×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Von Moselweinen und Raumschiffen

So klingt Luxemburg

Mitte November findet in der Rockhal in Luxemburg das Sonic Visions Festival statt, auf dem sich neben Indie-Prominenz wie Her und Moses Sumney auch die Musikszene Luxemburgs und seiner Nachbarländer präsentiert. Daniel Koch hat sich einen Tag lang angeschaut, was dieses kleine Land musikalisch zu bieten hat. Er traf Future-R’n’B-Talent Edsun, die isländisch-luxemburgische Märchen-Pop-Band When ‘Airy Met Fairy und den Indie-Nachwuchs Tuys.
Geschrieben am
Der Regionalexpress von Koblenz nach Luxemburg passiert so wohlklingende Orte wie Cochem, Bullay, Schweich, Wasserbillig und Wecker. Immer wieder schlängelt sich die Mosel unter den Gleisen hindurch, bieten sich Postkartenpanoramen mit Fluss und Wald und Berg und Schloss. An der Grenze muss ich nachlösen, frage, ob ich auch mit Kreditkarte zahlen könne. Der Schaffner lacht. »Macht zwei Euro. Das haben Sie noch klein, oder?« Spätestens hier wird mir zum ersten Mal bewusst, wie klein, pardon: kompakt Luxemburg ist, dieses so reiche Land, das gerade erst wieder in den Schlagzeilen war, weil es Amazon angeblich 250 Millionen Euro unlautere Steuererleichterungen geschenkt haben soll.

Aber es wäre ein anderer Artikel, wenn man Luxemburgs Attraktivität für »unternehmerische Gestaltung« zum Thema machen würde, die ungefähr vergleichbar ist mit der der Schweiz – rund 40 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes stammen aus dem Segment der Finanzdienstleistung. Ich sehe das später am Tag, als ich das Kirchberg-Plateau im Nordosten der Stadt Luxemburg passiere, wo neben vielen hochmodernen Bankbauten unter anderem auch der Europäische Gerichtshof (EuGH), der Europäische Rechnungshof sowie die Europäische Investitionsbank sitzen. Aber man sieht auch am Zustand des Landes und an der wunderschönen Altstadt, dass hier bei vielen der Wohlstand zu Hause ist – und man erkennt es daran, wie Luxemburg seine Musik- und Kultur-Szene unterstützt.

Von Hütten und Raumschiffen

Vom Luxemburger Hauptbahnhof reise ich weiter in die benachbarte Stadt Esch-sur-Alzette, wo ich Thomas Roscheck von der Rockhal treffe, der mich an diesem Tag begleitet. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Die Rockhal liegt im Stadtteil Belval, und der wirkt ungefähr so, als wäre eine Raumschiffarmada auf einem alten Hüttenwerk gelandet und mit den Jahren damit verwachsen. Was gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt ist: Belval ist tatsächlich der Versuch, das historische Hüttenwerk, das die Stadt jahrzehntelang geprägt hat, in eine Musterstadt für Kunst, Kultur, Shopping und akademische Bildung zu verwandeln. Was geglückt scheint – zwischen moderner Architektur und den aufgehübschten Hochöfen tummeln sich an diesem etwas verregneten Tag Studentengruppen, Künstlerinnen und Künstler, die in der Rockhal aufnehmen oder proben, und das Shoppingpublikum, das zum großen Einkaufszentrum strömt.
Die Rockhal, in der im November auch das Sonic Visions Festival stattfindet, war das erste Gebäude, das fertiggestellt und einsatzbereit war. Finanziert wurde der Bau vom Staat Luxemburg. »Man könnte sagen, das Parlament hat per Gesetzt beschlossen, dass Luxemburg eine Konzerthalle wie die Rockhal braucht«, erzählt Thomas. Eine Spielwiese auf Kosten der Steuerzahler ist die Rockhal jedoch nicht. »Wir müssen uns zu 75 % selbst finanzieren – und das zeigt ganz gut, wie Luxemburg arbeitet: Man hat diesen sehr modernen Bau ermöglicht, aber wir müssen eben doch auf eigenen Beinen stehen.« Neben zwei Live-Venues und dem Rockhal-Café gibt es sechs Rehearsal-Räume, ein Aufnahmestudio, ein Tanzstudio und ein Dokumentationszentrum. Außerdem haben Einrichtungen wie das Rocklab, das lokale Künstler vernetzt und unterstützt, hier ihre Büros.

Edsun: Blöde Fragen

In einem der Konzerträume treffe ich Edsun, einen der vielleicht spannendsten jungen Künstler, die Luxemburg gerade zu bieten hat. Er probt mit einem halben Dutzend Tänzer für seine Liveshow, die ich vor einigen Wochen in abgespeckter Form bereits auf dem Reeperbahn Festival gesehen habe. Zu futuristischen R’n’B-Beats tanzte und sang er dort zunächst allein auf der Bühne – eine wunderschöne androgyne Erscheinung, ständig in Bewegung, jeder Move mit der Musik im Einklang. Beim dritten Song trat ein junger Mann aus dem Publikum und verschmolz mit Edsun. Es war ein naher, intensiver Tanz, bei dem ich als Partner oder Partnerin der Beteiligten hochgradig eifersüchtig geworden wäre.

»Tanzen war immer schon ein wichtiger Teil meines Lebens«, erzählt Edsun. »Meine Eltern hatten einen Pub, und ich hatte schon als Kind den Drang, dort auf die Tische zu steigen und zu tanzen. Später verfolgte ich diese Leidenschaft, besuchte Kurse, machte mein Diplom in zeitgenössischem Tanz. Mit der Musik war es ähnlich: Mein Vater hatte ein große Plattensammlung, die mich sehr inspiriert hat. Ich habe immer laut in meinem Zimmer gesungen und die Familie damit in den Wahnsinn getrieben.«
Mittlerweile hat er nicht nur beide Leidenschaften auf ein professionelles Level gehoben, sondern perfekt miteinander verwoben. Wobei Edsun klarstellt: »Ich will nicht, dass der Tanz von der Musik ablenkt. Deshalb wird es immer Momente geben, in denen ich nur mit meiner Band spiele. Und meine Choreografien sind so konzipiert, dass die Tänzer Freiräume für eigene Ideen haben – es soll nicht roboterhaft oder einstudiert wirken.« Gleiches gilt für seine Bühnenoutfits, die auch schon mal einen Rock, eine durchsichtige Bluse und eine Lederjacke kombinieren: »Ich mag androgyne Mode, aber ich will das nicht zum Konzept erhöhen. Was ist männlich? Was ist weiblich? Das sind blöde Fragen.«   Bei all dem Drumherum muss ich an dieser Stelle aber noch mal klarstellen: Schon die Musik von Edsun spricht für sich. Auf der neuen Single »Apologee« und seiner Debüt-EP »No« klingt er hin und wieder, als wolle er ein zeitgemäßes Update des großen Michael-Jackson-Pop erschaffen. Er windet sich, als ich ihm das sage: »Ich habe Michaels Musik geliebt, und vielleicht betone ich meinen Gesang manchmal wie er, aber ich möchte ihn nicht als größten Einfluss herausstellen. Ich weiß doch, wie die Musikpresse funktioniert.« Touché.

When ‘Airy Met Fairy: Wein, zwei, drei, vier

Schon seit der ersten Mosel-Überquerung habe ich Weindurst – da passt es gut, dass Thomas den nächsten Interviewtermin im Rahmen einer Weinprobe bei Domaines Vinsmoselle in Wellenstein organisiert hat. Auf dem Weg dorthin bekomme ich die Gelegenheit, über das hier recht ausgeklammerte Thema Grenzen nachzudenken: Nicht nur, dass ich den ganzen Tag Menschen treffe, die aus Belgien, Frankreich und Deutschland kommen, um in Luxemburg zu leben und zu arbeiten – man passiert auch dermaßen selbstverständlich Landesgrenzen, bis man sie gar nicht mehr bemerkt. Das scheint auch vielen Rechtswählern so zu gehen – anders lässt sich nicht erklären, dass die französische Gemeinde, die direkt an Luxemburg anschließt, fest in der Hand des Front National ist. Wie bescheuert muss man sein, in dieser Region für eine Partei zu stimmen, die raus aus Europa will?

Gegen solche Fragen hilft nur Moselwein. Die Winzergenossenschaft Domaines Vinsmoselle, die über 300 Winzer vereinigt, gibt uns einen kleinen Blick ins Weinangebot. Banausig, wie ich bin, und geradezu überfordert vom sympathisch-nerdigen Vortrag des – übrigens aus Deutschland stammenden – Kellermeisters, kann ich mir nur merken, dass alles super schmeckt, im Luxemburger Nachtleben der Crémant im Kommen und der »Auxerrois« die perfekte Einstiegsdroge ist, wenn man junge Menschen überzeugen will, dass Wein besser schmeckt als Bier. Mit mir trinken Thorunn Egilsdottir und Mike Koster von When ‘Airy Met Fairy.
Deren zarter, mystischer Pop kreist vor allem um die Stimme und das Charisma von Thorunn, die von Mike Koster an Bass und Moog sowie Thomas Copier an den Drums begleitet wird. Mein Déjà-vu ist schnell geklärt: Thorunn war 2013 Finalistin bei »The Voice« auf Pro7. Hier inszenierte sie sich mal feengleich, dann wiederum schminkte sie sich eine Waschbärnase oder wählte ein Outfit, bei dem man nicht wusste, ob sie einen bezirzen oder verarschen wollte. Sie redet nicht gern darüber, ein paar Sätze kann ich ihr allerdings abringen: »Ich würde jedem abraten, da mitzumachen. Ich hätte es auch lassen sollen. Aber hey, immerhin war ich die erste und einzige Künstlerin, die dort mit Gummistiefeln auf der Bühne stand.«

Auch Thorunn pfeift auf Grenzen: Ihre Eltern stammen aus Luxemburg und Island, sie selbst hat in beiden Ländern gelebt und auch in Deutschland. Sie liebt Berlin, aber: »Ich weiß, wie das klingt. Das sagen ja alle immer.« Die »The Voice«-Erfahrung hat sie in der Bandbiografie ausgespart. Dennoch bekomme ich schnell das Gefühl, dass diese ein wichtiger Impuls war, um zu merken, dass sie jetzt alles nach ihren eigenen Regeln machen sollte. Sie schwört dabei auf »meine Band und meine Schwester, die mich beim Artwork und selbst beim Schreiben der Texte und der Arrangements berät«. Diese familiäre Wärme spürt man in Songs wie »Girls« oder »Daughter«. Oder in der Single »Intoxicated«, in der Thorunn darüber sinniert, dass manchmal eben alles gar nicht so leicht ist, mit dem Leben, mit sich selbst. Eine Zeile daraus summt nach sechs kleinen Weinen auch in meinem Kopf: »I’m a little bit intoxicated.« Dezent angeschickert, machen wir noch Fotos vor den Weinbergen und brechen dann auf in Richtung Luxemburg Stadt.

Tuys: Konrad bei den Kasematten

In der Altstadt, unweit der Kasematten, die Pflicht für jeden Luxemburg-Touristen sind, treffe ich meine nächsten Interviewpartner. Das alternative und gemütliche Café Konrad ist gut gefüllt, das studentische Publikum eine der wenigen noch verbleibenden Inseln in diesem Teil der Stadt, der langsam von den Anzugträger-Bars für die Kirchberg-Bürokraten und Banker erobert wird.

Vor mir sitzen Sam und Tun vom jungen Quartett Tuys. Die Band könnte für die Luxemburger Szene vielleicht das sein, was bei uns Leoniden und Giant Rooks sind: junge Musiker, die Lust auf klassischen Gitarren-Indierock haben und mit ihrer Euphorie auch jüngere Fans mitreißen. Für Tuys hat das auf dem Dockville und dem diesjährigen Reeperbahn Festival gut funktioniert. »Die Leute ziehen uns immer auf, weil es uns schon seit zehn Jahren gibt und wir noch immer kein Debütalbum haben«, erzählt Sam. »Allerdings waren wir fast noch Kinder, als wir beschlossen, eine Band zu machen. Wir haben erst die Band gegründet und dann Instrumente gelernt.« Tun stieß erst 2012 zu den drei Jugendfreunden.
Ihren Sound fanden Tuys dann nach und nach – vor allem durch gemeinsame Konzertbesuche. »In Luxemburg geht nicht so viel«, sagt Tun, »aber die wenigen Clubs, die wir haben, sind sehr gut. Die Rockhal, Den Atelier, Rotondes.« Und Sam ergänzt: »Live-Musik ist aber überall präsent. Viele jüngere Bands spielen zuerst auf Stadtfesten oder Veranstaltungen wie Fête de la Musique.« Angefixt hat Tuys dabei anscheinend vor allem euphorische Gitarrenmusik – und wenn man ihre Singles »Dance«, »Capture«, »Maybe« und »Belong« chronologisch hintereinander hört, bemerkt man, dass Tuys immer besser werden. Vor allem der Ohrwurm »Belong« klingt nach den frühen Phoenix.

Zum Ausklang in die Rotondes

Als hätte ich nicht schon genug spannende Leute getroffen, geht es zum Abendausklang in einen der besten Clubs für Kunst und Konzerte. Die Rotondes liegt direkt am Bahnhof und ist eine zur Event-Location umgebaute Bahnhalle. Heute Abend findet hier die Releaseparty des Postrock-Projekts No Metal In This Battle statt. Vorher trinken wir noch ein Bier mit dem Produzenten und DJ Napoleon Gold. Mit seinen hypnotischen Soundentwürfen, die er live manchmal von einem Pianisten begleiten lässt, hat er schon die Shows von Acts wie London Grammar, Glass Animals und S O H N eröffnet. 

Mein Begleiter Thomas witzelt vor dem Konzert, dass ich hier die gesamte Luxemburger Musikszene treffen werde – und tatsächlich werden mir im Laufe des Abends zahlreiche Protagonisten (vom Fotografen über den Radio-DJ bis zum örtlichen Musikblogger) vorgestellt. Die Band spielt instrumentalen Postrock – ein Genre, das hierzulande durch Bands wie Mutiny On The Bounty hoch im Kurs steht. Das wilde Set, das No Metal In This Battle mit wechselnden Gästen inmitten des Publikums spielen, ist der perfekte Abschluss dieses Tages: Die Band spielt mich dermaßen schwindelig, dass ich noch auf der nächtlichen Zugfahrt zum Hotel sortieren muss, was ich heute alles gehört, gesehen und gesprochen habe. Das Fazit nach diesem kurzen Sprung in die Szene: In Luxemburg geht was. Keine Frage.