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INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

»Nicht rumheulen, machen!«

Roundtable: Pop und Politik

Das politische Klima in Deutschland ist gerade alles andere als schön. Erst die Schreihälse von Pegida, dann der Erfolg der AfD, ein Seehofer, der beide immer mal wieder rechts überholen will, Stimmungsmache gegen Flüchtende und eine daraus resultierende härtere Asylregelung unserer Regierung. Kurz gesagt: Deutschland ist gerade in vielen Punkten ganz schön scheiße und hässlich. Doch was bedeutet das für die hiesige Popmusik? Wie können und müssen Kulturschaffende sich positionieren? Welche Möglichkeiten gibt es, als Künstlerin oder Künstler politisch zu wirken, und wo liegen die Risiken? 
Geschrieben am
Das diskutierten wir mit Henning May (HM) von AnnenMayKantereit, Rapper Megaloh (Me), Musikerin, Produzentin und Labelbesitzerin Gudrun Gut (GG), Feine-Sahne-Fischfilet-Sänger Jan »Monchi« Gorkow (Mo), Rapperin und Netzwerkerin Sookee (So) sowie Maxim (Ma) von K.I.Z. 

Megaloh, wenn es dieser Tage politische Songs zur Lage in Deutschland gibt, findet man die meistens im HipHop. Dein Album »Regenmacher« schaffte es auf Platz 2 der Charts, thematisiert Identität und Entwurzelung. In »Wohin« versuchst du, dich lyrisch in die Lage eines Flüchtenden zu versetzen. »Sie sagen, ich bin illegal hier / Ich habe kein Recht / Ich such nur ‘nen Platz, um zu leben / Ich habe kein Recht«, heißt es darin zum Beispiel. Wie kam es zu dem Song? 
Me: Er ist 2014 entstanden. Das Thema bekam bereits mediale Aufmerksamkeit, beherrschte die Nachrichten aber noch nicht so, wie es dann 2015 war. Trotzdem spürte ich schon viele Ressentiments und störte mich an der Berichterstattung, die es darauf ansetzte, Angst zu schüren und Menschen, die vor Krieg und Armut flüchten, als Bedrohung zu inszenieren. Das hat mich traurig und wütend gemacht. Als Musiker hat man die Möglichkeit und vielleicht sogar die Verantwortung, gesellschaftsprägende Themen anzusprechen, deshalb habe ich diesen Song geschrieben. Außerdem konnte ich die Erfahrungen meiner Familie einfließen lassen. Meine Mutter musste damals aus Nigeria fliehen.

Gab es Reaktionen darauf?
HM: Morddrohungen?
Me: Bisher hab ich nur Positives gehört. Da muss ich ein Lob an meine Fans aussprechen: Ich glaube, es gibt wenige, die zugleich meine Musik mögen und diese Angstmache mitmachen oder dieses Abschottungsverhalten propagieren.
Gudrun, du kamst Mitte der Siebzigerjahre nach Westberlin und hast kurz bei den Einstürzenden Neubauten und in Bands wie DIN A Testbild, Mania D und später Malaria! gespielt. War es damals nicht fast schon ein politisches Statement, dort zu wohnen und Musik zu machen? Glaubst du, damals war es leichter, Pop und Politik zusammenzubringen? 
GG: Berlin war in der Tat eine superpolitische Stadt. Rentner, Studentinnen, Künstlerinnen – alle diskutierten über Kommunismus, alternative Formen des Zusammenlebens, die Rolle der Frau. Wir wollten eher das Gegenteil: Nicht mehr diskutieren, machen! Kein feministisches Söckchenstricken, sondern eine Punkband gründen! Damit waren wir natürlich politisch, hätten das aber nie so genannt.

Hat sich das inzwischen geändert? Dein Name kam uns bei dem Thema recht schnell in den Sinn: Du bist Musikerin, Produzentin, Labelbesitzerin, du bist in Künstlerinnen-Netzwerken aktiv – das hat ja schon eine politische Dimension. 
GG: Nee, es passiert mir nicht so oft, dass ich politische Künstlerin genannt werde. Aber irgendwie ist es schon richtig. Mich interessieren eher die Strukturen und Produktionsbedingungen von Kunst. Mir war es wichtig, selbst produzieren zu können, zu entscheiden, wann ich was veröffentliche, und mich mit Gleichgesinnten zu vernetzen. Explizit politische Musik finde ich oft anstrengend. Wobei ich mich eher für internationale Musik interessiere und nicht so auf Deutschland fixiert bin. Aber bei Rockmusik zum Beispiel ist es für mich schon so zum Klischee geworden, dass sie nichts Revolutionäres mehr in sich hat. Und wenn ich sehe, wie sich ein Bono inszeniert, finde ich das eher nervig. Pop in Verbindung mit Politik ist für mich ein ganz fragiles Gebilde.
Monchi, deine Geschichte und damit die von Feine Sahne Fischfilet ist schon oft erzählt worden, auch von uns. Als Punks im nicht gerade linken Mecklenburg-Vorpommern unterwegs, den Verfassungsschutz als PR-Maschine im Rücken, bekennende Antifaschisten, nicht gerade schüchtern, wenn es um Konfrontation geht. Mir imponiert allerdings am meisten, wie selbstverständlich das für euch zu sein scheint. Es kam mir nie wie Gehabe vor. Was ist passiert, dass du so selbstverständlich vorne mit dabei bist? 
Mo: Das hat sich zwangsläufig ergeben. Die erste politische Musik, die ich hörte, war Landser. In meiner Jugend war das völlig normal. Die Nazis waren die Coolen. Die waren Türsteher in der Disco und verteilten auf dem Schulhof CDs mit Nazimucke. Das war mir lange scheißegal. Mit 14 oder 15 ging ich dann oft zu Hansa-Rostock-Spielen und lernte coole Leute kennen, die sich zwar beim Fußball aufs Maul hauten, aber auch Punkmucke hörten. Mein erstes Konzert war Terrorgruppe, glaub ich. Das reichte schon, um in der Stadt als Zecke zu gelten. Ich sah mich nie so und hatte es auch gar nicht mit der Antifa, und trotzdem gab’s immer aufs Maul. Da wurde mir dann klar, was für Arschlöcher Nazis sind. Ich ging nicht mehr auf die Stadtfeste, die ja bei uns oft von Nazis organisiert werden. 
Mit der Band war es ähnlich: In unserer Gegend ist der einzige Club zum Abhängen manchmal die Bushaltestelle. Also machst du ‘ne Band, wenn du was machen willst. Uns ging es anfangs eher ums Saufen. Wir spielten überall in Mecklenburg-Vorpommern und hatten viele Faschos im Publikum, weil die eben auch gern saufen und feiern. Wenn dann der Punkt kommt, dass die ständig abhitlern und das feiern, musst du dich eben irgendwann positionieren und sagen, dass du die Typen erbärmlich findest. So kam das. Wenn ich irgendwo anders aufgewachsen wäre – keine Ahnung, ob das auch so wäre. Mein Vater saß im CDU-Stadtrat, ich hab beim Krippenspiel in der Kirche mitgemacht. Ob das für eine Politisierung gereicht hätte? Haha ...
Maxim, als K.I.Z im vergangenen Jahr das Nr.-1-Album »Hurra die Welt geht unter« und die Single »Boom Boom Boom« rausbrachten, war ich ehrlich überrascht. Im Song gibt es die Zeilen »Ihr Partypatrioten seid nur weniger konsequent als diese Hakenkreuz-Idioten / Die geh’n halt noch selber ein paar Ausländer töten / Anstatt jemand zu bezahl’n, um sie vom Schlauchboot zu treten«. Diese Wut auf Doppelmoral und dieses zynische Sezieren davon passte sehr gut in die damalige und heutige Stimmung. Warum wurden K.I.Z plötzlich so explizit politisch? 
Ma: Viele Bands, die unseren Stil kopierten, waren sehr erfolgreich damit. Deshalb wollten wir uns verändern und dachten, ein ernsthaftes Album zu machen sei eine krasse Idee. Es ist ja auch nicht so, dass nur politische Songs drauf sind, es gibt zum Beispiel auch ein ernst gemeintes Trennungslied. Wir dachten, dieser Move sei ein Risiko. Aber dann hatten wir Glück, weil es auf einmal kurz en vogue war, »Refugees welcome!« zu schreien. Zwei Jahre früher oder auch jetzt hätte das kommerziell sicher nicht so gut funktioniert.
GG: Und damit wart ihr auf Platz 1? Wow, schön, dass so was noch passiert.

Aber es war ja kein reiner Karriere-Move – die Themen scheinen euch vorher schon am Herzen gelegen zu haben.
Ma: Ja, wir hatten das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Und mittlerweile vielleicht auch den Mut oder die Reife, das machen zu können. Wobei ich mich nach wie vor daran störe, wenn mir jemand sagt, wir seien »politisch« geworden. Seltsames Lob, das Wort ist mittlerweile komplett inhaltsleer. Landser sind politisch, Xavier Naidoo ist politisch. Das heißt noch lange nicht, dass die Musik gut ist, die Texte überzeugende Argumente liefern oder eine Haltung, in der ich mich wiederfinde. Für mich muss Musik erst einmal etwas Ehrliches erzählen, um gut zu sein. Ich würde mich nie mit dem Ziel hinsetzen, einen politischen Song schreiben zu wollen.


Ein guter Übergang zu dir, Sookee. Du hast schon mehrfach gesagt, dass es dein erklärtes Ziel ist, politische Songs zu schreiben. Gleichzeitig bist du als Aktivistin bekannt, sprichst auf Panels oder vor Schulklassen, bist in diversen Netzwerken unterwegs und veranstaltest mit dem Kollektiv TickTickBoom Zeckenrap-Galas, die linken Rap ohne Mackertum auf die Bühne bringen. Was klappt besser: ein guter politischer Song oder aktive Basisarbeit? 
So: Ich kann das nicht trennen, ich mache ja beides. In einem Song legst du dich natürlich mehr fest und wirst in eine Form gezwungen. Hier oder auf einem Panel kann ich drauflosquatschen. Ein Lied muss dagegen musikalisch funktionieren, entertainen und im besten Fall auch noch Klicks oder Verkäufe generieren. Das ist keine einfache Aufgabe, und ich scheitere auch oft daran. Ich knabbere in schwachen Momenten immer noch daran, dass mich Noisey mal als rappendes Soziologie-Grundstudium gedisst hat. Aber ich bin trotzdem sehr froh, dass ich mich dafür entschieden habe. Klar gibt es, was Popmusik angeht, fluffigere Varianten als mich, und das ist auch alles cool. Sollen doch andere entertainen.
HM: Darf ich fragen, welche Aufgabe genau du dir gegeben hast?
So: Mein Wunsch ist es, Musik zu machen, die was will, die dokumentiert, kommentiert, sich einmischt und ein bisschen die Gegenwart begleitet. Also gesellschaftspolitische Gegenwartsbegleitung auf einer symbolischen Ebene. Ich glaube an den Satz, dass alles politisch ist.
HM: Ich weiß, worauf du hinauswillst, wenn du sagst: »Ich will Musik machen, die was will.« Aber das ist doch ein wenig allgemein gefasst. Das will ich ja auch.
GG: Das will jeder.
So: Ich will tatsächlich in meiner Musik politische Themen behandeln und sie aus meiner Position und meiner eigenen Betroffenheit angehen. Zum Beispiel kann ich über Rassismus anders sprechen als über Sexismus. Weil ich von Sexismus direkt betroffen bin, von Rassismus nicht. Natürlich habe ich ein Unbehagen, das ich einfach rausschreibe. Ich werfe aber niemandem vor, keine politische Musik zu machen. Aber meine Weltsicht ist tendenziell so. Und an vielen Stellen fehlt mir die Politisierung in der Gesellschaft und ein politisches Selbstverständnis. Ich zähle mich tendenziell zu denen ...
HM: ... die das ändern wollen.
So: Genau. Die Interesse daran haben, dass da mehr ist als die da oben und ich als kleine Frau da unten. Die zeigen wollen, dass es ein politisches Selbstverständnis gibt, das darüber hinausgeht, wen ich wähle. Dass Politik eigentlich viel größer ist als das, was der Parlamentarismus uns anbietet, und dass wir viel mehr Spielraum haben. Sei es als Künstlerin oder Privatperson.
Henning, du warst der Erste, der für dieses Gespräch zugesagt hat. Dabei scheint es gerade im Pop-Feuilleton Volkssport zu sein, deine Band AnnenMayKantereit wahlweise als Symptom oder Soundtrack einer entpolitisierten braven Jugend zu bezeichnen, wie sie in der kürzlich veröffentlichten Sinus-Studie genannt wurde. Da wurde sogar das fürchterliche Wort »Neo-Biedermeier« für euch rausgekramt. Ich fand das ziemlich daneben. Vor allem, weil sich mittelalte Männer mit Festanstellung in ihren Kulturredaktionen Urteile über die »Jugend von heute« anmaßen. Wie hast du diese Kritik aufgenommen? 
HM: Erst mal habe ich mich gefreut, dass wir – als in meiner Wahrnehmung unwichtige Band – plötzlich für das Feuilleton so eine Relevanz haben, dass man uns ankreidet, nicht gesellschaftskritisch genug zu sein. Sind wir nach unserem Debütalbum schon so wichtig für die? Wow! Trotzdem ist es völlig sinnfrei, von einem Musiker so einen Themenkatalog einzufordern, bloß weil er eine gewisse Reichweite hat. Dennoch habe ich als jemand, der in der Öffentlichkeit steht, natürlich die Verantwortung, ein bisschen besser darüber nachzudenken, was ich sage. Und auch wenn wir es in unseren Liedern bisher nicht tun, heißt das doch nicht, dass wir uns dieser Verantwortung nicht bewusst sind und sie nicht nutzen werden. 
GG: Es gibt ja auch in der Popmusik genug Beispiele von Künstlern, die nicht ständig über Politik singen, sich aber stark engagieren. Nimm Prince zum Beispiel: Der hat Unmengen an Geld ausgegeben für Projekte, die er unterstützenswert fand, ist damit aber nie hausieren gegangen, wie es beispielsweise U2 machen. 

Und wie willst du diese Verantwortung nutzen, Henning? Wegen Fragen wie dieser haben wir uns schließlich hier versammelt.
HM: Genau deshalb war es für mich wichtig, zu kommen. Weil ich mit euch genau darauf Antworten finden will. Um es mal auf mich zu beziehen: Ich bin kein Mensch, der Parolen singen will. Ich würde es nicht übers Herz bringen, »Nazis raus!« in einen Refrain zu quetschen. Musik hat für mich eine andere Funktion. Aber vielleicht sollten wir als Band unseren Fans zeigen, dass wir uns abseits der Musik für gesellschaftliche Entwicklungen interessieren und diese bisweilen mit Sorge betrachten. Teilweise machen wir das mithilfe unserer Social-Media-Reichweite, indem wir zum Beispiel die Quellen teilen, die wir gerne mögen. Die Zeitungen, denen wir vertrauen. Oder Bands, deren Einstellung wir teilen. Als ihr auf Facebook vor ein paar Wochen eure Meinung zur Lage auf Facebook rausgehauen habt, haben wir das über unseren Twitter-Account geteilt. Außerdem engagieren wir uns als Band zum Beispiel für ein Inklusionsprojekt und für Pro Asyl. Wenn du als Musiker im Fokus stehst, gibt es immer Fans, die auch deine Interessen adaptieren. Deshalb hat man dort eine gute Chance, zu signalisieren, wo man steht und was man bewegen möchte, ohne das zwangsläufig in der Musik zu tun. Und ich finde, dieser popkulturelle Rahmen, in dem wir hier sitzen, sollte es sich zum Ziel machen, gerade jungen Menschen zu vermitteln, dass es nicht nur wichtig, sondern vielleicht auch cool oder hip ist, sich für Politik zu interessieren und Einfluss zu nehmen. Ich finde zum Beispiel, Feine Sahne Fischfilet und du, Monchi, ihr bekommt das sehr gut hin. Du belehrst nicht, du erklärst nicht, wo es langgeht, du benutzt linkes Vokabular, aber auch mit einer gewissen Selbstironie.
Mo: Danke! Was mir persönlich bei dieser Frage wichtig ist: Die Leute, die was machen wollen, sollten aufhören rumzuheulen, wie schlecht alles ist. In unserer Gegend ist man nicht gerade Mainstream, wenn man sich gegen Nazis einsetzt, und es gibt Gegenden, da haben sich ganze Fascho-Parallelgesellschaften gebildet, aber trotzdem ist meine Erfahrung, dass es immer auch coole Leute gibt. Die muss man erreichen und mit denen was machen. Wir sind in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen sehr bekannt und können das fast ein wenig schamlos ausnutzen. Und das tun wir, gerade in Anbetracht der Landtagswahlen im September, wo NPD und AfD vermutlich abräumen werden. Wir machen sehr viel – Fußballturniere mit Vorträgen in Parchim, Konzerte in irgendwelchen Restaurants in braunen Dörfern –, und bei all den Vorbereitungen ist es schön zu sehen, dass es überall diese geilen Leute gibt. Es wäre fatal zu sagen, da ist alles schlimm, Bombe drauf und gut is. Die guten Leute muss man supporten, man muss ja nicht gleich hinziehen. Ich wohne ja auch in Rostock, einer Stadt, in die man als Linker in Meck-Pomm hinzieht, wenn man nur manchmal aufs Maul bekommen will.

So: Aber das ist auch eine trübe Arbeit. Ich habe das eine Weile mit einem Verein von Berlin aus versucht. Erst mal formulierst du dir einen Wolf, um aus irgendeinem EU-Topf Geld dafür zu bekommen. Dann musst du die richtigen Leute erreichen, was auch nur geht, wenn man viel vor Ort ist und Vertrauen aufbaut. Und dann muss man sich in einem Bericht sensationelle Ergebnisse zusammenlügen, damit man überhaupt weitermachen darf. Diese ganze offizielle Demokratie-Bildungsarbeit ist da leider ebenso problematisch und verlogen.
Ma: Das klingt gerade so, als müssten wir das nachholen, was der Staat versäumt hat. Aber wie kommt ihr denn überhaupt darauf, dass sich der Staat zur Aufgabe gemacht hat, eure politischen Ideen zu vertreten oder zu verbreiten? Ich glaube, da sucht man sich einen völlig falschen Freund aus. Die parlamentarische Politik setzt sich ja ganz andere Ziele. Die wollen keine schöne Welt ohne Rassismus. Und dann ist man schnell bei der Frage, ob sich unser Staat wirklich so sehr von den Nazis unterscheidet. Die Unterscheidung von In- und Ausländern ist etwas, das in unseren Gesetzen steht. Dass Grenzen zu gelten haben und die zur Not mit Gewalt verteidigt werden, ebenso. Dass Menschen nur unter komplizierten Bedingungen – und wenn sie für unsere Marktwirtschaft nützlich sind – hier leben dürfen, ist auch etwas, das ganz normal in unserer Demokratie passiert. Deshalb würde ich davor warnen, sich auf die zu verlassen.
Mo: Was du sagst, hört sich total gut an. Das habe ich so eins zu eins im Antifa-Handbuch gelesen.
Ma: Glaub ich nicht!
Mo: Hast recht, das war jetzt polemisch. Aber dein Satz ja auch. Ich unterschreibe den natürlich, aber trotzdem ist es doch besser, die Möglichkeiten zu nutzen, die es gibt, und damit was Gutes auf die Beine zu stellen. Vielleicht geben sie nur Geld aus, weil sie Angst haben, dass Nazis schlecht für den Tourismus auf Rügen und Usedom sind, und das ist total räudig – trotzdem treffe ich mich in den nächsten Tagen mit einem CDU-Bürgermeister, um ‘ne Aktion auf die Beine zu stellen, die wir geil finden und mit der wir die richtigen Leute erreichen können. Das ist ein schmaler Grat für mich – wir stehen ja immer noch im Verfassungsschutzbericht des Landes und mussten wegen eines Politikers unsere Releaseparty woanders machen –, aber ich glaube an die Nummer, und deshalb mach ich das. Obwohl man mich im Antifa-Café garantiert nicht dafür feiert, dass ich mit denen Schnittchen fresse. Sorry, das klingt so märtyrerhaft. So bin ich nicht, aber ich hoffe, ihr wisst, was ich meine. 
So: Das sind eben die Widersprüche, die wir aushalten müssen: diesen Staat aus Prinzip abzulehnen, aber trotzdem die Kompromisse einzugehen, die dann meinetwegen die Sozialdemokratie anbietet. Und um auf die Anfangsfrage zurückzukommen, was wir verändern können: Ich halte es für einen guten Ansatz, politische Themen mit einem guten Song ins Bewusstsein zu holen, mit Satire und Überspitzung reinzugehen, aber gleichzeitig eine explizite Äußerung zu machen. Das ist dann meinetwegen auch mal eine Parole, aber auf die kann man sich manchmal eben verständigen. 
Was mir bei dieser Diskussion aber noch fehlt, ist die Frage, welche Themen denn überhaupt als politisch empfunden werden. Es geht ständig darum, dass man sich gegen rechts positioniert, Kriegseinsätze zu kritisieren oder – was Megaloh oft macht – Klassenfragen zu diskutieren. Mittlerweile ist man auch mit Homosexualität fein, aber auch und vor allem in der Popmusik – und nicht nur da – bleibt Sexismus immer so das Kavaliersdelikt der Diskriminierungen, das auch in so einer Runde nicht oder kaum zur Sprache käme, wenn ich es nicht schon wieder ansprechen würde. Und tatsächlich ist das ein wenig ätzend. Ich merke auch schon, dass ich mich ein wenig ärgere, dass ich es schon wieder anbringe, aber gerade hier will ich es nicht ungesagt lassen. Es ist tatsächlich ein Thema, das immer nur von denen kommt, um die es geht, und das zum Beispiel ganz selten mal von Männern angefasst wird. Das wird auch nicht als explizit politisches Thema begriffen, sondern eher so als Betroffenheitsding. Wäre schön, wenn sich das mal ändert. 
GG: Aber das wird noch eine ganze Weile dauern. Mir passiert es auf internationalen Festivals immer noch, dass ich morgens in einen Frühstücksraum voller Typen komme und die mich für eine Promoterin halten. 
Me: Ich muss leider zustimmen, dass Sexismus noch sehr stark in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Und ich finde schon, dass es ein politisches Thema ist. Mir hilft es, wenn Künstlerinnen wie ihr Erfahrungen im Gespräch oder in eurer Musik mit mir teilen. Weil ich als Mann das einfach nicht nachempfinden, aber mein eigenes Handeln so hinterfragen kann. Und so sollte politische Musik doch auch ihre Wirkung entfalten. Aus den eigenen Erfahrungen heraus. Und die Erfahrung, die ich teilen kann, ist nicht Sexismus, sondern Rassismus: Ich bin geboren worden und habe in den ersten Jahren keine Farben gesehen. Meine Mutter ist schwarz und mein Vater ist weiß. Dann musste ich in die Welt raus und bin gezwungen worden, diese Farben zu sehen, weil mir viele signalisiert haben, ich sei anders.
Vielleicht noch einmal zurück zum Impuls für unser Zusammentreffen: Obwohl ich in Berlin lebe und da natürlich so eine Toleranzblase um mich habe, hatte ich in den letzten Monaten das Gefühl, dass irgendwas gekippt ist. Dass die braune Scheiße lauter stinkt und oft Zuspruch statt Gegenrede bekommt, obwohl man doch gerade jetzt lautstark Toleranz zeigen müsste. Auch im erweiterten Bekanntenkreis ist es leider so. Geht nur mir das so, oder empfindet ihr das ähnlich? 
Me: Da stimme ich dir zu. Das liegt aber daran, dass »die Probleme« auf einmal vor der eigenen Tür liegen und man sich damit befassen muss. Obwohl es ja schon perfide ist, dass flüchtende Menschen so gelabelt werden. Ich glaube nicht, dass Deutschland mal toleranter war. Als damals der Brothers-Keepers-Song »Adriano (Letzte Warnung)« in den Charts war, habe ich studiert und musste mir immer anhören: »Ah, diese Schwarzen. Dass die sich immer noch so aufregen müssen, das ist doch längst nicht mehr so.« Aber das ist Quatsch. Ich bin ehrlich gesagt ganz froh, dass man diese Stimmen jetzt hört. Dann sieht man wieder, womit man es zu tun hat.
Ma: Genau. Diese Typen waren immer da. Und ich muss noch mal drauf hinweisen: Als Pegida aufmarschierte, haben sich alle Politiker darüber empört – und dann deren Forderungen knallhart zum Gesetz gemacht. Gleichzeit haben sie diese Willkommenskultur-Blabla-Scheiße von sich gegeben. Das wurde missverstanden als »Hey, cool, komm her, was kannste denn?«. Aber darum geht’s ja nicht. Es ist kein fröhliches Dazukommen und Mitmachen. Du wirst in ein Haus gesperrt, bewacht, und dann schauen wir mal, ob du nützlich bist für uns.
Mo: Sorry, aber ihr habt da auch eine etwas verklärte Großstadtperspektive. In meiner Gegend ist die NPD seit 2006 im Landtag. Da geht es nicht um ein paar Naziaufkleber oder an die Wand gemalte Hakenkreuze, da gibt es eine Parallelgesellschaft. Diese Leute sind etabliert. Und das ist nicht zehn Stunden entfernt, man muss nur mal zwei Stunden mit dem Auto aus Berlin rausfahren. Diese Erschrockenheit der Dinge kann ich deshalb nicht so ganz verstehen.
Ma: Wir sehen das aber doch auch. Man muss doch nur die Bild-Zeitung aufschlagen. 
Mo: Das Thema taucht natürlich in den Medien auf, aber da sind es oft die Freaks aus Dresden oder aus den Provinzen. Ich meine: Es ist ja toll, dass es in Berlin diese Wohlfühloasen gibt ...
GG: ... Das finde ich jetzt aber unpassend. Berlin hat auch viele sichtbare Probleme. Wie meinst du das?
Mo: Es ist schon eine Wohlfühloase, wenn du hier mit einem »Fuck Nazis«-Shirt rumlaufen kannst, ohne aufs Maul zu kriegen. Oder eben keine rechte Partei mit 18 Prozent in der Regierung sitzen hast. Auf einmal habt ihr das Problem auch in den Innenstädten. Und als es das noch nicht gab, hat man gerne weggeschaut. Provinz halt. 
GG: Ich finde das Wort Wohlfühloase immer noch ungerechtfertigt: Es gibt so viele Leute, die sich in Berlin engagieren. 
Mo: Ich meine das auch gar nicht böse und wollte nicht in ein Berlin-Bashing geraten. Ich find’s super hier!
So: Ich glaube, man kann sich auf dem Land nicht aussuchen, ob man etwas macht oder nicht. Wenn man in Berlin lebt, ist das leicht.
Findet ihr denn, dass diese Sichtbarkeit der »Gegenseite« und der aktuellen Probleme unsere Zeit, euer Schaffen oder eure Fans politischer gemacht hat? 
GG: Es ist tatsächlich so, dass auch in meinem Umfeld viel mehr über Politik gesprochen wird, auch über diese Gendersache. Das ist ein Thema geworden, das wir immer und überall diskutieren. Ich finde, Deutschland ist politischer geworden.
So: Es ist eine politische Zeit, ja.
GG: Das ist vielleicht auch der Grund, warum sich die Rechte mehr raushängt, weil sie auch lauter werden muss. Insgesamt finde ich, es ist ein wacher Augenblick, das könnte auch eine Chance sein.
Mo: Es ist so eine Ausdifferenzierung erkennbar, dass man sich zu manchen Dingen jetzt einfach positionieren muss, die dann ausdiskutiert werden. Das kann auch schon mal eklig werden – ich hatte so ein Gespräch zum Beispiel letztens auf der Jugendweihe eines Verwandten. Aber immer wird gleich gestritten. 
GG: Selbst meine Mutter redet plötzlich wieder über Politik. Sie sagte mir kürzlich: »Als die Italiener und Griechen damals kamen, waren die Deutschen genauso. Die sind immer so.«
Mo: Jetzt wird klar, dass jeder »Nazis raus« schreien kann. Das bedeutet gar nichts. Das macht auch der größte Spinner, wenn es gerade passt.
So: Selbst die Rassisten tun ja so, als wären sie keine, und sind dann gegen Nazis.
Bei diesen Diskussionen gibt es keine einfachen Lösungen. Ich erwische mich zum Beispiel oft dabei, dass ich ganz froh bin, nicht auf höchster politischer Ebene Dinge entscheiden zu müssen.
Ma: Das halte ich für ein ganz falsches Gedankenspiel. Das ist so »Wenn ich König von Deutschland wäre«-mäßig. Dann muss man ja gleich diesen Staat mit seinen Mitteln und Voraussetzungen und Werkzeugen akzeptieren. Das ist ja das, was richtig eklige Politiker machen: »Was würden Sie denn tun?« Dabei will ich gar nicht an deren Stelle sein. Ich will nicht Diener dieses Throns sein.
So: Und man redet sich damit raus, obwohl wir das ja gar nicht müssen. Wir haben ja individuell Möglichkeiten, uns zu engagieren. Diese »Die da oben, wir da unten«-Perspektive bringt einen nicht weiter. Als Teil einer Gesellschaft, als Bühnen- und als Privatperson – ich neige dazu, das nicht zu trennen – habe auch ich eine Verantwortung, zu handeln und das Maul aufzureißen.