Und auch Kölsch wird bedenkenlos an den "Tisch" geliefert.

In seinem Frankfurter Atelier unterhält Rehberger einen Mittagstisch für seine Mitarbeiter und sich. Eine nette soziale Geste, aber auch mehr: Für ihn ist diese Stunde am Mittag, in der man sich in Ruhe austauschen kann, sehr wichtig, um ein Gemeinschaftsgefühl im Team zu entwickeln. Deswegen sieht er es auch nicht gern, wenn nicht alle kommen. Gekocht wird in der Küche des Labelbetreibers und Clubmachers Ata Macias, der die Etage über dem Rehberger'schen Atelier angemietet hat: "Er hat eine fette Profiküche. Und da dachten wir uns, die könnten wir auch für uns nutzen. Zuerst hatten wir einen durchgeknallten Voodookoch, der so komische unzusammenhängende Sachen wie Pfannkuchen mit Trüffelsoße gemacht hat. Unser Ideal ist aber eine ältere Hausfrau, die so kocht wie früher nach der Schule: mal Schnitzel mit Spargel, mal angebratene Knödel mit Soße, Sachen, die man sonst nirgends essen kann, die es nur gibt, wenn die Mutti zu Hause kocht."

Diese Gemütlichkeit passt zum Künstler: Rehberger hat ein sehr entspanntes Verhältnis zur Arbeit. Eigentlich ist es keine solche für ihn, sondern schlicht ein tolles Spielfeld. Im Team hat er "natürlich immer das letzte Wort", es ist ihm aber wichtig, dass "die Ideen der anderen als Entscheidungshilfe" mit einfließen. Es ist ein gegenseitiger Prozess des Gebens und Nehmens. Seine Assistenten und auch die Studenten, die er an der Städelschule unterrichtet, bekommen dafür von ihm Tipps, wie man sich richtig im Kunstmilieu platziert: "Generell sollte man sich auf das konzentrieren, was man gut findet - ob das andere dann gut finden, das ist Zufall. Diesen Job muss man 50 Jahre machen und nicht zwei, da wäre es eine Katastrophe, wenn man permanent mit Dingen und Leuten zu tun hat, die man nicht mag: Sie sollen sich in den Kreis von Leuten begeben, mit denen sie gern zu tun haben wollen."

Rehberger ist keiner von diesen eindimensionalen Künstlern. Er schätzt das Experimentieren mit Ideen und Materialien. Er ist genauso Architekt wie Künstler, Designer wie Bildhauer. Einheitlicher Stil: ein Schimpfwort. Und deshalb finden sich im Werk so unterschiedliche Projekte wie ein von hinten nach vorne gedrehter Film ("On Otto"), für den er mit dem Plakat angefangen und beim Drehbuch geendet hat, ein japanischer Garten (für die Expo 2000), der mit Kunstschnee bedeckt wurde, Autoskulpturen im Maßstab 1:1, ein Restaurant für ein Münchner Verlagshaus, eine Decke für die Frankfurter Oper sowie die beiden Klassiker aus seinem Katalog: die in der Ausstellung gezeigten Designerstühle (bereits existierende Stühle, die er aus dem Gedächtnis nachgezeichnet hat und in Afrika nachbauen ließ) sowie die Blumenvasen-Porträts (statt eines normalen Porträts entwarf er für die Lieblingsblumen der zu porträtierenden Personen eine Vase).

"Ich möchte keinen Stil haben, keine Widererkennbarkeit", sagt Rehberger - und weiß doch, dass man diesen irgendwann hat, nicht im negativen Sinn, sondern, da "die Leute nach einiger Zeit verstehen, den Zusammenhang zu sehen". Wichtig sei dabei nur, dass man immer wieder neue Perspektiven suche, sonst sterbe man als Künstler. "Dem Markt gegenüber ist es zwar unproduktiv, da dieser gerne immer das Gleiche hätte, aber künstlerisch ist es extrem wichtig, mit ganz anderen Mitteln und anderen Perspektiven das Zentralproblem anzugehen." Sein Zentralproblem ist die Frage nach der Autorenschaft von Werken: "Wann ist etwas ein Modell? Wann Vorskizze? Wann Hauptarbeit? Am Ende ist es immer die Frage: Warum sieht etwas so aus, wie es aussieht? Mit welchen Methoden führt ein Künstler gewisse Ästhetiken herbei?"

Nicht nur bei der Stuhlidee muss man natürlich an Martin Kippenberger denken, den großen Kölner Künstler, bei dem Rehberger studiert hat. Auch dieser hinterfragte mit Arbeiten wie "Lieber Maler, male mir" die Autorenschaft von Künstlern, schüttete Alkohol in die Flammen des Diskurses um Malergenie und Antimalergenie. Seitdem ist viel Wasser den Rhein runtergeflossen. Künstler wie Rehberger agieren heute so viel abgeklärter und professioneller auf diesem Terrain. Man könnte Rehberger auch Unternehmer nennen, arbeitet er doch mit einem großen Mitarbeiterstamm und nicht selten auf Auftrag - allerdings, ohne dass sich das auf sein Werk auswirken würde, wie er schnell einwirft: "Der Auftrag bedeutet ja nicht, dass mir jemand sagt, was ich machen muss, sondern das ist wie ein Raum, in dem ich meine Freiheiten habe. Ich seh das nicht als Auftragskunst. Ich habe das letzte Wort - wenn das jemand nicht will, kann er es natürlich ablehnen. Klar, wenn du etwas in ein Museum oder eine Galerie stellst, ist das von den Anforderungen her was anderes, Komplexeres. In eine Kantine will man ja nichts reinstellen, was dort nicht funktioniert. Das geht aber nur, wenn es mit dem eigenen Kunstverständnis zusammengeht, das ist die Grenze."

Da ist der Diskurs der Reinheit der Kunst, der Freiheit von Druck und Auflagen - selbstredend ein sehr wichtiger -, aber sprechen wir doch aus, worum es hier auch geht: um den schnöden Mammon. Ein Team kostet Geld und bringt Verantwortung mit sich. Rehberger versteht, schüttelt aber sofort den Kopf: "Bei mir gibt es keinen Alltagspragmatismus. Alle meine Sachen sind meine eigenen, egal, ob das nachher in einer Kantine oder Galerie steht - und es gibt da auch keine Kompromisse. Da bin ich in einer glücklichen Lage. Aber ich sehe das Problem und achte deswegen immer darauf, dass der Laden nicht zu groß wird, da man sonst was machen muss, um das alles bezahlen zu können. Meistens sind es um die zehn Leute, aber das wächst auch gerne mal in Hochphasen auf 35 an."

Kommen wir zurück zur Ästhetik: Rehbergers Arbeiten wirken auf den ersten Blick oft wie urmodernes Design, so poppig und futuristisch sind sie. Trotz der in den letzten Jahren offensichtlichen Entwicklung hin zu einem eckigeren, sperrigeren Stil locken sie den Betrachter gerne mal mit affirmativen Mechanismen ins Werk, allerdings mit doppeltem Boden und ordentlich viel Brechung in der Hinterhand. Rehberger selbst beschreibt das so: "Was lecker aussieht, muss ja nicht lecker schmecken." Und fügt expliziter an: "Das kann schon mal eine schöne Falle sein. Ich mag es, wenn etwas nicht so furchtbar schwer daherkommt. Sonst ist mir das auch zu billig, wenn alles offensichtlich mit der Keule kommt. Es ist besser, wenn langsam die Schwere aus dem Schönen rauskriecht." Diesen Hang zur Leichtigkeit bemerkt man auch an seiner Neigung zu humorvollen Werktiteln. Eine kleine Kostprobe: "American Traitor Bitch", "Jack Lemmon's Legs And Other Libraries", "Anastasia", "Adipoese Enkelin", "Tsutsumu", "The Sun From Above (Die Sonne von oben)", "Seven Naked Hermann Hesse Fans", "Interesting Point Of View Of One Of The Better Photographers".

Eigentlich geht Rehberger die Ausstellung noch nicht weit genug mit ihrem Eingriff in den Backkatalog. Sehr gerne würde er dem Mythos des Originären noch stärker entgegenwirken und Updates seiner alten Arbeiten erschaffen, aber "eben nicht Neumachen wie einen Remix bei Baselitz, sondern ein Auf-die-Situation-Abstimmen am ursprünglichen Werk. Als Traum fände ich es schön, wenn ich an den Arbeiten immer mal wieder was machen, zum Sammler gehen und das Werk in einer anderen Farbe anmalen könnte, jetzt mal als banales Beispiel. Immer wieder in der Welt rumfahren und die Sachen anders machen."

Die offensichtliche Frage, die er damit auswirft: Warum sollte etwas für immer so aussehen? Dahinter steht der morastartige Diskurs über Kategorien wie Gut und Schlecht, die in der Kunst eh nichts zu suchen haben, auf die aber aufgrund der Angst vor ökonomischem Wertverlust leider viel zu oft zurückgegriffen wird. Für Rehberger ist das Werk eine "Momentaufnahme", die zeigt, wie weit er "zum Zeitpunkt des Erschaffens denken konnte". Oder, um es abschließend noch deutlicher zu sagen: "Der Geniegedanke des Künstlers hat etwas Lächerliches."