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Reportage aus der JVA Herford

»Strafe muss sein«

Kino und Presse zeichnen oft ein brutales und trostloses Bild des Gefängnisalltags. Wie sehen die Sträflinge selbst ihr Leben? Welchen Eindruck kann man als Besucher an einem Nachmittag gewinnen? Eine Reportage aus der JVA Herford. 
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Mirko ist 23. Er macht eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Sein Tag besteht aus Arbeiten, Lernen und sportlichen Aktivitäten. Am Wochenende dreht er zusammen mit Siggi und Sascha Rapvideos oder Kurzfilme. So weit, so alltäglich. Aber Mirko lebt nicht an einem Ort, den man »Zuhause« nennen könnte. Er verbringt die meiste Zeit in einer kleinen Zelle, die wenig Raum für Privatsphäre lässt. Rechts steht ein Bett, links sind ein Schreibtisch und ein Kleiderschrank postiert. Auf einem Bücherregal lehnen Lehrbücher über das Malerhandwerk. Neben dem Schreibtisch stehen ein Schachbrett und ein Fernseher. Über dem Schreibtisch hängt eine Deutschlandkarte. Über dem Bett sind drei große Poster von blau- und lilafarbenen Rosen an die Wand geheftet, auf denen Tau glitzert. In einem kleinen Extraraum befinden sich eine Toilette und ein Waschbecken. Alles ist ordentlich und sauber. Hier wird Mirko jeden Abend eingeschlossen. Durch die Tür seiner Zelle kann man nicht – wie in einer Wohnung üblich – von innen nach außen, sondern nur von außen nach innen gucken. Mirko verbüßt eine Haftstrafe in der Justizvollzugsanstalt Herford. Zum Zeitpunkt seiner Tat war er 20, wenn er in Freiheit kommt, wird er 25 Jahre alt sein.

Siegburg, das Kino und die Gegenwart

Die Frage, wie es in einem Gefängnis zugeht, übt für jemanden in »Freiheit« eine seltsame Faszination aus. Wie ist es, ein Sträfling zu sein? Lebt man in permanenter Angst? Entwickelt man eine stoische Geisteshaltung und gewöhnt sich daran, so, wie man sich an alles gewöhnt? Wird man zum Berufskriminellen erzogen? Wie verhalten sich Menschen, die auf engem Raum gemeinsam eingesperrt sind? Um Antworten auf diese Fragen ein kleines Stück näher zu kommen, haben Fotograf Tobias Vollmer und ich uns für Intro auf den Weg nach Herford gemacht. Ausgangspunkt der Unternehmung ist bezeichnenderweise ein Film. Unvermeidlich, dass mein Bild vom Gefängnis durch das Kino geprägt ist. Dort konzentriert man sich aus dramatischen Gründen meist auf einen hermetisch abgeriegelten Ort. Es existiert eine von Kriminellen geschaffene Mikrogesellschaft, deren Hierarchie von den Gefangenen mit brutaler Gewalt und mithilfe einer Mauer des Schweigens durchgesetzt wird. Fast jeder Gefängnisfilm enthält – ob die Insassen Männer, Frauen oder Jugendliche sind – Momente der Demütigung und der Vergeltung. Kaum ein Film kommt ohne die Darstellung der Vergewaltigung eines Insassen aus.

 Auch in Philip Kochs Film »Picco« findet eine Vergewaltigung statt. Kochs Film ist angelehnt an den »Foltermord von Siegburg« und bietet ein entsprechend trostloses Bild von der Situation deutscher Jugendsträflinge. Die Protagonisten des Films sind gemeinsam in eine karge Zelle gepfercht und bleiben sich dort selbst überlassen. Die Frustration über die Ausweg- und Perspektivlosigkeit der eigenen Situation findet ihr Ventil in Erniedrigungsritualen, die schließlich zum erzwungenen Selbstmord eines der Insassen führen. Die Jugendstrafanstalt, wie sie in »Picco« dargestellt wird, bietet ihren Insassen zwar sowohl Beschäftigung als auch psychologische Beratung in Gruppen- oder Einzelgesprächen an, man hat jedoch nicht das Gefühl, dass sich irgendjemand ernsthaft um sie kümmert. Wenn man einen solchen Film gesehen hat, kommt einem der Jugendstrafvollzug wie ein zynisches System vor, in dem man entweder untergeht oder sich auf Kosten anderer durchschlägt.

Podknast – Wie es wirklich ist

Da ist es leicht nachzuvollziehen, dass sich einige JVAs mittlerweile bemühen, diesem negativen Ruf offensiv entgegenzuwirken. Die Website »Podknast – Wie es wirklich ist« zum Beispiel gewährt Einblicke in den Jugendvollzug in NRW. Neben der berüchtigten JVA Siegburg ist auch die JVA Herford mit verschiedenen Rap-Videoclips und einem verfilmten Gedicht vertreten. Vor und hinter der Kamera: Sträflinge. Die Raps sind Teil eines Musicals, das in der JVA Herford aufgeführt wurde. Die Texte geben die Gefühlswelt junger Inhaftierter ziemlich überzeugend wieder. Raps von Sträflingen sind im HipHop nichts Besonderes. Die Tatsache, dass die damit verbundenen Musikvideos von der Gefängnisleitung ausdrücklich gefördert werden, ist allerdings erwähnenswert. Und dass es nach wenigen Telefonaten möglich ist, einige der am Projekt Beteiligten vor Ort treffen zu können, wohl auch. Die JVA Herford ist die größte der fünf Jugendstrafanstalten in NRW und bietet Platz für 355 Gefangene. Die Anstalt ist ein typisches Beispiel für klassische Gefängnisarchitektur: ein kreuzförmig angelegter Bau aus roten Ziegelsteinen, der von einer hohen Mauer umgeben ist.

Das Gefängnis soll auch nach außen hin verdeutlichen, dass dessen Insassen dort sicher untergebracht sind, sprich: dass sie nicht abhauen können. Nachvollziehbar, wenn die Anstalt so zentral im Ort liegt wie in Herford. Für Besucher gibt es einen eigenen Eingang. Nachdem wir Personalausweis und Mobiltelefon beim Pförtner abgegeben haben, werden wir von einer freundlichen jungen Frau empfangen. Sie führt uns durch einen Metalldetektor und ein Schleusensystem, bei dem sich die nächste Tür erst öffnet, wenn sich die vorherige geschlossen hat. Auffällig ist der überdimensionale Schlüssel, den sie dazu benötigt. Nach einigen langen Fluren erreichen wir einen Bereich, der wie der Mittelpunkt der Anstalt wirkt. Wir befinden uns auf dem sogenannten »Spiegel«. Der Spiegel ist eine Art überdachter Innenhof, der von Balustraden flankiert wird. Diese führen zu den einzelnen Zellentrakten. Zwischen den insgesamt zwei Stockwerken und dem Erdgeschoss ist ein grobmaschiges Netz gespannt. Es ist kein Mensch zu sehen. In diesem Moment wirkt der Hof eher wie der Bestandteil eines Museums. Kurze Zeit später werden sich hier viele Häftlinge aufhalten. Die haben gerade noch Hofgang, wie ich wenig später beim Blick durch ein vergittertes Fenster sehen kann. Der schneebedeckte Hof im Außenbereich ist voller Jugendlicher. Alle tragen dunkelgrüne Kapuzenanoraks. Anstaltskleidung. Ein paar spielen auf einem Minifeld Fußball. Aber die meisten drehen in kleinen Grüppchen routinemäßig ihre Runden. Eigentlich ein schönes Bild, wären die Beteiligten freiwillig hier. 

Es gibt schwarze Schafe

Die schweren Zellentüren, die die Flure der folgenden Trakte säumen, zeigen, dass sie das nicht sind. Neben jeder Tür hängt ein Schild, auf dem sowohl der Name des jeweiligen Insassen als auch der Bereich vermerkt ist, in dem er arbeitet. Kurz darauf lerne ich drei dieser Insassen kennen: Mirko, Siggi (19) und Sascha (22) sind Teil des Produktionsteams, das unter der Leitung der Pädagogin Nicole Sonnenbaum die Videos für Podknast dreht. Alle drei gehören zur sozialtherapeutischen Abteilung. Diese ist sogenannten »Problemtätern« vorbehalten, die sich Sexual-, Gewalt- oder Tötungsdelikten schuldig gemacht haben und bereit sind, sich mit ihrer Tat auseinanderzusetzen. Die jungen Männer sind ruhig, locker und freundlich, als wir ihnen gegenübersitzen. Da sie sich in einer Therapie befinden, müssen sie keine Anstaltskleidung tragen und dürfen mehr persönliche Gegenstände in ihren Zellen haben als andere. Als Langzeithäftlinge sind sie allerdings auch bedeutend länger hier als der Durchschnitt, der nach gut einem Jahr wieder in Freiheit kommt. Die Höhe ihrer Strafen lässt die Schwere ihrer Tat erahnen: Mirko und Sascha verbüßen eine Haftstrafe von jeweils fünf Jahren. Siggi, ein liebenswerter, schmaler Junge mit Brille und ruhigem Wesen, der eine Ausbildung zum Gebäudereiniger macht, verbüßt sogar das vom Gesetzgeber für Jugendliche vorgesehene Höchstmaß: zehn Jahre. Wenn er in Freiheit kommt, wird er 27 Jahre alt sein. Die humorvolle Gelassenheit, mit der er das mitteilt, ist mir ein Rätsel. Nicht mal die Tatsache, dass er im Laufe seiner Haft in den Erwachsenenvollzug muss, scheint ihm Sorgen zu bereiten. Wahrscheinlich haben die dort alle lange Bärte, meint er dazu nur. Mirko, der schon im Erwachsenenvollzug war, erklärt, dass es dort sowieso viel ruhiger zugehe als bei den Jugendlichen. Er sei nur deswegen in Herford, weil die Ausbildungsmöglichkeiten im Jugendvollzug besser seien. Sascha hat ebenfalls schon andere Gefängnisse von innen gesehen. Er findet, dass die Zeit in Herford viel schneller vergehe als in Wuppertal.

Zwischen den verschiedenen JVAs gibt es viele Unterschiede, genauso ist kein Häftling wie der andere. Deshalb kann man keine allgemeingültigen Aussagen über die Haftbedingungen in Deutschland treffen. Auf die Verhältnisse in Filmen wie »Picco« angesprochen, reagieren die drei zunächst zurückhaltend. Keiner fühlt sich einer ständigen Bedrohung durch Mithäftlinge ausgesetzt. »Schlägereien gibt es natürlich«, räumt Sascha ein. »Aber es ist nicht so, dass man Angst haben muss, irgendwo hinzugehen.« Mirko schildert die Situation so: »Es gibt schwarze Schafe. Und die ganzen Geschichten, die draußen im Umlauf sind, kommen nicht von ungefähr. Irgendwo ist immer ein bisschen Wahrheit dran. Aber im Normalfall versuchen wirklich alle, das Beste aus der Situation zu machen. Leute, die nichts mit sich anzufangen wissen und versuchen, anderen das Leben schwer zu machen – die gibt es, klar.« 

Nie raus aus der Anstalt

Stress gebe es zum Beispiel, wenn neue Arbeitsgruppen gebildet werden. In so einem Fall komme es in den ersten Tagen zu den üblichen Konflikten. Auseinandersetzungen, bei denen jeder bemüht sei, seine Position zu behaupten. »Aber irgendwann kennt man sich, und dann hört das auf.« Ohnehin scheint der Alltag der meisten Insassen so strukturiert zu sein, dass man gar nicht so schnell auf dumme Gedanken kommen kann. Viele Langzeitinhaftierte machen wie Mirko, Siggi und Sascha eine Ausbildung. Sie müssen dementsprechend früh aufstehen, arbeiten und lernen. Für die Freizeit stehen sportliche Aktivitäten zur Auswahl. Und jeder, der arbeitet, darf sich für seine Zelle einen Fernseher kaufen. Hinzu kommen noch die Therapiegespräche, die »Kopffickerei«, wie Mirko es nennt. Nur Lockerung gibt es keine. Das heißt, man darf niemals raus aus der Anstalt. Der Freiheitsentzug wird von den dreien als gerechtfertigt akzeptiert. Selbst, als ich das soziale Ungleichgewicht anspreche, das die meisten Verbrechen unter Jugendlichen stark beeinflusst. »Strafe muss sein für jeden Mann. Egal, ob reich oder arm. Ich hab die Tat begangen, ich muss die Strafe absitzen.« So fasst es Sascha zusammen. Er behauptet, auch Reiche zu kennen, die andere überfallen haben. Mirko gibt sogar zu, dass er »richtig froh« war, gefasst worden zu sein. »Ich war halt am Bangen, was jetzt passiert ist bei meiner Tat. Und als die Kripo da war, da wusste ich’s, und da ist mir auch was von der Schulter gefallen. Mir war vollkommen bewusst, dass ich was Schlimmes getan habe, allerdings nicht, dass es so schlimm ist. Ich war nicht ganz bei der Sache, als die Tat passiert ist. In den Wochen darauf hatte ich schwer mit mir zu kämpfen, um damit klarzukommen, was ich da überhaupt gemacht hatte. Ich wusste auch gar nicht, was ich mit mir anfangen soll. Nach meiner Verhaftung wusste ich dann: Jetzt kann ich langsam mit der Tat umgehen. Ich kann mich dazu äußern und darüber sprechen.« 

Mirkos Worte wirken nicht aufgesagt. Gut vorstellbar, dass sein Leben nach der Tat ohne die Strafe von unlösbaren inneren Konflikten dominiert gewesen wäre. Wie alle anderen in Herford hat er eine Geschichte, die zu erzählen länger dauern würde. Wird ein Jugendlicher bei einer Straftat erwischt, wird er in der Regel zum Ableisten von Arbeitsstunden verpflichtet. Erst am Ende einer Reihe von »Erziehungsmaßnahmen« steht die Jugendstrafanstalt oder Justizvollzugsanstalt. Hierhin kommt man nur als Wiederholungstäter oder wenn man ein besonders schweres Verbrechen begangen hat. Das betrifft in Deutschland 6,7% aller rechtskräftig verurteilten Jugendlichen. Je nach Erhebung befinden sich ungefähr 5500 bis 6500 Häftlinge in den 27 deutschen Jugendstrafanstalten, davon hat gut die Hälfte keinen Schulabschluss. Als wir später noch mal zum Spiegel zurückkehren, begegnet uns eine Gruppe Sträflinge auf dem Weg zum Sport. Sie tragen die dunkelblaue Anstaltskleidung, sind aber sonst von einer normalen Schulklasse kaum zu unterscheiden. Die meisten sehen nicht älter aus als 14 oder 15, in dem großen Hof wirken sie besonders klein und zart. Die Gruppe macht einen ausgelassenen Eindruck. Im Laufe des Abends wird jeder einzelne Häftling der Gruppe alleine in einer abgeriegelten Zelle sitzen. Ob sich die Insassen dort alle sicher fühlen, weiß niemand außer ihnen selbst.