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Kratzen & Beißen #262

Sermin Usta gegen Sneaker-Schlangen

Es ist das Objekt der Begierde: Ein Turnschuh, pardon, Sneaker der Güteklasse »Exklusiv« geht in ausgewählten Shops in den USA, Europa, Japan regelmäßig für mehrere hundert Scheine über die Ladentheken. So weit, so gut, findet Sermin Usta. Aber was veranlasst die Leute dazu, sich für Schuhe so ins Zeug zu legen?

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Es ist nur eine Version des Wahnsinns, der uns täglich begegnet: Menschen, die draußen in der Kälte campieren, um ihre Namen auf eine Liste setzen zu lassen. Während die einen für überlebenswichtige Dinge wie Schlafplätze oder Krankenscheine gezwungen sind, stundenlang Schlange zu stehen, campieren Sneaker-Freaks für ein paar Schuhe im Auto oder in Bushaltestellen. Ich weiß, ich werde mir mit diesem Text die Wut jener Frauen und Männer aufhalsen, die solche Aktionen organisieren, im Sammeln von Schuhen ihre große Leidenschaft sehen oder vielleicht einfach darin ein großes Geschäft wittern, aber das muss jetzt leider sein.

Als Kind und Anhängerin der HipHop-Kultur weiß ich nur zu gut, was ein paar Turnschuhe für eine Jugendkultur bedeuten können, wie man sich mit einem gewissen Style von anderen abgrenzt und sich gleichzeitig einer Gruppe zugehörig fühlt. Aber geht es hier überhaupt darum? Ich höre von den Kids immer nur: »Den will ich haben.« Oder: »Der wird eine Menge wert sein.« Einfach mitmachen, auf den Hype aufspringen, sammeln und horten scheint hier das Motto. Fast noch schlimmer als die systemische Komponente ist der Auftritt derjenigen, die sich bei solchen Verkäufen vor besagten Shops tummeln: Zugemüllte Bordsteine, zugeparkte Radwege und Polizeibewachung, die man selbstverständlich auf sich nimmt, zeigen ihren wahren Charakter. Es könnte ja jemand den Platz in der Schlange einnehmen oder gar drängeln, schubsen. Wir leben schließlich in Deutschland, Ordnung muss sein! Und wenn es der bezahlte Obdachlose ist, der sich für jemanden in die Schlange stellt. Tja, und all das nur, um eines der begehrten Paare zu ergattern.

Was viele mit »lass ihnen doch ihren Spaß« oder »ich gebe an anderer Stelle unnötig Geld aus« abtun, verursacht bei mir weiterhin Bauchschmerzen. Immer dann, wenn ich in Kreuzberg über besagte Schlafsäcke steige, einigen wirklich dummen Gesprächen lausche oder Tage nach dem exklusiven Sneaker-Happening an Bergen von Müll vorbeigehe. Das sind die Momente, in denen ich mich wütend frage: Wie viele von euch Schlangestehern sind schon mal für eine gesellschaftlich relevante Sache auf die Straße gegangen? Wem von euch ist bewusst, was Weltmarken damit verdienen, dass Kids wie ihr auf den Zug aufspringen? Aber, ey, wie heißt es so schön: Don’t hate the player, hate the game! Ich halte mich also weiter an den Wunschtraum, dass es euch allen nur darum geht, mal für eine Sache auf die Straße zu gehen, auch wenn ihr noch nicht ganz begriffen habt, wofür ihr eigentlich die Ellenbogen ausfahrt.

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