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Jahresrückblick 2014: Körperteil des Jahres

The Year in Butts

Brust oder Keule? Mit Nicki Minaj und Iggy Azalea rappten gleich zwei der größten aktuellen Mainstream-Popstars dieses Jahr erfolgreich über ihre Vorliebe für große Hintern. Wie kein anderes Körperteil regierte der Po das Po(p)jahr 2014.
Geschrieben am
Vergesst die durchtrainierten Bauchmuskeln von Britney Spears oder das Dekolleté von Katy Perry! 2014 war das Jahr, in dem Nicki Minajs Allerwertester die Weltherrschaft anstrebte. Nach dem Twerking-Boom 2013 stand dieses Jahr ganz im Zeichen von Ärschen. Von Nicki Minaj über Iggy Azalea bis hin zu J.Lo – fast jede erfolgreiche Pop-Lady hatte eine Ode auf ihren Allerwertesten parat. Sogar Taylor Swift überraschte im Videoclip zu ihrer Single »Shake It Off« mit ungelenken Twerk-Einlagen. Jessie J sang in »Bang Bang«, dem »Lady Marmelade« des Sommers, »She got a booty like a cadillac« und meinte natürlich den ihrer Kollegin Nicki Minaj. Die brach mit ihrer Hitsingle »Anaconda« nicht nur sämtliche Klickrekorde im Netz, sondern brachte im dazugehörigen Skandalvideo auch noch Drake mit einer heißen Lapdance-Einlage zum Erliegen. Das ließ Popo-Veteranin J.Lo natürlich nicht auf sich sitzen und verteidigte im Video zum »Booty«-Remix mit viel Körpereinsatz und Iggy Azalea ihren Titel der Butt-Queen. Und was machte Beyoncé? Trat im knapp geschnittenen Glitzer-Einteiler bei den diesjährigen VMAs auf und wurde in Sachen Hinterteil nur von den goldbemalten Pobacken ihrer Background-Tänzerinnen überstrahlt ...

Sogar die US-Vogue, eigentlich die Mutter aller Problemzonen, griff den »Trend« auf und rief offiziell die Ära des Big Booty aus – und machte dafür seltsamerweise die spindeldürre Miley Cyrus verantwortlich. Auch hierzulande las man Schlagzeilen wie »Po-Implantate sind voll im Trend« (Jolie).

Von der Problemzone zum Objekt der Begierde: Wurden die Hinterteile berühmter Pop-Sängerinnen in der Vergangenheit oftmals vorherrschenden (also meist weißen) Schönheitsidealen angepasst und dementsprechend kleiner retuschiert, so gilt momentan etwas mehr Fett am Hintern als verkaufsfördernd. Nur im weißen Pop-Mainstream kann der »monströse« Hintern von Nicki Minaj noch solch eine explosive Sprengkraft besitzen. Im Sommer präsentierte die Rapperin das freizügige Cover-Artwork zu »Anaconda«, auf dem sie einen String-Bikini trägt. Ein aus HipHop-Videos tausendfach bekanntes Motiv, das im Netz allerdings für Entsetzen sorgte – offenbar, weil dieses Mal eben nicht der durchtrainierte Po einer namenlosen Tänzerin abgelichtet worden war.

Nach der Kritik postete Minaj das aktuelle Titelbild des Magazins Sports Illustrated. Darauf zu sehen: drei schlanke »Victoria’s Secret«-Models in ähnlicher Pose, über deren Nacktheit sich niemand aufregte; vermutlich, weil sie eben gängigen Schönheitsidealen entsprechen. Deutlich besser erging es da schon Newcomerin Meghan Trainor, die mit ihrer leicht verdaulichen Pop-Nummer »All About That Bass« die jugendfreie Version zum Thema ablieferte und damit in 27 Ländern die Spitze der Charts erklomm. »I’m bringing booty back« verkündete die blonde, leicht mollige Sängerin im dazugehörigen, in Bonbonfarben gedrehten Video, das einer »Love Your Body«-Kampagne des Body Shop entsprungen sein könnte. So harmlos nett das Video auch wirkt, so ungefährlich bleibt letzten Endes die Message: Liebe deinen Körper! Auch mit ein paar Pfunden mehr, denn »boys like a little more booty to hold at night«. Da sind Nicki und ihr Dschungel voller twerkender Frauen trotz expliziter Bildsprache schon selbstbestimmter und weiter. Ihre weibliche Antwort auf den Sir-Mix-a-Lot-Klassiker »Baby Got Back« braucht keine männliche Bestätigung mehr. US-Superstar Drake ist im Video pures Beiwerk und darf noch nicht mal anfassen. Minaj dreht den Male Gaze des Originals um und holt sich somit die Deutungshoheit über ihren Körper zurück, der in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich von männlichen Popstars besungen wurde (Jason Derulo »Wiggle«, Sisqo »Thong Song«, Bubba Sparxxx »Ms. New Booty«).

Nebenbei bemerkt: Warum erlaubt man in Zeiten, in denen Gangsta-Rap noch immer glorifiziert wird, Frauen dieses Genres eigentlich nicht, ihre eigene Sexualität zu zelebrieren? Wenn für ehemalige Zuhälter wie Ice-T Platz in der Primetime ist, warum dann nicht auch für Nicki Minajs Hintern? Nicht zuletzt zeigt das extrem überzeichnete (und durchaus parodistisch zu verstehende) Video all den »skinny bitches«, die vergangenes Jahr mit der tölpelhaften Aneignung afroamerikanischer Subkultur Kasse gemacht haben, wo der »Cultural Appropriation«-Haken hängt. Nimm das, Miley!