×

Lieber Leser, bitte wähle deinen Ansprechpartner aus:

Fragen an die Redaktion

Werbung auf Intro.de

Werbung im Intro Magazin

Intro Abo

Fragen zum Vertrieb

×

INTRO – Über 27 Jahre dein Magazin für Popkultur und Kontrollverlust. Der aktive Betrieb ist eingestellt. Hier findest du weiterhin das gesamte digitale Archiv 1992-2018.

Von Elchen, Skweee und weißen Nächten

Reportage: So klingt Finnland

Steffen Greiner traf sich für diese Reportage in Rekordzeit mit ungefähr allen Menschen, die einen Namen in der finnischen Musikszene haben. Außer mit HIM, Nightwish und Lordi. Warum wir ihn in diesen Wahnsinn schickten? Weil wir uns fragten: Wie klingt dieses Land eigentlich? Warum hat man es nicht auf dem Schirm? Und wieso könnte sich genau das bald ändern?
Geschrieben am
Finnland beginnt für mich in Berlin, in einem dieser Cafés auf der Prenzlauer Allee, die man normalerweise zu meiden sucht. Aber an diesem ersten Sommertag des Jahres bei heißen 30 Grad treffe ich hier einen, der Helsinki hinter sich lassen musste, um seinen musikalischen Durchbruch zu starten, und jetzt hier um die Ecke wohnt: Jaakko Eino Kalevi. Sein aktuelles selbstbetiteltes Album ist ein Psycho-Disco-Wunderding. Er selbst sieht aus, wie jemand eben aussieht, der in weirde Retro-Grooves macht. Ein bisschen wie Ariel Pink in noch druffer und engelsgleicher. Mit am Tisch sitzen Gesangspartnerin Suad Khalifa und Sami Toroi alias Long-Sam, der abends Jaakkos anstehenden Tour-Auftakt im Urban Spree eröffnen wird. Beide sind frisch aus Finnland eingeflogen und etwas überfordert mit dem heißen Berlin: In Finnland regnet es bei um die zehn Grad – das erhöht meine Vorfreude auf die Recherchereise in den Norden gleich immens. Fast eine Woche werde ich im Juni in Helsinki verbringen. Gemeinsam mit der Fotografin Juliana werde ich Musiker von Schlager bis Doom treffen, dazu DJs, Label- und Filmemacher. Es tut sich nämlich was in Finnland – wir haben nur bisher zu wenig davon mitbekommen. Die Szene strotzt vor Optimismus, dass sich das bald ändert. 

Finnische Namen klingen einfach interessant.

Man könnte fast glauben, Finnland sei so unauffällig wie die sympathischen, melancholischen Charaktere in einem durchschnittlichen Kaurismäki-Film. Die Nation geizt mit Klischees. Norwegen hat die Wikinger, Schweden das Sozialsystem und ABBA, Dänemark immerhin Dogma 95. Und Finnland? Sauna, Seen und ... den Skispringer Janne Ahonen? Mika Häkkinen? HIM? Finnland ist eines dieser Länder, über die man noch nicht ganz so viel weiß. Außer, dass sie im hohen Norden liegen und irgendwie sympathisch sind; der Alkohol wird teuer sein und die Luft kalt. Finnland ist eines dieser Länder, gegen das die deutsche Fußballnationalmannschaft einmal pro Jahrzehnt in einem irrelevanten Qualifikationsturnier antreten muss; das Spiel ist die Krönung der Unbedeutsamkeit und endet null zu null. Und nach dem Abpfiff erzählt Sepp Maier einen Witz: »Was heißt Sonnenuntergang auf Finnisch? – Helsinki!« Ja, wenn der wüsste.

Eine Figur aus einem Kaurismäki-Film ist Jaakko Eino Kalevi ganz sicher nicht – obwohl er in Helsinki lange den kaurismäkiesken Beruf des Straßenbahnfahrers ausgeübt hat. Nach Berlin gezogen ist er vor allem, weil er einen Wechsel brauchte. Das gleiche Gefühl brachte ihn als Jugendlichen schon dazu, von der mittelgroßen Stadt Jyväskylä nach Helsinki zu ziehen – wie so viele. In der Hauptstadt wurde er mit seiner Musik rasch zum Underground-Star, zu einer prominenten Figur in einer Szene, die tatsächlich so klein ist, wie sie sich hier in Berlin am Tisch bereits andeutet. Was unterscheidet die alte von der neuen Heimat? »Helsinki ist viel kontrollierter und organisierter. Berlin wirkt freier.« 2008 erschien Jaakkos Debüt-EP, aber die Strukturen seines Labels erlaubten keine internationalen Releases – auch ein Grund, das Land zu verlassen und so sichtbarer zu werden. Das ist er nun: Sein erstes Album bei einem großen Label ist selbstbetitelt, der aberwitzige Opener besteht vor allem aus einer beinahe gregorianisch verlayerten Repetition seines Namens. »Finnische Namen klingen einfach interessant«, weiß Kalevi.
Kneipengipfel der Generationen

Eine gute Woche später bin ich dann tatsächlich in der Tram von Helsinki. Sogar der Sommer ist mittlerweile angekommen. Es herrscht schönster Sonnenschein, an jeder Ecke findet sich ein vollbesetzter Park, und es gibt Meer. Und weil Helsinki auf einer Halbinsel liegt, eine ganze Menge davon – bloß, dass es nicht am Horizont endet, sondern im Insellabyrinth der Schären, und sich ohnehin nicht so richtig nach Meer anfühlt, hier, im Finnischen Meerbusen, der letzten Sackgasse der Ostsee, die sich bis nach Sankt Petersburg erstreckt. Auch beinahe ein Jahrhundert nach Ende der russischen Herrschaft ist Finnland ein Berührungspunkt von West und Ost: Die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe des Landes kommt nicht aus dem Nahen Osten, sondern besteht aus russischen Queers – denen die finnische Post wiederum 2014 ein großes Solidaritätszeichen sandte, als sie eine Briefmarkenserie mit homoerotischen Motiven des Künstlers Tom Of Finland herausgab. Aber auch wenn ich Finnland in einer Phase erlebe, wo sich viel bewegt und alle Menschen, die ich treffe, einen unerhörten Optimismus versprühen, rüstet man sich für Streiks: Die neue rechtskonservative Regierung plant radikale Kürzungen im Bildungsbereich, und überhaupt kommt die neue Regierungspartei der Wahren Finnen, die ein offen ausländerfeindliches Programm verfolgen, im liberalen Helsinki so gar nicht gut an.

Für eine kleine Kneipentour treffe ich am Abend drei Musiker, ein kleiner Gipfel zweier finnischer Musikgenerationen, der wirklich in Rage gerät, als das Thema aufkommt: »Es sieht richtig düster aus. Für arme Menschen, für die Bildung, für die Kultur. Es ist ein Desaster, mir wird wirklich schlecht«, findet Miikka Koivisto. Mit den HC-Punk-Veteranen vom Disco Ensemble ist er ein unermüdlicher Arbeiter im Weinberg des europäischen Festivalwesens. Gerade versucht er sich mit dem Electro-Pop-Projekt Hisser erstmals als Solist und ist insgesamt ein knuffiger Typ – genau der Richtige für so einen Bierabend im Ex-Arbeiterviertel Kallio mit all seinen Bars. Neu im Business ist hingegen Vesa Hoikka von der Electro-Folk-Band Redder. Und dann wäre da noch Noah Kin, den demnächst sowieso jeder kennen wird – als einen der besten europäischen HipHopper. 
Vom Spucken, Singen, Rappen und Zerhacken

»Ich kann es fast schon physisch fühlen, dass ich an einer Position bin, von der aus es anfangen kann. Ich habe verschiedene Sachen probiert, und es war gut, dass mir dabei nicht die ganze Welt zugeschaut hat. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, hinauszutreten – mit einem Ziel.« Noah, der so selbstbewusst seinen eigenen potenziellen Durchbruch beschreibt, ist 19, aber er hat schon einige Kämpfe hinter sich. Als schwarzer finnischer Rapper außerhalb Finnlands wahrgenommen zu werden ist schwierig, vielleicht aber leichter, als im Inland als auf Englisch performender Rapper wahrgenommen zu werden: »Ich fühle mich schon einsam. Es gibt hier vielleicht zehn Menschen, die auf Englisch rappen. Finnischer HipHop ist dagegen fast schon Mainstream.« Für Noah unverständlich: »Im Englischen kannst du Worte ausspucken, wenn du aber Finnisch singst, musst du die Worte zerhacken, viele kannst du einfach nicht strecken, wie du willst, ohne den Sinn zu ändern – Finnisch hat keinen Flow.« Und doch geben die publikumsstarken Labels Künstlern, die nicht in der Landessprache singen, keine Chance. »Das ist so lächerlich. Wir haben eine falsche Art von Nationalstolz, eine Mentalität, die fordert, dass alles, was Finnland ist, in Finnland bleiben soll. Niemand hat Interesse daran, im Ausland berühmt zu werden. Aber: In Finnland gibt es fünf Millionen Menschen – und da draußen warten sieben Milliarden!«
Kreuzberg ist (auch) in Helsinki

Irgendwann, viel später – mein Biorhythmus ist schon gut abgefuckt, nicht wegen Bier und Salmiakki, sondern wegen Sonne geht nicht unter – erläutert Miikka Koivisto, dass der gerade Weg zur klassenlosen Gesellschaft über Ladendiebstahl führt – über einen offensiven, kollektiven Ladendiebstahl-Flashmob. Solche Gedanken kommen einem in Kallio, dem Kreuzberg von Helsinki, ganz automatisch. Und natürlich gibt es neben solidem Szene-Shit auch hier Schaufenster, die in 50er-Jahre-Schönschrift »Local Design made in Kallio« anpreisen – kann man vielleicht also auch schon wieder knicken. Als wir uns Stunden später verabschieden, ist noch immer Goldene Stunde, die irgendwann um Mitternacht in eine Blaue übergeht, die dann bis zum Sonnenaufgang um vier dauert. Weiße Nächte, nennen es die Poeten, und es ist ja auch schön. Bloß: Ich liege wach im Hotelbett, schlafe einfach nicht ein, geh dann doch noch mal raus ans Meer, bisschen den Dostojewski raushängen lassen, der über diese Nächte eine schöne Novelle schrieb, Liebe und so. Aber der musste am nächsten Morgen vermutlich auch keine Petersburger Nachwuchsbands interviewen.
Die Balance zwischen Hirn und Herz

Übermüdet wie erwartet treffe ich mich am nächsten Morgen mit einer Größe der finnischen Szene: Mirel Wagner, die erste finnische Gewinnerin des Nordic Music Award für ihr letztjähriges Album »When The Cellar Children See The Light Of Day«. Sie ist so etwas wie die charismatischste Black-Panther-Ikone, die die 60er für uns übrig ließen – fetter Exotenbonus also? »Ich würde es Leuten nicht vorwerfen, wenn sie es exotisch finden, dass ein finnisches Mädchen mit dunkler Haut amerikanischen Blues singt – es ist ja auch etwas sehr Eigenes.« In der Tat: Mirel Wagners Musik, ihre eindringliche Stimme, zurückhaltend minimalistisch auf der Akustikgitarre begleitet, geht eigentümlich unter die Haut. Mirel lerne ich beim Streifen über die alte Seefestung Suomenlinna kennen, auf einer Insel vor der Stadt. Es ist schwer, nicht von dieser Frau eingenommen zu sein – vielleicht, weil sie eben gar nicht ikonisch drauf ist, sondern so, wie man als kluger Mensch in professionellen Situationen eben drauf ist, in denen man im Mittelpunkt zu stehen hat, obwohl man doch gar kein Mittelpunktmensch ist – etwas zurückhaltend, etwas lauernd, etwas offen. Wir reden über die Zukunft: »Ich versuche vor allem, meinen Gefühlen zu folgen, aber gleichzeitig smart damit umzugehen. Du brauchst eine Balance zwischen Gefühl und Gehirn, du musst Worte finden und filtern. Vielleicht gibt es dafür so was wie ein unterbewusstes Download-System, das alles speichert, was du aufgenommen hast.« Und dann tut sie doch noch so, als sei sie gerade aus den 60ern rübergebeamt worden: »Ich würde es mögen, 400 Tage im Studio zu sein und keinen Ton zu veröffentlichen.« Muss man ihr nicht abnehmen, und wer sie am nächsten Tag auf dem Sideways Festival erleben darf, wie sie da in die Hitze des Sommertages die Kälte von Nächten in der Wüste malt, spürt ohnehin, wie zielstrebig sie an ihrer Musik arbeitet.
Riot-Grrrl-Cheese-Metal und JUZ-Pogo-Level

Es ist die erste Ausgabe des Sideways Festivals – stilvoll angesiedelt im alten Schlachtereidistrikt Helsinkis, verbindet es große Namen mit lokalen Größen. Und wenn die Headliner Dizzee Rascal und The Jesus And Mary Chain heißen, hat ein Festival eh alles richtig gemacht. Nimmt man noch das etablierte Flow Festival dazu, das unweit von hier stattfindet, hat Helsinki jetzt doppelt so viel von dem, was deutschen Großstädten bisher nur so halb gelang: richtig gute Open Airs in der Innenstadt.

Und offensichtlich entwickelt sich in diesem großen Land mit der geringen Bevölkerungsdichte gerade eine außergewöhnlich vitale und breit gestreute Szene, die hier zu entdecken ist – einige Acts wiederum sind schon alte Bekannte: Suad und Miikka treten solo auf, Herr Kalevi feiert eines seiner selten gewordenen Heimatkonzerte. Während drüben auf der Main Stage Ariel Pink mit debil schlechten Transen-Gags die Menge eher kalt lässt, zieht hinten in der Sackgasse namens »Betonilava«, Betonbühne, The Hearing a.k.a. Ringa Manneri ein kleines Häufchen Zuschauer mit Loopgeräten, Keyboard, Drumpad, Stimme und schön heiß-kalten Soundlandschaften in ihren Bann. Wie für die nächste Hausprojektparty gemacht ist dagegen der Riot-Grrrl-Cheese-Metal von Fate vs. Free Willy. Von Noah Kin und Miikka Koivisto aufs Schärfste empfohlen, bieten aber tatsächlich die Surfrock/Postrock-Experimentalisten Teksti-TV 666 die größte Party. Das Publikum dreht völlig ab – JUZ-Pogo-Level mit toller Musik. Auch geil: K-X-P, die mit zwei Drumsets feinsten Analog-Techno runterrocken. Paperi T wiederum ist einer jener finnischsprachigen HipHopper, aber keiner für den Mainstream. Der Künstler pflegt einen Priesterhabitus, es geht um Drogen und Selbstzerfleischung, und auch wenn ich nichts verstehe: So schlecht funktioniert das gar nicht, das finnische Grummeln über Beats. What’s next? Ah ja, Tähtiportti. 

Mit Hakenkreuz zum Rohrschachtest

Tähtiportti sind geschmackloser Neon-Hakenkreuz-Spaß mit einem Sänger, der wie Jonathan Meese aussieht, nur ein wenig schamloser. Er trägt Kirmes-Monster-Maske und einen Stimmverzerrer, schwenkt dabei mit nacktem Oberkörper mystisch ein Buch, aus dem er über seltsam groovendem Synthie-Sound vorzusingen pflegt. Und so sehr man sofort losdiskutieren will, man muss doch zugeben, dass auf dieser Seite der Vernunft seine Show nur als crazy shit durchgeht.

»Die Band ist ein Rohrschachtest«, sagt Tähtiporttis Synthie-Mann Perttu Häkkinen zwei Tage später beim Brunch, für den wir in die Vororte rausgefahren sind, zu einstöckigen Reihenhäusern und Vorgärten. Perttu ist ein flinker Popdenker, lebendes Archiv finnischer Musik, irritierend talentierter Künstler und Journalist – und das freundlichste Gesicht dieser unsäglichen Querfront. Er hat in Holland in einem besetzten Haus gelebt, in allerlei linken Freiräumen aufgelegt, liebt Krautrock und Italo-Disco und ist der wohl einzige Mensch, der ganz ernsthaft von der Tangerine-Dream-Abschiedstour schwärmt, während sein zweijähriger Sohn mit seiner Spielzeugfeuerwehr im Garten um uns herumwuselt. Später präsentiert Perttu seine Bibliothek, in der Wilhelm Reich, »Mein Kampf« und Verschwörungen um Nazi-Geheimwaffen fröhlich aneinanderlehnen, zeigt sein gerade erschienenes Buch über Okkultismus in Finnland und einen Artikel aus einem Pornoheft von 1983: »Diesmal ist meine Zeit gekommen!« lässt er da den finnischen Rechtsterroristen, Okkult-Faschisten und Irren Pekka Siitoin zu Wort kommen. Siitoin präsentiert sich auf dem Aufmacherfoto mit vom Balkon hängenden Hakenkreuz-Banner und Hitlergruß; ein Thema, auf das man nur kommt, wenn man völlig schmerzbefreit ist, doch ein Nazi – oder eben der finnische Wiedergänger von Hunter S. Thompson. Sicher ist hier einzig, dass Perttu fasziniert ist von Outlaws: Tähtiporttis Sänger, Sami Hynninen, hauptberuflich bei der Doom-Metal-Legende Reverend Bizarre, schreibt seine Songs in den kreativen Hochphasen zwischen psychotischen Schüben. Ein anderer partner in crime Perttus ist der Rapper Michael Black Electro. Der wandte sich vor einigen Jahren dem Islam zu und rappt nun ausschließlich Koransuren. 
Langsam, verstörend, tanzbar: Skweee

Sollte es erstaunen, dass der Mann mit Rappern ebenso zusammenarbeitet wie mit Doom-Sängern: Perttu Häkkinen ist unter dem Namen Randy Barracuda eine Legende der elektronischen Musik und die Gründerfigur des einzigen relevanten skandinavischen Electro-Genres: Skweee. »Zunächst waren da diese Schweden, die spielten Electro-Reggae – totaler Hippie-Crap, aber tolle Menschen«, erinnert sich Perttu. »Wir tranken oft zusammen, und irgendwann blendete sich diese sinistre Electro-Musik dazu. Es war eine Zeit, als alle genug hatten von Techno. Techno ist dafür gemacht, stumpf zu sein, darum geht es, und das mochte ich in den 90ern. Aber dann wurde es immer noch dumpfer, immer minimaler – und House war sogar noch schlimmer. Uns ging es darum, etwas anderes in die Clubs zu bringen, und ich mochte immer Electro-Funk. Langsam und verstörend, aber immer noch tanzbar sollte es sein. Manchmal war es toll, manchmal ein Desaster, aber das passiert, wenn man zu experimentieren anfängt.« Ab Ende der 2000er beeinflusste Skweee – der Name rührt vom Squeezen der Synthies – dann die Entwicklung von Dubstep und gewann international an Aufmerksamkeit – mit merkwürdigen Hochburgen wie Österreich und Japan. 
Der musikalische Exportschlager, der nicht Lordi heißt

Überhaupt zählt Elektronik zu den musikalischen Exportschlagern: Das Spektrum reicht vom House-Blockbuster Huoratron bis zum zurückgezogen experimentierenden Dissoziativ-Techno-Schrat Vladislav Delay. Eine neue Dokumentation namens »Machine Soul« von Tero Vuorinen erzählt die Geschichte von den Pionieren der 1960er-Jahre bis heute – und »muss« sich, wie alle anderen Electro-Geschichten auch, heftig an Berlin abarbeiten: So wie dort zu sein, das ist das Ziel der finnischen Clublandschaft. Erst wer in Berlin gespielt hat, kann sich in der Heimat etablieren. Nur dass Finnland eine ganz andere Art urbaner Kultur hat: »In Berlin oder Detroit korrespondiert die Musik mit der Urbanität. Hier korrespondiert sie mit etwas anderem, vielleicht mit der Natur«, sagt der Regisseur. Auch in der Elektronik ist Finnland ein Land, das massiv Einflüsse von außen aufsaugt und gleichzeitig isoliert bleibt. »Damals hieß es immer, die Bands schaffen es nur bis Schweden, danach müssten sie die Fähre nehmen, und das kam ihnen immer zu weit vor. Finnland ist zu weit weg, das dachten alle, ein Teil von Russland. Das hat sich total geändert«, hatte Miikka an meinem ersten Abend ausgeführt. 

Wie sich das ändert, wird mir im Nachtleben bewusst. Zwei Electro-Clubs sind in Helsinki ein Muss: das Ääniwalli, das mir immer etwas anbiedernd als Helsinkis Berghain verkauft wird, was natürlich ein schlechter Witz ist. Nicht dass der Club dadurch mieser würde, aber ein Fotografier-Verbot in einer Feierszene, die geradezu puritanisch ist, sich anzieht, als hätte sie nie vom Konzept »Subkultur« gehört, auf Drogen verzichtet und um drei Uhr nachts nach Hause muss, wirkt eben etwas aufgesetzt. Und Nummer zwei: Kaiku. Hier spielt heute Nacht die Intro-Hausfreundin Lena Willikens from Cologne ein ganz fantastisches Set auf einer der wahrscheinlich weltbesten Anlagen in einem Club für unter 300 Gäste. Als wir gut durchgeschwitzt und plattgetanzt ins Freie stolpern, geht über Kallio schon wieder die Sonne auf, die gelbe Sau, na klar, und zaubert ihre fünf Stunden Gold. Heimweg durch den Nachkriegsbeton, just another Nacht ohne Schlaf. What’s next?
Humppa mit 200 bpm

Noch einmal raus aus der Stadt. Mit dem Auto. Und das nicht alleine. Wie in so vielen Regionen etabliert sich auch in Finnland eine neue Herangehensweise an Folklore – nicht Anti-Folk, sondern Meta-Folk, zugleich eine Hommage an Tradition und deren Dekonstruktion. Pekko Käppi, der zuerst in unseren Wagen steigt, zelebriert genau das. Er hat sich als Jugendlicher bei einem Aufenthalt in Texas mit der finnischen Musikgeschichte beschäftigt und die Jouhikko entdeckt, eine mit dem Bogen gestrichene Leier. »Ich habe keine Drogen genommen, aber mein Kopf explodierte trotzdem«, beschreibt Pekko dieses Erweckungserlebnis. Die Intensität seiner Musik lässt das durchaus nachvollziehen. 

Gleiches gilt für die Band Jaakko Laitinen & Väärä Raha, die für einen Ausflug zu uns ins Auto steigt. Genauer: Bandleader Jaakko und Akkordeonist Marko Roininen. Da wir sie gerade von der Bandprobe abgeholt haben, trägt Jaakko noch Anzug: Er und seine Band, die sich mit »Falschgeld« übersetzt, spielen Schlager. Oder treffender gesagt: Humppa, das archetypischste aller finnischen Musikgenres. Eine Art schnelle Polka mit osteuropäischen Wurzeln, über 200 bpm, »und viel härter«. Die Lappen spielen Coverversionen von lappländischen Schlagern aus den 50ern, die auf einmal beinahe modern klingen, weil die Vertrautheit der verwandten Musik des Balkans die Köpfe für die Kombination von Tanz und Folklore neu geöffnet hat. Und Jaakko und Marko sind genau die Menschen, die man sich dazu vorstellt: witzig, ein bisschen Schleim in den Charme gemischt und Pomade dazu. Wir werfen uns Geschichten zu, während wir endlich Helsinki hinter uns lassen.
Wird so langsam Zeit für: Fazitstimmung

Um kurz vor Schluss schon mal in Fazitstimmung zu kommen: In Finnland ist offensichtlich in den letzten Jahren ein Klima entstanden, das Menschen inspiriert – auch abseits des Metal. Die Szene ist bunt und verzettelt, aber alle begegnen sich mit Neugierde und über Genregrenzen hinweg. Vieles, was dabei entsteht, ist es wert, entdeckt zu werden, und bei allem Understatement ist manches sogar richtig, richtig gut – einzig: Es fehlt noch ein musikalisches Zugpferd, das die weltweite Aufmerksamkeit auf das Land lenken kann. Es ist ein bisschen so, als spielte man British Invasion, hätte aber keine Beatles in den eigenen Reihen. 

Zurück ins Auto zu meinem Ausflug mit Pekko, Jaakko und Marko. Porvoo, unser Ziel heute, liegt 40 Kilometer östlich von Helsinki an der Südküste. Es mag ein bisschen zu idyllisch sein mit seinen niedlichen roten Holzhäusern und dem Dom, der 2006 von jugendlichen Feierabend-Satanisten abgefackelt wurde – ein kleiner Riss im Bild und immerhin ein bisschen Metal-Klischee, endlich! Wir essen Schokoladenkuchen, japanische Busladungen bewundern Jaakkos schönen blauen Schlageranzug. Die meinen das ernst, und auch das Publikum meint es ernst: »Unsere Fans sind schon größtenteils junge Menschen, Hipster, aber zu uns kommen auch die Alten, manchmal treten wir auf dem Land vor Großmüttern auf. Alle mögen es. Nur der Vater eines Freundes hat sich einmal beschwert – wir waren ihm nicht Humppa genug.«

Auf dem Rückweg über die Landstraßen lockt eine perfekte Foto-Location: Abseits des Weges befindet sich ein Wald, wir stapfen über eine Wiese, deren Gras brusthoch ragt und so sattgrün ist wie im Bilderbuch, der Himmel dafür ewig blau. Moskitos, groß wie Amseln, saugen sich augenblicklich in meine Unterarme, und während die Kamera unserer Fotografin Juliana knattert, packt Marko sein Akkordeon aus, Jaakko schmeißt sich in Pose, und dann humppat es rasend und schelmisch dahin. 

Ich muss mich mal setzen, denke ich – Übermüdung, Reizüberflutung, die vollen Tage, die kurzen Nächte – und setze mich fast auf einen Elch, der da auf einmal neben mir liegt, mit riesigem Geweih und allem. Dreh ich jetzt etwa völlig durch? Muss wohl. Der Elch zwinkert mir zu und murmelt: »Ist gut, du hast es fast geschafft, jetzt leg dich schon hin, ich passe auf.« Und ich kuschele mich an seine warme Flanke und atme tief ein und aus. Dann drückt Sepp Maier endlich lächelnd die Sonne unter den Horizont, ein druffer Engel schließt mit seinen langen, zarten Fingern meine Augenlider.
Und dann schlafe ich endlich ein und wache erst wieder auf, als mein Flieger in Tegel landet.