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»Wir sind under attack«

Terroralarm bei Rock am Ring

Festivalguide-Chefredakteur Carsten Schumacher sitzt am 2. Juni 2017 direkt vor dem Bauch des wütenden Veranstalters Marek Lieberberg und filmt dessen Rede vor der Presse aus der ersten Reihe mit dem Handy, während 1.200 Polizisten das Gelände abriegeln, räumen und durchsuchen. Die Situation ist bizarr und einmalig. Jedem ist klar: Das hier ist ein Wendepunkt in der deutschen Festivalgeschichte. Aber warum eigentlich?
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»Ich bin der Meinung, es muss jetzt Schluss sein mit ›This is not my Islam and this is not my shit and this is not my whatever‹!« Marek Lieberberg schäumt. Dem 71-jährigen Grandseigneur und Impresario des deutschen Festivalgeschäfts wurde jetzt schon zum zweiten Mal in Folge der Betrieb seines Flagship-Festivals Rock am Ring stillgelegt. Diesmal soll es nicht um Unwetter, sondern um islamistischen Terror gehen – so sein Kenntnisstand zu diesem Zeitpunkt.
 
Am 22. Mai hatte es in Manchester einen solchen Anschlag vor der Konzerthalle von Ariana Grande gegeben, Deutschland arbeitet immer noch die Hintergründe zum Anschlag am Breitscheidplatz auf, und ein paar Wochen vorher hatte ein Champions-League-Spiel um einen Tag verschoben werden müssen, weil der BVB-Bus in eine Bombenfalle geraten war. Die Situation ist angespannt, das Festival-Pressezentrum abgeriegelt, niemand darf es verlassen. Lieberberg hatte zuvor im Gespräch mit den angerückten Behörden, maßgeblich Polizei und Verfassungsschutz, gegen die Unterbrechung und Räumung argumentiert, muss sich aber der gefallenen Entscheidung beugen und diese vor der Presse verkünden – und er ist außer sich. »Wir zahlen den Preis für den Skandal um Amri!«, bricht es aus ihm heraus. Und er möchte, dass in diesem Land endlich etwas geschieht, »dass Gefährder beispielsweise auch festgenommen werden« und dass Moslems »zu Zehntausenden« auf die Straße gehen und dass die Polizei sich beeilt und nicht etwa auf die Idee kommt, das Festival ganz abzubrechen. Beim BVB hätte das Champions-League-Spiel schließlich auch am Folgetag angepfiffen werden können. »Warum ist es beim Fußball möglich, warum ist es bei anderen Situationen möglich? Warum sind wir die Prügelknaben für die Situation?« Man merkt, dass Lieberberg nicht alles sagt, was ihm in dem Moment durch den Kopf geht, er beißt sich so manches Mal auf die Zunge. In den Folgetagen legt er dann aber in Interviews noch eine Schippe drauf, fordert beispielsweise in der Welt am Sonntag: »Wir brauchen diese Präsenz bewaffneter Polizisten«, oder in Kurzform: »Wir sind under attack.«
Lieberberg selbst entstammt einer jüdischen Familie, die in der Nazi-Zeit in Deutschland viel hat erleiden müssen. Das Letzte, was er will, ist Applaus von der falschen Seite, doch er bekommt ihn. Die Kommentare unter den entsprechenden YouTube-Mitschnitten seiner Rede kommen eindeutig maßgeblich von AfD- und Pegida-Sympathisanten, wenn nicht noch schlimmer. Und gleichzeitig muss er sich ebendort auch fragen lassen, wo denn Tausende Deutsche gegen den NSU-Terror auf die Straße gegangen sind, und auch sagen lassen, dass es Protestkundgebungen von Muslimen durchaus gab. Auch der muslimische Veranstalter Hamed Shahi-Moghanni (unter anderem New Fall Festival) fordert Lieberberg in einem offenen Brief auf, sich bei der muslimischen Gemeinde zu entschuldigen. Lieberberg indes entschuldigt sich nicht, verwehrt sich in der Rheinischen Post sogar gegenüber der Einordnung seiner Worte als »Wutrede« und erklärt der Süddeutschen Zeitung lediglich, dass es sein könne, dass er etwas übers Ziel hinausgeschossen sei, er sei schließlich von Reportern bedrängt worden.
Was zu diesem Zeitpunkt niemand mehr richtigstellt: Lieberberg war keineswegs bedrängt worden. Er hatte die Worte frei wählen können und sogar abgewartet, dass die Presse- und Agenturvertreter im Raum waren, die er dort erwartet hatte. Im Anschluss gab er ausgewählten Fernsehteams zusätzlich Einzelinterviews, aber da waren die entsprechenden Sätze längst gefallen.

Ein paar Tage später stellt sich heraus: Zwei Aufbauhelfer waren durch einen Subunternehmer, eine hessische Security-Firma, kurzfristig für den Einsatz bei Rock am Ring rekrutiert und mit Backstagepässen ausgestattet worden. Ihre Namen wurden auf den Listen falsch geschrieben, wodurch der Identitätsabgleich negativ verlief, zudem hatte einer der beiden angeblich Kontakte zur salafistischen Szene in Hessen – so kam der Stein ins Rollen. Zum Zeitpunkt der Räumung wusste niemand, dass der Impuls, bei diesem Festival dabei zu sein, gar nicht von ihnen ausgegangen war.  Wären die Namen korrekt und vor allem früher übermittelt worden, hätte die Gefahrenlage früher erkannt werden können, sagt ein Vertreter des LKA ein paar Tage später gegenüber dem SWR. Lieberberg hatte da schon sämtliche Interviews gegeben. Er habe den Behörden eine Liste mit 6.000 Namen zur Überprüfung übermittelt. Jenen Behörden, denen er in seiner Nicht-Wutrede Versäumnisse vorgeworfen hatte.
Als die Journalisten in jener Nacht des 2. Juni das Pressezentrum endlich verlassen konnten, sahen sie die Reihen schwer bewaffneter Polizisten, die immer noch das Gelände abriegelten. Es war ein sehr beklemmendes Gefühl. Die 86.000 waren alle weg, sie hatten das Gelände gelassen verlassen. In Ruhe und singend.